Cilla und Rolf Börjlind „Schlaflied“ – höchste Spannung vor aktuellem Hintergrund

Anders als der Titel „Schlaflied“ des mittlerweile vierten Falls des schwedischen Ermittlerduos Olivia Rönning und Tom Stilton vermuten lassen könnte, ist der Band alles andere als einschläfernd. Diesmal begeben sich die beiden auf die Suche nach einem brutalen Kindermörder.

Tote Flüchlingskinder und rumänische Verbrecher

Verscharrt in einem Wald irgendwo in der schwedischen Provinz Smaland wird die Leiche eines ermordeten Jungen entdeckt. Unweit vom Fundort entdeckt die Spurensicherung einen Dolch, dessen Inschrift auf eine rumänische Verbrecherorganisation hinweist. Doch ebenfalls in der Nähe wohnt ein vom Dienst suspendierter Lehrer, der im Verdacht des Missbrauchs seiner Schüler stand und einem Pädophilennetzwerk angehört. Daher folgen Olivia Rönning und Tom Stilton, der nach seinem Burnout wieder bei der Mordkommission Fuß fasst, beiden Spuren.

Doch schnell erkaltet die Fährte zum potentiellen Kinderschänder. So fliegen Rönning und Stilton im Auftrag ihrer Vorgesetzten Mette nach Bukarest, um vor Ort in der rumänischen Verbrecherwelt zu ermitteln. Wortwörtlich müssen sie in die Unterwelt hinabsteigen: In der Kanalisation Bukarests zwischen  drogensüchtigen, obdachlosen Kindern und Jugendlichen suchen sie nach Hinweisen, die sie zur Identität des Jungen führen könnten. In der Tat entdecken sie, dass der ermordete Junge aus einer  Romafamilie stammt. Gleichwohl die Recherchen zielführend sind, stellen sie sich jedoch auch als gefährlich heraus: Denn Olivia und Tom kommen einem Oberhaupt einer überaus brutalen Verbrecherbande zu nahe.

Zurück in Schweden tauchen in einer Baugrube zwei weitere Leichen auf, wiederum Jugendliche. Diesmal ein farbiger Jungen und ein Flüchtlingsmädchen aus Afghanistan. Hier entdeckt der Pathologe Entsetzliches: Beiden wurde vor ihrem Tod die Nieren entfernt – und wie sich herausstellt auch dem Romajungen. Ein  Handel mit den Organen von Flüchlingskindern?

Ausnutzen der Krise

Wie schon die drei vorherigen Bände überzeugt auch „Schlaflied“ aus vielerlei Gründen: Zum einen werden die vorhandenen Charaktere weitergeführt und weiterentwickelt. Je länger die Reihe andauert, um so besser lernt man die einzelnen Akteure kennen. Ganz gleich ob das Tom Stilton, Olivia Rönning oder Mette ist. Sie alle haben Stärken, Schwächen und Sehnsüchte, handeln aber ebenfalls durchaus impulsiv. Die immer wieder auftauchenden Figuren und ihre Eigenheiten werden durch die horizontale Erzählhaltung der beiden Autoren betont. Und dennoch lassen sie die (altbekannten) Personen leiden und Schaden nehmen, so dass hier zusätzliche Spannung entsteht.

Überhaupt ist der neue Fall überaus spannend, weil er mit der Flüchlingskrise ein aktuelles Thema nutzt. Schutzsuchende und noch dazu Kinder werden hier von raffgierigen Verbrechern ausgenutzt, ohne Anstand und Moral. Menschliche Abgründe tun sich auf, zeigen allerdings auch, woher diese Gier kommt. Sie erwächst oder erwuchs aus der Armut anderer „Notleidenden“, die sich dann wiederum am Elend bereichern und versuchen der Armut zu entkommen. Allerdings auf höchst kriminelle Art und Weise. Dies schildern die beiden Autoren sehr eindringlich und sehr realistisch.  Das trifft auch auf die Darstellung der vollkommen überlasteten Polizisten in Rumänien zu, die bis an die Grenzen ihrer psychischen und physischen Belastung gelangen.

Man merkt der Schreibweise von Cilla und Rolf Börjlind ihre jahrelange Erfahrung als Drehbuchautoren an: Viele Momente und Beschreibungen wirken so szenisch, dass man sie sich perfekt verfilmt vorstellen kann. Insofern wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich ein Fernsehsender die Rechte an der Reihe sichern wird.

Anders als es bei vielen anderen Reihen der Fall ist, kann „Schlaflied“ das Niveau der vorangegangenen Bände nicht nur halten, sondern für meinen Geschmack sogar noch toppen. Die knapp 600 Seiten merkt man nur am Gewicht, aber nicht an der Lesedauer. Überraschend war für mich das Ende – und mein persönliches Highlight. Wieso, das kann hier nicht verraten werden …


Buchcover zu Cilla und Rolf Börjlinds Krimi "Schlaflied"

Cilla und Rolf Börjlind
„Schlaflied“ | Copyright: btb/Randomhouse

Cilla Börjlind, Rolf Börjlin

Schlaflied
576 Seiten
erschienen am 20. Februar 2017

€ 15,00 [D] inkl. MwSt.
€ 15,50 [A] | CHF 20,50*
(* empf. VK-Preis)
Paperback, Klappenbroschur ISBN: 978-3-442-75716-9

Das Rezensionsexemplar wurde mir von btb/Randomhouse Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Catherine Simons „Bitterer Calvados“ – Der dritte Fall für Kommissar Leblanc

Das Krimifestival Mord am Meer versetzt das ganze Städtchen Deauville in helle Aufregung. Auch Kommissar Leblanc wird davon nicht verschont: Eine der Krimilesungen soll in seinem Polizeirevier stattfinden. Doch dazu kommt es nicht. Der Tod des Literaturstars Jean-Paul Picard erschüttert alle Festivalbesucher und das Polizeirevier wird für die Ermittlungen benötigt.

Mord oder doch Suizid?

Jean-Paul Picard ist der Shootingstar unter den Krimiautoren, seine Bücher wurden millionenfach verkauft und als Mann ist er der Traum aller Frauen: gutaussehend, gebildet und charismatisch. Doch nach seiner Lesung wird er vom Hotelpersonal tot in seiner Suite aufgefunden – vergiftet. Herauszufinden ob es sich um Mord oder Selbstmord handelt, ist jetzt die Aufgabe von Kommissar Leblanc und seiner Kollegin Nadine. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, denn nach kurzer Zeit kristallisiert sich heraus, dass der Ermorderte nicht so sympathisch war, wie er nach außen wirkte und dass eine Menge Leute ihm den Tod wünschten. Der kriminalistische Blick des Kommissars wird verstellt durch die vielen potentiellen Täter und eine Amour fou, weshalb sich erst ganz am Ende herausstellt, was wirklich hinter der Figur Jean-Paul Picard steckt und wer sein Mörder ist.

Nur der Calvados ist bitter

Bitterer Calvados ist der dritte Fall, den die Autorin Catherine Simon alias Sabine Grimkowski geschrieben hat. Um die Geschichte und das Leben und Arbeiten des Commissaires verstehen zu können, muss man die vorherigen Bücher nicht gelesen haben. In der langen Reihe der französichen Krimis kommt Bitterer Calvados ins Mittelfeld. Der Fall ist zwar recht spannend und sein Ausgang bleibt lange ungewiss, aber die Figur des Kommissas und vor allem die französische Lebensart kommen im Buch zu kurz, um es auf einen der ganz obersten Plätze der französischen Krimis zu schaffen.


Catherine Simon "Bitterer Calvados"

Catherine Simon „Bitterer Calvados“ | Credit: Goldmann Verlag

Catherine Simon

Bitterer Calvados
448 Seiten
erschienen am 16. Januar 2017

978-3-442-48540-6

€ 8,99 (D)

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Goldmann Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Jenny Rognebys „Leona. Die Würfel sind gefallen“ – Eine Polizistin auf Abwegen

Mit „Leona. Die Würfel sind gefallen“ legte die äthiopischstämmige Schwedin Jenny Rogneby im letzten Jahr ein außergewöhnliches Krimidebüt vor. Düstere Kost mit komplizierten Ermittlerpersönlichkeiten ist man aus dem Norden nicht erst seit Jesper Stein gewohnt, aber mit Ermittlerin Leona Lindberg geht Rogneby einen Schritt weiter.

Ein Mädchen als Bankräuberin

Mitten in Stockholm betritt ein kleines Mädchen eine Bank und niemand schreitet ein. Kein Wunder, da es nicht nur blutüberströmt und mit blauen Flecken übersät ist, sondern auch noch mit einem Kassettenrekorder eine Botschaft abspielt. In dieser fordert eine Stimme die Herausgabe des Gelds, andernfalls würde etwas Schlimmes geschehen. So kommt es, dass das Mädchen die Bank mit einer Beute von sieben Millionen Kronen verlassen kann.

Mit Leona Lindberg erhält eine Polizistin die Ermittlungsleitung, die selber Mutter von zwei Kindern ist und prädestiniert für den Fall scheint. Aber eben nur scheint. Denn Leona ist – trotz ihres guten Rufes – eine Außenseiterin in der Abteilung. Auch bei diesem Fall lässt sie sich nur äußerst widerwillig unterstützen und das obwohl schon bald ein zweiter Überfall erfolgt. So treten die Ermittlungen schnell auf der Stelle und eine Auflösung ist nicht in Sicht. Denn auch Leona hat eine dunkle Seite und ihre Geheimnisse.

Zwischen den Welten: Gut und Böse

Wie eingangs bereits erwähnt legt Jenny Rogneby in ihrem Debüt keine Krimi-Schonkost vor. Vielmehr gehen die Autorin und deren Krimi einen Schritt weiter als viele andere Werke aus diesem Genre. Dass ein Kind ein Verbrechen begeht, das mag nichts Neues sein, aber dass es dazu gezwungen wird und noch dazu vom eigenen Vater, das ist immer noch eher unüblich. Die Siebenjährige muss allerhand durchleiden, um es ihrem Vater recht zu machen.

Der elementarste Unterschied zu anderen Krimis ist jedoch die Ermittlerin: Leona Lindberg. Diese ist in ihrem gesamten Charakter sehr ambivalent angelegt. So ist sie unfähig Gefühle für andere Menschen, abgesehen von ihren Kindern, zu empfinden. Selbst für ihren Mann empfindet sie nichts, zumindest keine Liebe. Die Ursache ihrer Emotionsstörungen wird im Laufe des Buches deutlich, so viel sei verraten. Dadurch erklärt sich sowohl ihr Handeln als auch ihre zerrissene Persönlichkeit und man entwickelt so etwas wie Verständnis für die Ermittlerin. Denn sie ist nicht allein gefühlskalt: Verbrechen und Aufklärung liegen sehr eng beieinander, was moralisch fragwürdig ist.

Insgesamt ein spannendes Debüt, was vor allem im letzten Drittel ordentlich an Fahrt aufnimmt und nicht allein wegen des „offenen“ Endes die Vorfreude auf den zweiten Band der Trilogie weckt.


Jenny Rogneby „Leona“ | Credit: Heyne Verlag

Jenny Rogneby „Leona“ | Credit: Heyne Verlag

Jenny Rogneby

Leona. Die Würfel sind Gefallen
448 Seiten
erschienen am 14. November 2016

978-3-453-42060-1

€ 9,99 (D)

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Heyne Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

Anna Karolina Larssons „Der Pavian“ – Gelungenes Krimidebüt aus Schweden

Eine junge Polizistin ermittelt in eigener Sache

Der Suizid der eigenen Schwester brachte Amanda zur Polizei, um die Hintergründe aufzuklären und den Schuldigen hinter Gitter zu bringen. Doch wer ist der Schuldige oder sind es gleich mehrere? Die schwedische Autorin Anna Karolina Larsson überzeugt mit einer spannenden Story und ihrem extravaganten, rasanten Schreibstil gleich in ihrem ersten Krimi.

Zwischen Mafia, kriminellen Polizisten und Vergewaltigungen

Kaum hat Adnan Nasimi seine Haftstrafe wegen des Dealens mit Drogen  abgesessen gerät er wieder in einen Konflikt mit der Polizei. Noch schlimmer ist jedoch die Tatsache, dass er der jugoslawischen Mafia Geld schuldet und diese beim Eintreiben der Schulden kein Erbarmen kennt. Doch wie soll er das Geld zurückzahlen, ohne direkt wieder straffällig zu werden?

Dann ist da Polizist Magnus, Leiter des Stockholmer Raubdezernates, der sich in der Unterwelt ein Netzwerk an Informanten aufgebaut hat und sich immer am Rande des Erlaubten bewegt. Auch im Umgang mit den weiblichen Kolleginnen überschreitet er allzu oft jegliche moralische und gesetzliche Grenze, ohne zur Räson gebracht zu werden.

Die wichtigste Protagonistin ist jedoch: Amanda, ebenfalls Polizistin und noch ganz am Anfang ihrer Laufbahn. Sie hat den Job nur aus einem Grund gewählt und zwar will sie den Tod ihrer Schwester aufklären. Vor fünf Jahren starb diese an einer Überdosis Drogen und Tabletten, die sie nach einer Vergewaltigung zu sich nahm. Nicht ganz unschuldig am Tod sind – so vermutet Amanda – Adnan und Magnus.

Pageturner im Stakkatotempo

Mit ihrem Debüt legt Anna Karolina Larsson einen wahren Pageturner vor: Spannend und fesselnd bis zur letzten Seite treibt sie die Story voran. Mit ihrer überaus rasanten Art zu formulieren, den Perspektivwechseln, den kurzen Sätzen und Kapiteln und einer durchaus brutalen, aber nicht übertriebenen Art der Schilderungen zogen mich Autorin und das Buch in ihren Bann.

Das wird noch dazu durch die verschiedenen roten Fäden verstärkt, die die Autorin geschickt miteinander verknüpft und die am Ende geschickt zusammengeführt werden. Hinzu kommen die unterschiedlichen Charaktere der Hauptrollen. Wenn auch Magnus als Polizist eher widerlich – chauvinistisch, frauenverachtend, käuflich und brutal – daherkommt und das in allen Belangen, so sind Amanda und auch Adnan keine rein weiß bzw. schwarz gezeichneten Personen, sondern durchaus realistisch gehalten.

Einzig und allein der titelgebende Pavian kommt etwas zu kurz und damit auch das Ende. Hier hätte die Autorin noch etwas mehr Zeit und Seiten, als die eh schon üppigen 550, für die Auflösung lassen können – Das auch nur um überhaupt etwas Negatives zu finden.


Anna Karolina Larrson – „Der Pavian“ | Copyright: Piper Verlag GmbH

Anna Karolina Larrson – „Der Pavian“ | Copyright: Piper Verlag GmbH

Anna Karolina Larsson
Übersetzt von: Max Stadler

„Der Pavian“

berlin Verlag/Piper Verlag
560 Seiten, Kartoniert

ISBN: 978-3-8333-1017-1

Sophie Bonnets „Provenzalische Verwicklungen“ – ein kulinarischer Krimi

Pierre Durands erster Fall: Ein Verbrechen aus Leidenschaft?

Im idyllischen, provenzalischen Örtchen Sainte-Valérie, dort, wo andere Leute Urlaub machen, lässt die deutsche Autorin Heike Koschkyk – unter dem Pseudonym Sophie Bonnet – ihren Kommissar Pierre Durand ermitteln. Der Dorfcasanova Antoine Perrot wird tot in einem Weinfass eines Luxushotels gefunden, passenderweise mit einem Rezept für Coq au Vin. Wer, wenn nicht ein in seiner Ehre gekränkter Ehemann sollte der Mörder sein?

Schwierige Ermittlungen: Ein Dorf hält dicht

Weinberge, zirpende Grillen, ein kleines Dorf mitten in der Provence und doch kommt es auch dort zu Kapitalverbrechen. Im Weinkeller des Hotels Domaine des Grès schwimmt in einem Weinfass die Leiche von Antoine Perrot – in Sainte-Valérie kein unbeschriebenes Blatt. Er gilt als Lokalcasanova, der auch vor verheirateten Frauen keinen Halt machte. Genau das lässt Kommissar Durand vermuten, dass ein gehörnter Ehemann der Täter sein könnte. Doch Durand tut sich schwer, an die Dorfbewohner heranzukommen: Zu eingeschworen ist die Gemeinschaft, hier hält man noch zusammen. Zumal Durand als ehemaliger Pariser nicht gerade das Vertrauen der Einheimischen genießt.

Nicht nur der Fall hat seine Tücken, sondern auch im Privatleben läuft für den Kommissar der „Police Municipale“ vieles nicht nach Plan. Seine Mitarbeiterin und Geliebte Celestine verlässt ihn und kündigt sogar ihre Anstellung bei der Polizei, so dass er auf ihre Mithilfe verzichten muss. Außerdem holt ihn mitten in diesem komplizierten Fall seine Pariser Vergangenheit ein, weswegen er sogar von den Ermittlungen abgezogen wird. Doch nicht nur die Dorfbewohner sind stur, auch Durand will wissen, wer hinter dem Mord steckt und setzt sich über das Ermittlungsverbot hinweg…

Charmanter Krimi mit viel Lokalkolorit

Mit diesem ersten Fall reiht sich Sophie Bonnet (oder eben Heike Koschyk) in die beständig größer werdende Szene von Krimis ein, die in einer französischen Region angesiedelt sind. Den Anfang machte bereits 2009 Martin Walker mit seinem „Chef de Police“ Bruno Courrèges im Perigord, dem dann 2012 Jean-Luc Bannalec mit Kommissar Georges Dupin in der Bretagne folgte (wobei sich diese Liste um einige weitere Autoren verlängern ließe). Und nun also auch noch Pierre Durand in der Provence. Bonnet legt einen kurzweiligen Urlaubskrimi vor, der locker wie spannend geschrieben ist. Genauso wie bei Martin Walker spielt auch die französische Lebensweise, inklusive der Schilderungen von kulinarischen Köstlichkeiten, mehr als nur eine Nebenrolle.

Dabei wird jedoch die kriminalistische Handlung nicht vernachlässigt: Der Fall ist kompliziert, gerade wegen der sturen Dorfbewohner – nicht minder stur: der Kommissar. Hartnäckig trotzt dieser allen Nackenschlägen und ermittelt trotz der Widerstände weiter. Am Ende wundert sich man über die Auflösung, die gerade zu Beginn nicht zu erwarten war. „Provenzalische Verwicklungen“ als Ttitel ist dabei treffend gewählt, ohne mehr verraten zu wollen.

Mir gefiel vor allem der Umfang und die Schilderungen Pierre Durands. Dass das Privatleben der Kommissare in allen bereits erwähnten Fällen – egal ob Bruno bei Walker oder Dupin bei Bannalec – einen großen Platz einnnimmt, ist mittlerweile üblich. Aber, und das ist der große Unterschied, Durands Liebesleben ist anders. Er wird zwar von Celestine verlassen und bändelt auch zügig mit einer neuen Frau an, wechselt dann jedoch nicht dauernd seine Liebschaft(en). Vielleicht dachte sich Sophie Bonnet einfach, dass ein Weiberheld für den Krimi reicht. Ausreichend Potential für weitere Fälle besitzt Kommissar Durand definitiv (der zweite Band „Provenzalische Geheimnisse“ erschien unlängst). Zum sympathischen Chefermittler gesellen sich seltsame Typen und Charaktere, beispielsweise der gegensätzliche Assistent und die zahlreichen Tatverdächtigen.

So gelang Sophie Bonnet mit „Provenzalische Verwicklungen“ ein Krimidebut um einen kauzigen Kommissar, der in einem skurrilen Fall inmitten schöner Landschaften ermitteln muss oder darf. Für anstehende Sommerurlaube – unabhängig von der Provence – absolut empfehlenswert.


Bonnet Provenzalische Verwicklungen

Sophie Bonnet – „Provenzalische Verwicklungen“ | Credit: blanvalet

Sophie Bonnet

Provenzalische Verwicklungen
Ein Fall für Pierre Durand

Paperback, 320 Seiten

ISBN: 978-3-7645-0512-7
€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 20,50

„Zurück auf Start“ – Wenn nichts mehr sein soll, wie ist es ist

Petros Markaris Epilog zur „Trilogie der Krise“

Die Krise in Griechenland wird einfach nicht kleiner, sondern sie wächst und wächst. Vielen Griechen geht es finanziell immer schlechter und der soziale Frieden wird unter anderem von den gewaltbereiten Anhängern der Partei „Goldene Morgenröte“ bedroht. Und dann geschieht auch noch der Selbstmord des Deutsch-Griechen Andreas Markridis – oder war es doch Mord? Das behaupten zumindest die „Griechen der 50er Jahre“ und wer verbirgt sich überhaupt hinter dieser Bezeichnung? Wieder einmal muss Kommissar Kostas Charitos ermitteln.

Der Schock für Kommissar Charitos könnte nicht größer sein, wird doch seine Tochter Katerina auf offener Straße und vor zahlreichen Augenzeugen von rechtsradikalen Schlägern niedergeschlagen, nur weil sie als Anwältin zwei Afrikaner vor Gericht vertrat. Dabei bleibt es nicht, denn auch Kostas Charitos erhält einen anonymen Drohanruf von den Rechten. Doch woher haben sie seine Nummer und wieso sprang niemand seiner Tochter zu Hilfe? Stünde nicht der Selbstmord des Deutsch-Griechen Andreas Markridis im Vordergrund, ließe sich der Nebenstrang um die Rechten noch weiter auserzählen als es bei Markaris bereits geschieht. Denn aus dem gerichtsmedizinisch klaren Suizid wird auf einmal ein Mord. Zumindest wenn es nach dem Bekennerschreiben einer Organisation geht, die sich die „Griechen der 50er Jahre“ nennt. So muss Charitos auch hier die Ermittlungen aufnehmen.

Auf den Suizid folgen vier Morde mit einer alten Smith & Wesson Pistole, die Charitos vor zahlreiche Rätsel stellen, denn die Opfer, deren Verbindungen und Vergangenheiten sind unterschiedlicher Natur. Und was vor allem hat der Suizid von Markridis damit zu tun? Handelt es sich bei den „Griechen der 50er Jahre“ um Terroristen, linke, rechte oder ganz andere Täter? Immer weitere Verstrickungen zeigen sich, so dass sogar Sissis bei den Ermittlungen helfen muss.

Die Bedeutung und der Verlust von Werten

So richtig festlegen kann man sich bei den Büchern von Petros Markaris nie: Handelt es sich um einen Kriminalroman mit Gesellschaftskritik oder einen gesellschaftskritischen Roman mit der Rahmenhandlung der Verbrechensaufklärung? Vielleicht muss man sich gar nicht darauf festlegen. Denn beides spielt eine große Rolle, so auch im neuesten Roman „Zurück auf Start“ (im griechischen Original: „Τίτλοι Τέλους“, was zu Deutsch mit „Abspann“ übersetzt werden kann). Markaris zeigt sich fast schon als Politikwissenschaftler, in jedem Fall aber als exzellenter Beobachter der griechischen Gesellschaft, indem er auf die wachsende Macht und den Einfluss der extremen rechten und nationalsozialistischen Partei „Goldene Morgenröte“ eingeht. Es zeigt sich einmal mehr: Je schlimmer Krisen und ihre Auswirkungen werden, desto größer ist die Gefahr, dass extreme Gesinnungen an Zulauf gewinnen und zwar in allen gesellschaftlichen Ebenen. Werte wie Respekt vor anderen Menschen und Kulturen, der körperlichen Unversehrtheit oder demokratischen Freiheiten drohen, verlustig zu gehen. Wie es auch im Buch selber beschrieben wird: der Schattenstaat im Untergrund gewinnt an Kraft. Ermöglicht unter anderem durch die Anonymität, die das Internet bietet.

Doch Markaris belässt es nicht bei den innergriechischen Problemen, sondern erweitert den Handlungsrahmen um die europäische Ebene. Denn der (Selbst-)Mord am Deutsch-Griechen Andreas Markridis ist der Auslöser für Morde an griechischen Staatsbürgern und könnte für zusätzliche Probleme der deutsch-griechischen Beziehungen führen. Denn die Ziele und Absichten der Organisation die „Griechen der 50er Jahre“ sind alles andere als klar: Was trieb Markridis in den Tod, wieso bekennt sich eine Gruppierung zu einem Mord, der keiner war und aus welchen Gründen geht das Morden dann tatsächlich los? Warum soll sich Griechenland „Zurück auf Start“ begeben, wie die Täter am Ende ihrer Bekennerschreiben verlauten lassen?

Markaris bedächtiger Kommissar Kostas Charitos muss in viele Richtungen ermitteln und stößt auf immer weitere, neue Fragen. Wie es schon in „Abrechnung“ der Fall war, darf die Bedeutung des Mikrokosmos „Familie“ bzw. „Freunde“ nicht unbetont bleiben. Ohne die Hilfe von Charitos Freund Sissis und dem Deutschen Uli, dem Freund von Katerinas Feundin Mania, käme der Kommissar bei seinen Ermittlungen auf keinen grünen Zweig. Geschickt verwebt Markaris die unterschiedlichen Handlungsstränge und führt (mal wieder) vor Augen, wie Vergangenheit und Gegenwart Griechenlands verbunden sind und vor welche Schwierigkeiten Emigranten bei ihrer Rückkehr gestellt werden. Deutlich werden auch die Unterschiede zwischen der deutschen und griechischen Bürokratie, wenn man sie denn so pauschal voneinander abgrenzen kann, sowie die Folgen auf den Einzelnen und in diesem Krimi für die Gesellschaft im Allgemeinen.

Ansonsten ist „Zurück auf Start“ in allen weiteren Belangen ein typischer Markaris Roman: Die Handlung lebt von seiner ruhigen Ermittlungsarbeit, dem Nachschlagen im Dimitrakos-Wörterbuch und den vielen Sprüchen und Lebensweisheiten, die Charitos Frau Adriani äußert. Gerade diese vielen lieb gewonnenen Eigenheiten und die beschreibende und bildhafte Sprache machen den Charme eines jeden Falls für Kostas Charitos aus.

Da dieser Krimi nun dem griechischen Originaltitel („Abspann“) zufolge quasi der Epilog der Krisentrilogie um „Faule Kredite“, „Zahltag“ und „Abrechnung“ ist, bleibt abzuwarten, wie es nicht nur mit Charitos, sondern mit der Darstellung Griechenlands weitergeht.

Markaris Zurück auf Start Charitos

Petros Markaris – Zurück auf Start | Copyright: Diogenes Verlag AG

 

Petros Markaris

Zurück auf Start

Ein Fall für Kostas Charitos

Roman, 368 Seiten
Erschienen im April. 2015

ISBN 978-3-257-06925-9
€(D) 23.90 / (A) 24.60

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Treibt nicht nur den Kommissar zur „Weißglut“ – Axel Steens zweiter Fall

Jesper Stein überzeugt auch mit dem zweiten Krimi aus Kopenhagen

Jesper Stein legt einen zweiten Krimi um den Kopenhagener Kommissar Axel Steen vor: „Weißglut“ – Der Titel ist hier wirklich Programm. Denn mit seiner direkten Art eckt Steen nicht nur bei Kollegen, sondern auch bei Zeugen, Opfern und seinen Vorgesetzten an. Allerdings ist das bei dem Fall auch kein Wunder. Ein brutaler Serienvergewaltiger verunsichert Kopenhagen und dann ist da noch ein Mord vor vier Jahren…

Mit Axel Steen geht es bergab, der Haschischkonsum steigt und auch die Angst um sein Herz lässt ihn nicht los. Als er dann auch noch Informationen über den Zusammenhang zwischen einer brutalen Vergewaltigung und dem alten Mordfall „Blackbird“ erhält, erfasst Steen der Eifer. Denn ausgerechnet dieser ungeklärte Mord an der Studentin Marie Stein führte zum Scheitern seiner Ehe mit Cecile. Die ist nun ausgerechnet mit dem Vize-Polizeichef und seinem Intimfeind Jens Jessen liiert. Ausgerechnet dieser will die Polizei reformieren, Kosten sparen und seinen Ermittlern über die Schulter schauen. Das sorgt nicht gerade für Begeisterung bei Axel Steen. Noch schlechter wird seine Laune als er erfährt, dass die Ermittlerin des Vergewaltigungsfalles äußerst fahrlässig und schlampig vorging. So nimmt er selbst Spur auf und jagt den Täter durch das schwüle Kopenhagen – ohne Rücksicht auf Verluste.

Harte Krimikost mit Blick fürs Detail

Nachdem bereits „Unruhe“, der erste Fall um Vizekriminalkommissar Axel Steen, in Dänemark und auch Deutschland überzeugte, legt Jesper Stein einen ebenfalls beeindruckenden zweiten Krimi nach, der mir sogar besser gefällt als der erste. Denn die Handlung ist rasanter und spannender, außerdem ist man bereits mit dem äußerst ambivalenten Chefermittler und seinen Eigenheiten vertraut. Er ist kein aalglatter Typ, dieser Axel Steen, vielmehr legt er sich mit allen und jedem an. Aber meistens auch mit gutem Grund: Mit Kollegen, weil sie einfach schlampig arbeiten oder die Opfer nicht ernst nehmen, mit seinem Vorgesetzten Darling, weil er ihm die Arbeit erschwert oder mit Vizepolizeichef Jessen, eben nicht nur wegen der Geschichte mit seiner Frau, sondern weil er sich in die Ermittlungen drängt. Freunde macht er sich so jedenfalls nicht –  Konflikte werden verbal und oft auch mit körperlicher Gewalt angegangen oder gelöst. Genau das macht jedoch die Stimmung des Krimis aus.

Die Figur Jens Jessen ist nicht minder widersprüchlich angelegt. Auf der einen Seite wird Jessen als aalglatter Karrierist dargestellt, der weder Widerspruch duldet noch irgendwelche Flecken auf seiner Weste haben möchte. Auf der anderen Seite stürzt er sich in die Ermittlungen, gefährdet sich genauso wie Verdächtige, um dann Steen zu schützen, obwohl das seiner Karriereplanung schaden könnte. Vielfältig, das sind die Charaktere der Hauptfiguren des Krimis allesamt: Echte Typen eben, mit zahlreichen Facetten.

Nicht weniger heftig ist der Fall oder besser die Fälle: Vergewaltigung und der alte, ungeklärte Mord. Man merkt Jesper Stein seine journalistische Ausbildung an und das ist durchaus positiv gemeint: Schon an sich kein leichtes Thema und dann ist da die oftmals detaillierte Schilderung der Taten, das Leiden der Opfer und der Zweifel von Teilen der Ermittler. Stein macht es dem Leser nicht einfach. Er zeigt aber auch mit bildhafter Sprache, dass Polizeiarbeit nicht immer nur glatt läuft und auch Polizisten mitunter verquere Ansichten haben. Detailliert sind ebenfalls die Beschreibungen der polizeilichen Ermittlungsarbeit, DNA-Proben und Laborarbeiten, Fehler in den Ermittlungen oder Manipulationen. Nicht alles läuft nach Plan, durchaus realistisch mutet das beim Lesen an. Durchweg wirkt das alles sehr realistisch und gut recherchiert, auch wenn es sich um Fiktion und nicht um einen faktenbasierten Krimi handelt.

An manchen Stellen könnte Jesper Stein etwas weniger explizit werden und zwar bei den sexuellen Handlungen und deren Beschreibungen. Ist das bei den Vergewaltigungsprozessen noch Mittel zum Zweck, wirkt es an anderer Stelle einfach zu viel. Und das liegt hier auch an der schriftstellerischen Leistung: Bei homosexuellen Männern von „Nougatbohrern“ zu schreiben, geht weit. Vielleicht zu weit. Immerhin werden die privaten Intimitäten von Vizekriminalkommissar Stein noch mit Gefühlen verbunden, so dass man über alles andere noch hinwegsehen kann. Trotzdem: Etwas weniger detaillierte Zurschaustellung von Sex würde dem Krimi nicht schaden.

Fazit: Spannender und harter Krimi, ohne Umschweife erzählt, den man, einmal mit dem Lesen begonnen, so schnell nicht mehr aus der Hand legt. Auf weitere Fälle darf man sich freuen!

Jesper Stein "Weißglut"

Jesper Stein – „Weißglut“ | Copyright; Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG

Jesper Stein

Weißglut

Kiepenheuer & Witsch

ISBN: 978-3-462-04696-0

Preis: 12,99 Euro