Sophie Hénaff: Kommando Abstellgleis – Ein Fall für Kommissarin Capestan

Anne Capestan, Kommissarin, hat einen schweren Fehler begangen. Sie machte Gebrauch von ihrer Dienstwaffe, obwohl der Täter nur mit einem Kugelschreiber bewaffnet war. Deswegen findet sie sich jetzt in einer derangierten Pariser Wohnung wieder, die ihr neues Büro darstellen soll. Und sie ist nicht allein: 40 andere in Ungnade gefallene Polizisten – sei es aufgrund von dienstlichen Verfehlungen oder privaten Problemen – gehören zu einer neugegründeten Brigade, deren Chefin nun Anne Capestan ist.

Das Team der „Looser“ startet durch

Doch von den 40 ihr unterstellten Polizisten tauchen zu Anfang nur drei auf:  Unglücksbringer José Torrez, Commandant Lebreton von der Dienstaufsicht und Capitaine Eva Rosière, die als Schriftstellerin das große Geld gemacht hat. Um sich nicht soviel miteinander beschäftigen zu müssen, wühlen sich die Polizisten durch die Kartons voller alter Akten auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung. Schnell sind zwei unaufgeklärte Mordfälle entdeckt, die sich die Polizisten in Zweier-Teams vornehmen. Lebreton und Rosière untersuchen den Fall Yann Guénan, ein Brückenwachoffizier der 1993 erschossen aus der Seine gefischt wurde und Capestan ermittelt mit Torrez im Fall Marie Sauzelle, einer alten Dame, die einem Einbrecher zum Opfer fiel. Nach und nach trudeln noch fünf weitere Polizisten in der Brigade ein. Ein Alkoholiker, ein Pressefreund, eine Spielsüchtige, ein Autojunkie und ein ehemaliger Boxer komplettieren die bunte Mischung. Trotz all der Probleme, die die Polizisten mitbringen, sind bald erste Erfolge erkennbar und die Loser-Truppe kommt bei ihren Ermittlungen sogar der Führungsriege auf die Schliche.

Ein Krimi bunt wie das Leben

Sophie Hénaff hat mit „Kommando Abstellgleis“ einen gelungenen Krimi geschrieben, der durch die Vielzahl seiner Protagonisten begeistert. Trotz der charismatischen Kommissarin Capestan in der Hauptrolle bleiben auch die anderen Polizisten nicht nur Nebendarsteller. Kurze, eingefügte Kapitel in denen jeweils einer der Protagonisten alleine beleuchtet wird, bringen dem Leser alle Polizisten etwas näher. Und trotz all der Fehler, die die Polizisten haben oder begangen haben, sind sie alle auf ihre Art liebens- und damit lesenswert. Die bunte Mischung an Leuten und ihre Interaktion ist interessant zu beobachten und lädt zum einen oder anderen Schmunzeln ein.

Spannend ist auch die Klärung der Mordfälle, vor allem weil die Brigade von den Obrigkeiten keinerlei Unterstützung erhält und somit darauf angewiesen ist, auf unkonventionelle Mittel zurückzugreifen. Nicht nur die Tatsache, dass der Roman in Paris spielt, hebt ihn von den unzähligen französischen Krimis ab, die auf dem Büchermarkt mittlerweile zu finden sind. Auch die Wortwahl von Sophie Hénaff ist teilweise außergewöhnlich und zeigt ihre langjährige Erfahrung als Schreiberin verschiedenster Genres. Somit ist Kommando Abstellgleis ein rundum gelungenes Krimidebüt der Schriftstellerin und uneingeschränkt zu empfehlen.


Kommando Abstellgleis von Sophie Henaff | Copyright: Randomhouse

Sophie Hénaff

Kommando Abstellgleis – Ein Fall für Kommissarin Capestan

€ 14,99 [D] inkl. MwSt.
€ 15,50 [A] | CHF 20,50*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 20.03.2017
352 Seiten
ISBN: 978-3-570-58561-0

Das Rezensionsexemplar wurde mir von carl’s books/Randomhouse freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

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Sophie Bonnet „Provenzalisches Feuer“ – Auf den Spuren Okzitaniens

Der vierte Fall mit Kommissar Durand

Ein Krimi gemacht wie für den Sommer: „Provenzalisches Feuer“ aus dem Blanvalet Verlag spielt wie immer im südfranzösischen Sainte-Valérie. Autorin Sophie Bonnet lässt ihren Kommissar Durand dieses Mal einen pikanten Mordfall lösen. Die Ermittlungen im Fall eines Journalisten lassen Unruhe im sonst so idyllischen Örtchen aufkommen. Denn alte Geschichte kochen hoch…

Ein Dorf im Rausch

Sainte-Valérie in der Provence: Es ist Juni, der Sommer hält Einzug und das Dorf bereitet sich auf ein großes traditionelles Fest vor. Eigentlich ganz der Geschmack der Dorfbewohner und auch von Kommissar Durand, würde nicht der Bürgermeister ein riesiges touristisches Event aufziehen. Reisebusse voller Touristen werden angekarrt und Fackeln mit Aufdruck des Reiseunternehmens verteilt. Von Idylle und Tradition ist das weit entfernt. Und das ruft bei den Dorfbewohnern Argwohn hervor.

Als dann mitten während des Stadtfestes ein Journalist erstochen wird, findet das rauschende Fest ein jähes Ende. Ausgerechnet während des Auftrittes der gefeierten Band Viva Occitània. Trotz so vieler potentieller Zeugen kann Durand und sein Polizeiteam vor Ort keinen Täter dingfest machen. Zu trubelig ging es auf dem Dorfplatz zu. Am Tag darauf stellt sich jedoch heraus, dass der Journalist nicht nur in einer Kneipe mit Dorfbewohnern in Streit geriet, sondern auch ein Gespräch mit Durands Vorgänger führte.

Erste Recherchen und Ermittlungen lenken die Spur in die Vergangenheit und zum kuriosen Tod eines Schriftstellers, der einen Roman über Sainte-Valérie verfassen wollte. Doch genau das kam seinerzeit nicht gut bei den Bewohnerinnen und Bewohnern an. Denn in den Darstellungen der Figuren erkannten sie sich teils wieder, vor allem in den schlechten Eigenschaften und Charakterzügen. Doch ist dies nicht die einzige Fährte, der Kommissar Durand nachgeht: Auch die Hüter der traditionellen und aussterbenden Sprache „Okzitanisch“ geraten in den Verdacht mit dem Mord am Journalisten in Verbindung zu stehen – Durands Assistent Luc. Je tiefer Durand sich in den Fall begibt, um so größer wird auch die Gefahr für ihn. Denn irgendjemand versucht die Ermittlungen zu behindern und schreckt auch nicht vor Angriffen auf den Kommissar zurück.

Lokalkolorit und Spannung

Gewohnt launisch kommt der vierte Fall um den sympathischen Kommissar Durand daher. Ein wenig Liebesgeschichte und Fortspinnen der Beziehung mit Freundin Charlotte, die nun ihren Weg in die Selbstständigkeit wagt, darf nicht fehlen. Für alle Leserinnen und Leser der Krimis von Martin Walker, Cay Rademacher oder Jean-Luc Bannalec ist das zwar ein Bekanntes, aber auch liebgewonnenes Schema. Dies trifft auch auf die Verknüpfung der landesgeschichtlichen Geschichte, bzw. Geschichte der Regionen und dem „Savoir Vivre“ mit der Krimihandlung zu.

Das mag vielleicht auf den ersten Eindruck seicht klingen, aber der Fall ist spannend und als Leser rätselte ich bis zum Ende, wer der Täter (oder die Täterin) sein könnte. Gleichzeitig erfuhr ich mehr über die Befindlichkeiten in Südfrankreich und erstmals über die Existenz der okzitanischen Kultur sowie die Probleme zwischen gelebter Tradition und den Vorgaben aus Paris. So erinnert der Konflikt – in abgeschwächter Form –  an die Zustände in Katalonien.

Interessant und erschreckend zugleich ist die Beschreibung, wie der Dorf-Bürgermeister den Tourismus beflügeln will. Dabei aber einzig die Stadtkasse im Kopf hat, die Befindlichkeiten seines Dorfes jedoch mehr oder weniger außen vorlässt. Führt man sich noch dazu Bonnets Ausführungen über die Auswirkungen des im Krimi geschilderten, fiktiven Romans auf den Ort vor Augen, stellt sich die folgenden Frage: Wie sieht es denn in der Realität aus? Was machen beispielsweise die Frankreich-Krimis mit den kleinen Orten: Erleben diese auch eine Tourismus-Schwemme und werden quasi zu „Museumsdörfern“ oder erhalten große Hotelanlagen? Und was geschieht, wenn das Interesse an diesen Romanen und folglich den Regionen und Orten nachlässt? Insofern regt die Lektüre sogar zu kritischen Gedanken án.

Und dennoch ist „Provenzalisches Feuer“ vor allem ein spannender Krimi mit einigen Wendungen und sympathischen Charakteren. Bestens geeignet, um ihn auf dem Balkon, im Garten oder gleich im Urlaub zu lesen.


Buchcover zu Sophie Bonneta "Provenzalisches Feuer"

Sophie Bonnet „Provenzalisches Feuer“ | Copyright: Randomhouse/blanvalet

Sophie Bonnet

Provenzalisches Feuer

€ 14,99 [D] inkl. MwSt.
€ 15,50 [A] | CHF 20,50*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 22.05.2017
320 Seiten

ISBN: 978-3-7645-0613-1

Das Rezensionsexemplar wurde mir von blanvalet freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

Luis Sellano „Portugiesische Rache“ – Historische Verstrickungen in Lissabon

Ein „Ausflug“ in Portugals unrühmliche Vergangenheit

Auch im zweiten Kriminal-Roman um Neu-Antiquariatsbesitzer und Ex-Polizist Henrik Falkner bindet Autor Luis Sellano Portugals jüngere Vergangenheit ein. Vor der Kulisse Lissabons muss sich Falkner mit alten und neuen Widersachern messen.

Henrik Falkner – Jäger und Gejagter

Als der durch Messerstiche schwer verletzte IT-Spezialist Ruben Mendes in den Armen von Henrik Falkner zu sterben droht – und dies auch später im Krankenhaus tut -, ist klar, dass es für den Ex-Polizisten wieder losgeht. Denn natürlich kommt er nicht umhin, die Hintergründe für den Mord herauszufinden. Zumal der Verstorbene noch kurz zuvor in Falkners geerbtem Antiquariat ein Buch kaufte. So liegt es nahe, einen Zusammenhang zwischen Buchkauf und dem gewaltsamen Tot zu wittern.

Und wie schon bei den Geschehnissen in „Portugiesisches Erbe“ bekommt es Henrik Falkner mit alten Feinden und glücklicherweise auch alten Freunden zu tun. So sind die junge Polizistin Helena, die Ärztin Filipa und Mönch Bruno an und auf der Seite des Antiquariatsbesitzers.

Als die Polizei im Mann der Geliebten den Mörder von Ruben Mendes verkündet, scheint der Fall aufgeklärt. Doch schnell merkt der geschulte Ex-Polizist, dass hier politischer Druck herrscht und die wahren Schuldigen nicht gefunden werden sollen. Damit gibt sich Henrik Falkner nicht zufrieden, zu groß ist sein Gerechtigkeitssinn. Dadurch bringt er nicht nur sich und seinen Vater in Gefahr, sondern auch Helena mit ihrer kleinen Tochter sowie seine Mitarbeiterin Catia. Denn die Feinde und Täter stammen aus der Zeit Portugals unter Ministerpräsident und Diktator António de Oliveira Salazar. Und deren Skrupel Gewalt anzuwenden sind nicht geringer geworden, schließlich gibt es einiges vor der Öffentlichkeit zu vertuschen…

Krimi, Politik- und Landesgeschichte

Auf knapp 350 Seiten führt Autor Luis Sellano seine Leserinnen und Leser auf eine spannende Jagd nach dem Mörder von Rubin Mendes. Dabei hat er in Henrik Falkner eine geeignete und sympathische Hauptfigur entwickelt, die bereits in „Portugiesische Erbe“ in Lissabon ermitteln durfte. Anders als es im ersten Band noch der Fall war, wirkt die Handlung und vor allem das Ende nicht so konstruiert bzw. zufällig.

Neben der Kenntnis von Lissabon, die sich in detaillierten und liebevollen Beschreibungen der Orte zeigt, beweist Sellano auch sein Wissen der Geschichte Portugals unter der Herrschaft Salazars. Als geschichtlich- und politischinteressierter Leser war ich erstaunt, wie wenig ich doch über diese Hintergründe und Geschehnisse aus einer Zeit und einem Staat weiß, die noch nicht so lange zurückliegt. Mit den verknüpften Hintergründen und Geschehnissen um die Verfolgung von Regimekritikern, in diesem Fall fiktionale Personen, entsteht nicht nur Spannung, sondern noch dazu Interesse an dieser Epoche.

Sympathische Akteure: Henrik, Helena, Filipa, …

Was wäre die atemloseste Handlung ohne das passende „Personal“: Die bereits im ersten Band liebgewonnenen Akteure um Henrik Falkner wirken allesamt auch in „Portugiesische Rache“ mit. Und Sellano erweitert es sogar, zumindest für diesen Fall, um Henriks Vater, der kaum aus dem heimischen Ehegefängnis ausgebrochen, ein Techtelmechtel mit der Mutter eines der Mieter von Henrik beginnt. Neben der Hatz nach den Tätern kommen weder Humor noch die Liebe zu kurz.

Denn so sehr Henrik Falkner noch an seiner verstorbenen Frau hängt, seine Zuneigung zu Polizistin Helena wächst und eine erste Annäherung findet auch statt. Überhaupt hat Sellano seinen Protagonisten, anders als es in so vielen nordischen Krimis der Fall ist, nicht als zutiefst depressive, alkohol- oder drogenkranke Person eingeführt. Aber das würde auch nicht in das umtriebige Lissabon passen.

Freuen darf man sich auf den dritten Band, denn längst nicht alle offenen Fragen werden am Ende beantwortet. Schon gar nicht, wer João, den Lebensgefährten von Henriks Onkel Martin, und vielleicht sogar Martin ermordete. Ganz zu schweigen vom Cliffhanger um Catia, Henriks Antiquariatsmitarbeiterin.


Buchcover zu Luis Sellanos Krimi "Portugiesische Rache"

Luis Sellano „Portugiesische Rache“ | Copyright: Heyne Verlag

Luis Sellano

Portugiesische Rache

€ 14,99 [D] |€ 15,50 [A] | CHF 20,50*

(* empf. VK-Preis)
Erschienen: 09.05.2017
512 Seiten

ISBN: 978-3-453-41945-2

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Heyne Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

Martin Walkers „Grand Prix“ – Eine Rallye, ein Oldtimer, ein Mord und viel „savoir vivre“

Fall neun für den Chef de Police

Wieder einmal entführt uns Martin Walker mit dem neunten Fall von Bruno Courrèges ins idyllische Périgord. In „Grand Prix“ – wie immer im Schweizer Diogenes Verlag veröffentlicht – übernimmt der Chef de police mal wieder die Rolle des Organisators und kümmert sich um die Ausrichtung einer Oldtimerrallye. Doch auch dieses Mal geht es nicht nur beschaulich zu: Ein Mord darf nicht fehlen!

Teure Oldtimer, neue Sorgen

Eigentlich ist Bruno Courrèges der Dorfpolizist von Saint-Denis und gleichzeitig ist er vielmehr als das: Sozialarbeiter, rechte Hand des Bürgermeisters, Sporttrainer der Rugbymannschaft sowie ebenfalls „Tourismus-Experte“ und Förderer der heimischen Wirtschaft. In dieser Funktion hat Bruno maßgeblich dazu beigetragen, dass eine Oldtimer-Rallye im kleinen französischen Ort stattfindet und eben diese Oldtimer im Dorfzentrum ausgestellt werden.  Der Andrang ist tatsächlich riesengroß: Zahlreiche Teilnehmerinnern und Teilnehmer folgen der Einladung, sogar aus anderen Landesteilen, ebenso viele Besucherinnen und Besucher strömen nach Saint-Denis um das Spektakel zu verfolgen.

Unter diesen befinden sich zwei besonders besessene Sammler, die sich auf die Suche nach einem der teuersten Autos befinden: Dem Bugatti Typ 57SC Atlantic, welcher in dern 1930er Jahren nur viermal produziert wurde. Und ausgerechnet eines dieser Exemplare soll während des Zweiten Weltkrieges verschwunden sein. Doch mit der Rallye und der Autosuche kommen das Verbrechen und alte Bekannte nach Saint-Denis: Ein pensionierter Forscher wird ermordet, Commissaire Isabelle Perrault ermittelt in Fällen von Geldwäsche und Finanzierung des internationalen Terrorismus.

Viel Leben, wenig Ermittlung und dennoch spannend

Abgesehen vom achten Fall „Eskapaden„, in dem Martin Walker seinen Chef de Police als „James Bond vom Land“ darstellte, kehrt nun deutlich mehr Ruhe ein. Bis zu Seite 150 (von 384 Seiten) kann man fast gar nicht von einem Kriminalroman sprechen. Denn außer einem Todesfall, der nicht einmal wie ein Mord daherkommt, geht es gewohnt beschaulich zu. Fast wirkt es, als besinne sich Walker auf die Stärken, die die Bruno-Reihe bislang ausgemacht haben: Die Schilderung von Land, Leuten, Lebenskultur in Form von Essen und Trinken und der Dorfgemeinschaft.

Trotzdessen dem Verbrechen „zu Beginn“ wenig Spiel- und Erzählraum geboten wird, kommt keine Langweile auf. Und dies liegt eindeutig eben an den ausführlichen Beschreibungen des Umfelds und der Situationen rund um Bruno Courrèges. Als dann auch noch der Fall um den getöteten Forscher, die Rallye und das Auftauchen von Isabelle beginnt, nimmt der Roman Fahrt auf.

Als Leser geht man auf eine Reise, die zurück in die Zeit des „Grande Guerre“ führt. Wieder einmal lässt Martin Walker seine Qualitäten als studierter Historiker aufblitzen, indem er zahlreiche Details verarbeitet und die Fiktion mit Fakten anreichert. So zum Beispiel die Hintergrundinformation über den Wert des Bugatti Typ 57SC Atlantic als teuerster Oldtimer der Welt – wie Wikipedia es führt.

Für alle Fans von Bruno Courrèges wird „Grand Prix“ einer der besten Fälle sein und für alle neuen Leserinnern und Leser ein guter Einstieg – auch wenn man so viele Informationen rund um das durchaus turbulente Liebesleben von Bruno nicht verstehen kann.


Buchcover Martin Walker „Grand Prix“ aus dem Diogenes Verlag AG

Martin Walker „Grand Prix“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Martin Walker

Grand Prix

€ 24 [D], sFr 32.00 [CH],  € 24.70 [A]
Erschienen am 26.04.2017
384 Seiten
ISBN: 978-3-257-06991-4

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Cilla und Rolf Börjlind „Schlaflied“ – höchste Spannung vor aktuellem Hintergrund

Anders als der Titel „Schlaflied“ des mittlerweile vierten Falls des schwedischen Ermittlerduos Olivia Rönning und Tom Stilton vermuten lassen könnte, ist der Band alles andere als einschläfernd. Diesmal begeben sich die beiden auf die Suche nach einem brutalen Kindermörder.

Tote Flüchlingskinder und rumänische Verbrecher

Verscharrt in einem Wald irgendwo in der schwedischen Provinz Smaland wird die Leiche eines ermordeten Jungen entdeckt. Unweit vom Fundort entdeckt die Spurensicherung einen Dolch, dessen Inschrift auf eine rumänische Verbrecherorganisation hinweist. Doch ebenfalls in der Nähe wohnt ein vom Dienst suspendierter Lehrer, der im Verdacht des Missbrauchs seiner Schüler stand und einem Pädophilennetzwerk angehört. Daher folgen Olivia Rönning und Tom Stilton, der nach seinem Burnout wieder bei der Mordkommission Fuß fasst, beiden Spuren.

Doch schnell erkaltet die Fährte zum potentiellen Kinderschänder. So fliegen Rönning und Stilton im Auftrag ihrer Vorgesetzten Mette nach Bukarest, um vor Ort in der rumänischen Verbrecherwelt zu ermitteln. Wortwörtlich müssen sie in die Unterwelt hinabsteigen: In der Kanalisation Bukarests zwischen  drogensüchtigen, obdachlosen Kindern und Jugendlichen suchen sie nach Hinweisen, die sie zur Identität des Jungen führen könnten. In der Tat entdecken sie, dass der ermordete Junge aus einer  Romafamilie stammt. Gleichwohl die Recherchen zielführend sind, stellen sie sich jedoch auch als gefährlich heraus: Denn Olivia und Tom kommen einem Oberhaupt einer überaus brutalen Verbrecherbande zu nahe.

Zurück in Schweden tauchen in einer Baugrube zwei weitere Leichen auf, wiederum Jugendliche. Diesmal ein farbiger Jungen und ein Flüchtlingsmädchen aus Afghanistan. Hier entdeckt der Pathologe Entsetzliches: Beiden wurde vor ihrem Tod die Nieren entfernt – und wie sich herausstellt auch dem Romajungen. Ein  Handel mit den Organen von Flüchlingskindern?

Ausnutzen der Krise

Wie schon die drei vorherigen Bände überzeugt auch „Schlaflied“ aus vielerlei Gründen: Zum einen werden die vorhandenen Charaktere weitergeführt und weiterentwickelt. Je länger die Reihe andauert, um so besser lernt man die einzelnen Akteure kennen. Ganz gleich ob das Tom Stilton, Olivia Rönning oder Mette ist. Sie alle haben Stärken, Schwächen und Sehnsüchte, handeln aber ebenfalls durchaus impulsiv. Die immer wieder auftauchenden Figuren und ihre Eigenheiten werden durch die horizontale Erzählhaltung der beiden Autoren betont. Und dennoch lassen sie die (altbekannten) Personen leiden und Schaden nehmen, so dass hier zusätzliche Spannung entsteht.

Überhaupt ist der neue Fall überaus spannend, weil er mit der Flüchlingskrise ein aktuelles Thema nutzt. Schutzsuchende und noch dazu Kinder werden hier von raffgierigen Verbrechern ausgenutzt, ohne Anstand und Moral. Menschliche Abgründe tun sich auf, zeigen allerdings auch, woher diese Gier kommt. Sie erwächst oder erwuchs aus der Armut anderer „Notleidenden“, die sich dann wiederum am Elend bereichern und versuchen der Armut zu entkommen. Allerdings auf höchst kriminelle Art und Weise. Dies schildern die beiden Autoren sehr eindringlich und sehr realistisch.  Das trifft auch auf die Darstellung der vollkommen überlasteten Polizisten in Rumänien zu, die bis an die Grenzen ihrer psychischen und physischen Belastung gelangen.

Man merkt der Schreibweise von Cilla und Rolf Börjlind ihre jahrelange Erfahrung als Drehbuchautoren an: Viele Momente und Beschreibungen wirken so szenisch, dass man sie sich perfekt verfilmt vorstellen kann. Insofern wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich ein Fernsehsender die Rechte an der Reihe sichern wird.

Anders als es bei vielen anderen Reihen der Fall ist, kann „Schlaflied“ das Niveau der vorangegangenen Bände nicht nur halten, sondern für meinen Geschmack sogar noch toppen. Die knapp 600 Seiten merkt man nur am Gewicht, aber nicht an der Lesedauer. Überraschend war für mich das Ende – und mein persönliches Highlight. Wieso, das kann hier nicht verraten werden …


Buchcover zu Cilla und Rolf Börjlinds Krimi "Schlaflied"

Cilla und Rolf Börjlind
„Schlaflied“ | Copyright: btb/Randomhouse

Cilla Börjlind, Rolf Börjlin

Schlaflied
576 Seiten
erschienen am 20. Februar 2017

€ 15,00 [D] inkl. MwSt.
€ 15,50 [A] | CHF 20,50*
(* empf. VK-Preis)
Paperback, Klappenbroschur ISBN: 978-3-442-75716-9

Das Rezensionsexemplar wurde mir von btb/Randomhouse Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Catherine Simons „Bitterer Calvados“ – Der dritte Fall für Kommissar Leblanc

Das Krimifestival Mord am Meer versetzt das ganze Städtchen Deauville in helle Aufregung. Auch Kommissar Leblanc wird davon nicht verschont: Eine der Krimilesungen soll in seinem Polizeirevier stattfinden. Doch dazu kommt es nicht. Der Tod des Literaturstars Jean-Paul Picard erschüttert alle Festivalbesucher und das Polizeirevier wird für die Ermittlungen benötigt.

Mord oder doch Suizid?

Jean-Paul Picard ist der Shootingstar unter den Krimiautoren, seine Bücher wurden millionenfach verkauft und als Mann ist er der Traum aller Frauen: gutaussehend, gebildet und charismatisch. Doch nach seiner Lesung wird er vom Hotelpersonal tot in seiner Suite aufgefunden – vergiftet. Herauszufinden ob es sich um Mord oder Selbstmord handelt, ist jetzt die Aufgabe von Kommissar Leblanc und seiner Kollegin Nadine. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, denn nach kurzer Zeit kristallisiert sich heraus, dass der Ermorderte nicht so sympathisch war, wie er nach außen wirkte und dass eine Menge Leute ihm den Tod wünschten. Der kriminalistische Blick des Kommissars wird verstellt durch die vielen potentiellen Täter und eine Amour fou, weshalb sich erst ganz am Ende herausstellt, was wirklich hinter der Figur Jean-Paul Picard steckt und wer sein Mörder ist.

Nur der Calvados ist bitter

Bitterer Calvados ist der dritte Fall, den die Autorin Catherine Simon alias Sabine Grimkowski geschrieben hat. Um die Geschichte und das Leben und Arbeiten des Commissaires verstehen zu können, muss man die vorherigen Bücher nicht gelesen haben. In der langen Reihe der französichen Krimis kommt Bitterer Calvados ins Mittelfeld. Der Fall ist zwar recht spannend und sein Ausgang bleibt lange ungewiss, aber die Figur des Kommissas und vor allem die französische Lebensart kommen im Buch zu kurz, um es auf einen der ganz obersten Plätze der französischen Krimis zu schaffen.


Catherine Simon "Bitterer Calvados"

Catherine Simon „Bitterer Calvados“ | Credit: Goldmann Verlag

Catherine Simon

Bitterer Calvados
448 Seiten
erschienen am 16. Januar 2017

978-3-442-48540-6

€ 8,99 (D)

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Goldmann Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Jenny Rognebys „Leona. Die Würfel sind gefallen“ – Eine Polizistin auf Abwegen

Mit „Leona. Die Würfel sind gefallen“ legte die äthiopischstämmige Schwedin Jenny Rogneby im letzten Jahr ein außergewöhnliches Krimidebüt vor. Düstere Kost mit komplizierten Ermittlerpersönlichkeiten ist man aus dem Norden nicht erst seit Jesper Stein gewohnt, aber mit Ermittlerin Leona Lindberg geht Rogneby einen Schritt weiter.

Ein Mädchen als Bankräuberin

Mitten in Stockholm betritt ein kleines Mädchen eine Bank und niemand schreitet ein. Kein Wunder, da es nicht nur blutüberströmt und mit blauen Flecken übersät ist, sondern auch noch mit einem Kassettenrekorder eine Botschaft abspielt. In dieser fordert eine Stimme die Herausgabe des Gelds, andernfalls würde etwas Schlimmes geschehen. So kommt es, dass das Mädchen die Bank mit einer Beute von sieben Millionen Kronen verlassen kann.

Mit Leona Lindberg erhält eine Polizistin die Ermittlungsleitung, die selber Mutter von zwei Kindern ist und prädestiniert für den Fall scheint. Aber eben nur scheint. Denn Leona ist – trotz ihres guten Rufes – eine Außenseiterin in der Abteilung. Auch bei diesem Fall lässt sie sich nur äußerst widerwillig unterstützen und das obwohl schon bald ein zweiter Überfall erfolgt. So treten die Ermittlungen schnell auf der Stelle und eine Auflösung ist nicht in Sicht. Denn auch Leona hat eine dunkle Seite und ihre Geheimnisse.

Zwischen den Welten: Gut und Böse

Wie eingangs bereits erwähnt legt Jenny Rogneby in ihrem Debüt keine Krimi-Schonkost vor. Vielmehr gehen die Autorin und deren Krimi einen Schritt weiter als viele andere Werke aus diesem Genre. Dass ein Kind ein Verbrechen begeht, das mag nichts Neues sein, aber dass es dazu gezwungen wird und noch dazu vom eigenen Vater, das ist immer noch eher unüblich. Die Siebenjährige muss allerhand durchleiden, um es ihrem Vater recht zu machen.

Der elementarste Unterschied zu anderen Krimis ist jedoch die Ermittlerin: Leona Lindberg. Diese ist in ihrem gesamten Charakter sehr ambivalent angelegt. So ist sie unfähig Gefühle für andere Menschen, abgesehen von ihren Kindern, zu empfinden. Selbst für ihren Mann empfindet sie nichts, zumindest keine Liebe. Die Ursache ihrer Emotionsstörungen wird im Laufe des Buches deutlich, so viel sei verraten. Dadurch erklärt sich sowohl ihr Handeln als auch ihre zerrissene Persönlichkeit und man entwickelt so etwas wie Verständnis für die Ermittlerin. Denn sie ist nicht allein gefühlskalt: Verbrechen und Aufklärung liegen sehr eng beieinander, was moralisch fragwürdig ist.

Insgesamt ein spannendes Debüt, was vor allem im letzten Drittel ordentlich an Fahrt aufnimmt und nicht allein wegen des „offenen“ Endes die Vorfreude auf den zweiten Band der Trilogie weckt.


Jenny Rogneby „Leona“ | Credit: Heyne Verlag

Jenny Rogneby „Leona“ | Credit: Heyne Verlag

Jenny Rogneby

Leona. Die Würfel sind Gefallen
448 Seiten
erschienen am 14. November 2016

978-3-453-42060-1

€ 9,99 (D)

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Heyne Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!