Yrsa Sigurdardóttirs „DNA“ – Mörderisches Island

Fall eins für Kommissar Huldar und Psychologin Freyja

Eine Mutter wird in Gegenwart ihrer Tochter auf brutale Art und Weise ermordet. Als leitender Ermittler wird Kommissar Huldar eingesetzt und muss sich beweisen, stand er doch bislang eher in der zweiten Reihe. An seiner Seite die Psychologin Freyja – ausgerechnet mit ihr hat Huldar eine Nacht verbracht, unter falschem Namen. So wird die Ermittlung noch komplizierter als sie es eh bereits ist. Spannend und fesselnd von Anfang bis zum Ende!

Brutale Morde – ungewohnte Tatwaffen

Als am frühen Morgen zwei Jungen in Schlafanzügen auf der Straße  entdeckt werden, ahnen die Nachbarn noch nichts Böses. Doch die herbeigerufene Polizei muss schnell feststellen, dass die Jungen sich nicht bloß ausgesperrt haben und die Eltern noch schlafen, sondern die junge Mutter ermordet im Bett liegt.  Gefesselt, ihr Gesicht mit Klebeband umwickelt und im Rachen das Rohr des Staubsaugers – grausam und widerwärtig. Doch am aller Schlimmsten: Unter dem Bett liegt die siebenjährige Tochter Margrét, die als einzige Zeugin den grausamen Mord an ihrer Mutter miterleben musste.

Mit dem Fall betreut wird Kommissar Huldar, der bei den Ermittlungen nur deswegen den erfahrenen Kollegen vorgezogen wird, weil diese wegen einiger Skandale aus der Öffentlichkeit genommen werden sollen. Um die kleine Margrét überhaupt vernehmen zu können, wird die Psychologin Freyja hinzugezogen. Eigentlich eine gute Idee, wäre da nicht der Zwischenfall zwischen ihr und Huldar. Denn zwischen den beiden ist es kurz zuvor zu einem One-Night-Stand gekommen. Klingt gar nicht so dramatisch, wenn Huldar nicht einen falschen Namen, einen anderen Beruf genannt hätte und am Morgen ohne Abschied verschwunden wäre. Auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen Rikhardur und Kollegin Erla gestaltet sich als schwierig. Denn beide haben Probleme ihren ehemaligen Kollegen als Vorgesetzten zu akzeptieren, zumal Huldar auch mit Rikhardurs Frau eine Nacht verbrachte. So beginnen die Ermittlungen unter ungünstigen Voraussetzungen.

Doch das Team muss funktionieren, denn es bleibt nicht bei einem Mord: Astros, eine pensionierte Lehrerin, wird in Wohnung umgebracht. Ebenso brutal – diesmal nicht mit einem Staubsauger, sondern mit einem Lockenstab. Trotz aller Anstrengungen will sich bei den Ermittlungen kein Fortschritt einstellen. Alle Verdächtigen entpuppen sich als falsche Spur und die Sorge vor dem nächsten Mord wächst von Tag zu Tag.

Und dann ist da noch Student Karl: Nur zwei Freunde Halli und Börkur, ein bislang erfolgloses Chemie-Studium, ein Bruder in Amerika, die Mutter tot, dafür aber begeisterter Hobby-Funker. Ausgerechnet er empfängt im Keller einen isländischen Zahlensender, der stündlich kryptische Nachrichten sendet. Als er eine der Zahlenreihen als seine Personen-ID identifiziert, wird er neugierig und entdeckt, dass eine weitere der Reihen zur ermordeten Mutter Margréts gehört. Aus Neugier unternimmt er den Versuch, auch die Inhalte der anderen Sendungen zu entschlüsseln. Dass er sich und seine Freunde in Gefahr bringt, ahnt er da noch nicht.

Grausamer und brillanter Auftakt der Thriller-Reihe

Mit „DNA“ startet die isländische Bestsellerautorin Yrsa Sigurdardóttir die neue Reihe um Kommissar Huldar und die Psychologin Freyja. Aus dem Norden ist man harte Krimi- und Thriller-Kost gewohnt, das trifft auch auf „DNA“ zu. Diese Härte betrifft sowohl die Beschreibung körperlicher als auch psychischer Gewalt, ohne jedoch die Taten an sich en Detail zu beschreiben. Einerseits schildert sie die Morde wort- und vor allem bildgewaltig, andererseits lassen die Beschreibungen so viel Phantasie, um im Kopf eigene Bilder entstehen zu lassen.

Mit Huldar und Freyja hat die Autorin zwei Charaktere angelegt, die von Beginn an faszinieren. Huldar als erfahrener Kommissar, der aber in seiner Chefermittlerrolle Neuland betritt und fast schon überfordert ist. Privat aber noch mehr Schwierigkeiten hat, die ihm dann auch noch in seiner Funktion als Polizist und bei den Ermittlungen hinderlich sind. Denn ausgerechnet mit Freyja musste er sich in einem One-Night-Stand hingeben  und dann auch noch belügen. Kein Wunder also, dass die Stimmung zwischen den beiden miserabel ist. Natürlich steht der Fall der ermordeten Frauen im Vordergrund, gleichzeitig ist es spannend zu sehen, wie sich das Verhältnis zwischen Huldar und Freyja entwickelt. Gerade vor dem Hintergrund, dass es eben eine Thriller-Reihe mit diesen beiden Akteuren sein wird und mit „Sog“ bereits ein zweiter Fall veröffentlicht ist.

Lange Zeit, quasi bis kurz vor dem Ende, tappt man sowohl über Motiv als auch den Täter (oder die Täterin) im Dunkeln: Spuren werden gelegt und wieder verworfen. Zu keinem Zeitpunkt lässt sich ahnen, wer dahinter steckt. Auch der Prolog und das Wissen darum, dass dieser für die Taten eine Rolle spielen, helfen nicht weiter. Dafür wird man als Leser/in immer wieder in die Irre geleitet und zusätzliche Spannung aufgebaut. So dass am Ende die Verblüffung über die Hintergründe und die Auflösung groß ist. „DNA“ ist nichts für schwache Nerven und kann für Schlafmangel sorgen.


Yrsa Sigurdardóttir “ DNA“ | Copyright: btb/Randomhouse Verlagsgruppe

Yrsa Sigurdardóttir

DNA

€ 10,00 [D] inkl. MwSt.
€ 10,30 [A] | CHF 13,90*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 09.10.2017

Taschenbuch, Klappenbroschur ISBN: 978-3-442-71575-6

 Das Rezensionsexemplar wurde mir von btb freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

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Thomas Engers „Tödlich“ – Der Showdown

Henning Juul und die Schrecken der Vergangenheit

Ein letztes Mal lässt Thomas Enger seine Hauptfigur, den Journalisten Henning Juul, sich auf die Suche nach dem Mörder seines Sohnes Jonas begeben. Nach fünf Bänden bildet „Tödlich“ den fulminanten Abschluss der Reihe. 

Tod und Erlösung

Henning Juul kann erst mit der Vergangenheit abschließen, wenn er die Mörder seines Sohnes Jonas im Gefängnis weiß. Und eben diese Recherchen im Verbrechermilieu bringen ihn immer wieder in Gefahr. Doch nicht nur ihn, auch seine Ex-Frau, ihren neuen Partner Iver Gundersen und Kommissar Bjarne Brogeland. Je tiefer Henning in das Dickicht um den ehemaligen, mittlerweile auch ermordeten Geldeintreiber und „Immobilienhändler“ Tore Pulli eindringt, um so mehr spitzt sich die Situation zu. Und fordert ihre Opfer.

Immer mysteriöser werden die Verstrickungen, die weit über die Grenzen Norwegens bis hin nach Brasilien reichen. Die Suche nach den Schuldigen wirft für Henning immer neue Fragen auf. Welche Verbindungen bestehen zu dem Mord an einer alten Frau? Wie hängt seine Schwester Trine mit all dem zusammen? Und die wichtigsten Fragen: Wer hat seinen Sohn auf dem Gewissen? Wem kann er überhaupt noch trauen?

Würdiges Ende einer spannenden Reihe

Nun war es endlich so weit: Fast genau zwei Jahre nach Erscheinen von „Gejagt“, dem vierten Band der Henning-Juul-Reihe, veröffentlicht der blanvalet Verlag den Abschluss-Band „Tödlich“. Eben dieser Abstand macht den Einstieg so kompliziert. Die Handlungen und Zusammenhänge der bisherigen Thriller müssen aus dem Gedächtnis gekramt werden, sinnvoll wäre es gewesen, wenigstens die letzte „Folge“ noch einmal zu lesen. Denn über die Jahre sind doch einige Personen und Handlungsebenen zusammengekommen. Das betrifft zwar nicht die Hauptfiguren, aber doch alle Rahmenfiguren und sämtliche auftretenden Verbrecher und Nebenstränge.

Thomas Enger macht es zu Beginn gleich spektakulär und stellt die vermeintliche Schlussszene an den Anfang. Die Geschichte nimmt dadurch unheimlich Fahrt auf und doch bricht dieser Spannungsbogen mit dem Ende des Prologs ein. Es benötigt danach einige Zeit bis dieser anfängliche Schwung wieder aufkommt. Dabei ist der Thriller alles andere als langatmig oder langweilig. Zu viele Fragen sind und waren unbeantwortet. Dennoch hält sich Enger an manchen Punkten ein klein wenig zu lang auf. Das mag  jedoch auch dem Umstand geschuldet sein, dass man nun endlich wissen will, wer Hennings Sohn (und so manch andere Person) auf dem Gewissen hat.

Mit pointierter Sprache, knackigen Dialogen und doch sehr expliziten, brutalen Szenen treibt Thomas Enger auf den Höhepunkt und die Auflösung sämtlicher offener Fragen hin. So ist es am Ende fast schon schade, dass alles aufgelöst wird und kein weiterer Fall um den so sympathischen Journalisten erscheinen wird.


Buchcover zu "Tödlich" von Thomas Enger

Thomas Enger „Tödlich“ | Copyright: blanvalet/Randomhouse Verlagsgruppe

Thomas Enger

Tödlich

€ 14,99 inkl. MwSt.

Erschienen: 28.08.2017
384 Seiten

ISBN: 978-3-764-50599-8

Das Rezensionsexemplar wurde mir von blanvalet freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Sophie Hénaff: Kommando Abstellgleis – Ein Fall für Kommissarin Capestan

Anne Capestan, Kommissarin, hat einen schweren Fehler begangen. Sie machte Gebrauch von ihrer Dienstwaffe, obwohl der Täter nur mit einem Kugelschreiber bewaffnet war. Deswegen findet sie sich jetzt in einer derangierten Pariser Wohnung wieder, die ihr neues Büro darstellen soll. Und sie ist nicht allein: 40 andere in Ungnade gefallene Polizisten – sei es aufgrund von dienstlichen Verfehlungen oder privaten Problemen – gehören zu einer neugegründeten Brigade, deren Chefin nun Anne Capestan ist.

Das Team der „Looser“ startet durch

Doch von den 40 ihr unterstellten Polizisten tauchen zu Anfang nur drei auf:  Unglücksbringer José Torrez, Commandant Lebreton von der Dienstaufsicht und Capitaine Eva Rosière, die als Schriftstellerin das große Geld gemacht hat. Um sich nicht soviel miteinander beschäftigen zu müssen, wühlen sich die Polizisten durch die Kartons voller alter Akten auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung. Schnell sind zwei unaufgeklärte Mordfälle entdeckt, die sich die Polizisten in Zweier-Teams vornehmen. Lebreton und Rosière untersuchen den Fall Yann Guénan, ein Brückenwachoffizier der 1993 erschossen aus der Seine gefischt wurde und Capestan ermittelt mit Torrez im Fall Marie Sauzelle, einer alten Dame, die einem Einbrecher zum Opfer fiel. Nach und nach trudeln noch fünf weitere Polizisten in der Brigade ein. Ein Alkoholiker, ein Pressefreund, eine Spielsüchtige, ein Autojunkie und ein ehemaliger Boxer komplettieren die bunte Mischung. Trotz all der Probleme, die die Polizisten mitbringen, sind bald erste Erfolge erkennbar und die Loser-Truppe kommt bei ihren Ermittlungen sogar der Führungsriege auf die Schliche.

Ein Krimi bunt wie das Leben

Sophie Hénaff hat mit „Kommando Abstellgleis“ einen gelungenen Krimi geschrieben, der durch die Vielzahl seiner Protagonisten begeistert. Trotz der charismatischen Kommissarin Capestan in der Hauptrolle bleiben auch die anderen Polizisten nicht nur Nebendarsteller. Kurze, eingefügte Kapitel in denen jeweils einer der Protagonisten alleine beleuchtet wird, bringen dem Leser alle Polizisten etwas näher. Und trotz all der Fehler, die die Polizisten haben oder begangen haben, sind sie alle auf ihre Art liebens- und damit lesenswert. Die bunte Mischung an Leuten und ihre Interaktion ist interessant zu beobachten und lädt zum einen oder anderen Schmunzeln ein.

Spannend ist auch die Klärung der Mordfälle, vor allem weil die Brigade von den Obrigkeiten keinerlei Unterstützung erhält und somit darauf angewiesen ist, auf unkonventionelle Mittel zurückzugreifen. Nicht nur die Tatsache, dass der Roman in Paris spielt, hebt ihn von den unzähligen französischen Krimis ab, die auf dem Büchermarkt mittlerweile zu finden sind. Auch die Wortwahl von Sophie Hénaff ist teilweise außergewöhnlich und zeigt ihre langjährige Erfahrung als Schreiberin verschiedenster Genres. Somit ist Kommando Abstellgleis ein rundum gelungenes Krimidebüt der Schriftstellerin und uneingeschränkt zu empfehlen.


Kommando Abstellgleis von Sophie Henaff | Copyright: Randomhouse

Sophie Hénaff

Kommando Abstellgleis – Ein Fall für Kommissarin Capestan

€ 14,99 [D] inkl. MwSt.
€ 15,50 [A] | CHF 20,50*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 20.03.2017
352 Seiten
ISBN: 978-3-570-58561-0

Das Rezensionsexemplar wurde mir von carl’s books/Randomhouse freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Sophie Bonnet „Provenzalisches Feuer“ – Auf den Spuren Okzitaniens

Der vierte Fall mit Kommissar Durand

Ein Krimi gemacht wie für den Sommer: „Provenzalisches Feuer“ aus dem Blanvalet Verlag spielt wie immer im südfranzösischen Sainte-Valérie. Autorin Sophie Bonnet lässt ihren Kommissar Durand dieses Mal einen pikanten Mordfall lösen. Die Ermittlungen im Fall eines Journalisten lassen Unruhe im sonst so idyllischen Örtchen aufkommen. Denn alte Geschichte kochen hoch…

Ein Dorf im Rausch

Sainte-Valérie in der Provence: Es ist Juni, der Sommer hält Einzug und das Dorf bereitet sich auf ein großes traditionelles Fest vor. Eigentlich ganz der Geschmack der Dorfbewohner und auch von Kommissar Durand, würde nicht der Bürgermeister ein riesiges touristisches Event aufziehen. Reisebusse voller Touristen werden angekarrt und Fackeln mit Aufdruck des Reiseunternehmens verteilt. Von Idylle und Tradition ist das weit entfernt. Und das ruft bei den Dorfbewohnern Argwohn hervor.

Als dann mitten während des Stadtfestes ein Journalist erstochen wird, findet das rauschende Fest ein jähes Ende. Ausgerechnet während des Auftrittes der gefeierten Band Viva Occitània. Trotz so vieler potentieller Zeugen kann Durand und sein Polizeiteam vor Ort keinen Täter dingfest machen. Zu trubelig ging es auf dem Dorfplatz zu. Am Tag darauf stellt sich jedoch heraus, dass der Journalist nicht nur in einer Kneipe mit Dorfbewohnern in Streit geriet, sondern auch ein Gespräch mit Durands Vorgänger führte.

Erste Recherchen und Ermittlungen lenken die Spur in die Vergangenheit und zum kuriosen Tod eines Schriftstellers, der einen Roman über Sainte-Valérie verfassen wollte. Doch genau das kam seinerzeit nicht gut bei den Bewohnerinnen und Bewohnern an. Denn in den Darstellungen der Figuren erkannten sie sich teils wieder, vor allem in den schlechten Eigenschaften und Charakterzügen. Doch ist dies nicht die einzige Fährte, der Kommissar Durand nachgeht: Auch die Hüter der traditionellen und aussterbenden Sprache „Okzitanisch“ geraten in den Verdacht mit dem Mord am Journalisten in Verbindung zu stehen – Durands Assistent Luc. Je tiefer Durand sich in den Fall begibt, um so größer wird auch die Gefahr für ihn. Denn irgendjemand versucht die Ermittlungen zu behindern und schreckt auch nicht vor Angriffen auf den Kommissar zurück.

Lokalkolorit und Spannung

Gewohnt launisch kommt der vierte Fall um den sympathischen Kommissar Durand daher. Ein wenig Liebesgeschichte und Fortspinnen der Beziehung mit Freundin Charlotte, die nun ihren Weg in die Selbstständigkeit wagt, darf nicht fehlen. Für alle Leserinnen und Leser der Krimis von Martin Walker, Cay Rademacher oder Jean-Luc Bannalec ist das zwar ein Bekanntes, aber auch liebgewonnenes Schema. Dies trifft auch auf die Verknüpfung der landesgeschichtlichen Geschichte, bzw. Geschichte der Regionen und dem „Savoir Vivre“ mit der Krimihandlung zu.

Das mag vielleicht auf den ersten Eindruck seicht klingen, aber der Fall ist spannend und als Leser rätselte ich bis zum Ende, wer der Täter (oder die Täterin) sein könnte. Gleichzeitig erfuhr ich mehr über die Befindlichkeiten in Südfrankreich und erstmals über die Existenz der okzitanischen Kultur sowie die Probleme zwischen gelebter Tradition und den Vorgaben aus Paris. So erinnert der Konflikt – in abgeschwächter Form –  an die Zustände in Katalonien.

Interessant und erschreckend zugleich ist die Beschreibung, wie der Dorf-Bürgermeister den Tourismus beflügeln will. Dabei aber einzig die Stadtkasse im Kopf hat, die Befindlichkeiten seines Dorfes jedoch mehr oder weniger außen vorlässt. Führt man sich noch dazu Bonnets Ausführungen über die Auswirkungen des im Krimi geschilderten, fiktiven Romans auf den Ort vor Augen, stellt sich die folgenden Frage: Wie sieht es denn in der Realität aus? Was machen beispielsweise die Frankreich-Krimis mit den kleinen Orten: Erleben diese auch eine Tourismus-Schwemme und werden quasi zu „Museumsdörfern“ oder erhalten große Hotelanlagen? Und was geschieht, wenn das Interesse an diesen Romanen und folglich den Regionen und Orten nachlässt? Insofern regt die Lektüre sogar zu kritischen Gedanken án.

Und dennoch ist „Provenzalisches Feuer“ vor allem ein spannender Krimi mit einigen Wendungen und sympathischen Charakteren. Bestens geeignet, um ihn auf dem Balkon, im Garten oder gleich im Urlaub zu lesen.


Buchcover zu Sophie Bonneta "Provenzalisches Feuer"

Sophie Bonnet „Provenzalisches Feuer“ | Copyright: Randomhouse/blanvalet

Sophie Bonnet

Provenzalisches Feuer

€ 14,99 [D] inkl. MwSt.
€ 15,50 [A] | CHF 20,50*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 22.05.2017
320 Seiten

ISBN: 978-3-7645-0613-1

Das Rezensionsexemplar wurde mir von blanvalet freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

Luis Sellano „Portugiesische Rache“ – Historische Verstrickungen in Lissabon

Ein „Ausflug“ in Portugals unrühmliche Vergangenheit

Auch im zweiten Kriminal-Roman um Neu-Antiquariatsbesitzer und Ex-Polizist Henrik Falkner bindet Autor Luis Sellano Portugals jüngere Vergangenheit ein. Vor der Kulisse Lissabons muss sich Falkner mit alten und neuen Widersachern messen.

Henrik Falkner – Jäger und Gejagter

Als der durch Messerstiche schwer verletzte IT-Spezialist Ruben Mendes in den Armen von Henrik Falkner zu sterben droht – und dies auch später im Krankenhaus tut -, ist klar, dass es für den Ex-Polizisten wieder losgeht. Denn natürlich kommt er nicht umhin, die Hintergründe für den Mord herauszufinden. Zumal der Verstorbene noch kurz zuvor in Falkners geerbtem Antiquariat ein Buch kaufte. So liegt es nahe, einen Zusammenhang zwischen Buchkauf und dem gewaltsamen Tot zu wittern.

Und wie schon bei den Geschehnissen in „Portugiesisches Erbe“ bekommt es Henrik Falkner mit alten Feinden und glücklicherweise auch alten Freunden zu tun. So sind die junge Polizistin Helena, die Ärztin Filipa und Mönch Bruno an und auf der Seite des Antiquariatsbesitzers.

Als die Polizei im Mann der Geliebten den Mörder von Ruben Mendes verkündet, scheint der Fall aufgeklärt. Doch schnell merkt der geschulte Ex-Polizist, dass hier politischer Druck herrscht und die wahren Schuldigen nicht gefunden werden sollen. Damit gibt sich Henrik Falkner nicht zufrieden, zu groß ist sein Gerechtigkeitssinn. Dadurch bringt er nicht nur sich und seinen Vater in Gefahr, sondern auch Helena mit ihrer kleinen Tochter sowie seine Mitarbeiterin Catia. Denn die Feinde und Täter stammen aus der Zeit Portugals unter Ministerpräsident und Diktator António de Oliveira Salazar. Und deren Skrupel Gewalt anzuwenden sind nicht geringer geworden, schließlich gibt es einiges vor der Öffentlichkeit zu vertuschen…

Krimi, Politik- und Landesgeschichte

Auf knapp 350 Seiten führt Autor Luis Sellano seine Leserinnen und Leser auf eine spannende Jagd nach dem Mörder von Rubin Mendes. Dabei hat er in Henrik Falkner eine geeignete und sympathische Hauptfigur entwickelt, die bereits in „Portugiesische Erbe“ in Lissabon ermitteln durfte. Anders als es im ersten Band noch der Fall war, wirkt die Handlung und vor allem das Ende nicht so konstruiert bzw. zufällig.

Neben der Kenntnis von Lissabon, die sich in detaillierten und liebevollen Beschreibungen der Orte zeigt, beweist Sellano auch sein Wissen der Geschichte Portugals unter der Herrschaft Salazars. Als geschichtlich- und politischinteressierter Leser war ich erstaunt, wie wenig ich doch über diese Hintergründe und Geschehnisse aus einer Zeit und einem Staat weiß, die noch nicht so lange zurückliegt. Mit den verknüpften Hintergründen und Geschehnissen um die Verfolgung von Regimekritikern, in diesem Fall fiktionale Personen, entsteht nicht nur Spannung, sondern noch dazu Interesse an dieser Epoche.

Sympathische Akteure: Henrik, Helena, Filipa, …

Was wäre die atemloseste Handlung ohne das passende „Personal“: Die bereits im ersten Band liebgewonnenen Akteure um Henrik Falkner wirken allesamt auch in „Portugiesische Rache“ mit. Und Sellano erweitert es sogar, zumindest für diesen Fall, um Henriks Vater, der kaum aus dem heimischen Ehegefängnis ausgebrochen, ein Techtelmechtel mit der Mutter eines der Mieter von Henrik beginnt. Neben der Hatz nach den Tätern kommen weder Humor noch die Liebe zu kurz.

Denn so sehr Henrik Falkner noch an seiner verstorbenen Frau hängt, seine Zuneigung zu Polizistin Helena wächst und eine erste Annäherung findet auch statt. Überhaupt hat Sellano seinen Protagonisten, anders als es in so vielen nordischen Krimis der Fall ist, nicht als zutiefst depressive, alkohol- oder drogenkranke Person eingeführt. Aber das würde auch nicht in das umtriebige Lissabon passen.

Freuen darf man sich auf den dritten Band, denn längst nicht alle offenen Fragen werden am Ende beantwortet. Schon gar nicht, wer João, den Lebensgefährten von Henriks Onkel Martin, und vielleicht sogar Martin ermordete. Ganz zu schweigen vom Cliffhanger um Catia, Henriks Antiquariatsmitarbeiterin.


Buchcover zu Luis Sellanos Krimi "Portugiesische Rache"

Luis Sellano „Portugiesische Rache“ | Copyright: Heyne Verlag

Luis Sellano

Portugiesische Rache

€ 14,99 [D] |€ 15,50 [A] | CHF 20,50*

(* empf. VK-Preis)
Erschienen: 09.05.2017
512 Seiten

ISBN: 978-3-453-41945-2

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Heyne Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer bedrohten Art

Drei Länder, zwei Jahrhunderte und eine Gemeinsamkeit: die Bienen

Mit „Die Geschichte der Bienen“ ist der Norwegerin Maja Lunde, erschienen im btb Verlag, ein beachtlicher nationaler sowie internationaler Erfolg gelungen: In Norwegen erhielt die Autorin den Buchhändlerpreis für den Roman des Jahres und stürmte damit auch in zahlreichen anderen Ländern die Bestsellerlisten. Und das alles nur wegen Bienen – faszinierenden wie bedrohten Tierart.

England, USA und China: Drei Kontinente, drei Jahrhunderte und die Bienen

William lebt 1852 in England. Er ernährt seine Familie mit den Einnahmen aus seiner Samenhandlung, obwohl er lieber ein angesehener Biologe wäre. Doch die Liebe und die damit einhergehende Kinderschar (8) verhinderten seine Karriere als Wissenschaftler. Deshalb verbringt er seine Tage depressiv im Bett. Bis ihm eines Tages ein Buch über Bienen in die Hände fällt. Sein Forscherinstinkt wird erneut geweckt und er begibt sich daran, einen revolutionierten Bienenstock zu bauen.

155 Jahre später führen uns die Bienen zu George in die USA nach Ohio. Er ist Imker mit Leib und Seele. Aber nicht einer dieser „Industrie-Imker“. George baut seine Bienenstöcke selber, hat nicht allzu viele Völker und kutschiert seine Bienen auch nicht durch die ganzen USA, um ihre Bestäubungsleistung zu verkaufen. Langsam älter werdend, möchte er seinen Sohn Tom dazu bringen, den Betrieb zu übernehmen: doch Tom hat andere Pläne. Als Georges Bienen auf einmal sterben, sieht die Familie ihre Existenz bedroht.

2098 in China: Tao lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn Wei-Wen in einer winzigen Wohnung. Als Familie haben sie nur wenig gemeinsame Zeit, müssen Tao und ihr Mann doch jeden Tag 12 Stunden in den riesigen Plantagen arbeiten und die Blüten der Obstbäume bestäuben: denn Bienen gibt es keine mehr. Die Drei leben ein Leben voller Entbehrungen, in einer Welt, in der nun auch der Mensch vom Aussterben bedroht ist und doch sind sie glücklich, denn sie haben sich. Bis Wei-Wen auf einem Ausflug etwas zustößt, das alles verändern könnte.

Ein Roman und (k)ein Sachbuch

Wir brauchen die Bienen und können deshalb nicht so weitermachen wie bisher: Das ist die Kernbotschaft der norwegischen Autorin Maja Lunde. Aber was wir tun können, damit die Bienen nicht ganz verschwinden und uns ein Schreckensszenario wie die Welt von Tao erspart bleibt, findet im Buch nicht wirklich eine Erwähnung. Und das ist das große Manko des Buches: Der Leser wird für das Thema sensibilisiert, aber dann mit leeren Händen stehengelassen. Andererseits ist es eben ein Roman und kein Sachbuch, obwohl die Schilderungen und Erkenntnisse gut recherchiert sind.

So ist „Die Geschichte der Bienen“ ein gut geschriebener Roman, der vor allem durch die sich abwechselnden Episoden aus den Leben der einzelnen Protagonisten überzeugt. Die Sprache ist klar, schnörkellos und auf den Punkt. Hier merkt man der Autorin an, dass Sie zuvor vor allem Kinder- und Jugendliteratur verfasst hat. Neben den Bienen beleuchtet die Autorin vor allem das Thema „Vater und Sohn“ und welche Rolle, die Mütter dabei spielen. Wer an Familiengeschichten interessiert ist und nebenbei etwas über das Leben der Bienen und ihre immens wichtige Rolle für uns lernen möchte, sollte auf jeden Fall zu diesem Buch greifen.


Buchcover "Die Geschichte der Bienen" von Maja Lunde

Maja Lunde „Die Geschichte der Bienen“
| Copyright: btb Verlag

Maja Lunde

Die Geschichte der Bienen

€ 20,00 [D] , € 20,60 [A],  CHF 26,90*
(* empf. VK-Preis)
Erschienen am 20.03.2017
512 Seiten
ISBN: 978-3-442-75684-1

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom btb Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Cilla und Rolf Börjlind „Schlaflied“ – höchste Spannung vor aktuellem Hintergrund

Anders als der Titel „Schlaflied“ des mittlerweile vierten Falls des schwedischen Ermittlerduos Olivia Rönning und Tom Stilton vermuten lassen könnte, ist der Band alles andere als einschläfernd. Diesmal begeben sich die beiden auf die Suche nach einem brutalen Kindermörder.

Tote Flüchlingskinder und rumänische Verbrecher

Verscharrt in einem Wald irgendwo in der schwedischen Provinz Smaland wird die Leiche eines ermordeten Jungen entdeckt. Unweit vom Fundort entdeckt die Spurensicherung einen Dolch, dessen Inschrift auf eine rumänische Verbrecherorganisation hinweist. Doch ebenfalls in der Nähe wohnt ein vom Dienst suspendierter Lehrer, der im Verdacht des Missbrauchs seiner Schüler stand und einem Pädophilennetzwerk angehört. Daher folgen Olivia Rönning und Tom Stilton, der nach seinem Burnout wieder bei der Mordkommission Fuß fasst, beiden Spuren.

Doch schnell erkaltet die Fährte zum potentiellen Kinderschänder. So fliegen Rönning und Stilton im Auftrag ihrer Vorgesetzten Mette nach Bukarest, um vor Ort in der rumänischen Verbrecherwelt zu ermitteln. Wortwörtlich müssen sie in die Unterwelt hinabsteigen: In der Kanalisation Bukarests zwischen  drogensüchtigen, obdachlosen Kindern und Jugendlichen suchen sie nach Hinweisen, die sie zur Identität des Jungen führen könnten. In der Tat entdecken sie, dass der ermordete Junge aus einer  Romafamilie stammt. Gleichwohl die Recherchen zielführend sind, stellen sie sich jedoch auch als gefährlich heraus: Denn Olivia und Tom kommen einem Oberhaupt einer überaus brutalen Verbrecherbande zu nahe.

Zurück in Schweden tauchen in einer Baugrube zwei weitere Leichen auf, wiederum Jugendliche. Diesmal ein farbiger Jungen und ein Flüchtlingsmädchen aus Afghanistan. Hier entdeckt der Pathologe Entsetzliches: Beiden wurde vor ihrem Tod die Nieren entfernt – und wie sich herausstellt auch dem Romajungen. Ein  Handel mit den Organen von Flüchlingskindern?

Ausnutzen der Krise

Wie schon die drei vorherigen Bände überzeugt auch „Schlaflied“ aus vielerlei Gründen: Zum einen werden die vorhandenen Charaktere weitergeführt und weiterentwickelt. Je länger die Reihe andauert, um so besser lernt man die einzelnen Akteure kennen. Ganz gleich ob das Tom Stilton, Olivia Rönning oder Mette ist. Sie alle haben Stärken, Schwächen und Sehnsüchte, handeln aber ebenfalls durchaus impulsiv. Die immer wieder auftauchenden Figuren und ihre Eigenheiten werden durch die horizontale Erzählhaltung der beiden Autoren betont. Und dennoch lassen sie die (altbekannten) Personen leiden und Schaden nehmen, so dass hier zusätzliche Spannung entsteht.

Überhaupt ist der neue Fall überaus spannend, weil er mit der Flüchlingskrise ein aktuelles Thema nutzt. Schutzsuchende und noch dazu Kinder werden hier von raffgierigen Verbrechern ausgenutzt, ohne Anstand und Moral. Menschliche Abgründe tun sich auf, zeigen allerdings auch, woher diese Gier kommt. Sie erwächst oder erwuchs aus der Armut anderer „Notleidenden“, die sich dann wiederum am Elend bereichern und versuchen der Armut zu entkommen. Allerdings auf höchst kriminelle Art und Weise. Dies schildern die beiden Autoren sehr eindringlich und sehr realistisch.  Das trifft auch auf die Darstellung der vollkommen überlasteten Polizisten in Rumänien zu, die bis an die Grenzen ihrer psychischen und physischen Belastung gelangen.

Man merkt der Schreibweise von Cilla und Rolf Börjlind ihre jahrelange Erfahrung als Drehbuchautoren an: Viele Momente und Beschreibungen wirken so szenisch, dass man sie sich perfekt verfilmt vorstellen kann. Insofern wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich ein Fernsehsender die Rechte an der Reihe sichern wird.

Anders als es bei vielen anderen Reihen der Fall ist, kann „Schlaflied“ das Niveau der vorangegangenen Bände nicht nur halten, sondern für meinen Geschmack sogar noch toppen. Die knapp 600 Seiten merkt man nur am Gewicht, aber nicht an der Lesedauer. Überraschend war für mich das Ende – und mein persönliches Highlight. Wieso, das kann hier nicht verraten werden …


Buchcover zu Cilla und Rolf Börjlinds Krimi "Schlaflied"

Cilla und Rolf Börjlind
„Schlaflied“ | Copyright: btb/Randomhouse

Cilla Börjlind, Rolf Börjlin

Schlaflied
576 Seiten
erschienen am 20. Februar 2017

€ 15,00 [D] inkl. MwSt.
€ 15,50 [A] | CHF 20,50*
(* empf. VK-Preis)
Paperback, Klappenbroschur ISBN: 978-3-442-75716-9

Das Rezensionsexemplar wurde mir von btb/Randomhouse Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!