Anthony McCartens „Licht“ – Ein Erfinder, ein Banker und der Fortschritt

Fortschritt bedeutet Licht und Schatten

Mit dem Erfinder Thomas Alva Edison und dem Banker J.P. Morgan rückt der neuseeländische Autor Anthony McCarten zwei bedeutende Zeitgenossen des ausklingenden 19. Jahrhunderts ins Rampenlicht. Unterschiedlicher könnten beide nicht sein: Edison, der mit dem elektrischen Licht die Elektrifizierung der industrialisierten Welt einläutete, aber dennoch zerbricht und dem gegenüber Morgan als finanzstarker und skrupelloser Investmentbanker, der dank Edison sein Vermögen vermehrt.

Gegensätze ziehen sich an

Der eine hat Geld und der andere hat die Ideen: Unter dieser Voraussetzung treffen J.P. Morgan und Thomas Alva Edison aufeinander. Thomas Alva Edison, der den Durchbruch als Erfinder in der Telegraphenbranche schaffte, erhält Besuch vom Privatbanker J.P. Morgan. Denn dieser möchte Edison finanziell dabei unterstützen, die elektrische Glühlampe zur Marktreife zu entwickeln. Dies natürlich nicht uneingennützig, sondern um New York zu erleuchten und selber den eigenen Reichtum zu vermehren.

Gegensätzlicher könnten die beiden Geschäftspartner nicht sein. Edison als zerstreuter Erfinder und voller Ideen, in seiner Ehe sehr zurückhaltend und nahe am Scheitern. Dahingegen der selbstbewusste, finanz- und durchsetzungsstarke Morgan, der moralisch doch einige Schwächen hat. Nicht nur im geschäftlichen Bereich, sondern im zwischenmenschlichen. Und so ist auch die „Beziehung“ zwischen Erfinder und Banker nicht frei von Problemen. Denn Thomas Alva Edison droht an der eigenen Erwartungshaltung, dem Druck Morgans und der Gesellschaft zu zerbrechen.

Eine Art Kammerspiel

Genau dieses (drohende) Scheitern steht im Mittelpunkt von Anthony McCartens Roman „Licht“. Zwar geht das Licht auf, aber zu einem immensen Preis – und das eben nicht nur aus der monetären Sichtweise. Einerseits natürlich ein Preis, den Edison zu zahlen hat. Seine erste Ehe scheitert und auch die zweite entwickelt sich alles andere als glücklich. Auch der seelische Druck für Edison wird als immens dargestellt: Die Angst des Erfinders zu versagen und es der Gesellschaft beweisen zu müssen, bringt Edison ans Ende der Kräfte.

Gleichzeitig ist es nicht nur ein Roman über das Scheitern, sondern zeigt auch, wie die Welt (heute) funktioniert: Ein machthungriger, profilierungssüchtiger Banker in Gestalt von J.P. Morgan, der auch privat alles andere als integer und sympathisch etabliert wird, verfügt über den unsicheren Edison. Es zählt der Erfolg – Raubtierkapitalismus mag man es auch nennen. Gleichzeitig – und dabei wird es fast schon herrlich absurd – geht es um die Erfindung des elektrischen Stuhls als humanere Möglichkeit, die Todesstrafe zu vollziehen. Doch stellte sich das als Irrtum heraus – zumindest im Betrieb mit Gleichstrom.

Neben der Elektrifizierung spannt McCarten einen ungeheuren Bogen und schafft Zusammenhänge zur Entwicklung des elektrischen Stuhls, des Wechselstroms, und  bindet darüberhinaus – und das historisch begründet – weitere bedeutende Erfinder des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein (Tesla, Vanderbilt, etc.). Dies alles mit der vom Neuseeländer gewohnten und vor allem geschätzten Sprache: pointierte und gleichzeitig absurde Dialoge entstehen, wenn der schwerhörige Edison auf Morgan oder einen Jungen (am Ende seines Lebensweges) trifft. Seine Theatererfahrung kann er definitiv nicht verleugnen – und das ist auch gut so. Da seine Formulierungen und textliche Ausgestaltungen noch dazu szenisch gehalten sind, so dass es nur eine Frage der Zeit zu sein scheint, bis „Licht“ verfilmt wird. Kein Wunder, dass McCartens Werk ein reines Lesevergnügen mit ungeheurem Tiefgang darstelllt, ohne dabei schwierig zu lesen ist.


Buchcover zu Anthony McCartens "Licht"

Anthony McCarten „Licht“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Anthony McCarten

Licht

€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70
(* empf. VK-Preis)
Erschienen am 22. Februar 2017
368 Seiten
ISBN: 978-3-257-06994-5

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

 

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Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer bedrohten Art

Drei Länder, zwei Jahrhunderte und eine Gemeinsamkeit: die Bienen

Mit „Die Geschichte der Bienen“ ist der Norwegerin Maja Lunde, erschienen im btb Verlag, ein beachtlicher nationaler sowie internationaler Erfolg gelungen: In Norwegen erhielt die Autorin den Buchhändlerpreis für den Roman des Jahres und stürmte damit auch in zahlreichen anderen Ländern die Bestsellerlisten. Und das alles nur wegen Bienen – faszinierenden wie bedrohten Tierart.

England, USA und China: Drei Kontinente, drei Jahrhunderte und die Bienen

William lebt 1852 in England. Er ernährt seine Familie mit den Einnahmen aus seiner Samenhandlung, obwohl er lieber ein angesehener Biologe wäre. Doch die Liebe und die damit einhergehende Kinderschar (8) verhinderten seine Karriere als Wissenschaftler. Deshalb verbringt er seine Tage depressiv im Bett. Bis ihm eines Tages ein Buch über Bienen in die Hände fällt. Sein Forscherinstinkt wird erneut geweckt und er begibt sich daran, einen revolutionierten Bienenstock zu bauen.

155 Jahre später führen uns die Bienen zu George in die USA nach Ohio. Er ist Imker mit Leib und Seele. Aber nicht einer dieser „Industrie-Imker“. George baut seine Bienenstöcke selber, hat nicht allzu viele Völker und kutschiert seine Bienen auch nicht durch die ganzen USA, um ihre Bestäubungsleistung zu verkaufen. Langsam älter werdend, möchte er seinen Sohn Tom dazu bringen, den Betrieb zu übernehmen: doch Tom hat andere Pläne. Als Georges Bienen auf einmal sterben, sieht die Familie ihre Existenz bedroht.

2098 in China: Tao lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn Wei-Wen in einer winzigen Wohnung. Als Familie haben sie nur wenig gemeinsame Zeit, müssen Tao und ihr Mann doch jeden Tag 12 Stunden in den riesigen Plantagen arbeiten und die Blüten der Obstbäume bestäuben: denn Bienen gibt es keine mehr. Die Drei leben ein Leben voller Entbehrungen, in einer Welt, in der nun auch der Mensch vom Aussterben bedroht ist und doch sind sie glücklich, denn sie haben sich. Bis Wei-Wen auf einem Ausflug etwas zustößt, das alles verändern könnte.

Ein Roman und (k)ein Sachbuch

Wir brauchen die Bienen und können deshalb nicht so weitermachen wie bisher: Das ist die Kernbotschaft der norwegischen Autorin Maja Lunde. Aber was wir tun können, damit die Bienen nicht ganz verschwinden und uns ein Schreckensszenario wie die Welt von Tao erspart bleibt, findet im Buch nicht wirklich eine Erwähnung. Und das ist das große Manko des Buches: Der Leser wird für das Thema sensibilisiert, aber dann mit leeren Händen stehengelassen. Andererseits ist es eben ein Roman und kein Sachbuch, obwohl die Schilderungen und Erkenntnisse gut recherchiert sind.

So ist „Die Geschichte der Bienen“ ein gut geschriebener Roman, der vor allem durch die sich abwechselnden Episoden aus den Leben der einzelnen Protagonisten überzeugt. Die Sprache ist klar, schnörkellos und auf den Punkt. Hier merkt man der Autorin an, dass Sie zuvor vor allem Kinder- und Jugendliteratur verfasst hat. Neben den Bienen beleuchtet die Autorin vor allem das Thema „Vater und Sohn“ und welche Rolle, die Mütter dabei spielen. Wer an Familiengeschichten interessiert ist und nebenbei etwas über das Leben der Bienen und ihre immens wichtige Rolle für uns lernen möchte, sollte auf jeden Fall zu diesem Buch greifen.


Buchcover "Die Geschichte der Bienen" von Maja Lunde

Maja Lunde „Die Geschichte der Bienen“
| Copyright: btb Verlag

Maja Lunde

Die Geschichte der Bienen

€ 20,00 [D] , € 20,60 [A],  CHF 26,90*
(* empf. VK-Preis)
Erschienen am 20.03.2017
512 Seiten
ISBN: 978-3-442-75684-1

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom btb Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Matin Suter „Elefant“ – Ethik und Moral

Ein wenig Märchen, Gentechnik-Thriller, Fiction und Liebesgeschichte – All das vereint der Schweizer Erfolgsautor in seinem Roman „Elefant“. Ernsthaft, philosophisch, kritisch-kontrovers  und nachdenklich, aber doch leicht lesbar erzählt er die Geschichte um einen kleinen rosafarbenen Elefanten, der noch dazu im Dunklen leuchtet.

Sabu Barisha: Ein Experiment

Mal wieder stockbesoffen kriecht der Obdachlose Fritz Schoch in seinen Unterschlupf, eine Höhle am Ufer des Schweizer Flusses Limmat. Normalerweise sollte das Einschlafen kein Problem sein, doch dann sieht er ihn: Einen kleinen, maximal dreißig Zentimeter hohen rosafarbenen und noch dazu leuchtenden Elefanten. Unsicher ob er nicht doch vom Alkohol halluziniert, muss er feststellen, dass der Elefant real ist. Doch wie kann das sein?

Sabu, wie ihn Schoch tauft, ist kein Wunder, sondern vielmehr ein gentechnisches Experiment des gleichermaßen ehrgeizigen wie skrupellosen und profitgierigen Wissenschaftlers Dr. Roux. Im Auftrag eines chinesischen Megakonzerns schwängert dieser eine Elefantenkuh des Zirkus „Pellegrini“. Doch er hat die Rechnung nicht mit dem burmesischen Elefantenpfleger Kaung gemacht. Denn kaum ist der Elefant auf der Welt lässt ihn der Elefantenflüsterer Kaung mithilfe des Tierarztes Dr. Reber verschwinden. Doch das bleibt nicht lange verborgen und so jagt Dr. Roux dem kleinen Elefanten hinterher.

Bei diesem Versteckspiel verunglückt Dr. Reber und schafft es vorher noch Sabu – oder Barisha, wie ihn Kaung tauft – in der Höhle von Schoch unterzubringen. Für den Obdachlosen beginnt damit ein Abenteuer, was so nicht geplant war. Quasi auf der Flucht vor seiner Vergangenheit und einem geregelten Leben, kümmert er sich gemeinsam mit der sozial engagierten Tierärztin Valerie um den kleinen Elefanten. Doch wie lange geht das gut?

Unglaublich und doch realistisch

So märchenhaft und unglaublich die Rahmenhandlung klingt, ist sie gar nicht. Denn Martin Suter hat auch in diesem Roman Fakten mit Fiction exzellent kombiniert und gründlich recherchiert. „Glowing Animals“ existieren, auch wenn es bei Glühwürmchen ein natürliches Phänomen ist. Mit der Figur des Wissenschaftlers Dr. Roux und dessen gentechnischem Experiment, rückt es Suter in die eine unnatürliche, künstliche Wissenschaft.

Dr. Roux: Ein Wissenschaftler, der anfangs aus Rach- und dann aus Geltungssucht sowie Profitgier handelt. Sich gottgleich über die „Schöpfung“ zu heben versucht und dabei alle moralischen und ethischen Grenzen überschreitet, dem Tier- und Menschenwohl egal sind. In dieser Figur vereint sich alles „Böse“. Dem gegenüber stehen nicht nur Fritz Schoch und die Tierärztin Valerie, sondern auch Kaung und Dr. Reber. Diese relativ klare Abgrenzung zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weiß stört jedoch zu keiner Zeit.

Spannend ist die Handlung nicht allein wegen der „Verfolgungsjagd“. Vielmehr hat Martin Suter die Charaktere, um den Protagnisten Obdachlosen Fritz Schoch, sehr interessant und die Neugier weckend angelegt. Als Obdachloser ist er per se erst einmal randständig und außerhalb der Gesellschaft angesiedelt, aber dadurch auch interessant. Als Leser (und Leserin) bleibt lange unklar, wie er in diese Situation kam. So kultiviert und gebildet, wie er auftritt, ahnt man, wie es bei den meisten Clochards der Fall ist, dass es einen schwerwiegenden Grund für den sozialen Abstieg geben musste. Das klärt sich im Laufe des Romans, während der immer enger werdenden Beziehung zu der anfangs distanzierten Valerie, auf.

In gut einhundert kurzen Kapiteln mit zeitlichen Sprüngen und in kurzen, schnörkellosen Sätzen erzählt Martin Suter eine wundervolle Geschichte, die Wissenschaftskritik, Zukunftsthemen, Liebesgeschichte und Märchen auf knapp 350 Seiten kombiniert.


Martin Suter "Elefant" Buchcover

Martin Suter: Elefant | Copyright: Diogenes Verlag AG

Martin Suter

Elefant
352 Seiten
erschienen am 01. Februar 2017
978-3-257-06970-9
€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70
* unverb. Preisempfehlung

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

„Auf beiden Seiten“ – der Grenze und der Familie(n)

Lukas Hartmanns Roman ist Zeitgeschichte und Familienroman

1989: Die Mauer fällt und nicht für Deutschland und Europa hat das Folgen, auch für die Schweiz —  der Fichenskandal und die Aufdeckung der Geheimorganisation P-26 sind hier die Stichworte. Diese sind der Aufhänger für den Roman des Schweizer Autors Lukas Hartmann. Geschickt verbindet er die Auswirkungen dieses Epochenjahres mit dem Leben der drei Hauptfiguren Mario, Dr. Armand Gruber, Karina und ihren Familien. Vielleicht zu geschickt.

Mario Sturznegger, einst kritischer, linker Journalist und nun bei einem Familienmagazin angestellt, und den ehemaligen Deutschlehrer Dr. Armand Gruber verbindet und trennt vieles. Einst war Mario der Lieblingsschüler von Gruber, um sich dann von ihm, dem Adalbert Stfiter Fachmann, Hauptmann der Schweizer Armee und Antikommunisten zu entfremden. Auch die Hochzeit zwischen Mario und dessen Tochter Bettina, die sich immer schon gegen ihren Vater auflehnte, sorgte nicht für Entspannung. Zumal sich nicht nur Marios und Grubers Überzeugungen gegensätzlich entwickelten, sondern auch die Ehe mit Bettina scheiterte.

Von einer Afrikareise zurückkehrend wird Mario vom Mauerfall und der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze überrascht. Dabei war er kurz zuvor noch für eine Reportage bei einem Künstlerfreund in der DDR. Noch größer ist die Überraschung als Gruber zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer im Pflegeheim Mario und seiner Tochter offenbart, Mitglied der geheimnisvollen (Widerstands-)Organisation P-26 gewesen zu sein, die eine Schweizer Exilregierung im Falle eine sowjetischen Überfalls auf die Schweiz unterstützen sollte. Auch Karina, Anwältin und die beste Freundin Bettinas, wusste nichts von all den Skandalen, die nach und nach ans Licht der Öffentlichkeit traten. Dabei war sie als Tochter des Hausmeisters beim Schweizer Geheimdienst räumlich den Geheimnissen am Nächsten von allen Beteiligten.

Geschichte und Familie: Gemeinsamkeiten und Gegensätze

„Auf beiden Seiten“ der Alpen gibt es bei allen Gegensätzen zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen der Schweiz und der DDR, so unterschiedlich die Systeme auch sind. „Kapitalismus“ und freie Bürger auf der einen Seite, Kommunismus und Überwachung des Einzelnen auf der anderen Seite. So dachten wohl viele Schweizer (und Europäer); doch mit dem Fichenskandal und der Aufdeckung der Organisation P-26 (P stand für Projekt und 26 für die Anzahl der Schweizer Kantone) zeigten sich Risse in diesem einseitigen Bild. Dafür sorgt auch Hartmanns Darstellung des zeitgeschichtlichen Rahmens.

Doch eigentlich ist es eben nur der Rahmen für die Geschichte dreier Familien und da sogar nur über das Verhältnis dreier Väter zu den Kindern: Dr. Armand Gruber & Tochter Bettina, Mario Sturznegger & seinem Vater (einem Orthopädieschuhmacher) sowie Karina & ihrem Vater „Vau“. Beim Lesen stellt sich die Frage: Wie viel wissen die Protagonisten über ihre Väte? Insgesamt haben weder Mario, Bettina noch Karina ein unkompliziertes Verhältnis zu ihren Vätern. Alle drei versuchen, ihren Weg zu gehen und entfernen sich so von ihrem Elternhaus. Auch wenn sie sich immer mal wieder einander annähern, folgt doch letztendlich nur die weitere Entfremdung.

Alle drei Väter sind ihren Charakterzügen nach von Hartmann sehr ähnlich angelegt: Geprägt vom Zweiten Weltkrieg, sind sie konservativ in ihren Ansichten, fast schon kleinbürgerlich. Das zeigt sich beispielsweise in der gemeinsamen Leidenschaft Grubers und Marios Vaters für die Philatelie. Dass die Erfahrungen und Sorgen des Zweiten Weltkrieges vielleicht auch für den Fichenskandal und P-26 verantwortlich sind, könnte man zwischen den Zeilen herauslesen. Schließlich drohte bereits während der Jahre 1939-45 für die Schweiz eine Invasionsgefahr, nur eben von Nazideutschland und nicht von der UdSSR. Daher ist Grubers Haltung und in Ansätzen nachvollziehbar.

Poetische Sprache einer anspruchsvollen Lektüre

Eines ist klar: Hartmann will viel, viel mit seinem Roman sagen und verlangt dadurch viel von seinen Lesern. Denn, wenn der Roman etwas nicht ist, dann einfach zu lesen. Aus drei Sichtweisen, fast schon tagebuchartig, treibt er die Handlung voran. Wobei Vorantreiben der falsche Begriff ist, denn außer den wechselnden Perspektiven springt der Roman auch in den Zeitebenen. Dafür ist die Sprache von Lukas Hartmann fast schon poetisch: viele Vergleiche und beschreibende Adjektive sorgen für eine bildliche, geräusch- und gefühlvolle Darstellung. Die Sätze sind mitunter wie ein Fluss, aneinanderreihend, mit Kommas getrennt, atemlos, ohne dabei hektisch zu wirken.

Trotzdem ist es eben kein Buch, das man mal eben so liest. Zu kompliziert sind die geschichtlichen Verhältnisse und die familiären Verstrickungen. Für den Leser, der die beschriebene, jüngere Schweizer Geschichte nicht kennt, wird die Lektüre noch ein wenig komplizierter. Wer sich jedoch auf die komplexe Handlung und deren Darstellung einlässt, noch dazu bereit ist, sich darüber hinaus über die Schweiz des Kalten Krieges zu informieren, darf sich auf einen spannenden und zugleich nachdenklichen Roman freuen, der jedoch Fragen offen- oder zumindest neue entstehen lässt. (Wieviel weiß ich eigentlich von meiner Familie? oder: Ist der Staat/das System in dem ich lebe wirklich besser oder anders als der-/dasjenige, den/das wir kritisieren?)

Lukas Hartmann "Auf beiden Seiten" Roman

Lukas Hartmann – „Auf beiden Seiten“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Lukas Hartmann

Auf beiden Seiten

Roman, 336 Seiten
Erschienen im April. 2015

ISBN 978-3-257-06921-1
€(D) 23.90 / (A) 24.60

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Undurchsichtig durchsichtig: Transparenz des Einzelnen im Internetzeitalter

Dave Eggers Roman  „The Circle“

Für Mae Holland, die Protagonistin in Dave Eggers Roman “The Circle”, ist The Circle  der perfekte Arbeitgeber: jung, dynamisch, vernetzt und familiär. Ein Internetunternehmen, das nur Gutes will, aber Böses schafft. Eine eindringlichere und offensichtlichere Kritik an der New Economy und den Konsequenzen der (fast) vollständigen Transparenz jedes Menschen las man lange nicht mehr: Zornig, bitter-böse und aufrüttelnd.

Mae Holland kann ihr Glück kaum fassen als sie dank ihrer Freundin Annie einen Job beim Circle bekommt. Ausgerechnet beim Circle: DAS Internetunternehmen in Kaliforniens, das Google, Apple, Facebook und Twitter vom Markt verdrängt hat und alles vereint hat. Jeder Kunde besitzt im Internet nur noch eine Identität, alles wird über diese geregelt. Anonymität wird zum Fremdwort: Nicht nur für alle Kunden, auch für alle Mitarbeiter.

Anfangs fällt Mae diese vollständige Sichtbarkeit schwer, gibt es doch für alle ihre Tätigkeiten ein Ranking, eine Kontrollfunktion und ein Feedback von Kollegen und Kunden. Die Skepsis währt jedoch nur kurze Zeit, zu sehr ist sie von allen Vorteilen des Unternehmens überzeugt und geblendet. Angefangen bei den hellen, gläsernen Büros über das kostenlose Essen der Sterneköche bis hin zu Partys auf dem Unternehmenscampus. Schnell akzeptiert sie das System und steigt zur absoluten Vorzeigemitarbeiterin auf. Zumal die drei Firmengründer all die Transparenz aus dem Grund schaffen wollen, um die Welt von jeglicher Kriminalität zu befreien. Schließlich könne ein Mensch ohne Geheimnisse nichts Böses und Ungesetzliches mehr vollbringen.

All das steht unter den drei großen Mottos „Teilen ist heilen“ („Sharing is caring“), „Geheimnisse sind Lügen“  („Secrets are lies“) und „Alles Private ist Diebstahl“ („Privacy is theft“). Erst wenn wirklich jegliche Anonymität aufgehoben ist, könne das System als perfekt bezeichnet werden und der Circle als geschlossen gelten. Wie willenlose Lemminge folgen die Circle-Jünger diesen Credos, nur wenige leisten Widerstand. Zum einen Maes Exfreund und ihre Eltern, obwohl der Circle sich sogar um deren kranken Vater kümmert, und zum anderen Kalden: Der gibt vor beim Circle zu arbeiten, taucht aber nirgendwo in den Mitarbeiterverzeichnissen auf. So entwickelt sich eine mysteriöse Beziehung zwischen Kalden und Mae – Verbündete oder Gegenspieler? Die Grenzen sind nie ganz klar. Bis zum Ende wird der Gegenwind, der Mae entgegenweht, immer stärker und das Unternehmen mit seinen Zielen immer suspekter…

Transparenz: Chancen, die in Risiken umschlagen

In den Kritiken wird Dave Eggers Roman mit George Orwells „1984“ oder Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ verglichen, nicht ganz zu unrecht. Er entwickelt eine Erzählung, die die Zukunft mit negativem Ausgang erzählt – Kennzeichen eines dystopischen Romans. Nur muss man sich fragen: Wie weit entfernt ist diese Zukunft überhaupt noch? Klar, es existiert kein einzelner Konzern wie der Circle, aber im kleineren Kosmos der bereits genannten Konzerne Facebook, Google, WhatsApp, Apple, etc. steckt schon viel der Eggerschen Entwürfe und Gedankenspiele. Denn bereits diese so mitarbeiterfreundlichen Unternehmen bieten dem Unternehmer: Wohnungen, soziale Kontakte, kulturelle Veranstaltungen, kostenloses Essen und noch viel mehr. Dafür übernehmen sie aber auch persönliche Freunde, Familie und Freiheit.  Die Freiheit den Tag nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, eine Überwachung, die wesentlich extremer ist als in „1984“. Vor allem deswegen, weil die technischen Mittel längst realisierbar wären.

Aus Transparenz wird Kontrolle und aus Kontrolle wird Manipulation. Diese Sorge entwickelt Dave Eggers beim Lesen seines Romans. Mit einfacher Sprache, die weit entfernt davon ist hochtrabend literarisch zu sein, fängt er den Leser. Fast schon naiv kommt Mae daher, wie sie im Circle-System aufgeht und alle Warnungen und Anzeichen ignoriert. All das nur, um die Message zu verbreiten: Die Überwachung ist kein Nutzen, sondern Schaden.  Der Technikvorteil ist nur kurzfristig einer und vielmehr Nachteil. Vielleicht kann man Eggers Plakativität unterstellen, indem er die jungen Digital Natives als leichtgläubige und wenig kritische Menschen darstellt und die wenigen Skeptiker aus dem Kreis der alten oder wenig technisch-affinen Gruppe stammen. Zwischen Schwarz und Weiß ist nicht viel Platz für Nuancen, aber das sei verziehen. Schließlich kann doch auch vom Leser verlangt werden, dass er sich selber ein Bild macht und differenziert. Einige Fragen sollte sich jeder stellen: Will ich diese Zukunft tatsächlich? Will und muss ich Teil dieses Systems werden und wie kann ich Einfluss nehmen?

Dave Eggers "The Circle"

Dave Eggers – „The Circle“ | Copyright; Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG

 

Dave Eggers

The Circle

Titel der Originalausgabe: The Circle
Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
ISBN: 978-3-462-30820-4
Erschienen am: 14.08.2014
19,99 €