Stefan Ahnhem „Minus 18 Grad“ – Eiskaltes Verwirrspiel

Zum dritten Mal bereits lässt Stefan Ahnhem seinen Kommissar Fabian Risk im neuesten Thriller „Minus 18 Grad“ ermitteln, der Anfang Januar bei List im Ullstein Buchverlag erschien. Wie schon in den Vorgängerbänden erwartet die Leserschaft ein vielschichtiger, verwirrender, aber keinesfalls enttäuschender Fall, um eine irrsinnige Mordserie. Wobei es eigentlich zwei Fälle werden. Mittendrin: Altbekannte Personen aus den ersten beiden Bänden.

Schweden: Alkohol und Kälte

Als Astrid Tuvesson, ihres Zeichens Kripochefin in Helsingborg, während der Autofahrt von einem anderen PKW touchiert wird und die Verfolgung quer durch die Start aufnimmt, ahnt sie nicht, welche Folgen das haben wird: Sie rammt einen Brunnen und der Gejagte rast ungebremst ins Hafenbecken. Kurz darauf können die herbeigerufenen Polizeitaucher nur noch den Leichnam an Land befördern.

Doch was wie ein unglücklicher Unfalltod aussieht, entpuppt sich – dank des Misstrauens des Gerichtsmediziners gegenüber der Sorgfalt seines Kollegen – als Mord. So konnte der vermeintliche Fahrer gar nicht mehr gefahren sein, war er doch längst tot und tiefgefroren ins Auto gesetzt worden. Und schon hat Fabian Risk mitsamt seiner Kolleginnen und Kollegen, anstelle eines Verkehrsunfalls, einen Mord zu klären.

Mysteriös beginnen die Ermittlungen und genauso gehen sie weiter: Denn einige Personen aus dem Umkreis des Toten wollen diesen noch nach dessem ermittelten Todeszeitpunkt lebendig gesehen haben. Wer also übernimmt die Identität des Toten? Und natürlich bleibt es nicht bei dem einen Ermordeten, sondern es kommt zu einer Serie von Morden.

Dabei werden die Nachforschungen zusehends komplizierter, zumal Kripochefin Tuvesson nach der Trennung von ihrem Mann ein Alkoholproblem hat und nicht Herrin der Lage ist. Fabian Risk kämpft derweil mit seinen eigenen Eheproblemen und dem schwierigen Verhältnissen zu Sohn Theodor…

Dänemark: Morde aus Spaß

Währenddessen muss sich Dunja Hougaard in Dänemark als strafversetzte Streifenpolizistin mit ihrem nervigen Kollegen irgendwo in der dänischen Einöde mit kleineren Strafttaten auseinandersetzen. Bis zu dem Moment, wo sie mit einem brutalen Mord an einem Obdachlosen in Berührung kommt.

Da sich weder das Team der Mordkommission noch ihr Vorgesetzter von dem Verdacht abbringen lassen, dass die Schwester des Getöteten als Täterin nicht infrage kommt, ermittelt Dunja auf eigene Faust. Denn sie hat einen ganz anderen Verdacht: Die Täter töten einzig allein aus Spaß und dem Gefühl von Macht über das Leben anderer. Mit ihrem Alleingang jedoch zieht sie die Aufmerksamkeit ihres ehemalige Chefs Kim Sleizner auf sich. Ein gefährlicher Machtkampf beginnt. Nicht nur für Dunja…

Brutal spannend oder spannend brutal?

Schon die ersten beiden Bände um Stefan Ahnhems Ermittler Fabian Risk waren alles andere als ein harmloses, gewaltarmes Lesevergnügen. Mit „Minus 18 Grad“ schließt der schwedische Autor daran an. Zum einen ist das Verwirrspiel um die Mordserie in Helsingborg unheimlich nervenaufreibend aufgezogen. Zum anderen sind da noch die Morde an Obdachlosen in Dänemark, um die sich Dunja Hougaard kümmern muss.

Als wären Risks Ermittlungen und Fälle nicht komplex genug, baut Ahnhem eine zweite Mordreihe ein, die an Brutalität und noch dazu an (noch) sinnfreierer Gewalt nicht zu überbieten ist. So absurd die Beweggründe für die Morde an den Obdachlosen sind, unrealistisch sind die Taten nicht und dadurch werden sie noch beängstigender.

Trotz des Wechsels zwischen den Staaten und den beiden Ermittlungen wird es zu keinem Zeitpunkt unübersichtlich. Dafür sorgt die straffe Erzählweise und die mittlerweile etablierten Akteure auf Seiten der Polizei.

Krise in der Familie und im Team

Neben der Lösung der Morde kommt auch diesmal das persönliche Umfeld mitsamt den privaten Problemen der Polizisten nicht zu kurz. Fabian Risk droht seine Frau Sonja zu verlieren und auch die Beziehung zu Sohn Theodor verbessert sich nicht. Noch dazu wird „Familie“ Risk in die verschiedenen Mordstränge eingebunden, so eine weitere Ebene.

Doch nicht nur Risk muss sich um Privates kümmern, auch Astrid Tuvesson mit ihrem Alkoholproblem oder das Verschwinden eines Kollegen mitten im Fall sowie Dunja Hougaards Kampf gegen Kim Sleizner erschweren die Arbeit und sorgen für zusätzliche Konfliktfelder und weitere Erzählstränge.

Ein Ende mit einem Anfang

Vielleicht ist die ein oder andere Szene etwas zu detailreich ausgeschmückt, denn gerade die Brutalität wird aufs Kleinste beschrieben, aber irgendwie macht genau das auch den Thriller aus: Die Details, das Augen für die Feinheiten. Nur so entfaltet die Handlung ihre gesamte Schärfe und ihren Schrecken.

Wo viel glänzt, trübt jedoch auch eine Kleinigkeit den überaus positiven Gesamteindruck: Die beiden Fälle, bzw. die Verknüpfung hätte man anders erwartet. Allerdings kann man das auch positiv sehen: Ahnhem gelingt es die Erwartungshaltung zu brechen und eine anfangs nicht erwartete Auflösung zu liefern. Zumal das Ende (eigentlich) kein Ende ist, sondern vielmehr den Anfang von Band vier beinhaltet. Daher doch ein negativer Abschluss: Man muss sich nun noch einige Zeit bis zum Erscheinen des vierten Bandes gedulden.


"Minus 18 Grad" von Stefan Ahnhem

Stefan Ahnhem „Minus 18 Grad“ | Credit: Ullstein Buchverlage

Stefan Ahnhem

Minus 18 Grad
560 Seiten

Arton grader minus
Aus dem Schwedischen übersetzt von Katrin Frey
erschienen am 02. Januar 2017

978-3-471-35124-6

€ 16,99 (D)

Das Rezensionsexemplar stellte mir Ullstein Buchverlage freundlicherweise zur Verfügung: Vielen Dank dafür!