Robert Hültners „Lazare und der tote Mann am Strand“ – Ein Frankreichkrimi ohne Postkartenidylle

Nicht noch ein Frankreich-Krimi mag man denken, wenn einem „Lazare und der tote Mann am Strand“ von Autor Robert Hültner in die Hände fällt. Doch der bei Randomhouse erschiene Krimi hat rein gar nichts von einem belanglosem Urlaubskrimi, sondern greift neben aktuellen Themen wie dem Erstarken der Rechtspopulisten und wirtschaflichen Veränderungen auch die deutsch-französisch Vergangenheit auf.

Zwei Morde, viele Verstrickungen

Ein junger Mann liegt tot am Strand von Sète, einer kleinen französischen Hafenstadt am Mittelmeer, und obwohl die örtliche Polizei diesen Mord für einen Routinefall hält, wird Commissaire Lazare hinzugezogen. Da der junge Pablo Fernandez ein Gitan ist, wie man Sinti und Roma in Frankreich nennt, und diese in Sète höchstens toleriert aber alles andere als gut behandelt werden, vermutet der Commissaire einen rassistischen Hintergrund. Lazare, der sonst in Montpellier arbeitet, stammt aus der Region und kümmert sich immer wieder um seinen hochbetagten und mittlerweile renitenten Onkel Jules. Er begibt sich auf die Spurensuche und ist dabei wenig zimperlich, hat er doch einen größeren Auftrag – der jedoch erst im weiteren Verlauf des Krimis an Klarheit gewinnt. Auch im Fall eines geflohenen Polizistinnenmörders aus Bayern greift Lazare in die Ermittlungen ein und versucht, nebenbei diesen Fall ebenfalls zu klären.

Fast zeitgleich kommt es in einem kleinen Ort in den Cevennen zu einem weiteren Mord – und dann noch einem: Hier ist es jedoch ein Bauer, der tot auf einer Weide aufgefunden wird. Scheint hier lange Zeit kein Zusammenhang zwischen beiden Morden zu bestehen, kristallisiert das Gegenteil heraus. Und auch hier muss Lazare all sein Können unter Beweis stellen. Denn die Bergbewohner und auch der eigentlich ermittelnde Kommissar sind ein schwieriger Menschenschlag, wie auch Lazares Onkel Siset. Der mit seinen 90 Jahren zwar altersstar ist, aber keinen Deut von seinen linken Ansichten abweicht.

Viele Fälle und ein Bild von Frankreich

Bevor Robert Hültner nun mit „Lazare und der tote Mann am Strand“ auf die Literaturbildfläche zurückkehrte, erlangte über  Bekanntschaft mit seiner Reihe um Inspektor Katejan, der aber vor vier Jahren ein Ende fand. Nun also Frankreich: Anders als es bei vielen anderen Frankreich-Krimis der Fall ist, ist dies kein Urlaubskrimi, der Kulinarisches in den Vordergrund stellt. Das würde diesen Krimi tatsächlich auch nicht gut zu Gesicht stehen.

Narcisco Lazare ist in seiner Figur als Commandant de Police und in seinem Rang als Offizier dominant, Befehle zu erteilen, ist für ihn ganz natürlich. Dabei agiert er zwar autoritär, aber nicht unsympathisch. Gleichzeitig hinterfragt er sich und die Ermittlungen ständig, sucht die Widersprüche – von denen Hültner einige im Werk untergebracht. Zahlreich sind ebenfalls die Themen: Angefangen von der Alltagsdiskriminierung der Sinti und Roma, dem Erstarken des Front National mit all seinen Folgen und noch dazu der deutsch-französischen Geschichte mit ihren Auswirkungen auf die Gegenwart. Dabei beident sich Hültner einer unaufdringlichen, aber zugleich pointierten Sprache. Ruhig und gelassen wird man als Leser (und Leserin) durch den Krimi geführt. All das ist keine leichte Kost, aber wunderbar be- und geschrieben. An den richtigen Stellen mit der nötigen Portion Ironie versehen. Mit der nötigen Zeit, denn die benötigt man aufgrund der Vielzahl an Personen udn Handlungssträngen, kommt man den Zusammenhängen auf die Spur und erhält ganz nebenbei ein sehr genaues Bild vom heutigen Frankreich.

 


buchcover zu "Lazare und der tote Mann am Strand"

„Lazare und der tote Mann am Strand“ von Robert Hueltner | Copyright: btb/Randomhouse

Robert Hültner

Lazare und der tote Mann am Strand

€ 20,00 [D] inkl. MwSt.
€ 20,60 [A] | CHF 26,90*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 13.06.2017

ISBN: 978-3-442-75660-5

Das Rezensionsexemplar wurde mir von btb freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

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Luis Sellano „Portugiesische Rache“ – Historische Verstrickungen in Lissabon

Ein „Ausflug“ in Portugals unrühmliche Vergangenheit

Auch im zweiten Kriminal-Roman um Neu-Antiquariatsbesitzer und Ex-Polizist Henrik Falkner bindet Autor Luis Sellano Portugals jüngere Vergangenheit ein. Vor der Kulisse Lissabons muss sich Falkner mit alten und neuen Widersachern messen.

Henrik Falkner – Jäger und Gejagter

Als der durch Messerstiche schwer verletzte IT-Spezialist Ruben Mendes in den Armen von Henrik Falkner zu sterben droht – und dies auch später im Krankenhaus tut -, ist klar, dass es für den Ex-Polizisten wieder losgeht. Denn natürlich kommt er nicht umhin, die Hintergründe für den Mord herauszufinden. Zumal der Verstorbene noch kurz zuvor in Falkners geerbtem Antiquariat ein Buch kaufte. So liegt es nahe, einen Zusammenhang zwischen Buchkauf und dem gewaltsamen Tot zu wittern.

Und wie schon bei den Geschehnissen in „Portugiesisches Erbe“ bekommt es Henrik Falkner mit alten Feinden und glücklicherweise auch alten Freunden zu tun. So sind die junge Polizistin Helena, die Ärztin Filipa und Mönch Bruno an und auf der Seite des Antiquariatsbesitzers.

Als die Polizei im Mann der Geliebten den Mörder von Ruben Mendes verkündet, scheint der Fall aufgeklärt. Doch schnell merkt der geschulte Ex-Polizist, dass hier politischer Druck herrscht und die wahren Schuldigen nicht gefunden werden sollen. Damit gibt sich Henrik Falkner nicht zufrieden, zu groß ist sein Gerechtigkeitssinn. Dadurch bringt er nicht nur sich und seinen Vater in Gefahr, sondern auch Helena mit ihrer kleinen Tochter sowie seine Mitarbeiterin Catia. Denn die Feinde und Täter stammen aus der Zeit Portugals unter Ministerpräsident und Diktator António de Oliveira Salazar. Und deren Skrupel Gewalt anzuwenden sind nicht geringer geworden, schließlich gibt es einiges vor der Öffentlichkeit zu vertuschen…

Krimi, Politik- und Landesgeschichte

Auf knapp 350 Seiten führt Autor Luis Sellano seine Leserinnen und Leser auf eine spannende Jagd nach dem Mörder von Rubin Mendes. Dabei hat er in Henrik Falkner eine geeignete und sympathische Hauptfigur entwickelt, die bereits in „Portugiesische Erbe“ in Lissabon ermitteln durfte. Anders als es im ersten Band noch der Fall war, wirkt die Handlung und vor allem das Ende nicht so konstruiert bzw. zufällig.

Neben der Kenntnis von Lissabon, die sich in detaillierten und liebevollen Beschreibungen der Orte zeigt, beweist Sellano auch sein Wissen der Geschichte Portugals unter der Herrschaft Salazars. Als geschichtlich- und politischinteressierter Leser war ich erstaunt, wie wenig ich doch über diese Hintergründe und Geschehnisse aus einer Zeit und einem Staat weiß, die noch nicht so lange zurückliegt. Mit den verknüpften Hintergründen und Geschehnissen um die Verfolgung von Regimekritikern, in diesem Fall fiktionale Personen, entsteht nicht nur Spannung, sondern noch dazu Interesse an dieser Epoche.

Sympathische Akteure: Henrik, Helena, Filipa, …

Was wäre die atemloseste Handlung ohne das passende „Personal“: Die bereits im ersten Band liebgewonnenen Akteure um Henrik Falkner wirken allesamt auch in „Portugiesische Rache“ mit. Und Sellano erweitert es sogar, zumindest für diesen Fall, um Henriks Vater, der kaum aus dem heimischen Ehegefängnis ausgebrochen, ein Techtelmechtel mit der Mutter eines der Mieter von Henrik beginnt. Neben der Hatz nach den Tätern kommen weder Humor noch die Liebe zu kurz.

Denn so sehr Henrik Falkner noch an seiner verstorbenen Frau hängt, seine Zuneigung zu Polizistin Helena wächst und eine erste Annäherung findet auch statt. Überhaupt hat Sellano seinen Protagonisten, anders als es in so vielen nordischen Krimis der Fall ist, nicht als zutiefst depressive, alkohol- oder drogenkranke Person eingeführt. Aber das würde auch nicht in das umtriebige Lissabon passen.

Freuen darf man sich auf den dritten Band, denn längst nicht alle offenen Fragen werden am Ende beantwortet. Schon gar nicht, wer João, den Lebensgefährten von Henriks Onkel Martin, und vielleicht sogar Martin ermordete. Ganz zu schweigen vom Cliffhanger um Catia, Henriks Antiquariatsmitarbeiterin.


Buchcover zu Luis Sellanos Krimi "Portugiesische Rache"

Luis Sellano „Portugiesische Rache“ | Copyright: Heyne Verlag

Luis Sellano

Portugiesische Rache

€ 14,99 [D] |€ 15,50 [A] | CHF 20,50*

(* empf. VK-Preis)
Erschienen: 09.05.2017
512 Seiten

ISBN: 978-3-453-41945-2

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Heyne Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

Ein Buch über die Liebe zum Leben und vom Abschied – Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“

Mit dem bei Rowohlt posthum in Buchform publiziertem digitalem Tagebuch „Arbeit und Struktur“ von Wolfgang Herrndorf endet dessen „kurzes“ schriftstellerisches Schaffen. Nachdem bei ihm im Februar 2010 ein Glioblastom, also ein bösartiger Gehirntumor, diagnostiziert wurde, stürzte sich Wolfgang Herrndorf in die Arbeit. So beendete er vor seinem Freitod am 26. August 2013 noch die beiden Werke „Tschick“ und „Sand“, welche in den Kritiken zu Recht hoch gelobt wurden.

Wolfgang Herrndorf beschloss kurz nach der Diagnose, im Blog über sein Leben und den Krankheitsverlauf zu schreiben, daher stürzte er sich in die Arbeit anstelle den Empfehlungen der Ärzte zu folgen und sich noch ein schönes Jahr zu gönnen. So nimmt man als Leser des Blogs und nun des Buches Anteil am sich immer weiter abzeichnenden Tod eines Menschen. Eines Menschen, der auf oftmals humorvolle und zugleich ergreifende Art und Weise seine stetig schlechter werdende Verfassung beschreibt. Anfangs ist es ein voyeuristisches Gefühl, ihm quasi beim Sterben zuzulesen, doch dieses Gefühl weicht, je weiter man liest. Es weicht dem Erstaunen vor der Leistung und dem Willen zu leben, zu schreiben und zu lesen. Es entstanden inklusive dem Blog drei ganz unterschiedliche Werke. Und dann muss man als Leser feststellen, dass ein Mensch innerhalb von drei Jahren noch dazu unzählige Bücher anderer Autoren gelesen hat. So entstehen zahlreiche Querverweise auf die (Welt-)Literatur, richtet sich gegen andere deutsche Autoren und verurteilt das Feuilleton, fast schon mehr als nur reine Intertextualität.

Feststellen lässt sich auch, wie wichtig für Wolfgang Herrndorf seine Freunde waren und, dass sie immer mehr an Bedeutung gewannen. Genauso sehr wie die ansteigende Freude an der Natur, den kleinen Dingen des Lebens. Noch mehr beeindruckte mich beim Lesen, wie sehr Wolfgang Herrndorf die gesamte Zeit über darauf Wert legt, Herr über sein Leben und sein Ende zu sein.

Trotz der Thematik und dem Wissen um die Realität des Inhalts oder vielleicht gerade deswegen, ist die Lektüre von „Arbeit und Struktur“ nur zu empfehlen. Den Abschluss der Buchkritik bilden die beiden unten zitierten Einträge:

10.8.2010, 16:05. Die mittlerweile gelöste Frage der Exitstrategie hat eine so durchschlagend beruhigende Wirkung auf mich, dass unklar ist, warum das nicht die Krankenkasse zahlt. Globuli ja, Bazooka nein. Schwachköpfe.

20.8.2010.
Am Ende, wenn die Welt vergeht
Und kein Gedicht weiß, wer wir waren,
Wenn kein Atom mehr von uns steht
Seit zwölf Milliarden Jahren,

Wenn schweigend still das All zerstiebt
Und mit ihm auch die letzten Fragen,
Wird es die Welt, die’s nicht mehr gibt,
Niemals gegeben haben.

Wolfgang Herrndorf – Arbeit und Struktur, Rowohl Berlin 2012, 448 Seiten, 19,95, ISBN 978-3-87134-781-8