Yrsa Sigurdardóttirs „DNA“ – Mörderisches Island

Fall eins für Kommissar Huldar und Psychologin Freyja

Eine Mutter wird in Gegenwart ihrer Tochter auf brutale Art und Weise ermordet. Als leitender Ermittler wird Kommissar Huldar eingesetzt und muss sich beweisen, stand er doch bislang eher in der zweiten Reihe. An seiner Seite die Psychologin Freyja – ausgerechnet mit ihr hat Huldar eine Nacht verbracht, unter falschem Namen. So wird die Ermittlung noch komplizierter als sie es eh bereits ist. Spannend und fesselnd von Anfang bis zum Ende!

Brutale Morde – ungewohnte Tatwaffen

Als am frühen Morgen zwei Jungen in Schlafanzügen auf der Straße  entdeckt werden, ahnen die Nachbarn noch nichts Böses. Doch die herbeigerufene Polizei muss schnell feststellen, dass die Jungen sich nicht bloß ausgesperrt haben und die Eltern noch schlafen, sondern die junge Mutter ermordet im Bett liegt.  Gefesselt, ihr Gesicht mit Klebeband umwickelt und im Rachen das Rohr des Staubsaugers – grausam und widerwärtig. Doch am aller Schlimmsten: Unter dem Bett liegt die siebenjährige Tochter Margrét, die als einzige Zeugin den grausamen Mord an ihrer Mutter miterleben musste.

Mit dem Fall betreut wird Kommissar Huldar, der bei den Ermittlungen nur deswegen den erfahrenen Kollegen vorgezogen wird, weil diese wegen einiger Skandale aus der Öffentlichkeit genommen werden sollen. Um die kleine Margrét überhaupt vernehmen zu können, wird die Psychologin Freyja hinzugezogen. Eigentlich eine gute Idee, wäre da nicht der Zwischenfall zwischen ihr und Huldar. Denn zwischen den beiden ist es kurz zuvor zu einem One-Night-Stand gekommen. Klingt gar nicht so dramatisch, wenn Huldar nicht einen falschen Namen, einen anderen Beruf genannt hätte und am Morgen ohne Abschied verschwunden wäre. Auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen Rikhardur und Kollegin Erla gestaltet sich als schwierig. Denn beide haben Probleme ihren ehemaligen Kollegen als Vorgesetzten zu akzeptieren, zumal Huldar auch mit Rikhardurs Frau eine Nacht verbrachte. So beginnen die Ermittlungen unter ungünstigen Voraussetzungen.

Doch das Team muss funktionieren, denn es bleibt nicht bei einem Mord: Astros, eine pensionierte Lehrerin, wird in Wohnung umgebracht. Ebenso brutal – diesmal nicht mit einem Staubsauger, sondern mit einem Lockenstab. Trotz aller Anstrengungen will sich bei den Ermittlungen kein Fortschritt einstellen. Alle Verdächtigen entpuppen sich als falsche Spur und die Sorge vor dem nächsten Mord wächst von Tag zu Tag.

Und dann ist da noch Student Karl: Nur zwei Freunde Halli und Börkur, ein bislang erfolgloses Chemie-Studium, ein Bruder in Amerika, die Mutter tot, dafür aber begeisterter Hobby-Funker. Ausgerechnet er empfängt im Keller einen isländischen Zahlensender, der stündlich kryptische Nachrichten sendet. Als er eine der Zahlenreihen als seine Personen-ID identifiziert, wird er neugierig und entdeckt, dass eine weitere der Reihen zur ermordeten Mutter Margréts gehört. Aus Neugier unternimmt er den Versuch, auch die Inhalte der anderen Sendungen zu entschlüsseln. Dass er sich und seine Freunde in Gefahr bringt, ahnt er da noch nicht.

Grausamer und brillanter Auftakt der Thriller-Reihe

Mit „DNA“ startet die isländische Bestsellerautorin Yrsa Sigurdardóttir die neue Reihe um Kommissar Huldar und die Psychologin Freyja. Aus dem Norden ist man harte Krimi- und Thriller-Kost gewohnt, das trifft auch auf „DNA“ zu. Diese Härte betrifft sowohl die Beschreibung körperlicher als auch psychischer Gewalt, ohne jedoch die Taten an sich en Detail zu beschreiben. Einerseits schildert sie die Morde wort- und vor allem bildgewaltig, andererseits lassen die Beschreibungen so viel Phantasie, um im Kopf eigene Bilder entstehen zu lassen.

Mit Huldar und Freyja hat die Autorin zwei Charaktere angelegt, die von Beginn an faszinieren. Huldar als erfahrener Kommissar, der aber in seiner Chefermittlerrolle Neuland betritt und fast schon überfordert ist. Privat aber noch mehr Schwierigkeiten hat, die ihm dann auch noch in seiner Funktion als Polizist und bei den Ermittlungen hinderlich sind. Denn ausgerechnet mit Freyja musste er sich in einem One-Night-Stand hingeben  und dann auch noch belügen. Kein Wunder also, dass die Stimmung zwischen den beiden miserabel ist. Natürlich steht der Fall der ermordeten Frauen im Vordergrund, gleichzeitig ist es spannend zu sehen, wie sich das Verhältnis zwischen Huldar und Freyja entwickelt. Gerade vor dem Hintergrund, dass es eben eine Thriller-Reihe mit diesen beiden Akteuren sein wird und mit „Sog“ bereits ein zweiter Fall veröffentlicht ist.

Lange Zeit, quasi bis kurz vor dem Ende, tappt man sowohl über Motiv als auch den Täter (oder die Täterin) im Dunkeln: Spuren werden gelegt und wieder verworfen. Zu keinem Zeitpunkt lässt sich ahnen, wer dahinter steckt. Auch der Prolog und das Wissen darum, dass dieser für die Taten eine Rolle spielen, helfen nicht weiter. Dafür wird man als Leser/in immer wieder in die Irre geleitet und zusätzliche Spannung aufgebaut. So dass am Ende die Verblüffung über die Hintergründe und die Auflösung groß ist. „DNA“ ist nichts für schwache Nerven und kann für Schlafmangel sorgen.


Yrsa Sigurdardóttir “ DNA“ | Copyright: btb/Randomhouse Verlagsgruppe

Yrsa Sigurdardóttir

DNA

€ 10,00 [D] inkl. MwSt.
€ 10,30 [A] | CHF 13,90*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 09.10.2017

Taschenbuch, Klappenbroschur ISBN: 978-3-442-71575-6

 Das Rezensionsexemplar wurde mir von btb freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

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Petros Markaris‘ „Offshore“ – Vom Ende und Beginn einer Krise

Chostas Charitos zehnter Fall

Bereits zum zehnten Mal lässt der nun auch schon 82-jährige Autor Petros Markaris seinen Athener Kommissar Kostas Charitos ermitteln. Nach Abschluss der Krisen-Trilogie geht im neuen Fall mit Griechenland wieder aufwärts. Die Krise ist dank einer neuen, unverbrauchten Regierung gemeistert: Die Gehälter steigen, das Geld sprudelt nur so und der Alltag mit seinem Verkehrschaos hält wieder Einzug in Athen. Als ein Beamter ermordet wird und der Fall schnell aufgeklärt wird, fängt die Fassade an zu bröckeln.

Auferstanden aus den Schulden

Eine neue Partei übernimmt Griechenlands Regierungsgeschicke und schon fließen die Gelder in Strömen: Aus privatisiertem Staatseigentum werden die Beamtengehälter erhöht, die Menschen können wieder Kredite aufnehmen, Wohnungen kaufen und mit ihren neuen (Luxus-)Autos die Athener Straßen verstopfen. Von der Krise ist nichts mehr zu spüren. Auch Kostas Charitos bildet hier keine Ausnahme und holt sein ehemals abgemeldetes Auto aus der Garage statt weiterhin zu Fuß zu gehen oder den Dienstwagen zu nutzen – sehr zum Unwillen seiner Frau Adriani. Woher das Geld stammt? Das ist der Bevölkrung und auch dem Kommissar fürs Erste egal.

Erste Zweifel tauchen erst mit der Ermordung eines Beamten auf und verschwinden nicht, sondern werden sogar größer, als die Täter zügig und mehr oder weniger zufällig ergriffen werden. Als dann kurz darauf ein Reeder getötet wird und dessen Unternehmen seinen Firmensitz von Großbritannien nach Griechenland verlegt, kommt Charitos ins Grübeln. Nicht nur die Umstände bereiten ihm Kopfzerbrechen, auch das Verhalten des neuen Polizeivizepräsident. Denn dieser erklärt die Fälle viel zu zügig für beendet, doch der Kommissar ist nach wie vor ein Dickkopf und ermittelt weiter. Ungeahnte Unterstützung erhält Charitos von seinem Chef Gikas, dem die persönliche Übergehung bei der Besetzung des Vizepräsidenten-Postens wurmt. Je tiefer der Kommissar in die Ermittlungen einsteigt und dem plötzlichen Geldfluss recherchiert, desto seltsamere Dinge kommen ans Licht. Als dann ein dritter Mord geschieht, wird es für Charitos persönlich…

Ein Ende der Krise? Tragödie und Utopie

Alle bisherigen Bände der Charitos-Reihe von Petros Markaris, einem der bekanntesten und bedeutendsten griechischen Gegenwartsautoren, entwarfen ein pointiertes Bild Griechenlands. Anders als viele andere Krimis aus Urlaubsregionen beschreibt Petros Markaris zwar auch Land, Leute und Kultur, übt aber gleichzeitig Kritik an Gesellschaft und Politik. Auch in diesem zehnten Fall rund um Kommissar Chostas Charitos ist das der Fall.

Selbst wenn die Schlagzeilen um die Schuldenkrise Griechenlands nicht mehr täglich in den (deutschen) Medien stehen, ist der Staat noch weit von einer „Gesundung“ entfernt. Ganz anders als es in „Offshore“ dargestellt wird. Die Krise ist offiziell vorbei und das in kürzester Zeit. Frisches Geld ist da, Unternehmen (Reedereien) kehren nach Griechenland zurück, obwohl sie weit vor der Krise ihre Sitze ins Ausland verlagerten. All das weckt keine Zweifel, weder im Volk noch bei Charitos. Erst als zwei Morde geschehen und die Täter mitsamt fadenscheinigen Begründungen rasend schnell gefasst werden und die Ermittlungen eingestellt werden sollen, sucht Kostas Charitos nach den wahren Gründen. Dabei stößt er auf ausländische Geldgeber und Banken von den Kaimann-Inseln. Auch wenn dies von der griechischen Realität entfernt ist, sind die Ausführungen von Petros Markaris alles andere als unwahrscheinlich und durchaus im Rahmen des Möglichen. Anders als bei den bisherigen Fällen ist Markaris nicht nur Chronist für die Vergangenheit, sondern liefert Zukunftsentwürfe, die alles andere als positiv klingen. Vor dem Hintergrund der Paradise Papers, die bei Veröffentlichnung und erst recht beim Verfassen unbekannt waren, wirkt dieser Hintergrund der Offshore-Geschäfte, der Steueroasen und der legalen, aber moralisch-fragwürdigen Methoden, ist das Buch quasi aktueller denn zum Veröffentlichungszeitpunkt.

All das schildert Petros Markaris mit viel Liebe zum Detail und den altbekannten Charakteren aus den bisherigen neun Bänden: Chostas Frau Adriani, Tocher Adriani, die Assistenten sowie Altkommunist Sissund der Journalist Sotiropoulos nehmen entscheidende Rollen ein. Auch die Darstellung – oder fast sogar schon Rückbesinnung – auf „die“ griechische Lebensweise aus Zeiten vor Anbeginn der Krise ist nicht unbedeutend. Zeigen sie doch wie nebensächlich die Gründe für das Ende der Krise sind: Hauptsache es geht den Menschen gut, egal wie schmutzig das neue Kapital ist. So ist auch „Offshore“ ein wunderbarer Roman fast schon mehr Tragi-Komödie denn Krimi.


Petros Markaris „Offshore“ | Credit: Diogenes Verlag AG

Petros Markaris

Offshore

€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 23.08..2017
368 Seiten

ISBN: 978-3-257-07003-3

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Thomas Engers „Tödlich“ – Der Showdown

Henning Juul und die Schrecken der Vergangenheit

Ein letztes Mal lässt Thomas Enger seine Hauptfigur, den Journalisten Henning Juul, sich auf die Suche nach dem Mörder seines Sohnes Jonas begeben. Nach fünf Bänden bildet „Tödlich“ den fulminanten Abschluss der Reihe. 

Tod und Erlösung

Henning Juul kann erst mit der Vergangenheit abschließen, wenn er die Mörder seines Sohnes Jonas im Gefängnis weiß. Und eben diese Recherchen im Verbrechermilieu bringen ihn immer wieder in Gefahr. Doch nicht nur ihn, auch seine Ex-Frau, ihren neuen Partner Iver Gundersen und Kommissar Bjarne Brogeland. Je tiefer Henning in das Dickicht um den ehemaligen, mittlerweile auch ermordeten Geldeintreiber und „Immobilienhändler“ Tore Pulli eindringt, um so mehr spitzt sich die Situation zu. Und fordert ihre Opfer.

Immer mysteriöser werden die Verstrickungen, die weit über die Grenzen Norwegens bis hin nach Brasilien reichen. Die Suche nach den Schuldigen wirft für Henning immer neue Fragen auf. Welche Verbindungen bestehen zu dem Mord an einer alten Frau? Wie hängt seine Schwester Trine mit all dem zusammen? Und die wichtigsten Fragen: Wer hat seinen Sohn auf dem Gewissen? Wem kann er überhaupt noch trauen?

Würdiges Ende einer spannenden Reihe

Nun war es endlich so weit: Fast genau zwei Jahre nach Erscheinen von „Gejagt“, dem vierten Band der Henning-Juul-Reihe, veröffentlicht der blanvalet Verlag den Abschluss-Band „Tödlich“. Eben dieser Abstand macht den Einstieg so kompliziert. Die Handlungen und Zusammenhänge der bisherigen Thriller müssen aus dem Gedächtnis gekramt werden, sinnvoll wäre es gewesen, wenigstens die letzte „Folge“ noch einmal zu lesen. Denn über die Jahre sind doch einige Personen und Handlungsebenen zusammengekommen. Das betrifft zwar nicht die Hauptfiguren, aber doch alle Rahmenfiguren und sämtliche auftretenden Verbrecher und Nebenstränge.

Thomas Enger macht es zu Beginn gleich spektakulär und stellt die vermeintliche Schlussszene an den Anfang. Die Geschichte nimmt dadurch unheimlich Fahrt auf und doch bricht dieser Spannungsbogen mit dem Ende des Prologs ein. Es benötigt danach einige Zeit bis dieser anfängliche Schwung wieder aufkommt. Dabei ist der Thriller alles andere als langatmig oder langweilig. Zu viele Fragen sind und waren unbeantwortet. Dennoch hält sich Enger an manchen Punkten ein klein wenig zu lang auf. Das mag  jedoch auch dem Umstand geschuldet sein, dass man nun endlich wissen will, wer Hennings Sohn (und so manch andere Person) auf dem Gewissen hat.

Mit pointierter Sprache, knackigen Dialogen und doch sehr expliziten, brutalen Szenen treibt Thomas Enger auf den Höhepunkt und die Auflösung sämtlicher offener Fragen hin. So ist es am Ende fast schon schade, dass alles aufgelöst wird und kein weiterer Fall um den so sympathischen Journalisten erscheinen wird.


Buchcover zu "Tödlich" von Thomas Enger

Thomas Enger „Tödlich“ | Copyright: blanvalet/Randomhouse Verlagsgruppe

Thomas Enger

Tödlich

€ 14,99 inkl. MwSt.

Erschienen: 28.08.2017
384 Seiten

ISBN: 978-3-764-50599-8

Das Rezensionsexemplar wurde mir von blanvalet freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Sophie Hénaff: Kommando Abstellgleis – Ein Fall für Kommissarin Capestan

Anne Capestan, Kommissarin, hat einen schweren Fehler begangen. Sie machte Gebrauch von ihrer Dienstwaffe, obwohl der Täter nur mit einem Kugelschreiber bewaffnet war. Deswegen findet sie sich jetzt in einer derangierten Pariser Wohnung wieder, die ihr neues Büro darstellen soll. Und sie ist nicht allein: 40 andere in Ungnade gefallene Polizisten – sei es aufgrund von dienstlichen Verfehlungen oder privaten Problemen – gehören zu einer neugegründeten Brigade, deren Chefin nun Anne Capestan ist.

Das Team der „Looser“ startet durch

Doch von den 40 ihr unterstellten Polizisten tauchen zu Anfang nur drei auf:  Unglücksbringer José Torrez, Commandant Lebreton von der Dienstaufsicht und Capitaine Eva Rosière, die als Schriftstellerin das große Geld gemacht hat. Um sich nicht soviel miteinander beschäftigen zu müssen, wühlen sich die Polizisten durch die Kartons voller alter Akten auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung. Schnell sind zwei unaufgeklärte Mordfälle entdeckt, die sich die Polizisten in Zweier-Teams vornehmen. Lebreton und Rosière untersuchen den Fall Yann Guénan, ein Brückenwachoffizier der 1993 erschossen aus der Seine gefischt wurde und Capestan ermittelt mit Torrez im Fall Marie Sauzelle, einer alten Dame, die einem Einbrecher zum Opfer fiel. Nach und nach trudeln noch fünf weitere Polizisten in der Brigade ein. Ein Alkoholiker, ein Pressefreund, eine Spielsüchtige, ein Autojunkie und ein ehemaliger Boxer komplettieren die bunte Mischung. Trotz all der Probleme, die die Polizisten mitbringen, sind bald erste Erfolge erkennbar und die Loser-Truppe kommt bei ihren Ermittlungen sogar der Führungsriege auf die Schliche.

Ein Krimi bunt wie das Leben

Sophie Hénaff hat mit „Kommando Abstellgleis“ einen gelungenen Krimi geschrieben, der durch die Vielzahl seiner Protagonisten begeistert. Trotz der charismatischen Kommissarin Capestan in der Hauptrolle bleiben auch die anderen Polizisten nicht nur Nebendarsteller. Kurze, eingefügte Kapitel in denen jeweils einer der Protagonisten alleine beleuchtet wird, bringen dem Leser alle Polizisten etwas näher. Und trotz all der Fehler, die die Polizisten haben oder begangen haben, sind sie alle auf ihre Art liebens- und damit lesenswert. Die bunte Mischung an Leuten und ihre Interaktion ist interessant zu beobachten und lädt zum einen oder anderen Schmunzeln ein.

Spannend ist auch die Klärung der Mordfälle, vor allem weil die Brigade von den Obrigkeiten keinerlei Unterstützung erhält und somit darauf angewiesen ist, auf unkonventionelle Mittel zurückzugreifen. Nicht nur die Tatsache, dass der Roman in Paris spielt, hebt ihn von den unzähligen französischen Krimis ab, die auf dem Büchermarkt mittlerweile zu finden sind. Auch die Wortwahl von Sophie Hénaff ist teilweise außergewöhnlich und zeigt ihre langjährige Erfahrung als Schreiberin verschiedenster Genres. Somit ist Kommando Abstellgleis ein rundum gelungenes Krimidebüt der Schriftstellerin und uneingeschränkt zu empfehlen.


Kommando Abstellgleis von Sophie Henaff | Copyright: Randomhouse

Sophie Hénaff

Kommando Abstellgleis – Ein Fall für Kommissarin Capestan

€ 14,99 [D] inkl. MwSt.
€ 15,50 [A] | CHF 20,50*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 20.03.2017
352 Seiten
ISBN: 978-3-570-58561-0

Das Rezensionsexemplar wurde mir von carl’s books/Randomhouse freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Sophie Bonnet „Provenzalisches Feuer“ – Auf den Spuren Okzitaniens

Der vierte Fall mit Kommissar Durand

Ein Krimi gemacht wie für den Sommer: „Provenzalisches Feuer“ aus dem Blanvalet Verlag spielt wie immer im südfranzösischen Sainte-Valérie. Autorin Sophie Bonnet lässt ihren Kommissar Durand dieses Mal einen pikanten Mordfall lösen. Die Ermittlungen im Fall eines Journalisten lassen Unruhe im sonst so idyllischen Örtchen aufkommen. Denn alte Geschichte kochen hoch…

Ein Dorf im Rausch

Sainte-Valérie in der Provence: Es ist Juni, der Sommer hält Einzug und das Dorf bereitet sich auf ein großes traditionelles Fest vor. Eigentlich ganz der Geschmack der Dorfbewohner und auch von Kommissar Durand, würde nicht der Bürgermeister ein riesiges touristisches Event aufziehen. Reisebusse voller Touristen werden angekarrt und Fackeln mit Aufdruck des Reiseunternehmens verteilt. Von Idylle und Tradition ist das weit entfernt. Und das ruft bei den Dorfbewohnern Argwohn hervor.

Als dann mitten während des Stadtfestes ein Journalist erstochen wird, findet das rauschende Fest ein jähes Ende. Ausgerechnet während des Auftrittes der gefeierten Band Viva Occitània. Trotz so vieler potentieller Zeugen kann Durand und sein Polizeiteam vor Ort keinen Täter dingfest machen. Zu trubelig ging es auf dem Dorfplatz zu. Am Tag darauf stellt sich jedoch heraus, dass der Journalist nicht nur in einer Kneipe mit Dorfbewohnern in Streit geriet, sondern auch ein Gespräch mit Durands Vorgänger führte.

Erste Recherchen und Ermittlungen lenken die Spur in die Vergangenheit und zum kuriosen Tod eines Schriftstellers, der einen Roman über Sainte-Valérie verfassen wollte. Doch genau das kam seinerzeit nicht gut bei den Bewohnerinnen und Bewohnern an. Denn in den Darstellungen der Figuren erkannten sie sich teils wieder, vor allem in den schlechten Eigenschaften und Charakterzügen. Doch ist dies nicht die einzige Fährte, der Kommissar Durand nachgeht: Auch die Hüter der traditionellen und aussterbenden Sprache „Okzitanisch“ geraten in den Verdacht mit dem Mord am Journalisten in Verbindung zu stehen – Durands Assistent Luc. Je tiefer Durand sich in den Fall begibt, um so größer wird auch die Gefahr für ihn. Denn irgendjemand versucht die Ermittlungen zu behindern und schreckt auch nicht vor Angriffen auf den Kommissar zurück.

Lokalkolorit und Spannung

Gewohnt launisch kommt der vierte Fall um den sympathischen Kommissar Durand daher. Ein wenig Liebesgeschichte und Fortspinnen der Beziehung mit Freundin Charlotte, die nun ihren Weg in die Selbstständigkeit wagt, darf nicht fehlen. Für alle Leserinnen und Leser der Krimis von Martin Walker, Cay Rademacher oder Jean-Luc Bannalec ist das zwar ein Bekanntes, aber auch liebgewonnenes Schema. Dies trifft auch auf die Verknüpfung der landesgeschichtlichen Geschichte, bzw. Geschichte der Regionen und dem „Savoir Vivre“ mit der Krimihandlung zu.

Das mag vielleicht auf den ersten Eindruck seicht klingen, aber der Fall ist spannend und als Leser rätselte ich bis zum Ende, wer der Täter (oder die Täterin) sein könnte. Gleichzeitig erfuhr ich mehr über die Befindlichkeiten in Südfrankreich und erstmals über die Existenz der okzitanischen Kultur sowie die Probleme zwischen gelebter Tradition und den Vorgaben aus Paris. So erinnert der Konflikt – in abgeschwächter Form –  an die Zustände in Katalonien.

Interessant und erschreckend zugleich ist die Beschreibung, wie der Dorf-Bürgermeister den Tourismus beflügeln will. Dabei aber einzig die Stadtkasse im Kopf hat, die Befindlichkeiten seines Dorfes jedoch mehr oder weniger außen vorlässt. Führt man sich noch dazu Bonnets Ausführungen über die Auswirkungen des im Krimi geschilderten, fiktiven Romans auf den Ort vor Augen, stellt sich die folgenden Frage: Wie sieht es denn in der Realität aus? Was machen beispielsweise die Frankreich-Krimis mit den kleinen Orten: Erleben diese auch eine Tourismus-Schwemme und werden quasi zu „Museumsdörfern“ oder erhalten große Hotelanlagen? Und was geschieht, wenn das Interesse an diesen Romanen und folglich den Regionen und Orten nachlässt? Insofern regt die Lektüre sogar zu kritischen Gedanken án.

Und dennoch ist „Provenzalisches Feuer“ vor allem ein spannender Krimi mit einigen Wendungen und sympathischen Charakteren. Bestens geeignet, um ihn auf dem Balkon, im Garten oder gleich im Urlaub zu lesen.


Buchcover zu Sophie Bonneta "Provenzalisches Feuer"

Sophie Bonnet „Provenzalisches Feuer“ | Copyright: Randomhouse/blanvalet

Sophie Bonnet

Provenzalisches Feuer

€ 14,99 [D] inkl. MwSt.
€ 15,50 [A] | CHF 20,50*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 22.05.2017
320 Seiten

ISBN: 978-3-7645-0613-1

Das Rezensionsexemplar wurde mir von blanvalet freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

Luis Sellano „Portugiesische Rache“ – Historische Verstrickungen in Lissabon

Ein „Ausflug“ in Portugals unrühmliche Vergangenheit

Auch im zweiten Kriminal-Roman um Neu-Antiquariatsbesitzer und Ex-Polizist Henrik Falkner bindet Autor Luis Sellano Portugals jüngere Vergangenheit ein. Vor der Kulisse Lissabons muss sich Falkner mit alten und neuen Widersachern messen.

Henrik Falkner – Jäger und Gejagter

Als der durch Messerstiche schwer verletzte IT-Spezialist Ruben Mendes in den Armen von Henrik Falkner zu sterben droht – und dies auch später im Krankenhaus tut -, ist klar, dass es für den Ex-Polizisten wieder losgeht. Denn natürlich kommt er nicht umhin, die Hintergründe für den Mord herauszufinden. Zumal der Verstorbene noch kurz zuvor in Falkners geerbtem Antiquariat ein Buch kaufte. So liegt es nahe, einen Zusammenhang zwischen Buchkauf und dem gewaltsamen Tot zu wittern.

Und wie schon bei den Geschehnissen in „Portugiesisches Erbe“ bekommt es Henrik Falkner mit alten Feinden und glücklicherweise auch alten Freunden zu tun. So sind die junge Polizistin Helena, die Ärztin Filipa und Mönch Bruno an und auf der Seite des Antiquariatsbesitzers.

Als die Polizei im Mann der Geliebten den Mörder von Ruben Mendes verkündet, scheint der Fall aufgeklärt. Doch schnell merkt der geschulte Ex-Polizist, dass hier politischer Druck herrscht und die wahren Schuldigen nicht gefunden werden sollen. Damit gibt sich Henrik Falkner nicht zufrieden, zu groß ist sein Gerechtigkeitssinn. Dadurch bringt er nicht nur sich und seinen Vater in Gefahr, sondern auch Helena mit ihrer kleinen Tochter sowie seine Mitarbeiterin Catia. Denn die Feinde und Täter stammen aus der Zeit Portugals unter Ministerpräsident und Diktator António de Oliveira Salazar. Und deren Skrupel Gewalt anzuwenden sind nicht geringer geworden, schließlich gibt es einiges vor der Öffentlichkeit zu vertuschen…

Krimi, Politik- und Landesgeschichte

Auf knapp 350 Seiten führt Autor Luis Sellano seine Leserinnen und Leser auf eine spannende Jagd nach dem Mörder von Rubin Mendes. Dabei hat er in Henrik Falkner eine geeignete und sympathische Hauptfigur entwickelt, die bereits in „Portugiesische Erbe“ in Lissabon ermitteln durfte. Anders als es im ersten Band noch der Fall war, wirkt die Handlung und vor allem das Ende nicht so konstruiert bzw. zufällig.

Neben der Kenntnis von Lissabon, die sich in detaillierten und liebevollen Beschreibungen der Orte zeigt, beweist Sellano auch sein Wissen der Geschichte Portugals unter der Herrschaft Salazars. Als geschichtlich- und politischinteressierter Leser war ich erstaunt, wie wenig ich doch über diese Hintergründe und Geschehnisse aus einer Zeit und einem Staat weiß, die noch nicht so lange zurückliegt. Mit den verknüpften Hintergründen und Geschehnissen um die Verfolgung von Regimekritikern, in diesem Fall fiktionale Personen, entsteht nicht nur Spannung, sondern noch dazu Interesse an dieser Epoche.

Sympathische Akteure: Henrik, Helena, Filipa, …

Was wäre die atemloseste Handlung ohne das passende „Personal“: Die bereits im ersten Band liebgewonnenen Akteure um Henrik Falkner wirken allesamt auch in „Portugiesische Rache“ mit. Und Sellano erweitert es sogar, zumindest für diesen Fall, um Henriks Vater, der kaum aus dem heimischen Ehegefängnis ausgebrochen, ein Techtelmechtel mit der Mutter eines der Mieter von Henrik beginnt. Neben der Hatz nach den Tätern kommen weder Humor noch die Liebe zu kurz.

Denn so sehr Henrik Falkner noch an seiner verstorbenen Frau hängt, seine Zuneigung zu Polizistin Helena wächst und eine erste Annäherung findet auch statt. Überhaupt hat Sellano seinen Protagonisten, anders als es in so vielen nordischen Krimis der Fall ist, nicht als zutiefst depressive, alkohol- oder drogenkranke Person eingeführt. Aber das würde auch nicht in das umtriebige Lissabon passen.

Freuen darf man sich auf den dritten Band, denn längst nicht alle offenen Fragen werden am Ende beantwortet. Schon gar nicht, wer João, den Lebensgefährten von Henriks Onkel Martin, und vielleicht sogar Martin ermordete. Ganz zu schweigen vom Cliffhanger um Catia, Henriks Antiquariatsmitarbeiterin.


Buchcover zu Luis Sellanos Krimi "Portugiesische Rache"

Luis Sellano „Portugiesische Rache“ | Copyright: Heyne Verlag

Luis Sellano

Portugiesische Rache

€ 14,99 [D] |€ 15,50 [A] | CHF 20,50*

(* empf. VK-Preis)
Erschienen: 09.05.2017
512 Seiten

ISBN: 978-3-453-41945-2

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Heyne Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

Martin Walkers „Grand Prix“ – Eine Rallye, ein Oldtimer, ein Mord und viel „savoir vivre“

Fall neun für den Chef de Police

Wieder einmal entführt uns Martin Walker mit dem neunten Fall von Bruno Courrèges ins idyllische Périgord. In „Grand Prix“ – wie immer im Schweizer Diogenes Verlag veröffentlicht – übernimmt der Chef de police mal wieder die Rolle des Organisators und kümmert sich um die Ausrichtung einer Oldtimerrallye. Doch auch dieses Mal geht es nicht nur beschaulich zu: Ein Mord darf nicht fehlen!

Teure Oldtimer, neue Sorgen

Eigentlich ist Bruno Courrèges der Dorfpolizist von Saint-Denis und gleichzeitig ist er vielmehr als das: Sozialarbeiter, rechte Hand des Bürgermeisters, Sporttrainer der Rugbymannschaft sowie ebenfalls „Tourismus-Experte“ und Förderer der heimischen Wirtschaft. In dieser Funktion hat Bruno maßgeblich dazu beigetragen, dass eine Oldtimer-Rallye im kleinen französischen Ort stattfindet und eben diese Oldtimer im Dorfzentrum ausgestellt werden.  Der Andrang ist tatsächlich riesengroß: Zahlreiche Teilnehmerinnern und Teilnehmer folgen der Einladung, sogar aus anderen Landesteilen, ebenso viele Besucherinnen und Besucher strömen nach Saint-Denis um das Spektakel zu verfolgen.

Unter diesen befinden sich zwei besonders besessene Sammler, die sich auf die Suche nach einem der teuersten Autos befinden: Dem Bugatti Typ 57SC Atlantic, welcher in dern 1930er Jahren nur viermal produziert wurde. Und ausgerechnet eines dieser Exemplare soll während des Zweiten Weltkrieges verschwunden sein. Doch mit der Rallye und der Autosuche kommen das Verbrechen und alte Bekannte nach Saint-Denis: Ein pensionierter Forscher wird ermordet, Commissaire Isabelle Perrault ermittelt in Fällen von Geldwäsche und Finanzierung des internationalen Terrorismus.

Viel Leben, wenig Ermittlung und dennoch spannend

Abgesehen vom achten Fall „Eskapaden„, in dem Martin Walker seinen Chef de Police als „James Bond vom Land“ darstellte, kehrt nun deutlich mehr Ruhe ein. Bis zu Seite 150 (von 384 Seiten) kann man fast gar nicht von einem Kriminalroman sprechen. Denn außer einem Todesfall, der nicht einmal wie ein Mord daherkommt, geht es gewohnt beschaulich zu. Fast wirkt es, als besinne sich Walker auf die Stärken, die die Bruno-Reihe bislang ausgemacht haben: Die Schilderung von Land, Leuten, Lebenskultur in Form von Essen und Trinken und der Dorfgemeinschaft.

Trotzdessen dem Verbrechen „zu Beginn“ wenig Spiel- und Erzählraum geboten wird, kommt keine Langweile auf. Und dies liegt eindeutig eben an den ausführlichen Beschreibungen des Umfelds und der Situationen rund um Bruno Courrèges. Als dann auch noch der Fall um den getöteten Forscher, die Rallye und das Auftauchen von Isabelle beginnt, nimmt der Roman Fahrt auf.

Als Leser geht man auf eine Reise, die zurück in die Zeit des „Grande Guerre“ führt. Wieder einmal lässt Martin Walker seine Qualitäten als studierter Historiker aufblitzen, indem er zahlreiche Details verarbeitet und die Fiktion mit Fakten anreichert. So zum Beispiel die Hintergrundinformation über den Wert des Bugatti Typ 57SC Atlantic als teuerster Oldtimer der Welt – wie Wikipedia es führt.

Für alle Fans von Bruno Courrèges wird „Grand Prix“ einer der besten Fälle sein und für alle neuen Leserinnern und Leser ein guter Einstieg – auch wenn man so viele Informationen rund um das durchaus turbulente Liebesleben von Bruno nicht verstehen kann.


Buchcover Martin Walker „Grand Prix“ aus dem Diogenes Verlag AG

Martin Walker „Grand Prix“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Martin Walker

Grand Prix

€ 24 [D], sFr 32.00 [CH],  € 24.70 [A]
Erschienen am 26.04.2017
384 Seiten
ISBN: 978-3-257-06991-4

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!