Luis Sellano „Portugiesische Rache“ – Historische Verstrickungen in Lissabon

Ein „Ausflug“ in Portugals unrühmliche Vergangenheit

Auch im zweiten Kriminal-Roman um Neu-Antiquariatsbesitzer und Ex-Polizist Henrik Falkner bindet Autor Luis Sellano Portugals jüngere Vergangenheit ein. Vor der Kulisse Lissabons muss sich Falkner mit alten und neuen Widersachern messen.

Henrik Falkner – Jäger und Gejagter

Als der durch Messerstiche schwer verletzte IT-Spezialist Ruben Mendes in den Armen von Henrik Falkner zu sterben droht – und dies auch später im Krankenhaus tut -, ist klar, dass es für den Ex-Polizisten wieder losgeht. Denn natürlich kommt er nicht umhin, die Hintergründe für den Mord herauszufinden. Zumal der Verstorbene noch kurz zuvor in Falkners geerbtem Antiquariat ein Buch kaufte. So liegt es nahe, einen Zusammenhang zwischen Buchkauf und dem gewaltsamen Tot zu wittern.

Und wie schon bei den Geschehnissen in „Portugiesisches Erbe“ bekommt es Henrik Falkner mit alten Feinden und glücklicherweise auch alten Freunden zu tun. So sind die junge Polizistin Helena, die Ärztin Filipa und Mönch Bruno an und auf der Seite des Antiquariatsbesitzers.

Als die Polizei im Mann der Geliebten den Mörder von Ruben Mendes verkündet, scheint der Fall aufgeklärt. Doch schnell merkt der geschulte Ex-Polizist, dass hier politischer Druck herrscht und die wahren Schuldigen nicht gefunden werden sollen. Damit gibt sich Henrik Falkner nicht zufrieden, zu groß ist sein Gerechtigkeitssinn. Dadurch bringt er nicht nur sich und seinen Vater in Gefahr, sondern auch Helena mit ihrer kleinen Tochter sowie seine Mitarbeiterin Catia. Denn die Feinde und Täter stammen aus der Zeit Portugals unter Ministerpräsident und Diktator António de Oliveira Salazar. Und deren Skrupel Gewalt anzuwenden sind nicht geringer geworden, schließlich gibt es einiges vor der Öffentlichkeit zu vertuschen…

Krimi, Politik- und Landesgeschichte

Auf knapp 350 Seiten führt Autor Luis Sellano seine Leserinnen und Leser auf eine spannende Jagd nach dem Mörder von Rubin Mendes. Dabei hat er in Henrik Falkner eine geeignete und sympathische Hauptfigur entwickelt, die bereits in „Portugiesische Erbe“ in Lissabon ermitteln durfte. Anders als es im ersten Band noch der Fall war, wirkt die Handlung und vor allem das Ende nicht so konstruiert bzw. zufällig.

Neben der Kenntnis von Lissabon, die sich in detaillierten und liebevollen Beschreibungen der Orte zeigt, beweist Sellano auch sein Wissen der Geschichte Portugals unter der Herrschaft Salazars. Als geschichtlich- und politischinteressierter Leser war ich erstaunt, wie wenig ich doch über diese Hintergründe und Geschehnisse aus einer Zeit und einem Staat weiß, die noch nicht so lange zurückliegt. Mit den verknüpften Hintergründen und Geschehnissen um die Verfolgung von Regimekritikern, in diesem Fall fiktionale Personen, entsteht nicht nur Spannung, sondern noch dazu Interesse an dieser Epoche.

Sympathische Akteure: Henrik, Helena, Filipa, …

Was wäre die atemloseste Handlung ohne das passende „Personal“: Die bereits im ersten Band liebgewonnenen Akteure um Henrik Falkner wirken allesamt auch in „Portugiesische Rache“ mit. Und Sellano erweitert es sogar, zumindest für diesen Fall, um Henriks Vater, der kaum aus dem heimischen Ehegefängnis ausgebrochen, ein Techtelmechtel mit der Mutter eines der Mieter von Henrik beginnt. Neben der Hatz nach den Tätern kommen weder Humor noch die Liebe zu kurz.

Denn so sehr Henrik Falkner noch an seiner verstorbenen Frau hängt, seine Zuneigung zu Polizistin Helena wächst und eine erste Annäherung findet auch statt. Überhaupt hat Sellano seinen Protagonisten, anders als es in so vielen nordischen Krimis der Fall ist, nicht als zutiefst depressive, alkohol- oder drogenkranke Person eingeführt. Aber das würde auch nicht in das umtriebige Lissabon passen.

Freuen darf man sich auf den dritten Band, denn längst nicht alle offenen Fragen werden am Ende beantwortet. Schon gar nicht, wer João, den Lebensgefährten von Henriks Onkel Martin, und vielleicht sogar Martin ermordete. Ganz zu schweigen vom Cliffhanger um Catia, Henriks Antiquariatsmitarbeiterin.


Buchcover zu Luis Sellanos Krimi "Portugiesische Rache"

Luis Sellano „Portugiesische Rache“ | Copyright: Heyne Verlag

Luis Sellano

Portugiesische Rache

€ 14,99 [D] |€ 15,50 [A] | CHF 20,50*

(* empf. VK-Preis)
Erschienen: 09.05.2017
512 Seiten

ISBN: 978-3-453-41945-2

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Heyne Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

Martin Walkers „Grand Prix“ – Eine Rallye, ein Oldtimer, ein Mord und viel „savoir vivre“

Fall neun für den Chef de Police

Wieder einmal entführt uns Martin Walker mit dem neunten Fall von Bruno Courrèges ins idyllische Périgord. In „Grand Prix“ – wie immer im Schweizer Diogenes Verlag veröffentlicht – übernimmt der Chef de police mal wieder die Rolle des Organisators und kümmert sich um die Ausrichtung einer Oldtimerrallye. Doch auch dieses Mal geht es nicht nur beschaulich zu: Ein Mord darf nicht fehlen!

Teure Oldtimer, neue Sorgen

Eigentlich ist Bruno Courrèges der Dorfpolizist von Saint-Denis und gleichzeitig ist er vielmehr als das: Sozialarbeiter, rechte Hand des Bürgermeisters, Sporttrainer der Rugbymannschaft sowie ebenfalls „Tourismus-Experte“ und Förderer der heimischen Wirtschaft. In dieser Funktion hat Bruno maßgeblich dazu beigetragen, dass eine Oldtimer-Rallye im kleinen französischen Ort stattfindet und eben diese Oldtimer im Dorfzentrum ausgestellt werden.  Der Andrang ist tatsächlich riesengroß: Zahlreiche Teilnehmerinnern und Teilnehmer folgen der Einladung, sogar aus anderen Landesteilen, ebenso viele Besucherinnen und Besucher strömen nach Saint-Denis um das Spektakel zu verfolgen.

Unter diesen befinden sich zwei besonders besessene Sammler, die sich auf die Suche nach einem der teuersten Autos befinden: Dem Bugatti Typ 57SC Atlantic, welcher in dern 1930er Jahren nur viermal produziert wurde. Und ausgerechnet eines dieser Exemplare soll während des Zweiten Weltkrieges verschwunden sein. Doch mit der Rallye und der Autosuche kommen das Verbrechen und alte Bekannte nach Saint-Denis: Ein pensionierter Forscher wird ermordet, Commissaire Isabelle Perrault ermittelt in Fällen von Geldwäsche und Finanzierung des internationalen Terrorismus.

Viel Leben, wenig Ermittlung und dennoch spannend

Abgesehen vom achten Fall „Eskapaden„, in dem Martin Walker seinen Chef de Police als „James Bond vom Land“ darstellte, kehrt nun deutlich mehr Ruhe ein. Bis zu Seite 150 (von 384 Seiten) kann man fast gar nicht von einem Kriminalroman sprechen. Denn außer einem Todesfall, der nicht einmal wie ein Mord daherkommt, geht es gewohnt beschaulich zu. Fast wirkt es, als besinne sich Walker auf die Stärken, die die Bruno-Reihe bislang ausgemacht haben: Die Schilderung von Land, Leuten, Lebenskultur in Form von Essen und Trinken und der Dorfgemeinschaft.

Trotzdessen dem Verbrechen „zu Beginn“ wenig Spiel- und Erzählraum geboten wird, kommt keine Langweile auf. Und dies liegt eindeutig eben an den ausführlichen Beschreibungen des Umfelds und der Situationen rund um Bruno Courrèges. Als dann auch noch der Fall um den getöteten Forscher, die Rallye und das Auftauchen von Isabelle beginnt, nimmt der Roman Fahrt auf.

Als Leser geht man auf eine Reise, die zurück in die Zeit des „Grande Guerre“ führt. Wieder einmal lässt Martin Walker seine Qualitäten als studierter Historiker aufblitzen, indem er zahlreiche Details verarbeitet und die Fiktion mit Fakten anreichert. So zum Beispiel die Hintergrundinformation über den Wert des Bugatti Typ 57SC Atlantic als teuerster Oldtimer der Welt – wie Wikipedia es führt.

Für alle Fans von Bruno Courrèges wird „Grand Prix“ einer der besten Fälle sein und für alle neuen Leserinnern und Leser ein guter Einstieg – auch wenn man so viele Informationen rund um das durchaus turbulente Liebesleben von Bruno nicht verstehen kann.


Buchcover Martin Walker „Grand Prix“ aus dem Diogenes Verlag AG

Martin Walker „Grand Prix“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Martin Walker

Grand Prix

€ 24 [D], sFr 32.00 [CH],  € 24.70 [A]
Erschienen am 26.04.2017
384 Seiten
ISBN: 978-3-257-06991-4

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Cilla und Rolf Börjlind „Schlaflied“ – höchste Spannung vor aktuellem Hintergrund

Anders als der Titel „Schlaflied“ des mittlerweile vierten Falls des schwedischen Ermittlerduos Olivia Rönning und Tom Stilton vermuten lassen könnte, ist der Band alles andere als einschläfernd. Diesmal begeben sich die beiden auf die Suche nach einem brutalen Kindermörder.

Tote Flüchlingskinder und rumänische Verbrecher

Verscharrt in einem Wald irgendwo in der schwedischen Provinz Smaland wird die Leiche eines ermordeten Jungen entdeckt. Unweit vom Fundort entdeckt die Spurensicherung einen Dolch, dessen Inschrift auf eine rumänische Verbrecherorganisation hinweist. Doch ebenfalls in der Nähe wohnt ein vom Dienst suspendierter Lehrer, der im Verdacht des Missbrauchs seiner Schüler stand und einem Pädophilennetzwerk angehört. Daher folgen Olivia Rönning und Tom Stilton, der nach seinem Burnout wieder bei der Mordkommission Fuß fasst, beiden Spuren.

Doch schnell erkaltet die Fährte zum potentiellen Kinderschänder. So fliegen Rönning und Stilton im Auftrag ihrer Vorgesetzten Mette nach Bukarest, um vor Ort in der rumänischen Verbrecherwelt zu ermitteln. Wortwörtlich müssen sie in die Unterwelt hinabsteigen: In der Kanalisation Bukarests zwischen  drogensüchtigen, obdachlosen Kindern und Jugendlichen suchen sie nach Hinweisen, die sie zur Identität des Jungen führen könnten. In der Tat entdecken sie, dass der ermordete Junge aus einer  Romafamilie stammt. Gleichwohl die Recherchen zielführend sind, stellen sie sich jedoch auch als gefährlich heraus: Denn Olivia und Tom kommen einem Oberhaupt einer überaus brutalen Verbrecherbande zu nahe.

Zurück in Schweden tauchen in einer Baugrube zwei weitere Leichen auf, wiederum Jugendliche. Diesmal ein farbiger Jungen und ein Flüchtlingsmädchen aus Afghanistan. Hier entdeckt der Pathologe Entsetzliches: Beiden wurde vor ihrem Tod die Nieren entfernt – und wie sich herausstellt auch dem Romajungen. Ein  Handel mit den Organen von Flüchlingskindern?

Ausnutzen der Krise

Wie schon die drei vorherigen Bände überzeugt auch „Schlaflied“ aus vielerlei Gründen: Zum einen werden die vorhandenen Charaktere weitergeführt und weiterentwickelt. Je länger die Reihe andauert, um so besser lernt man die einzelnen Akteure kennen. Ganz gleich ob das Tom Stilton, Olivia Rönning oder Mette ist. Sie alle haben Stärken, Schwächen und Sehnsüchte, handeln aber ebenfalls durchaus impulsiv. Die immer wieder auftauchenden Figuren und ihre Eigenheiten werden durch die horizontale Erzählhaltung der beiden Autoren betont. Und dennoch lassen sie die (altbekannten) Personen leiden und Schaden nehmen, so dass hier zusätzliche Spannung entsteht.

Überhaupt ist der neue Fall überaus spannend, weil er mit der Flüchlingskrise ein aktuelles Thema nutzt. Schutzsuchende und noch dazu Kinder werden hier von raffgierigen Verbrechern ausgenutzt, ohne Anstand und Moral. Menschliche Abgründe tun sich auf, zeigen allerdings auch, woher diese Gier kommt. Sie erwächst oder erwuchs aus der Armut anderer „Notleidenden“, die sich dann wiederum am Elend bereichern und versuchen der Armut zu entkommen. Allerdings auf höchst kriminelle Art und Weise. Dies schildern die beiden Autoren sehr eindringlich und sehr realistisch.  Das trifft auch auf die Darstellung der vollkommen überlasteten Polizisten in Rumänien zu, die bis an die Grenzen ihrer psychischen und physischen Belastung gelangen.

Man merkt der Schreibweise von Cilla und Rolf Börjlind ihre jahrelange Erfahrung als Drehbuchautoren an: Viele Momente und Beschreibungen wirken so szenisch, dass man sie sich perfekt verfilmt vorstellen kann. Insofern wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich ein Fernsehsender die Rechte an der Reihe sichern wird.

Anders als es bei vielen anderen Reihen der Fall ist, kann „Schlaflied“ das Niveau der vorangegangenen Bände nicht nur halten, sondern für meinen Geschmack sogar noch toppen. Die knapp 600 Seiten merkt man nur am Gewicht, aber nicht an der Lesedauer. Überraschend war für mich das Ende – und mein persönliches Highlight. Wieso, das kann hier nicht verraten werden …


Buchcover zu Cilla und Rolf Börjlinds Krimi "Schlaflied"

Cilla und Rolf Börjlind
„Schlaflied“ | Copyright: btb/Randomhouse

Cilla Börjlind, Rolf Börjlin

Schlaflied
576 Seiten
erschienen am 20. Februar 2017

€ 15,00 [D] inkl. MwSt.
€ 15,50 [A] | CHF 20,50*
(* empf. VK-Preis)
Paperback, Klappenbroschur ISBN: 978-3-442-75716-9

Das Rezensionsexemplar wurde mir von btb/Randomhouse Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Catherine Simons „Bitterer Calvados“ – Der dritte Fall für Kommissar Leblanc

Das Krimifestival Mord am Meer versetzt das ganze Städtchen Deauville in helle Aufregung. Auch Kommissar Leblanc wird davon nicht verschont: Eine der Krimilesungen soll in seinem Polizeirevier stattfinden. Doch dazu kommt es nicht. Der Tod des Literaturstars Jean-Paul Picard erschüttert alle Festivalbesucher und das Polizeirevier wird für die Ermittlungen benötigt.

Mord oder doch Suizid?

Jean-Paul Picard ist der Shootingstar unter den Krimiautoren, seine Bücher wurden millionenfach verkauft und als Mann ist er der Traum aller Frauen: gutaussehend, gebildet und charismatisch. Doch nach seiner Lesung wird er vom Hotelpersonal tot in seiner Suite aufgefunden – vergiftet. Herauszufinden ob es sich um Mord oder Selbstmord handelt, ist jetzt die Aufgabe von Kommissar Leblanc und seiner Kollegin Nadine. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, denn nach kurzer Zeit kristallisiert sich heraus, dass der Ermorderte nicht so sympathisch war, wie er nach außen wirkte und dass eine Menge Leute ihm den Tod wünschten. Der kriminalistische Blick des Kommissars wird verstellt durch die vielen potentiellen Täter und eine Amour fou, weshalb sich erst ganz am Ende herausstellt, was wirklich hinter der Figur Jean-Paul Picard steckt und wer sein Mörder ist.

Nur der Calvados ist bitter

Bitterer Calvados ist der dritte Fall, den die Autorin Catherine Simon alias Sabine Grimkowski geschrieben hat. Um die Geschichte und das Leben und Arbeiten des Commissaires verstehen zu können, muss man die vorherigen Bücher nicht gelesen haben. In der langen Reihe der französichen Krimis kommt Bitterer Calvados ins Mittelfeld. Der Fall ist zwar recht spannend und sein Ausgang bleibt lange ungewiss, aber die Figur des Kommissas und vor allem die französische Lebensart kommen im Buch zu kurz, um es auf einen der ganz obersten Plätze der französischen Krimis zu schaffen.


Catherine Simon "Bitterer Calvados"

Catherine Simon „Bitterer Calvados“ | Credit: Goldmann Verlag

Catherine Simon

Bitterer Calvados
448 Seiten
erschienen am 16. Januar 2017

978-3-442-48540-6

€ 8,99 (D)

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Goldmann Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Jenny Rognebys „Leona. Die Würfel sind gefallen“ – Eine Polizistin auf Abwegen

Mit „Leona. Die Würfel sind gefallen“ legte die äthiopischstämmige Schwedin Jenny Rogneby im letzten Jahr ein außergewöhnliches Krimidebüt vor. Düstere Kost mit komplizierten Ermittlerpersönlichkeiten ist man aus dem Norden nicht erst seit Jesper Stein gewohnt, aber mit Ermittlerin Leona Lindberg geht Rogneby einen Schritt weiter.

Ein Mädchen als Bankräuberin

Mitten in Stockholm betritt ein kleines Mädchen eine Bank und niemand schreitet ein. Kein Wunder, da es nicht nur blutüberströmt und mit blauen Flecken übersät ist, sondern auch noch mit einem Kassettenrekorder eine Botschaft abspielt. In dieser fordert eine Stimme die Herausgabe des Gelds, andernfalls würde etwas Schlimmes geschehen. So kommt es, dass das Mädchen die Bank mit einer Beute von sieben Millionen Kronen verlassen kann.

Mit Leona Lindberg erhält eine Polizistin die Ermittlungsleitung, die selber Mutter von zwei Kindern ist und prädestiniert für den Fall scheint. Aber eben nur scheint. Denn Leona ist – trotz ihres guten Rufes – eine Außenseiterin in der Abteilung. Auch bei diesem Fall lässt sie sich nur äußerst widerwillig unterstützen und das obwohl schon bald ein zweiter Überfall erfolgt. So treten die Ermittlungen schnell auf der Stelle und eine Auflösung ist nicht in Sicht. Denn auch Leona hat eine dunkle Seite und ihre Geheimnisse.

Zwischen den Welten: Gut und Böse

Wie eingangs bereits erwähnt legt Jenny Rogneby in ihrem Debüt keine Krimi-Schonkost vor. Vielmehr gehen die Autorin und deren Krimi einen Schritt weiter als viele andere Werke aus diesem Genre. Dass ein Kind ein Verbrechen begeht, das mag nichts Neues sein, aber dass es dazu gezwungen wird und noch dazu vom eigenen Vater, das ist immer noch eher unüblich. Die Siebenjährige muss allerhand durchleiden, um es ihrem Vater recht zu machen.

Der elementarste Unterschied zu anderen Krimis ist jedoch die Ermittlerin: Leona Lindberg. Diese ist in ihrem gesamten Charakter sehr ambivalent angelegt. So ist sie unfähig Gefühle für andere Menschen, abgesehen von ihren Kindern, zu empfinden. Selbst für ihren Mann empfindet sie nichts, zumindest keine Liebe. Die Ursache ihrer Emotionsstörungen wird im Laufe des Buches deutlich, so viel sei verraten. Dadurch erklärt sich sowohl ihr Handeln als auch ihre zerrissene Persönlichkeit und man entwickelt so etwas wie Verständnis für die Ermittlerin. Denn sie ist nicht allein gefühlskalt: Verbrechen und Aufklärung liegen sehr eng beieinander, was moralisch fragwürdig ist.

Insgesamt ein spannendes Debüt, was vor allem im letzten Drittel ordentlich an Fahrt aufnimmt und nicht allein wegen des „offenen“ Endes die Vorfreude auf den zweiten Band der Trilogie weckt.


Jenny Rogneby „Leona“ | Credit: Heyne Verlag

Jenny Rogneby „Leona“ | Credit: Heyne Verlag

Jenny Rogneby

Leona. Die Würfel sind Gefallen
448 Seiten
erschienen am 14. November 2016

978-3-453-42060-1

€ 9,99 (D)

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Heyne Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

Anna Karolina Larssons „Der Pavian“ – Gelungenes Krimidebüt aus Schweden

Eine junge Polizistin ermittelt in eigener Sache

Der Suizid der eigenen Schwester brachte Amanda zur Polizei, um die Hintergründe aufzuklären und den Schuldigen hinter Gitter zu bringen. Doch wer ist der Schuldige oder sind es gleich mehrere? Die schwedische Autorin Anna Karolina Larsson überzeugt mit einer spannenden Story und ihrem extravaganten, rasanten Schreibstil gleich in ihrem ersten Krimi.

Zwischen Mafia, kriminellen Polizisten und Vergewaltigungen

Kaum hat Adnan Nasimi seine Haftstrafe wegen des Dealens mit Drogen  abgesessen gerät er wieder in einen Konflikt mit der Polizei. Noch schlimmer ist jedoch die Tatsache, dass er der jugoslawischen Mafia Geld schuldet und diese beim Eintreiben der Schulden kein Erbarmen kennt. Doch wie soll er das Geld zurückzahlen, ohne direkt wieder straffällig zu werden?

Dann ist da Polizist Magnus, Leiter des Stockholmer Raubdezernates, der sich in der Unterwelt ein Netzwerk an Informanten aufgebaut hat und sich immer am Rande des Erlaubten bewegt. Auch im Umgang mit den weiblichen Kolleginnen überschreitet er allzu oft jegliche moralische und gesetzliche Grenze, ohne zur Räson gebracht zu werden.

Die wichtigste Protagonistin ist jedoch: Amanda, ebenfalls Polizistin und noch ganz am Anfang ihrer Laufbahn. Sie hat den Job nur aus einem Grund gewählt und zwar will sie den Tod ihrer Schwester aufklären. Vor fünf Jahren starb diese an einer Überdosis Drogen und Tabletten, die sie nach einer Vergewaltigung zu sich nahm. Nicht ganz unschuldig am Tod sind – so vermutet Amanda – Adnan und Magnus.

Pageturner im Stakkatotempo

Mit ihrem Debüt legt Anna Karolina Larsson einen wahren Pageturner vor: Spannend und fesselnd bis zur letzten Seite treibt sie die Story voran. Mit ihrer überaus rasanten Art zu formulieren, den Perspektivwechseln, den kurzen Sätzen und Kapiteln und einer durchaus brutalen, aber nicht übertriebenen Art der Schilderungen zogen mich Autorin und das Buch in ihren Bann.

Das wird noch dazu durch die verschiedenen roten Fäden verstärkt, die die Autorin geschickt miteinander verknüpft und die am Ende geschickt zusammengeführt werden. Hinzu kommen die unterschiedlichen Charaktere der Hauptrollen. Wenn auch Magnus als Polizist eher widerlich – chauvinistisch, frauenverachtend, käuflich und brutal – daherkommt und das in allen Belangen, so sind Amanda und auch Adnan keine rein weiß bzw. schwarz gezeichneten Personen, sondern durchaus realistisch gehalten.

Einzig und allein der titelgebende Pavian kommt etwas zu kurz und damit auch das Ende. Hier hätte die Autorin noch etwas mehr Zeit und Seiten, als die eh schon üppigen 550, für die Auflösung lassen können – Das auch nur um überhaupt etwas Negatives zu finden.


Anna Karolina Larrson – „Der Pavian“ | Copyright: Piper Verlag GmbH

Anna Karolina Larrson – „Der Pavian“ | Copyright: Piper Verlag GmbH

Anna Karolina Larsson
Übersetzt von: Max Stadler

„Der Pavian“

berlin Verlag/Piper Verlag
560 Seiten, Kartoniert

ISBN: 978-3-8333-1017-1

Sophie Bonnets „Provenzalische Verwicklungen“ – ein kulinarischer Krimi

Pierre Durands erster Fall: Ein Verbrechen aus Leidenschaft?

Im idyllischen, provenzalischen Örtchen Sainte-Valérie, dort, wo andere Leute Urlaub machen, lässt die deutsche Autorin Heike Koschkyk – unter dem Pseudonym Sophie Bonnet – ihren Kommissar Pierre Durand ermitteln. Der Dorfcasanova Antoine Perrot wird tot in einem Weinfass eines Luxushotels gefunden, passenderweise mit einem Rezept für Coq au Vin. Wer, wenn nicht ein in seiner Ehre gekränkter Ehemann sollte der Mörder sein?

Schwierige Ermittlungen: Ein Dorf hält dicht

Weinberge, zirpende Grillen, ein kleines Dorf mitten in der Provence und doch kommt es auch dort zu Kapitalverbrechen. Im Weinkeller des Hotels Domaine des Grès schwimmt in einem Weinfass die Leiche von Antoine Perrot – in Sainte-Valérie kein unbeschriebenes Blatt. Er gilt als Lokalcasanova, der auch vor verheirateten Frauen keinen Halt machte. Genau das lässt Kommissar Durand vermuten, dass ein gehörnter Ehemann der Täter sein könnte. Doch Durand tut sich schwer, an die Dorfbewohner heranzukommen: Zu eingeschworen ist die Gemeinschaft, hier hält man noch zusammen. Zumal Durand als ehemaliger Pariser nicht gerade das Vertrauen der Einheimischen genießt.

Nicht nur der Fall hat seine Tücken, sondern auch im Privatleben läuft für den Kommissar der „Police Municipale“ vieles nicht nach Plan. Seine Mitarbeiterin und Geliebte Celestine verlässt ihn und kündigt sogar ihre Anstellung bei der Polizei, so dass er auf ihre Mithilfe verzichten muss. Außerdem holt ihn mitten in diesem komplizierten Fall seine Pariser Vergangenheit ein, weswegen er sogar von den Ermittlungen abgezogen wird. Doch nicht nur die Dorfbewohner sind stur, auch Durand will wissen, wer hinter dem Mord steckt und setzt sich über das Ermittlungsverbot hinweg…

Charmanter Krimi mit viel Lokalkolorit

Mit diesem ersten Fall reiht sich Sophie Bonnet (oder eben Heike Koschyk) in die beständig größer werdende Szene von Krimis ein, die in einer französischen Region angesiedelt sind. Den Anfang machte bereits 2009 Martin Walker mit seinem „Chef de Police“ Bruno Courrèges im Perigord, dem dann 2012 Jean-Luc Bannalec mit Kommissar Georges Dupin in der Bretagne folgte (wobei sich diese Liste um einige weitere Autoren verlängern ließe). Und nun also auch noch Pierre Durand in der Provence. Bonnet legt einen kurzweiligen Urlaubskrimi vor, der locker wie spannend geschrieben ist. Genauso wie bei Martin Walker spielt auch die französische Lebensweise, inklusive der Schilderungen von kulinarischen Köstlichkeiten, mehr als nur eine Nebenrolle.

Dabei wird jedoch die kriminalistische Handlung nicht vernachlässigt: Der Fall ist kompliziert, gerade wegen der sturen Dorfbewohner – nicht minder stur: der Kommissar. Hartnäckig trotzt dieser allen Nackenschlägen und ermittelt trotz der Widerstände weiter. Am Ende wundert sich man über die Auflösung, die gerade zu Beginn nicht zu erwarten war. „Provenzalische Verwicklungen“ als Ttitel ist dabei treffend gewählt, ohne mehr verraten zu wollen.

Mir gefiel vor allem der Umfang und die Schilderungen Pierre Durands. Dass das Privatleben der Kommissare in allen bereits erwähnten Fällen – egal ob Bruno bei Walker oder Dupin bei Bannalec – einen großen Platz einnnimmt, ist mittlerweile üblich. Aber, und das ist der große Unterschied, Durands Liebesleben ist anders. Er wird zwar von Celestine verlassen und bändelt auch zügig mit einer neuen Frau an, wechselt dann jedoch nicht dauernd seine Liebschaft(en). Vielleicht dachte sich Sophie Bonnet einfach, dass ein Weiberheld für den Krimi reicht. Ausreichend Potential für weitere Fälle besitzt Kommissar Durand definitiv (der zweite Band „Provenzalische Geheimnisse“ erschien unlängst). Zum sympathischen Chefermittler gesellen sich seltsame Typen und Charaktere, beispielsweise der gegensätzliche Assistent und die zahlreichen Tatverdächtigen.

So gelang Sophie Bonnet mit „Provenzalische Verwicklungen“ ein Krimidebut um einen kauzigen Kommissar, der in einem skurrilen Fall inmitten schöner Landschaften ermitteln muss oder darf. Für anstehende Sommerurlaube – unabhängig von der Provence – absolut empfehlenswert.


Bonnet Provenzalische Verwicklungen

Sophie Bonnet – „Provenzalische Verwicklungen“ | Credit: blanvalet

Sophie Bonnet

Provenzalische Verwicklungen
Ein Fall für Pierre Durand

Paperback, 320 Seiten

ISBN: 978-3-7645-0512-7
€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 20,50