Leif GW Perssons „Verrat“ – Lisa Mattei übernimmt

Nach Kult-Kommissar Evert Bäckström schickt Leif G.W. Persson eine neue Ermittlerin an den Start. Ganz anders als Bäckström – nämlich smart, cool und selbstkritisch – kommt Lisa Mattei daher.

Als leitende Ermittlerin der schwedischen Sicherheitspolizei wird Lisa Mattei direkt ein Schwergewicht an Fall übertragen. Der britische Geheimdienst hat Kenntnis davon bekommen, dass ein islamistisch motivierter Anschlag auf die schwedische Königsfamilie kurz bevorsteht und der Angreifer ist schwedischer Staatsbürger. Lisa Mattei reist daraufhin mit ihrem Ermittlerteam nach Großbritannien, um dort Jeremy Alexander – eine Art James Bond – zu treffen und die notwendigen Informationen von ihm zu erhalten. Dabei stellt sich heraus, dass der britische Geheimdienst noch in eigener Sache ermittelt, weshalb Lisa Mattei nicht über alles informiert werden kann – und damit beginnen die Probleme. Denn wem kann Lisa Mattei vertrauen? Wer streut falsche Informationen und gibt es vielleicht sogar einen Maulwurf in ihren eigenen Reihen?

Gemächlich, aber spannend

Genau wie zuvor die Bäckström-Romane kommt auch dieser Fall von Leif GW Persson gemächlich daher. Der Autor bietet keine brutalen Schlägereien oder Psychothriller-Szenen, sondern setzt vor allem auf authentische Charaktere und präzise Ermittlungsarbeit. Der Austausch zwischen den Ermittlern steht im Vordergrund und die Protagonistin Lisa Mattei wird nicht nur durch ihre Arbeit definiert. Ihr Verhätnis zu ihrem Mann und ihrer Tochter spielt eine gewichtige Rolle und zeigt den Zwiespalt in dem sie sich als hochrangige Polizistin befindet.

Trotz der gemächlichen Gangart ist der Fall interessant und nimmt zum Ende auch noch Fahrt auf. Die Dialoge zwischen den Ermittlern sind an einigen Stellen etwas schwer verständlich, vor allem wenn sie ins Philosophische abdriften. Doch das war auch schon in den Bäckström-Romanen der Fall. Der Witz der vorherigen Krimi-Reihe des Autors ist in seinem neuesten Roman auch nicht so präsent. Dies allerdings liegt an der vollkommen konträren Hauptfigur. Trotzdem hat das Buch seine Berechtigung und wurde trotz der über 600 Seiten  auch nicht langweilig. Wer Leif GW Persson kennt, wird von diesem Roman nicht enttäuscht sein.


Leif GW Persson „Verrat“ | Copyright: btb7Randomhouse

Leif GW Persson

Verrat

Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann

€ 16,00 [D] | € 16,50 [A] | CHF 22,90*

(* empf. VK-Preis)
Erschienen: 12. Februar 2018
608 Seiten
ISBN: 978-3-442-79954-1

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom btb Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

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Lucas Grimms „In den Tod“ – David Berkoff kehrt zurück

Enthüllungsjournalist David Berkoff war bereits in „Nach dem Schmerz“ kein Kind von Traurigkeit: Er provoziert und eckt an, ist ständig auf der Suche nach dem nächsten Skandal und scheut weder Freund noch Feind. Im neuen Band „In den Tod“ lässt Autor Lucas Grimm seinen Protagonisten da weitermachen, wo er aufhörte. Diesmal steht er kurz davor, ein illegales oder zumindest moralisch zweifelhaftes Waffengeschäft der Bundesregierung aufzudecken. Aktuell, spannend und höchst politisch.

Zwischen Scoop und Tod

Nach den Enthüllungen der Rosenholz-Dateien und des dafür erhaltenen Journalistenpreises steht David Berkoff vor der nächsten Enthüllung, die nicht nur eine Sensation, sondern auch ein Skandal wäre. Ein folgenreichcher Skandal: Aus „sicherer“ Quelle hat er die Information erhalten, dass die Bundesregierung in Waffengeschäfte mit dem Islamischen Staat verstrickt sein soll. Diese Chance will sich Berkoff, von Drogen und Alkohol wieder etwas losgekommen, nicht entgehen lassen und seinen arg ramponierten Ruf verbessern.

Doch dann geschieht das, was nicht passieren darf: Kurz vor dem Treffen mit dem vermeintlichen Informanten Gergori Arkadin, einem russischen Waffenhändler, wird dieser ermordet aufgefunden. Die Quelle ist versiegt bevor sie richtig sprudeln konnte. Der Tod Arkadins bringt jedoch dessen geheimnisvolle Frau Nadja ins Spiel, die David Berkoff einen Deal anbietet. Ein Deal, der Berkoff nach Syrien und in die Arme des IS führt. Damit setzt er nicht nur sich, sondern sein gesamtes  Umfeld einer unkontrollierbaren Gefahr aus.

Die Waffen, der Westen und der Terror

Auch der zweite Band von Lucas Grimms Reihe um den Enthüllungsjournalisten David Berkoff ist kein leichter Stoff. Es geht rau, derbe und ziemlich brutal zu. Aber irgendwie würde auch nichts anderes zum Inhalt und dem Thema islamistischer Terror sowie den Verwicklungen des Westens und im Speziellen Deutschlands passen. Denn nur so kann Nähe nur Realität hergestellt werden: Terror, Waffenhandel und illegale Geschäfte sind per se grausam – so schrecklich das ist. Mit seiner messerscharfen Sprache, den schnellen Wechseln und dem durchaus vorhandenen Witz in manchen Dialogen schafft Lucas Grimm ein ungeheures Tempo, welches die Story geradezu vor sich hertreibt.

Und auch diesmal ist David Berkoff alles andere als ein weichgespülter, glatter Journalist. Er ist und bleibt kantig, sperrig und mitunter auch ein „Arschloch“. Dabei machen ihn eben diese Charakterzüge sympathisch: Denn hinter der harten Fassade besteht der Wunsch, mit seinen Enthüllungen die Welt zu verbessern und Missstände aufzudecken. Er schont weder die Politik noch sich selbst oder gar seine Familie.

Die Thematik des Waffenhandels, der Verknüpfung mit dem IS und der Bundesregierung bzw. den höheren Regierungskreisen ist noch dazu höchstgradig brisant und aktuell. So fiktiv Handlung natürlich ist, bedeutet das nicht, dass solche Geschehnisse gäntlich unwahrscheinlich oder unvorstellbar sind. Der Waffenhandel mit Despoten war und ist ein lukratives Geschäft, was diese wiederum mit ihren Waffen anstellen und ob diese nicht auch in die Hände von Terroristen kommen, kann so nicht pauschal ausgeschlossen werden.

Das atemberaubende Erzähltempo, die ambivalenten Charaktere und die durchweg spannende Story sorgen dafür, dass auch „In den Tod“ überzeugt und bis zur letzten Seite fesselt.


Lucas Grimm

In den Tod

Erschienen am 19.03.2018
320 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-06115-5

€ 16,00 [D], € 16,50 [A]

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Piper Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Daniel Suarez‘ „Bios“ – dystopischer Zukunftsthriller

Wir schreiben das Jahr 2045: Die Welt hat sich verändert. Algen, Hefen und Bakterien erzeugen Produkte, die einst industriell hergestellt wurden, VR und Augmented Reality sind längst die Normalität, Veränderungen am menschlichen Genmaterial sind möglich und teilweise erlaubt. Gegen die illegalten Auswüchse der Genmanipulations-Mafia kümmert sich unter anderem Kenneth Durand von Interpol. Weil diese zu viele illegale Genlabore zerschlagen, wird in Daniel Suarez dystopischem Thriller „Bios“ aus dem Jäger ein Gejagter. Aktionreich und zutiefst verstörend.

Auf der Jagd nach der Genmafia – Auf der Flucht vor der Genmafia

2045: Veränderungen am menschlichen Genmaterial sind erlaubt, solange sie den Anforderungen der UN entsprechen und bestimmte Erbkrankheiten verhindern. Alles andere ist verboten und von Interpol strengstens verfolgt. Und dennoch lassen die Reichen und Schönen das Erbgut ihres Nachwuchses so verändern, dass die Kinder schöner, intelligenter oder sportlicher sind. Genau gegen diese Genlabore geht Kenneth Durand mit seinem Partner bei Interpol vor. Immer wieder sorgen sie mit ihren Abteilung dafür, dass den Geschäften mit den Genveränderungen ein Ende gesetzt wird.

Doch dabei machen sie sich Feinde, mächtige Feinde. Als sie auf Marcus Demang Wyckes, einen Sklavenhändler und Chef einer Genmafia angesetzt werden, bekommt ausgerechnet Kenneth Durand dessen Macht zu spüren. Auf dem Heimweg zu Frau und seiner kleinen Tochter, die noch dazu Geburtstag hat, wird Kenneth auf offener Straße eine Spritze in den Arm gejagt. Als er im Krankenhaus aus dem Koma erwacht, hat er das Aussehen von Marcus Wyckes angenommen und wird von den eigenen Kollegen festgenommen. Doch nur sein Äußeres wurde verändert. Kenneth selber ist geistig klar und weiß, dass er Kenneth und nicht Wyckes ist.

Doch der perfide Plan von Wyckes sah anders aus: Kenneth sollte bei der Transformation sterben und so der Eindruck erweckt werden, dass Wyckes tot ist. Also muss eine Planänderung her – Kenneth soll zur Flucht verholfen werden, um ihn während des Versuches erschießen zu lassen. Doch Wyckes und seine Helfer haben nicht mit Kenneth Durands Überlebenswillen gerechnet. So wird aus dem Interpol-Agenten ein Jäger, der wiederum von Wyckes und seinen ehemaligen Interpol-Kollegen verfolgt wird.

Erschreckender Zukunftsentwurf

Wenn die Zukunft, die Autor Daniel Suarez in „Bios“ entwirft tatsächlich eintritt, sieht es für die Menschheit und die Erde düster aus. Das Erschreckende ist vor allem: Es ist durchaus vorstellbar und im Rahmen des Möglichen. Gerade die Beschreibungen der Technologien, angefangen von VR und AR über tierleidfreie Ernährung oder die Möglichkeiten der Genmanipulationen, sind so konzipiert, dass sie aus den bisherigen Entwicklungen hervorgehen könnten. Und wie immer liegt es am Menschen, der vermeintlich gute „Erfindungen“ für das Schlechte nutzt. Allein aus dem Grund, um noch mehr Profit aus seinen Geschäften herauszuschlagen.

Mit Kenneth Duran und Marcus Demang Wyckes stehen sich zwei gleichwertige Gegenspieler gegenüber. Auf der einen Seite der Interpol-Agent Durand als liebevoller Familienvater, der während der Flucht bzw. Jagd trotz aller Skrupel auch über Leichen geht und gehen muss und dennoch die gute Seite der Menschheit verkörpert. Auf der anderen Seite der Mafia-Clanchef Marcus Wyckes, dem jedes Mittel Recht ist, um sich dem Zugriff vor der Polizei und Interpol zu entziehen, ohne dabei nur einen Funken Menschlichkeit zu zeigen.

All das formuliert Suarez nahezu filmreif und szenisch: Abenteuerlich, action-lastig mit düsterer Grundstimmung und hohem Tempo. Zahlreiche grundsätzliche moralische Fragen werten den Thriller noch dazu auf. Wie weit darf der Mensch bei der Genmanipulation gehen? Was macht das Individuum aus? Ist man derselbe Mensch, wenn bereits 0,1 Prozent des Erbmaterials verändert wird? Fragen, die zum Teil beantwortet werden, die man sich aber auch einmal selber stellen sollte. So ist „Bios“ am Ende ein überzeugender und absolut empfehlenswerter Thriller!

 


Daniel Suarez

Bios

übersetzt von: Cornelia Holfelder-von der Tann

Verlag:  rororo
Erscheinungstermin:  17.11.2017
544 Seiten
ISBN:  978-3-499-29133-3

übersetzt von: Cornelia Holfelder-von der Tann

Yrsa Sigurdardóttirs „Sog“ – Nichts für schwache Nerven

Nachdem Kommissar Huldar in „DNA“ als leitender Ermittler gescheitert ist, rückt er wieder zurück ins zweite Glied. Ausgerechnet jetzt, wo wieder ein spektakulärer Fall zu klären ist. Islands-Krimi-Exportschlager Yrsa Sigurdardóttir legt mit „Sog“ den zweiten Band um Kommissar Huldar und die Kinderpsychologin Freyja nach. Es wird spannend, dunkel und fordernd.

Eine Vergewaltigung, grausame Morde, viele Verdächtige

Kommissar Huldar bekommt es mit einem seltsamen „Fall“ zu tun: Auf seinem Schreibtisch landet ein Zeitkapsel, die zwölf Jahre zuvor von einer Schulklasse vergraben wurde. In dieser sind Zettel mit Zukuntsprognosen für das Jahr 2016. Einer dieser Aufsätze kündigt mehrere Morde an, jeweils versehen mit den Initialien der Opfer. Zeitgleich werden in einem Whirlpool ein Paar abgetrennte Hände gefunden, die jedoch keiner Person zugeordnet werden können.

Da der Aufsatz recht schnell einem Jungen zugeordnet werden kann, dessen Vater wegen Mordes und Vergewaltigung einer Schülerin verurteilt wurde, zieht Huldar die Kinderpsychologin Freyja zu Rate. Und das obwohl das Verhältnis der beiden aufgrund der Vorkommnisse der letzten Ermittlungen immer noch mehr als angespannt und kompliziert ist. Denn auch Freyja ist in ihren Aufgaben zurüchgesetzt worden. Nicht einfacher werden die Ermittlungen dadurch, dass Huldar immer noch versucht, Freyjas Herz zu gewinnen. Als nach nach dem Fund der abgetrennten Hände ein weiterer brutaler Mord geschieht und die Initialien zum Aufsatz aus dem Jahr 2004 passen, wird klar, dass der Aufsatz ernst zu nehmen ist.

Starker Plot, interessante Charaktere

Mit „Sog“ legt Yrsa Sigurdardóttir einen starken und komplexen zweiten Band um Kommissar Huldar und die Kinderpsychologin Freyja nach. Der Plot ist komplex gestrickt und äußerst spannend: Viele verschiedene Spuren lassen zu keiner Zeit den Täter oder die Täterin klar werden. Natürlich stellt man Vermutungen an, aber die verschiedenen Spuren verlaufen ins Leere oder ergeben irgendwann keinen Sinn mehr. So tappt man bis zur Auflösung am Ende mehr oder weniger im Dunklen.

Die bereits in „DNA“ komplex angelegten Hauptdarsteller faszninieren aufs Neue, da sich Huldar und Freyja einerseits „spinnefeind“ sind und sich andererseits gegenseitig anziehen. Beide Charaktere sind dabei auf ihre Art sympathisch, zumal man die Innenwelt bzw. Gefühle des jeweils anderen nur zu gut nachvollziehen kann. Insofern wird es für die kommenden Bände spannend wie sich das Verhältnis entwickelt.

Die düsteren Stimmung, die Thematik um missbrauchte Kinder und die brutalen Morde gestaltet die Autorin detailreich aus. Aber eher der Art, dass man sich mit den Ursachen und Hintergründen für die Taten beschäftigt. All das mit einer unaufgeregt Sprache, leicht lesbar und doch alles andere als seicht. Geschickt sind einige Wendungen eingebaut, so dass die Suche nach den Schuldigen öfter bei Null beginnt.

 

Insofern ist der Thriller-Titel „Sog“ durchaus Programm, denn in eben diesen wird man beim Lesen gezogen. Eine absolute Krimiempfehlung für die ruhige Zeit zwischen den Jahren, verbunden mit der Vorfreude auf weitere Fälle.


Yrsa Sigurdardóttir “Sog“ | Copyright: btb/Randomhouse Verlagsgruppe

Yrsa Sigurdardóttir

DNA

€ 20,00 [D] inkl. MwSt.
€ 20,60 [A] | CHF 26,90*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 18.09.2017

Taschenbuch, Klappenbroschur ISBN: 978-3-442-75664-3

 Das Rezensionsexemplar wurde mir von btb freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Yrsa Sigurdardóttirs „DNA“ – Mörderisches Island

Fall eins für Kommissar Huldar und Psychologin Freyja

Eine Mutter wird in Gegenwart ihrer Tochter auf brutale Art und Weise ermordet. Als leitender Ermittler wird Kommissar Huldar eingesetzt und muss sich beweisen, stand er doch bislang eher in der zweiten Reihe. An seiner Seite die Psychologin Freyja – ausgerechnet mit ihr hat Huldar eine Nacht verbracht, unter falschem Namen. So wird die Ermittlung noch komplizierter als sie es eh bereits ist. Spannend und fesselnd von Anfang bis zum Ende!

Brutale Morde – ungewohnte Tatwaffen

Als am frühen Morgen zwei Jungen in Schlafanzügen auf der Straße  entdeckt werden, ahnen die Nachbarn noch nichts Böses. Doch die herbeigerufene Polizei muss schnell feststellen, dass die Jungen sich nicht bloß ausgesperrt haben und die Eltern noch schlafen, sondern die junge Mutter ermordet im Bett liegt.  Gefesselt, ihr Gesicht mit Klebeband umwickelt und im Rachen das Rohr des Staubsaugers – grausam und widerwärtig. Doch am aller Schlimmsten: Unter dem Bett liegt die siebenjährige Tochter Margrét, die als einzige Zeugin den grausamen Mord an ihrer Mutter miterleben musste.

Mit dem Fall betreut wird Kommissar Huldar, der bei den Ermittlungen nur deswegen den erfahrenen Kollegen vorgezogen wird, weil diese wegen einiger Skandale aus der Öffentlichkeit genommen werden sollen. Um die kleine Margrét überhaupt vernehmen zu können, wird die Psychologin Freyja hinzugezogen. Eigentlich eine gute Idee, wäre da nicht der Zwischenfall zwischen ihr und Huldar. Denn zwischen den beiden ist es kurz zuvor zu einem One-Night-Stand gekommen. Klingt gar nicht so dramatisch, wenn Huldar nicht einen falschen Namen, einen anderen Beruf genannt hätte und am Morgen ohne Abschied verschwunden wäre. Auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen Rikhardur und Kollegin Erla gestaltet sich als schwierig. Denn beide haben Probleme ihren ehemaligen Kollegen als Vorgesetzten zu akzeptieren, zumal Huldar auch mit Rikhardurs Frau eine Nacht verbrachte. So beginnen die Ermittlungen unter ungünstigen Voraussetzungen.

Doch das Team muss funktionieren, denn es bleibt nicht bei einem Mord: Astros, eine pensionierte Lehrerin, wird in Wohnung umgebracht. Ebenso brutal – diesmal nicht mit einem Staubsauger, sondern mit einem Lockenstab. Trotz aller Anstrengungen will sich bei den Ermittlungen kein Fortschritt einstellen. Alle Verdächtigen entpuppen sich als falsche Spur und die Sorge vor dem nächsten Mord wächst von Tag zu Tag.

Und dann ist da noch Student Karl: Nur zwei Freunde Halli und Börkur, ein bislang erfolgloses Chemie-Studium, ein Bruder in Amerika, die Mutter tot, dafür aber begeisterter Hobby-Funker. Ausgerechnet er empfängt im Keller einen isländischen Zahlensender, der stündlich kryptische Nachrichten sendet. Als er eine der Zahlenreihen als seine Personen-ID identifiziert, wird er neugierig und entdeckt, dass eine weitere der Reihen zur ermordeten Mutter Margréts gehört. Aus Neugier unternimmt er den Versuch, auch die Inhalte der anderen Sendungen zu entschlüsseln. Dass er sich und seine Freunde in Gefahr bringt, ahnt er da noch nicht.

Grausamer und brillanter Auftakt der Thriller-Reihe

Mit „DNA“ startet die isländische Bestsellerautorin Yrsa Sigurdardóttir die neue Reihe um Kommissar Huldar und die Psychologin Freyja. Aus dem Norden ist man harte Krimi- und Thriller-Kost gewohnt, das trifft auch auf „DNA“ zu. Diese Härte betrifft sowohl die Beschreibung körperlicher als auch psychischer Gewalt, ohne jedoch die Taten an sich en Detail zu beschreiben. Einerseits schildert sie die Morde wort- und vor allem bildgewaltig, andererseits lassen die Beschreibungen so viel Phantasie, um im Kopf eigene Bilder entstehen zu lassen.

Mit Huldar und Freyja hat die Autorin zwei Charaktere angelegt, die von Beginn an faszinieren. Huldar als erfahrener Kommissar, der aber in seiner Chefermittlerrolle Neuland betritt und fast schon überfordert ist. Privat aber noch mehr Schwierigkeiten hat, die ihm dann auch noch in seiner Funktion als Polizist und bei den Ermittlungen hinderlich sind. Denn ausgerechnet mit Freyja musste er sich in einem One-Night-Stand hingeben  und dann auch noch belügen. Kein Wunder also, dass die Stimmung zwischen den beiden miserabel ist. Natürlich steht der Fall der ermordeten Frauen im Vordergrund, gleichzeitig ist es spannend zu sehen, wie sich das Verhältnis zwischen Huldar und Freyja entwickelt. Gerade vor dem Hintergrund, dass es eben eine Thriller-Reihe mit diesen beiden Akteuren sein wird und mit „Sog“ bereits ein zweiter Fall veröffentlicht ist.

Lange Zeit, quasi bis kurz vor dem Ende, tappt man sowohl über Motiv als auch den Täter (oder die Täterin) im Dunkeln: Spuren werden gelegt und wieder verworfen. Zu keinem Zeitpunkt lässt sich ahnen, wer dahinter steckt. Auch der Prolog und das Wissen darum, dass dieser für die Taten eine Rolle spielen, helfen nicht weiter. Dafür wird man als Leser/in immer wieder in die Irre geleitet und zusätzliche Spannung aufgebaut. So dass am Ende die Verblüffung über die Hintergründe und die Auflösung groß ist. „DNA“ ist nichts für schwache Nerven und kann für Schlafmangel sorgen.


Yrsa Sigurdardóttir “ DNA“ | Copyright: btb/Randomhouse Verlagsgruppe

Yrsa Sigurdardóttir

DNA

€ 10,00 [D] inkl. MwSt.
€ 10,30 [A] | CHF 13,90*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 09.10.2017

Taschenbuch, Klappenbroschur ISBN: 978-3-442-71575-6

 Das Rezensionsexemplar wurde mir von btb freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Arne Dahls „Sechs mal zwei“ – Düster und ambitioniert

Eigentlich wollten Sam Berger und Molly Blom als Privatdetektive in eine neue Zukunft starten. Denn nach ihrem letzten Fall mussten die beiden Ermittler untertauchen. Zu groß war das Chaos, das sie angerichtet hatten. Und dann wurde auch noch eine ihrer Kolleginnen ermordet, die sie um geheime Nachforschungen gebeten hatten. Doch statt einer rosigen Zukunft, warten Schatten der Vergangenheit auf Sam und Molly. In „sechs mal zwei“ geht Arne Dahls Rechnung nur zum Teil auf.

Ermittlungen zwischen Eis und Schnee

Desiree Rosenqvist, ehemalige Kollegin von Sam Berger und von ihm nur Deer genannt, erhält einen ominösen Brief, der Details aus einem alten Mordfall erhält. Die Details betreffen auch Sam Berger und so entschließt sich Deer, ihn zu informieren und Nachforschungen anstellen zu lassen. Zusammen mit Molly Blom macht sich Berger unter falschem Namen auf in den eisigen Norden Schwedens, um die Verfasserin des Briefes zu treffen. Während ihres Besuches wird die Verfasserin des Briefes ermordet und Sam und Molly beginnen mit der Jagd nach dem Mörder. Dabei werden sie die gesamte Zeit nicht nur beobachtet, sondern auch verfolgt.

Kurios in der Ermittlung ist für das Duo die Tatsache, dass Details aus dem alten Fall nun auch wieder auftauchen. Dieses Insiderwissen kann also nur der Mörder und eine vertraute Person haben. Berger, selber noch nicht körperlich auf der Höhe nach seinem Zusammenbruch nach dem Mord an seiner Kollegin, zweifelt immer mehr an seinem Verstand und wittert eine Verschwörung. Dabei steht vor allem Molly Blom in Verdacht, an dem ganzen Komplott mitzuwirken.

Ambitioniert und Spannungs(über-)laden

Der zweite Fall des Ermittlerduos Berger und Blom ist vor allem von der bitterkalten Lanschaft Nordschwedens geprägt. Der tiefe Schnee lässt ihre Ermittlungen schwierig und bedrückend wirken. Die Landschaft, die Natur und das Wetter sind sinnstiftend und schaffen teils ein unheimliches Gefühl der Beklemmung. Als Leser weiß man mitunter nicht, wo man gerade ist. Auch in der Handlung, denn auf der einen Seite ist die Story um den Mord spannend, aber etwas wirr oder vielmehr verwirrend. Es sind zahlreiche Handlungsstränge, die immer wieder aufgenommen, aufgegriffen und zusammengeführt werden. Hilfreich wäre es in jedem Fall, den ersten Band noch einmal vorab zu lesen. Zu „Aha-Effekten“ kommt es zu Genüge, es sind so viele Wendungen als dass man ihnen stetig folgen kann.

Dahls Sprache ist pointiert und ungemein bildgewaltig – Fast schon filmreif. Die Personen äußerst komplex angelegt. Warm wird man mit niemandem, ambivalent und niemand wirkt sympathisch. Das Tempo des Thrillers will mitunter nicht anziehen. Da hat man das Gefühl, das es richtig losgeht, schon wird dieses Tempo wieder verschleppt. Zahlreiche falsche Fährten werden gelegt, verworfen, um so langsam zur Auflösung zu führen. Diese wiederum ist absolut gelungen und spannend über alle Maßen. Insofern ließe sich auch sagen, dass es Arne Dahl geschickt gemacht hat und diese wachsende Ungeduld während des Lesens dem geschuldet ist, dass man als Leser endlich die Auflösung erfahren will.


Cover zu Arne Dahls  "Sechs Mal Zwei"

Arne Dahls „Sechs Mal Zwei“ | Copyright: Copyright: Piper Verlag GmbH

Arne Dahl

Sechs Mal Zwei

€ 16,99 [D], € 17,50 [A]

Erschienen am 01.09.2017

400 Seiten, Klappenbroschur

Übersetzt von: Kerstin Schöps

ISBN: 978-3-492-05811-7

Thomas Engers „Tödlich“ – Der Showdown

Henning Juul und die Schrecken der Vergangenheit

Ein letztes Mal lässt Thomas Enger seine Hauptfigur, den Journalisten Henning Juul, sich auf die Suche nach dem Mörder seines Sohnes Jonas begeben. Nach fünf Bänden bildet „Tödlich“ den fulminanten Abschluss der Reihe. 

Tod und Erlösung

Henning Juul kann erst mit der Vergangenheit abschließen, wenn er die Mörder seines Sohnes Jonas im Gefängnis weiß. Und eben diese Recherchen im Verbrechermilieu bringen ihn immer wieder in Gefahr. Doch nicht nur ihn, auch seine Ex-Frau, ihren neuen Partner Iver Gundersen und Kommissar Bjarne Brogeland. Je tiefer Henning in das Dickicht um den ehemaligen, mittlerweile auch ermordeten Geldeintreiber und „Immobilienhändler“ Tore Pulli eindringt, um so mehr spitzt sich die Situation zu. Und fordert ihre Opfer.

Immer mysteriöser werden die Verstrickungen, die weit über die Grenzen Norwegens bis hin nach Brasilien reichen. Die Suche nach den Schuldigen wirft für Henning immer neue Fragen auf. Welche Verbindungen bestehen zu dem Mord an einer alten Frau? Wie hängt seine Schwester Trine mit all dem zusammen? Und die wichtigsten Fragen: Wer hat seinen Sohn auf dem Gewissen? Wem kann er überhaupt noch trauen?

Würdiges Ende einer spannenden Reihe

Nun war es endlich so weit: Fast genau zwei Jahre nach Erscheinen von „Gejagt“, dem vierten Band der Henning-Juul-Reihe, veröffentlicht der blanvalet Verlag den Abschluss-Band „Tödlich“. Eben dieser Abstand macht den Einstieg so kompliziert. Die Handlungen und Zusammenhänge der bisherigen Thriller müssen aus dem Gedächtnis gekramt werden, sinnvoll wäre es gewesen, wenigstens die letzte „Folge“ noch einmal zu lesen. Denn über die Jahre sind doch einige Personen und Handlungsebenen zusammengekommen. Das betrifft zwar nicht die Hauptfiguren, aber doch alle Rahmenfiguren und sämtliche auftretenden Verbrecher und Nebenstränge.

Thomas Enger macht es zu Beginn gleich spektakulär und stellt die vermeintliche Schlussszene an den Anfang. Die Geschichte nimmt dadurch unheimlich Fahrt auf und doch bricht dieser Spannungsbogen mit dem Ende des Prologs ein. Es benötigt danach einige Zeit bis dieser anfängliche Schwung wieder aufkommt. Dabei ist der Thriller alles andere als langatmig oder langweilig. Zu viele Fragen sind und waren unbeantwortet. Dennoch hält sich Enger an manchen Punkten ein klein wenig zu lang auf. Das mag  jedoch auch dem Umstand geschuldet sein, dass man nun endlich wissen will, wer Hennings Sohn (und so manch andere Person) auf dem Gewissen hat.

Mit pointierter Sprache, knackigen Dialogen und doch sehr expliziten, brutalen Szenen treibt Thomas Enger auf den Höhepunkt und die Auflösung sämtlicher offener Fragen hin. So ist es am Ende fast schon schade, dass alles aufgelöst wird und kein weiterer Fall um den so sympathischen Journalisten erscheinen wird.


Buchcover zu "Tödlich" von Thomas Enger

Thomas Enger „Tödlich“ | Copyright: blanvalet/Randomhouse Verlagsgruppe

Thomas Enger

Tödlich

€ 14,99 inkl. MwSt.

Erschienen: 28.08.2017
384 Seiten

ISBN: 978-3-764-50599-8

Das Rezensionsexemplar wurde mir von blanvalet freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!