Matin Suter „Elefant“ – Ethik und Moral

Ein wenig Märchen, Gentechnik-Thriller, Fiction und Liebesgeschichte – All das vereint der Schweizer Erfolgsautor in seinem Roman „Elefant“. Ernsthaft, philosophisch, kritisch-kontrovers  und nachdenklich, aber doch leicht lesbar erzählt er die Geschichte um einen kleinen rosafarbenen Elefanten, der noch dazu im Dunklen leuchtet.

Sabu Barisha: Ein Experiment

Mal wieder stockbesoffen kriecht der Obdachlose Fritz Schoch in seinen Unterschlupf, eine Höhle am Ufer des Schweizer Flusses Limmat. Normalerweise sollte das Einschlafen kein Problem sein, doch dann sieht er ihn: Einen kleinen, maximal dreißig Zentimeter hohen rosafarbenen und noch dazu leuchtenden Elefanten. Unsicher ob er nicht doch vom Alkohol halluziniert, muss er feststellen, dass der Elefant real ist. Doch wie kann das sein?

Sabu, wie ihn Schoch tauft, ist kein Wunder, sondern vielmehr ein gentechnisches Experiment des gleichermaßen ehrgeizigen wie skrupellosen und profitgierigen Wissenschaftlers Dr. Roux. Im Auftrag eines chinesischen Megakonzerns schwängert dieser eine Elefantenkuh des Zirkus „Pellegrini“. Doch er hat die Rechnung nicht mit dem burmesischen Elefantenpfleger Kaung gemacht. Denn kaum ist der Elefant auf der Welt lässt ihn der Elefantenflüsterer Kaung mithilfe des Tierarztes Dr. Reber verschwinden. Doch das bleibt nicht lange verborgen und so jagt Dr. Roux dem kleinen Elefanten hinterher.

Bei diesem Versteckspiel verunglückt Dr. Reber und schafft es vorher noch Sabu – oder Barisha, wie ihn Kaung tauft – in der Höhle von Schoch unterzubringen. Für den Obdachlosen beginnt damit ein Abenteuer, was so nicht geplant war. Quasi auf der Flucht vor seiner Vergangenheit und einem geregelten Leben, kümmert er sich gemeinsam mit der sozial engagierten Tierärztin Valerie um den kleinen Elefanten. Doch wie lange geht das gut?

Unglaublich und doch realistisch

So märchenhaft und unglaublich die Rahmenhandlung klingt, ist sie gar nicht. Denn Martin Suter hat auch in diesem Roman Fakten mit Fiction exzellent kombiniert und gründlich recherchiert. „Glowing Animals“ existieren, auch wenn es bei Glühwürmchen ein natürliches Phänomen ist. Mit der Figur des Wissenschaftlers Dr. Roux und dessen gentechnischem Experiment, rückt es Suter in die eine unnatürliche, künstliche Wissenschaft.

Dr. Roux: Ein Wissenschaftler, der anfangs aus Rach- und dann aus Geltungssucht sowie Profitgier handelt. Sich gottgleich über die „Schöpfung“ zu heben versucht und dabei alle moralischen und ethischen Grenzen überschreitet, dem Tier- und Menschenwohl egal sind. In dieser Figur vereint sich alles „Böse“. Dem gegenüber stehen nicht nur Fritz Schoch und die Tierärztin Valerie, sondern auch Kaung und Dr. Reber. Diese relativ klare Abgrenzung zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weiß stört jedoch zu keiner Zeit.

Spannend ist die Handlung nicht allein wegen der „Verfolgungsjagd“. Vielmehr hat Martin Suter die Charaktere, um den Protagnisten Obdachlosen Fritz Schoch, sehr interessant und die Neugier weckend angelegt. Als Obdachloser ist er per se erst einmal randständig und außerhalb der Gesellschaft angesiedelt, aber dadurch auch interessant. Als Leser (und Leserin) bleibt lange unklar, wie er in diese Situation kam. So kultiviert und gebildet, wie er auftritt, ahnt man, wie es bei den meisten Clochards der Fall ist, dass es einen schwerwiegenden Grund für den sozialen Abstieg geben musste. Das klärt sich im Laufe des Romans, während der immer enger werdenden Beziehung zu der anfangs distanzierten Valerie, auf.

In gut einhundert kurzen Kapiteln mit zeitlichen Sprüngen und in kurzen, schnörkellosen Sätzen erzählt Martin Suter eine wundervolle Geschichte, die Wissenschaftskritik, Zukunftsthemen, Liebesgeschichte und Märchen auf knapp 350 Seiten kombiniert.


Martin Suter "Elefant" Buchcover

Martin Suter: Elefant | Copyright: Diogenes Verlag AG

Martin Suter

Elefant
352 Seiten
erschienen am 01. Februar 2017
978-3-257-06970-9
€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70
* unverb. Preisempfehlung

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

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Martin Suters „Montecristo“ – (K)eine sichere Bank?

Ein Wirtschaftsthriller im Schweizer Finanzsektor

Dass Martin Suter sich mit Wirtschafsthemen auskennt hat er mit seinen „Business Class“-Kolumnen bewiesen. Dass er Krimis kann ebenfalls. In „Montecristo“ lässt er den Videojournalisten Jonas Brand in einen Finanzskandal stolpern, der Ansichten und das Vertrauen in den Bankensektor weiter schwinden lässt.

Jonas Brand, ein Enddreißiger und von Beruf Videojournalist, sitzt im Intercity als dieser auf offener Strecke abrupt stehen bleibt: Ein Mann stürzte aus dem Zug und starb. Schnell zückt Brand seine Kamera, filmt so gut es nur geht die Unglücksstelle mitsamt dem Toten und interviewt anschließend seine Mitreisenden. Aus der Absicht daraus einen Beitrag fürs Fernsehen zu erstellen wird nichts, so lässt er das Material liegen. Denn so richtig brennt er nicht für diesen Job als VJ für Lifestyle-Magazine. Doch solange sein großer Traum als Filmschaffender nicht in Erfüllung geht, muss er sich ja irgendwie über Wasser halten.

Nur wenige Wochen später hält Brand zwei Hundertfrankenscheine in den Hände und stellt verwundert fest: Beide haben die identische Seriennummer und wirken auch sonst nicht wie Fälschungen. Deren Echtheit bestätigt ihm dann ebenfalls sein Bankberater. Das weckt Brands journalistische Neugier und er beginnt zu recherchieren: im Bankensektor und bei der Schweizer Notenbank. Dabei macht er ungeheure Erkenntnisse, stößt auf taube Ohren, Ablehnung und Widerstände. Je weiter er nachforscht, desto größer wird nicht nur die Gefahr für sein leben, sondern auch von Freunden und Arbeitskollegen. Auf einmal erlangt sein Videomaterial des Suizids wieder Bedeutung – und die Frage entsteht: War das überhaupt Suizid? Wer mischt hier mit und aus welchen Gründen? Plötzlich scheint sich auch Brands Traum vom eigenen Filmprojekt zu erfüllen. Allerdings nur unter der Voraussetzung, die Recherchen einzustellen…

Fiktion, die durchaus Realität sein könnte

Noch gar nicht so lange ist die weltweite Banken- und Finanzkrise mit ihren zu geringen Eigenkapitalanteilen her und genau in diesem Umfeld siedelt Martin die Handlung von „Montecristo“ an. So fesselnd und fasziniert liest sich der Krimi, der mehr ein Thriller ist, dass man ihn am liebsten nicht aus der Hand legen möchte. Wortgewandt und voller scharfer Ironie lässt Suter kaum ein gutes Haar an den Mächtigen der Finanzbranche. Wie er hier früher unvorstellbare Verwicklungen und Mittel der Vertuschung beschreibt, bewirken nur ein Kopfschütteln. So fiktiv die Handlung auch ist, so vorstellbar ist sie. Schließlich ist Geld gleichzusetzen mit Macht – Macht über Menschen und den Staat. Eine Macht, die jedes Mittel legitimiert.

In Jonas Brand hat „Montecristo“ einen Protagonisten, der plötzlich seine journalistische und investigative Leidenschaft entdeckt. Diese wird aber immer wieder gebrochen, weil er doch noch seinen Traum leben darf – doch die Bedingungen sind hoch. So muss er sich entscheiden: Will ich mich verwirklichen oder den Skandal aufdecken?! Eine Frage, die man sich als Leser auch stellen sollte. Brand wird als Charakter beschrieben, der sich entfaltet und doch stets widersprüchlich bleibt.

Am Ende wird der Finanzskandal zwar aufgeklärt, aber konventionell ist die Auflösung ganz und gar nicht. Eigentlich bleiben sogar mehr Punkte offen als geklärt und das sogar entscheidende: Wie sicher ist unser Geld bei den Banken überhaupt? Wie sind Gesetze und Allgemeinwohl in Einklang zu bringen? Wie würde ich mich verhalten?


 

Martin Suter - "Montecristo"

Martin Suter – „Montecristo“ | Copyright: Diogenes Verlag AGMontecristo

 

Martin Suter

Montecristo

Roman, Hardcover Leinen, 320 Seiten
Erschienen im März 2015

ISBN978-3-257-06920-4
€(D) 23.90 / (A) 24.60

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!