Luis Sellano „Portugiesische Rache“ – Historische Verstrickungen in Lissabon

Ein „Ausflug“ in Portugals unrühmliche Vergangenheit

Auch im zweiten Kriminal-Roman um Neu-Antiquariatsbesitzer und Ex-Polizist Henrik Falkner bindet Autor Luis Sellano Portugals jüngere Vergangenheit ein. Vor der Kulisse Lissabons muss sich Falkner mit alten und neuen Widersachern messen.

Henrik Falkner – Jäger und Gejagter

Als der durch Messerstiche schwer verletzte IT-Spezialist Ruben Mendes in den Armen von Henrik Falkner zu sterben droht – und dies auch später im Krankenhaus tut -, ist klar, dass es für den Ex-Polizisten wieder losgeht. Denn natürlich kommt er nicht umhin, die Hintergründe für den Mord herauszufinden. Zumal der Verstorbene noch kurz zuvor in Falkners geerbtem Antiquariat ein Buch kaufte. So liegt es nahe, einen Zusammenhang zwischen Buchkauf und dem gewaltsamen Tot zu wittern.

Und wie schon bei den Geschehnissen in „Portugiesisches Erbe“ bekommt es Henrik Falkner mit alten Feinden und glücklicherweise auch alten Freunden zu tun. So sind die junge Polizistin Helena, die Ärztin Filipa und Mönch Bruno an und auf der Seite des Antiquariatsbesitzers.

Als die Polizei im Mann der Geliebten den Mörder von Ruben Mendes verkündet, scheint der Fall aufgeklärt. Doch schnell merkt der geschulte Ex-Polizist, dass hier politischer Druck herrscht und die wahren Schuldigen nicht gefunden werden sollen. Damit gibt sich Henrik Falkner nicht zufrieden, zu groß ist sein Gerechtigkeitssinn. Dadurch bringt er nicht nur sich und seinen Vater in Gefahr, sondern auch Helena mit ihrer kleinen Tochter sowie seine Mitarbeiterin Catia. Denn die Feinde und Täter stammen aus der Zeit Portugals unter Ministerpräsident und Diktator António de Oliveira Salazar. Und deren Skrupel Gewalt anzuwenden sind nicht geringer geworden, schließlich gibt es einiges vor der Öffentlichkeit zu vertuschen…

Krimi, Politik- und Landesgeschichte

Auf knapp 350 Seiten führt Autor Luis Sellano seine Leserinnen und Leser auf eine spannende Jagd nach dem Mörder von Rubin Mendes. Dabei hat er in Henrik Falkner eine geeignete und sympathische Hauptfigur entwickelt, die bereits in „Portugiesische Erbe“ in Lissabon ermitteln durfte. Anders als es im ersten Band noch der Fall war, wirkt die Handlung und vor allem das Ende nicht so konstruiert bzw. zufällig.

Neben der Kenntnis von Lissabon, die sich in detaillierten und liebevollen Beschreibungen der Orte zeigt, beweist Sellano auch sein Wissen der Geschichte Portugals unter der Herrschaft Salazars. Als geschichtlich- und politischinteressierter Leser war ich erstaunt, wie wenig ich doch über diese Hintergründe und Geschehnisse aus einer Zeit und einem Staat weiß, die noch nicht so lange zurückliegt. Mit den verknüpften Hintergründen und Geschehnissen um die Verfolgung von Regimekritikern, in diesem Fall fiktionale Personen, entsteht nicht nur Spannung, sondern noch dazu Interesse an dieser Epoche.

Sympathische Akteure: Henrik, Helena, Filipa, …

Was wäre die atemloseste Handlung ohne das passende „Personal“: Die bereits im ersten Band liebgewonnenen Akteure um Henrik Falkner wirken allesamt auch in „Portugiesische Rache“ mit. Und Sellano erweitert es sogar, zumindest für diesen Fall, um Henriks Vater, der kaum aus dem heimischen Ehegefängnis ausgebrochen, ein Techtelmechtel mit der Mutter eines der Mieter von Henrik beginnt. Neben der Hatz nach den Tätern kommen weder Humor noch die Liebe zu kurz.

Denn so sehr Henrik Falkner noch an seiner verstorbenen Frau hängt, seine Zuneigung zu Polizistin Helena wächst und eine erste Annäherung findet auch statt. Überhaupt hat Sellano seinen Protagonisten, anders als es in so vielen nordischen Krimis der Fall ist, nicht als zutiefst depressive, alkohol- oder drogenkranke Person eingeführt. Aber das würde auch nicht in das umtriebige Lissabon passen.

Freuen darf man sich auf den dritten Band, denn längst nicht alle offenen Fragen werden am Ende beantwortet. Schon gar nicht, wer João, den Lebensgefährten von Henriks Onkel Martin, und vielleicht sogar Martin ermordete. Ganz zu schweigen vom Cliffhanger um Catia, Henriks Antiquariatsmitarbeiterin.


Buchcover zu Luis Sellanos Krimi "Portugiesische Rache"

Luis Sellano „Portugiesische Rache“ | Copyright: Heyne Verlag

Luis Sellano

Portugiesische Rache

€ 14,99 [D] |€ 15,50 [A] | CHF 20,50*

(* empf. VK-Preis)
Erschienen: 09.05.2017
512 Seiten

ISBN: 978-3-453-41945-2

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Heyne Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

Jenny Rognebys „Leona. Die Würfel sind gefallen“ – Eine Polizistin auf Abwegen

Mit „Leona. Die Würfel sind gefallen“ legte die äthiopischstämmige Schwedin Jenny Rogneby im letzten Jahr ein außergewöhnliches Krimidebüt vor. Düstere Kost mit komplizierten Ermittlerpersönlichkeiten ist man aus dem Norden nicht erst seit Jesper Stein gewohnt, aber mit Ermittlerin Leona Lindberg geht Rogneby einen Schritt weiter.

Ein Mädchen als Bankräuberin

Mitten in Stockholm betritt ein kleines Mädchen eine Bank und niemand schreitet ein. Kein Wunder, da es nicht nur blutüberströmt und mit blauen Flecken übersät ist, sondern auch noch mit einem Kassettenrekorder eine Botschaft abspielt. In dieser fordert eine Stimme die Herausgabe des Gelds, andernfalls würde etwas Schlimmes geschehen. So kommt es, dass das Mädchen die Bank mit einer Beute von sieben Millionen Kronen verlassen kann.

Mit Leona Lindberg erhält eine Polizistin die Ermittlungsleitung, die selber Mutter von zwei Kindern ist und prädestiniert für den Fall scheint. Aber eben nur scheint. Denn Leona ist – trotz ihres guten Rufes – eine Außenseiterin in der Abteilung. Auch bei diesem Fall lässt sie sich nur äußerst widerwillig unterstützen und das obwohl schon bald ein zweiter Überfall erfolgt. So treten die Ermittlungen schnell auf der Stelle und eine Auflösung ist nicht in Sicht. Denn auch Leona hat eine dunkle Seite und ihre Geheimnisse.

Zwischen den Welten: Gut und Böse

Wie eingangs bereits erwähnt legt Jenny Rogneby in ihrem Debüt keine Krimi-Schonkost vor. Vielmehr gehen die Autorin und deren Krimi einen Schritt weiter als viele andere Werke aus diesem Genre. Dass ein Kind ein Verbrechen begeht, das mag nichts Neues sein, aber dass es dazu gezwungen wird und noch dazu vom eigenen Vater, das ist immer noch eher unüblich. Die Siebenjährige muss allerhand durchleiden, um es ihrem Vater recht zu machen.

Der elementarste Unterschied zu anderen Krimis ist jedoch die Ermittlerin: Leona Lindberg. Diese ist in ihrem gesamten Charakter sehr ambivalent angelegt. So ist sie unfähig Gefühle für andere Menschen, abgesehen von ihren Kindern, zu empfinden. Selbst für ihren Mann empfindet sie nichts, zumindest keine Liebe. Die Ursache ihrer Emotionsstörungen wird im Laufe des Buches deutlich, so viel sei verraten. Dadurch erklärt sich sowohl ihr Handeln als auch ihre zerrissene Persönlichkeit und man entwickelt so etwas wie Verständnis für die Ermittlerin. Denn sie ist nicht allein gefühlskalt: Verbrechen und Aufklärung liegen sehr eng beieinander, was moralisch fragwürdig ist.

Insgesamt ein spannendes Debüt, was vor allem im letzten Drittel ordentlich an Fahrt aufnimmt und nicht allein wegen des „offenen“ Endes die Vorfreude auf den zweiten Band der Trilogie weckt.


Jenny Rogneby „Leona“ | Credit: Heyne Verlag

Jenny Rogneby „Leona“ | Credit: Heyne Verlag

Jenny Rogneby

Leona. Die Würfel sind Gefallen
448 Seiten
erschienen am 14. November 2016

978-3-453-42060-1

€ 9,99 (D)

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Heyne Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

Petros Markaris: Der Tod des Odysseus – Geschichten

In „Der Tod des Odysseus“ erzählt Petros Markaris sieben Geschichten, die zwischen 10 und 90 Seiten lang sind. Eine große Rolle nimmt das Thema der Beziehung zwischen Griechenland und der Türkei bzw. das Leben der Istanbuler Griechen ein. Sowohl historisch als auch aktuell sind die Geschichten, die Markaris um dieses Thema strickt. Geschichtsstunde inklusive. Aber auch die Flüchtlingsproblematik und sogar das deutsch-türkische Verhältnis haben in dem Buch ihren Platz. Immer aus der Warte einfacher Leute geschrieben, schafft es Markaris, Aktuelles und Historisches lesenswert zu verpacken. Einzig und allein „Die Leiche im Brunnen“ fällt etwas aus dem Rahmen und passt nicht richtig zu den anderen Kurzgeschichten. Auch Kommissar Charitos betritt in „Mord an einem Unsterblichen“ und „Poems and Crimes“ wieder die Bühne. Beide Mordfälle spielen im Intellektuellenmilieu, doch wozu Kommissar Charitos sonst mehrere Tage und diverse Kaffees und Croissants benötigt, ist diesmal innerhalb weniger Seiten geklärt. Wer Markaris vor allem wegen Kommissar Charitos liest, wird am Ende des Buches nicht ganz zufrieden sein. Denn vom Kommissar nur kurz zu lesen, macht schon wieder Lust auf mehr.


Petros Markaris - Der Tod des Odysseus

Petros Markaris – Der Tod des Odysseus | Copyright: Diogenes Verlag AG

Petros Markaris

Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger

Der Tod des Odysseus
192 Seiten
erschienen am 26. Oktober 2016

978-3-257-06979-2
€ (D) 22.00 / sFr 30.00* / € (A) 22.70
* unverb. Preisempfehlung

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Martin Suters „Montecristo“ – (K)eine sichere Bank?

Ein Wirtschaftsthriller im Schweizer Finanzsektor

Dass Martin Suter sich mit Wirtschafsthemen auskennt hat er mit seinen „Business Class“-Kolumnen bewiesen. Dass er Krimis kann ebenfalls. In „Montecristo“ lässt er den Videojournalisten Jonas Brand in einen Finanzskandal stolpern, der Ansichten und das Vertrauen in den Bankensektor weiter schwinden lässt.

Jonas Brand, ein Enddreißiger und von Beruf Videojournalist, sitzt im Intercity als dieser auf offener Strecke abrupt stehen bleibt: Ein Mann stürzte aus dem Zug und starb. Schnell zückt Brand seine Kamera, filmt so gut es nur geht die Unglücksstelle mitsamt dem Toten und interviewt anschließend seine Mitreisenden. Aus der Absicht daraus einen Beitrag fürs Fernsehen zu erstellen wird nichts, so lässt er das Material liegen. Denn so richtig brennt er nicht für diesen Job als VJ für Lifestyle-Magazine. Doch solange sein großer Traum als Filmschaffender nicht in Erfüllung geht, muss er sich ja irgendwie über Wasser halten.

Nur wenige Wochen später hält Brand zwei Hundertfrankenscheine in den Hände und stellt verwundert fest: Beide haben die identische Seriennummer und wirken auch sonst nicht wie Fälschungen. Deren Echtheit bestätigt ihm dann ebenfalls sein Bankberater. Das weckt Brands journalistische Neugier und er beginnt zu recherchieren: im Bankensektor und bei der Schweizer Notenbank. Dabei macht er ungeheure Erkenntnisse, stößt auf taube Ohren, Ablehnung und Widerstände. Je weiter er nachforscht, desto größer wird nicht nur die Gefahr für sein leben, sondern auch von Freunden und Arbeitskollegen. Auf einmal erlangt sein Videomaterial des Suizids wieder Bedeutung – und die Frage entsteht: War das überhaupt Suizid? Wer mischt hier mit und aus welchen Gründen? Plötzlich scheint sich auch Brands Traum vom eigenen Filmprojekt zu erfüllen. Allerdings nur unter der Voraussetzung, die Recherchen einzustellen…

Fiktion, die durchaus Realität sein könnte

Noch gar nicht so lange ist die weltweite Banken- und Finanzkrise mit ihren zu geringen Eigenkapitalanteilen her und genau in diesem Umfeld siedelt Martin die Handlung von „Montecristo“ an. So fesselnd und fasziniert liest sich der Krimi, der mehr ein Thriller ist, dass man ihn am liebsten nicht aus der Hand legen möchte. Wortgewandt und voller scharfer Ironie lässt Suter kaum ein gutes Haar an den Mächtigen der Finanzbranche. Wie er hier früher unvorstellbare Verwicklungen und Mittel der Vertuschung beschreibt, bewirken nur ein Kopfschütteln. So fiktiv die Handlung auch ist, so vorstellbar ist sie. Schließlich ist Geld gleichzusetzen mit Macht – Macht über Menschen und den Staat. Eine Macht, die jedes Mittel legitimiert.

In Jonas Brand hat „Montecristo“ einen Protagonisten, der plötzlich seine journalistische und investigative Leidenschaft entdeckt. Diese wird aber immer wieder gebrochen, weil er doch noch seinen Traum leben darf – doch die Bedingungen sind hoch. So muss er sich entscheiden: Will ich mich verwirklichen oder den Skandal aufdecken?! Eine Frage, die man sich als Leser auch stellen sollte. Brand wird als Charakter beschrieben, der sich entfaltet und doch stets widersprüchlich bleibt.

Am Ende wird der Finanzskandal zwar aufgeklärt, aber konventionell ist die Auflösung ganz und gar nicht. Eigentlich bleiben sogar mehr Punkte offen als geklärt und das sogar entscheidende: Wie sicher ist unser Geld bei den Banken überhaupt? Wie sind Gesetze und Allgemeinwohl in Einklang zu bringen? Wie würde ich mich verhalten?


 

Martin Suter - "Montecristo"

Martin Suter – „Montecristo“ | Copyright: Diogenes Verlag AGMontecristo

 

Martin Suter

Montecristo

Roman, Hardcover Leinen, 320 Seiten
Erschienen im März 2015

ISBN978-3-257-06920-4
€(D) 23.90 / (A) 24.60

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!