Martin Walkers „Grand Prix“ – Eine Rallye, ein Oldtimer, ein Mord und viel „savoir vivre“

Fall neun für den Chef de Police

Wieder einmal entführt uns Martin Walker mit dem neunten Fall von Bruno Courrèges ins idyllische Périgord. In „Grand Prix“ – wie immer im Schweizer Diogenes Verlag veröffentlicht – übernimmt der Chef de police mal wieder die Rolle des Organisators und kümmert sich um die Ausrichtung einer Oldtimerrallye. Doch auch dieses Mal geht es nicht nur beschaulich zu: Ein Mord darf nicht fehlen!

Teure Oldtimer, neue Sorgen

Eigentlich ist Bruno Courrèges der Dorfpolizist von Saint-Denis und gleichzeitig ist er vielmehr als das: Sozialarbeiter, rechte Hand des Bürgermeisters, Sporttrainer der Rugbymannschaft sowie ebenfalls „Tourismus-Experte“ und Förderer der heimischen Wirtschaft. In dieser Funktion hat Bruno maßgeblich dazu beigetragen, dass eine Oldtimer-Rallye im kleinen französischen Ort stattfindet und eben diese Oldtimer im Dorfzentrum ausgestellt werden.  Der Andrang ist tatsächlich riesengroß: Zahlreiche Teilnehmerinnern und Teilnehmer folgen der Einladung, sogar aus anderen Landesteilen, ebenso viele Besucherinnen und Besucher strömen nach Saint-Denis um das Spektakel zu verfolgen.

Unter diesen befinden sich zwei besonders besessene Sammler, die sich auf die Suche nach einem der teuersten Autos befinden: Dem Bugatti Typ 57SC Atlantic, welcher in dern 1930er Jahren nur viermal produziert wurde. Und ausgerechnet eines dieser Exemplare soll während des Zweiten Weltkrieges verschwunden sein. Doch mit der Rallye und der Autosuche kommen das Verbrechen und alte Bekannte nach Saint-Denis: Ein pensionierter Forscher wird ermordet, Commissaire Isabelle Perrault ermittelt in Fällen von Geldwäsche und Finanzierung des internationalen Terrorismus.

Viel Leben, wenig Ermittlung und dennoch spannend

Abgesehen vom achten Fall „Eskapaden„, in dem Martin Walker seinen Chef de Police als „James Bond vom Land“ darstellte, kehrt nun deutlich mehr Ruhe ein. Bis zu Seite 150 (von 384 Seiten) kann man fast gar nicht von einem Kriminalroman sprechen. Denn außer einem Todesfall, der nicht einmal wie ein Mord daherkommt, geht es gewohnt beschaulich zu. Fast wirkt es, als besinne sich Walker auf die Stärken, die die Bruno-Reihe bislang ausgemacht haben: Die Schilderung von Land, Leuten, Lebenskultur in Form von Essen und Trinken und der Dorfgemeinschaft.

Trotzdessen dem Verbrechen „zu Beginn“ wenig Spiel- und Erzählraum geboten wird, kommt keine Langweile auf. Und dies liegt eindeutig eben an den ausführlichen Beschreibungen des Umfelds und der Situationen rund um Bruno Courrèges. Als dann auch noch der Fall um den getöteten Forscher, die Rallye und das Auftauchen von Isabelle beginnt, nimmt der Roman Fahrt auf.

Als Leser geht man auf eine Reise, die zurück in die Zeit des „Grande Guerre“ führt. Wieder einmal lässt Martin Walker seine Qualitäten als studierter Historiker aufblitzen, indem er zahlreiche Details verarbeitet und die Fiktion mit Fakten anreichert. So zum Beispiel die Hintergrundinformation über den Wert des Bugatti Typ 57SC Atlantic als teuerster Oldtimer der Welt – wie Wikipedia es führt.

Für alle Fans von Bruno Courrèges wird „Grand Prix“ einer der besten Fälle sein und für alle neuen Leserinnern und Leser ein guter Einstieg – auch wenn man so viele Informationen rund um das durchaus turbulente Liebesleben von Bruno nicht verstehen kann.


Buchcover Martin Walker „Grand Prix“ aus dem Diogenes Verlag AG

Martin Walker „Grand Prix“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Martin Walker

Grand Prix

€ 24 [D], sFr 32.00 [CH],  € 24.70 [A]
Erschienen am 26.04.2017
384 Seiten
ISBN: 978-3-257-06991-4

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Catherine Simons „Bitterer Calvados“ – Der dritte Fall für Kommissar Leblanc

Das Krimifestival Mord am Meer versetzt das ganze Städtchen Deauville in helle Aufregung. Auch Kommissar Leblanc wird davon nicht verschont: Eine der Krimilesungen soll in seinem Polizeirevier stattfinden. Doch dazu kommt es nicht. Der Tod des Literaturstars Jean-Paul Picard erschüttert alle Festivalbesucher und das Polizeirevier wird für die Ermittlungen benötigt.

Mord oder doch Suizid?

Jean-Paul Picard ist der Shootingstar unter den Krimiautoren, seine Bücher wurden millionenfach verkauft und als Mann ist er der Traum aller Frauen: gutaussehend, gebildet und charismatisch. Doch nach seiner Lesung wird er vom Hotelpersonal tot in seiner Suite aufgefunden – vergiftet. Herauszufinden ob es sich um Mord oder Selbstmord handelt, ist jetzt die Aufgabe von Kommissar Leblanc und seiner Kollegin Nadine. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, denn nach kurzer Zeit kristallisiert sich heraus, dass der Ermorderte nicht so sympathisch war, wie er nach außen wirkte und dass eine Menge Leute ihm den Tod wünschten. Der kriminalistische Blick des Kommissars wird verstellt durch die vielen potentiellen Täter und eine Amour fou, weshalb sich erst ganz am Ende herausstellt, was wirklich hinter der Figur Jean-Paul Picard steckt und wer sein Mörder ist.

Nur der Calvados ist bitter

Bitterer Calvados ist der dritte Fall, den die Autorin Catherine Simon alias Sabine Grimkowski geschrieben hat. Um die Geschichte und das Leben und Arbeiten des Commissaires verstehen zu können, muss man die vorherigen Bücher nicht gelesen haben. In der langen Reihe der französichen Krimis kommt Bitterer Calvados ins Mittelfeld. Der Fall ist zwar recht spannend und sein Ausgang bleibt lange ungewiss, aber die Figur des Kommissas und vor allem die französische Lebensart kommen im Buch zu kurz, um es auf einen der ganz obersten Plätze der französischen Krimis zu schaffen.


Catherine Simon "Bitterer Calvados"

Catherine Simon „Bitterer Calvados“ | Credit: Goldmann Verlag

Catherine Simon

Bitterer Calvados
448 Seiten
erschienen am 16. Januar 2017

978-3-442-48540-6

€ 8,99 (D)

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Goldmann Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Sophie Bonnets „Provenzalische Verwicklungen“ – ein kulinarischer Krimi

Pierre Durands erster Fall: Ein Verbrechen aus Leidenschaft?

Im idyllischen, provenzalischen Örtchen Sainte-Valérie, dort, wo andere Leute Urlaub machen, lässt die deutsche Autorin Heike Koschkyk – unter dem Pseudonym Sophie Bonnet – ihren Kommissar Pierre Durand ermitteln. Der Dorfcasanova Antoine Perrot wird tot in einem Weinfass eines Luxushotels gefunden, passenderweise mit einem Rezept für Coq au Vin. Wer, wenn nicht ein in seiner Ehre gekränkter Ehemann sollte der Mörder sein?

Schwierige Ermittlungen: Ein Dorf hält dicht

Weinberge, zirpende Grillen, ein kleines Dorf mitten in der Provence und doch kommt es auch dort zu Kapitalverbrechen. Im Weinkeller des Hotels Domaine des Grès schwimmt in einem Weinfass die Leiche von Antoine Perrot – in Sainte-Valérie kein unbeschriebenes Blatt. Er gilt als Lokalcasanova, der auch vor verheirateten Frauen keinen Halt machte. Genau das lässt Kommissar Durand vermuten, dass ein gehörnter Ehemann der Täter sein könnte. Doch Durand tut sich schwer, an die Dorfbewohner heranzukommen: Zu eingeschworen ist die Gemeinschaft, hier hält man noch zusammen. Zumal Durand als ehemaliger Pariser nicht gerade das Vertrauen der Einheimischen genießt.

Nicht nur der Fall hat seine Tücken, sondern auch im Privatleben läuft für den Kommissar der „Police Municipale“ vieles nicht nach Plan. Seine Mitarbeiterin und Geliebte Celestine verlässt ihn und kündigt sogar ihre Anstellung bei der Polizei, so dass er auf ihre Mithilfe verzichten muss. Außerdem holt ihn mitten in diesem komplizierten Fall seine Pariser Vergangenheit ein, weswegen er sogar von den Ermittlungen abgezogen wird. Doch nicht nur die Dorfbewohner sind stur, auch Durand will wissen, wer hinter dem Mord steckt und setzt sich über das Ermittlungsverbot hinweg…

Charmanter Krimi mit viel Lokalkolorit

Mit diesem ersten Fall reiht sich Sophie Bonnet (oder eben Heike Koschyk) in die beständig größer werdende Szene von Krimis ein, die in einer französischen Region angesiedelt sind. Den Anfang machte bereits 2009 Martin Walker mit seinem „Chef de Police“ Bruno Courrèges im Perigord, dem dann 2012 Jean-Luc Bannalec mit Kommissar Georges Dupin in der Bretagne folgte (wobei sich diese Liste um einige weitere Autoren verlängern ließe). Und nun also auch noch Pierre Durand in der Provence. Bonnet legt einen kurzweiligen Urlaubskrimi vor, der locker wie spannend geschrieben ist. Genauso wie bei Martin Walker spielt auch die französische Lebensweise, inklusive der Schilderungen von kulinarischen Köstlichkeiten, mehr als nur eine Nebenrolle.

Dabei wird jedoch die kriminalistische Handlung nicht vernachlässigt: Der Fall ist kompliziert, gerade wegen der sturen Dorfbewohner – nicht minder stur: der Kommissar. Hartnäckig trotzt dieser allen Nackenschlägen und ermittelt trotz der Widerstände weiter. Am Ende wundert sich man über die Auflösung, die gerade zu Beginn nicht zu erwarten war. „Provenzalische Verwicklungen“ als Ttitel ist dabei treffend gewählt, ohne mehr verraten zu wollen.

Mir gefiel vor allem der Umfang und die Schilderungen Pierre Durands. Dass das Privatleben der Kommissare in allen bereits erwähnten Fällen – egal ob Bruno bei Walker oder Dupin bei Bannalec – einen großen Platz einnnimmt, ist mittlerweile üblich. Aber, und das ist der große Unterschied, Durands Liebesleben ist anders. Er wird zwar von Celestine verlassen und bändelt auch zügig mit einer neuen Frau an, wechselt dann jedoch nicht dauernd seine Liebschaft(en). Vielleicht dachte sich Sophie Bonnet einfach, dass ein Weiberheld für den Krimi reicht. Ausreichend Potential für weitere Fälle besitzt Kommissar Durand definitiv (der zweite Band „Provenzalische Geheimnisse“ erschien unlängst). Zum sympathischen Chefermittler gesellen sich seltsame Typen und Charaktere, beispielsweise der gegensätzliche Assistent und die zahlreichen Tatverdächtigen.

So gelang Sophie Bonnet mit „Provenzalische Verwicklungen“ ein Krimidebut um einen kauzigen Kommissar, der in einem skurrilen Fall inmitten schöner Landschaften ermitteln muss oder darf. Für anstehende Sommerurlaube – unabhängig von der Provence – absolut empfehlenswert.


Bonnet Provenzalische Verwicklungen

Sophie Bonnet – „Provenzalische Verwicklungen“ | Credit: blanvalet

Sophie Bonnet

Provenzalische Verwicklungen
Ein Fall für Pierre Durand

Paperback, 320 Seiten

ISBN: 978-3-7645-0512-7
€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 20,50