Anthony McCartens „Licht“ – Ein Erfinder, ein Banker und der Fortschritt

Fortschritt bedeutet Licht und Schatten

Mit dem Erfinder Thomas Alva Edison und dem Banker J.P. Morgan rückt der neuseeländische Autor Anthony McCarten zwei bedeutende Zeitgenossen des ausklingenden 19. Jahrhunderts ins Rampenlicht. Unterschiedlicher könnten beide nicht sein: Edison, der mit dem elektrischen Licht die Elektrifizierung der industrialisierten Welt einläutete, aber dennoch zerbricht und dem gegenüber Morgan als finanzstarker und skrupelloser Investmentbanker, der dank Edison sein Vermögen vermehrt.

Gegensätze ziehen sich an

Der eine hat Geld und der andere hat die Ideen: Unter dieser Voraussetzung treffen J.P. Morgan und Thomas Alva Edison aufeinander. Thomas Alva Edison, der den Durchbruch als Erfinder in der Telegraphenbranche schaffte, erhält Besuch vom Privatbanker J.P. Morgan. Denn dieser möchte Edison finanziell dabei unterstützen, die elektrische Glühlampe zur Marktreife zu entwickeln. Dies natürlich nicht uneingennützig, sondern um New York zu erleuchten und selber den eigenen Reichtum zu vermehren.

Gegensätzlicher könnten die beiden Geschäftspartner nicht sein. Edison als zerstreuter Erfinder und voller Ideen, in seiner Ehe sehr zurückhaltend und nahe am Scheitern. Dahingegen der selbstbewusste, finanz- und durchsetzungsstarke Morgan, der moralisch doch einige Schwächen hat. Nicht nur im geschäftlichen Bereich, sondern im zwischenmenschlichen. Und so ist auch die „Beziehung“ zwischen Erfinder und Banker nicht frei von Problemen. Denn Thomas Alva Edison droht an der eigenen Erwartungshaltung, dem Druck Morgans und der Gesellschaft zu zerbrechen.

Eine Art Kammerspiel

Genau dieses (drohende) Scheitern steht im Mittelpunkt von Anthony McCartens Roman „Licht“. Zwar geht das Licht auf, aber zu einem immensen Preis – und das eben nicht nur aus der monetären Sichtweise. Einerseits natürlich ein Preis, den Edison zu zahlen hat. Seine erste Ehe scheitert und auch die zweite entwickelt sich alles andere als glücklich. Auch der seelische Druck für Edison wird als immens dargestellt: Die Angst des Erfinders zu versagen und es der Gesellschaft beweisen zu müssen, bringt Edison ans Ende der Kräfte.

Gleichzeitig ist es nicht nur ein Roman über das Scheitern, sondern zeigt auch, wie die Welt (heute) funktioniert: Ein machthungriger, profilierungssüchtiger Banker in Gestalt von J.P. Morgan, der auch privat alles andere als integer und sympathisch etabliert wird, verfügt über den unsicheren Edison. Es zählt der Erfolg – Raubtierkapitalismus mag man es auch nennen. Gleichzeitig – und dabei wird es fast schon herrlich absurd – geht es um die Erfindung des elektrischen Stuhls als humanere Möglichkeit, die Todesstrafe zu vollziehen. Doch stellte sich das als Irrtum heraus – zumindest im Betrieb mit Gleichstrom.

Neben der Elektrifizierung spannt McCarten einen ungeheuren Bogen und schafft Zusammenhänge zur Entwicklung des elektrischen Stuhls, des Wechselstroms, und  bindet darüberhinaus – und das historisch begründet – weitere bedeutende Erfinder des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein (Tesla, Vanderbilt, etc.). Dies alles mit der vom Neuseeländer gewohnten und vor allem geschätzten Sprache: pointierte und gleichzeitig absurde Dialoge entstehen, wenn der schwerhörige Edison auf Morgan oder einen Jungen (am Ende seines Lebensweges) trifft. Seine Theatererfahrung kann er definitiv nicht verleugnen – und das ist auch gut so. Da seine Formulierungen und textliche Ausgestaltungen noch dazu szenisch gehalten sind, so dass es nur eine Frage der Zeit zu sein scheint, bis „Licht“ verfilmt wird. Kein Wunder, dass McCartens Werk ein reines Lesevergnügen mit ungeheurem Tiefgang darstelllt, ohne dabei schwierig zu lesen ist.


Buchcover zu Anthony McCartens "Licht"

Anthony McCarten „Licht“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Anthony McCarten

Licht

€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70
(* empf. VK-Preis)
Erschienen am 22. Februar 2017
368 Seiten
ISBN: 978-3-257-06994-5

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

 

Martin Walkers „Grand Prix“ – Eine Rallye, ein Oldtimer, ein Mord und viel „savoir vivre“

Fall neun für den Chef de Police

Wieder einmal entführt uns Martin Walker mit dem neunten Fall von Bruno Courrèges ins idyllische Périgord. In „Grand Prix“ – wie immer im Schweizer Diogenes Verlag veröffentlicht – übernimmt der Chef de police mal wieder die Rolle des Organisators und kümmert sich um die Ausrichtung einer Oldtimerrallye. Doch auch dieses Mal geht es nicht nur beschaulich zu: Ein Mord darf nicht fehlen!

Teure Oldtimer, neue Sorgen

Eigentlich ist Bruno Courrèges der Dorfpolizist von Saint-Denis und gleichzeitig ist er vielmehr als das: Sozialarbeiter, rechte Hand des Bürgermeisters, Sporttrainer der Rugbymannschaft sowie ebenfalls „Tourismus-Experte“ und Förderer der heimischen Wirtschaft. In dieser Funktion hat Bruno maßgeblich dazu beigetragen, dass eine Oldtimer-Rallye im kleinen französischen Ort stattfindet und eben diese Oldtimer im Dorfzentrum ausgestellt werden.  Der Andrang ist tatsächlich riesengroß: Zahlreiche Teilnehmerinnern und Teilnehmer folgen der Einladung, sogar aus anderen Landesteilen, ebenso viele Besucherinnen und Besucher strömen nach Saint-Denis um das Spektakel zu verfolgen.

Unter diesen befinden sich zwei besonders besessene Sammler, die sich auf die Suche nach einem der teuersten Autos befinden: Dem Bugatti Typ 57SC Atlantic, welcher in dern 1930er Jahren nur viermal produziert wurde. Und ausgerechnet eines dieser Exemplare soll während des Zweiten Weltkrieges verschwunden sein. Doch mit der Rallye und der Autosuche kommen das Verbrechen und alte Bekannte nach Saint-Denis: Ein pensionierter Forscher wird ermordet, Commissaire Isabelle Perrault ermittelt in Fällen von Geldwäsche und Finanzierung des internationalen Terrorismus.

Viel Leben, wenig Ermittlung und dennoch spannend

Abgesehen vom achten Fall „Eskapaden„, in dem Martin Walker seinen Chef de Police als „James Bond vom Land“ darstellte, kehrt nun deutlich mehr Ruhe ein. Bis zu Seite 150 (von 384 Seiten) kann man fast gar nicht von einem Kriminalroman sprechen. Denn außer einem Todesfall, der nicht einmal wie ein Mord daherkommt, geht es gewohnt beschaulich zu. Fast wirkt es, als besinne sich Walker auf die Stärken, die die Bruno-Reihe bislang ausgemacht haben: Die Schilderung von Land, Leuten, Lebenskultur in Form von Essen und Trinken und der Dorfgemeinschaft.

Trotzdessen dem Verbrechen „zu Beginn“ wenig Spiel- und Erzählraum geboten wird, kommt keine Langweile auf. Und dies liegt eindeutig eben an den ausführlichen Beschreibungen des Umfelds und der Situationen rund um Bruno Courrèges. Als dann auch noch der Fall um den getöteten Forscher, die Rallye und das Auftauchen von Isabelle beginnt, nimmt der Roman Fahrt auf.

Als Leser geht man auf eine Reise, die zurück in die Zeit des „Grande Guerre“ führt. Wieder einmal lässt Martin Walker seine Qualitäten als studierter Historiker aufblitzen, indem er zahlreiche Details verarbeitet und die Fiktion mit Fakten anreichert. So zum Beispiel die Hintergrundinformation über den Wert des Bugatti Typ 57SC Atlantic als teuerster Oldtimer der Welt – wie Wikipedia es führt.

Für alle Fans von Bruno Courrèges wird „Grand Prix“ einer der besten Fälle sein und für alle neuen Leserinnern und Leser ein guter Einstieg – auch wenn man so viele Informationen rund um das durchaus turbulente Liebesleben von Bruno nicht verstehen kann.


Buchcover Martin Walker „Grand Prix“ aus dem Diogenes Verlag AG

Martin Walker „Grand Prix“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Martin Walker

Grand Prix

€ 24 [D], sFr 32.00 [CH],  € 24.70 [A]
Erschienen am 26.04.2017
384 Seiten
ISBN: 978-3-257-06991-4

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Matin Suter „Elefant“ – Ethik und Moral

Ein wenig Märchen, Gentechnik-Thriller, Fiction und Liebesgeschichte – All das vereint der Schweizer Erfolgsautor in seinem Roman „Elefant“. Ernsthaft, philosophisch, kritisch-kontrovers  und nachdenklich, aber doch leicht lesbar erzählt er die Geschichte um einen kleinen rosafarbenen Elefanten, der noch dazu im Dunklen leuchtet.

Sabu Barisha: Ein Experiment

Mal wieder stockbesoffen kriecht der Obdachlose Fritz Schoch in seinen Unterschlupf, eine Höhle am Ufer des Schweizer Flusses Limmat. Normalerweise sollte das Einschlafen kein Problem sein, doch dann sieht er ihn: Einen kleinen, maximal dreißig Zentimeter hohen rosafarbenen und noch dazu leuchtenden Elefanten. Unsicher ob er nicht doch vom Alkohol halluziniert, muss er feststellen, dass der Elefant real ist. Doch wie kann das sein?

Sabu, wie ihn Schoch tauft, ist kein Wunder, sondern vielmehr ein gentechnisches Experiment des gleichermaßen ehrgeizigen wie skrupellosen und profitgierigen Wissenschaftlers Dr. Roux. Im Auftrag eines chinesischen Megakonzerns schwängert dieser eine Elefantenkuh des Zirkus „Pellegrini“. Doch er hat die Rechnung nicht mit dem burmesischen Elefantenpfleger Kaung gemacht. Denn kaum ist der Elefant auf der Welt lässt ihn der Elefantenflüsterer Kaung mithilfe des Tierarztes Dr. Reber verschwinden. Doch das bleibt nicht lange verborgen und so jagt Dr. Roux dem kleinen Elefanten hinterher.

Bei diesem Versteckspiel verunglückt Dr. Reber und schafft es vorher noch Sabu – oder Barisha, wie ihn Kaung tauft – in der Höhle von Schoch unterzubringen. Für den Obdachlosen beginnt damit ein Abenteuer, was so nicht geplant war. Quasi auf der Flucht vor seiner Vergangenheit und einem geregelten Leben, kümmert er sich gemeinsam mit der sozial engagierten Tierärztin Valerie um den kleinen Elefanten. Doch wie lange geht das gut?

Unglaublich und doch realistisch

So märchenhaft und unglaublich die Rahmenhandlung klingt, ist sie gar nicht. Denn Martin Suter hat auch in diesem Roman Fakten mit Fiction exzellent kombiniert und gründlich recherchiert. „Glowing Animals“ existieren, auch wenn es bei Glühwürmchen ein natürliches Phänomen ist. Mit der Figur des Wissenschaftlers Dr. Roux und dessen gentechnischem Experiment, rückt es Suter in die eine unnatürliche, künstliche Wissenschaft.

Dr. Roux: Ein Wissenschaftler, der anfangs aus Rach- und dann aus Geltungssucht sowie Profitgier handelt. Sich gottgleich über die „Schöpfung“ zu heben versucht und dabei alle moralischen und ethischen Grenzen überschreitet, dem Tier- und Menschenwohl egal sind. In dieser Figur vereint sich alles „Böse“. Dem gegenüber stehen nicht nur Fritz Schoch und die Tierärztin Valerie, sondern auch Kaung und Dr. Reber. Diese relativ klare Abgrenzung zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weiß stört jedoch zu keiner Zeit.

Spannend ist die Handlung nicht allein wegen der „Verfolgungsjagd“. Vielmehr hat Martin Suter die Charaktere, um den Protagnisten Obdachlosen Fritz Schoch, sehr interessant und die Neugier weckend angelegt. Als Obdachloser ist er per se erst einmal randständig und außerhalb der Gesellschaft angesiedelt, aber dadurch auch interessant. Als Leser (und Leserin) bleibt lange unklar, wie er in diese Situation kam. So kultiviert und gebildet, wie er auftritt, ahnt man, wie es bei den meisten Clochards der Fall ist, dass es einen schwerwiegenden Grund für den sozialen Abstieg geben musste. Das klärt sich im Laufe des Romans, während der immer enger werdenden Beziehung zu der anfangs distanzierten Valerie, auf.

In gut einhundert kurzen Kapiteln mit zeitlichen Sprüngen und in kurzen, schnörkellosen Sätzen erzählt Martin Suter eine wundervolle Geschichte, die Wissenschaftskritik, Zukunftsthemen, Liebesgeschichte und Märchen auf knapp 350 Seiten kombiniert.


Martin Suter "Elefant" Buchcover

Martin Suter: Elefant | Copyright: Diogenes Verlag AG

Martin Suter

Elefant
352 Seiten
erschienen am 01. Februar 2017
978-3-257-06970-9
€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70
* unverb. Preisempfehlung

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Petros Markaris: Der Tod des Odysseus – Geschichten

In „Der Tod des Odysseus“ erzählt Petros Markaris sieben Geschichten, die zwischen 10 und 90 Seiten lang sind. Eine große Rolle nimmt das Thema der Beziehung zwischen Griechenland und der Türkei bzw. das Leben der Istanbuler Griechen ein. Sowohl historisch als auch aktuell sind die Geschichten, die Markaris um dieses Thema strickt. Geschichtsstunde inklusive. Aber auch die Flüchtlingsproblematik und sogar das deutsch-türkische Verhältnis haben in dem Buch ihren Platz. Immer aus der Warte einfacher Leute geschrieben, schafft es Markaris, Aktuelles und Historisches lesenswert zu verpacken. Einzig und allein „Die Leiche im Brunnen“ fällt etwas aus dem Rahmen und passt nicht richtig zu den anderen Kurzgeschichten. Auch Kommissar Charitos betritt in „Mord an einem Unsterblichen“ und „Poems and Crimes“ wieder die Bühne. Beide Mordfälle spielen im Intellektuellenmilieu, doch wozu Kommissar Charitos sonst mehrere Tage und diverse Kaffees und Croissants benötigt, ist diesmal innerhalb weniger Seiten geklärt. Wer Markaris vor allem wegen Kommissar Charitos liest, wird am Ende des Buches nicht ganz zufrieden sein. Denn vom Kommissar nur kurz zu lesen, macht schon wieder Lust auf mehr.


Petros Markaris - Der Tod des Odysseus

Petros Markaris – Der Tod des Odysseus | Copyright: Diogenes Verlag AG

Petros Markaris

Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger

Der Tod des Odysseus
192 Seiten
erschienen am 26. Oktober 2016

978-3-257-06979-2
€ (D) 22.00 / sFr 30.00* / € (A) 22.70
* unverb. Preisempfehlung

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Leon de Winters „Geronimo“: Zwischen Bach, Goldberg und bin Laden

Osama bin Laden lebt – Zumindest im Roman

Osama bin Laden wurde 2011 nicht von US-amerikanischen Elitesoldaten erschossen, sondern gefangen genommen und stattdessen ein Doppelgänger als „Bauernopfer“ erschossen. Zumindest ist das der Aufhänger und Rahmen von Leon de Winters neuestem Roman „Geronimo“. Herausgekommen ist ein Polit-, Action- und Agententhriller der Verschwörungstheorien, tragisches Scheitern und Heldentaten, Verlust und Liebe sowie vereint.

„Kill or capture“  oder „Kill no capture“?

Unter dem Decknamen „Geronimo“ startete eine US-amerikanische Eliteeinheit der Navy Seals die Aktion im Mai 2011 zur Ergreifung des meist gesuchten Terroristen der Welt: Osama bin Laden. Diese endete mit dem Tod bin Ladens. Wenn es sich denn so zutrug – Was hier nicht bezweifelt werden soll. Doch Leon de Winter dichtet die Geschichte um und lässt bin Laden an diesem 2. Mai 2011 nicht sterben, sondern einen unschuldigen Doppelgänger. All das geplant und durchgeführt von eben dieser Spezialeinheit, um den Terroristen nicht einfach zu töten, sondern in Den Haag vor den internationalen Gerichtshof zu stellen. Doch das erweist sich als schwierig und für einige Beteiligten sogar als tödlich. Denn Osama besitzt Informationen, mit denen er den US-amerikanischen Präsidenten erpressen kann und will…

Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive des ehemaligen Delta Forces Mitglieds  Tom Johnson, Sohn eines jüdisch-russischen Musikerpaare. Dieser schied nach einer Verwundung in Afghanistan aus dem Dienst aus und finanziert sich seitdem mit hochdotierten Jobs in der privaten Sicherheitsbranche, ist aber immer noch mit seinen ehemaligen Seals Kameraden befreundet ist und wird so zufällig in die Aktion „Geronimo“ involviert.

Doch nicht nur die körperliche Verletzung setzt(e) Tom zu, sondern noch mehr zwei seelische: Einerseits der Verlust seiner Tochter, die 2004 – zur Zeit Toms Afghanistan Aufenthalts – ein Opfer der Zuganschläge von Madrid wurde. Andererseits die Suche nach der jungen Afghanin Apana, die als Tochter eines afghanischen Dolmetschers während des Afghanistaneinsatzes im amerikanischen Lager durch Tom die Goldberg-Variationen kennen- und so die Musik lieben lernte. Doch genau diese Liebe wurde ihr zum Verhängnis. Sie wird bei einem Überfall der Taliban beim Hören der westlichen Musik erwischt und aus dem Lager verschleppt, misshandelt und verstümmelt. Da sich Tom für ihr Schicksal verantwortlich fühlt, begibt er sich auf die Suche, um sie in die USA zu holen und zu adoptieren. Und genau hier vereinen sich die beiden Handlungsstränge: Denn Apana fand nach der Flucht vor den Taliban Unterschlupf bei Jabbar und seiner Mutter, die durch ihre Zugehörigkeit zum Christentum selbst zu einer verfolgten Minderheit in Pakistan gehören, um dann ausgerechnet nachts von einem älteren Herrn auf dem Moped entführt zu werden. Bei diesem Mann handelt es sich um niemand anderen als Osama bin Laden.

Thriller, Verschwörungsroman und Fiktion

Leon de Winter geizt in „Geronimo“ nicht mit Handlungssträngen und Personen oder dem Spiel mit zeitlichen Ebenen und Orten, gleichzeitig bedient er sich religiöser Motive (oder Klischees), überzeichnet, karikiert diese mitunter und nicht zuletzt spielen Gewalt, Verrat, Liebe, Verlust und die Kraft der Musik eine immense Rolle. All das führt dazu, dass dieser Roman zwar eine Verschwörungstheorie zu Grunde legt, aber dennoch (so verrückt wirkt Amerika – erst recht nach dem Ausgang der US-Wahl 2016 zu urteilen) noch nicht einmal vollkommen abstrus ist. Noch dazu entwickelt sich daraus ein internationales Geheimdienstverwirrspiel. Denn das entscheidende Geheimnis, womit Bin Laden meint, den amerikanischen Präsidenten aus Sicht der demokratischen, westlichen Welt zu diskreditieren, wird immer wieder zwar angedeutet, aber erst am Ende aufgelöst.

Obwohl also de Winter in beinahe jedem Kapitel durch sein Personeninventar, durch die Zeit und die Kontinente springt, droht man nie, den Anschluss zu verlieren. Denn dafür wird die Handlung einfach schlüssig erzählt. Dermaßen spannend und rührend, teilweise trotz der Brutalität sogar amüsant, schreibt der niederländische Autor, dass sich die knapp 450 Seiten zu einem wahren Pageturner entwickeln. Vor allem die Schilderungen um Apana so wie die damit in Verbindung stehende Bedeutung der Goldberg Variationen für Tom und Apana sind zu betonen. Hier wird deutlich, welche überwältigende Kraft, welches Geheimnis Musik birgt und wie Musik Menschen und Kulturen verbinden kann. Und auch wie verletzlich dieser körperlich starke US Elitesoldat ist, weil de Winter versucht, ihn mit der Rettung Apanas sein „Versagen“ als Vater der eigenen Tochter kompensieren zu lassen.

Allein die Darstellung Osama bin Ladens als Mensch mit Schwächen für Schokolade oder Zigaretten und (Viagra benötigender ) Liebhaber wirken kurzfristig verstörend, weil sie das Bild des Terroristen und Massenmörders aufbrechen und ihn als „Inbegriff des Bösen“ fast schon banalisieren. Hier führt de Winter seine Linie vielleicht nicht konsequent genug zu Ende.


Leon de Winter – „Geronimo“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Leon de Winter – „Geronimo“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Leon de Winter

Geronimo
448 Seiten
erschienen am 01. September 2016

978-3-257-06971-6
€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70
* unverb. Preisempfehlung

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

„Auf beiden Seiten“ – der Grenze und der Familie(n)

Lukas Hartmanns Roman ist Zeitgeschichte und Familienroman

1989: Die Mauer fällt und nicht für Deutschland und Europa hat das Folgen, auch für die Schweiz —  der Fichenskandal und die Aufdeckung der Geheimorganisation P-26 sind hier die Stichworte. Diese sind der Aufhänger für den Roman des Schweizer Autors Lukas Hartmann. Geschickt verbindet er die Auswirkungen dieses Epochenjahres mit dem Leben der drei Hauptfiguren Mario, Dr. Armand Gruber, Karina und ihren Familien. Vielleicht zu geschickt.

Mario Sturznegger, einst kritischer, linker Journalist und nun bei einem Familienmagazin angestellt, und den ehemaligen Deutschlehrer Dr. Armand Gruber verbindet und trennt vieles. Einst war Mario der Lieblingsschüler von Gruber, um sich dann von ihm, dem Adalbert Stfiter Fachmann, Hauptmann der Schweizer Armee und Antikommunisten zu entfremden. Auch die Hochzeit zwischen Mario und dessen Tochter Bettina, die sich immer schon gegen ihren Vater auflehnte, sorgte nicht für Entspannung. Zumal sich nicht nur Marios und Grubers Überzeugungen gegensätzlich entwickelten, sondern auch die Ehe mit Bettina scheiterte.

Von einer Afrikareise zurückkehrend wird Mario vom Mauerfall und der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze überrascht. Dabei war er kurz zuvor noch für eine Reportage bei einem Künstlerfreund in der DDR. Noch größer ist die Überraschung als Gruber zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer im Pflegeheim Mario und seiner Tochter offenbart, Mitglied der geheimnisvollen (Widerstands-)Organisation P-26 gewesen zu sein, die eine Schweizer Exilregierung im Falle eine sowjetischen Überfalls auf die Schweiz unterstützen sollte. Auch Karina, Anwältin und die beste Freundin Bettinas, wusste nichts von all den Skandalen, die nach und nach ans Licht der Öffentlichkeit traten. Dabei war sie als Tochter des Hausmeisters beim Schweizer Geheimdienst räumlich den Geheimnissen am Nächsten von allen Beteiligten.

Geschichte und Familie: Gemeinsamkeiten und Gegensätze

„Auf beiden Seiten“ der Alpen gibt es bei allen Gegensätzen zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen der Schweiz und der DDR, so unterschiedlich die Systeme auch sind. „Kapitalismus“ und freie Bürger auf der einen Seite, Kommunismus und Überwachung des Einzelnen auf der anderen Seite. So dachten wohl viele Schweizer (und Europäer); doch mit dem Fichenskandal und der Aufdeckung der Organisation P-26 (P stand für Projekt und 26 für die Anzahl der Schweizer Kantone) zeigten sich Risse in diesem einseitigen Bild. Dafür sorgt auch Hartmanns Darstellung des zeitgeschichtlichen Rahmens.

Doch eigentlich ist es eben nur der Rahmen für die Geschichte dreier Familien und da sogar nur über das Verhältnis dreier Väter zu den Kindern: Dr. Armand Gruber & Tochter Bettina, Mario Sturznegger & seinem Vater (einem Orthopädieschuhmacher) sowie Karina & ihrem Vater „Vau“. Beim Lesen stellt sich die Frage: Wie viel wissen die Protagonisten über ihre Väte? Insgesamt haben weder Mario, Bettina noch Karina ein unkompliziertes Verhältnis zu ihren Vätern. Alle drei versuchen, ihren Weg zu gehen und entfernen sich so von ihrem Elternhaus. Auch wenn sie sich immer mal wieder einander annähern, folgt doch letztendlich nur die weitere Entfremdung.

Alle drei Väter sind ihren Charakterzügen nach von Hartmann sehr ähnlich angelegt: Geprägt vom Zweiten Weltkrieg, sind sie konservativ in ihren Ansichten, fast schon kleinbürgerlich. Das zeigt sich beispielsweise in der gemeinsamen Leidenschaft Grubers und Marios Vaters für die Philatelie. Dass die Erfahrungen und Sorgen des Zweiten Weltkrieges vielleicht auch für den Fichenskandal und P-26 verantwortlich sind, könnte man zwischen den Zeilen herauslesen. Schließlich drohte bereits während der Jahre 1939-45 für die Schweiz eine Invasionsgefahr, nur eben von Nazideutschland und nicht von der UdSSR. Daher ist Grubers Haltung und in Ansätzen nachvollziehbar.

Poetische Sprache einer anspruchsvollen Lektüre

Eines ist klar: Hartmann will viel, viel mit seinem Roman sagen und verlangt dadurch viel von seinen Lesern. Denn, wenn der Roman etwas nicht ist, dann einfach zu lesen. Aus drei Sichtweisen, fast schon tagebuchartig, treibt er die Handlung voran. Wobei Vorantreiben der falsche Begriff ist, denn außer den wechselnden Perspektiven springt der Roman auch in den Zeitebenen. Dafür ist die Sprache von Lukas Hartmann fast schon poetisch: viele Vergleiche und beschreibende Adjektive sorgen für eine bildliche, geräusch- und gefühlvolle Darstellung. Die Sätze sind mitunter wie ein Fluss, aneinanderreihend, mit Kommas getrennt, atemlos, ohne dabei hektisch zu wirken.

Trotzdem ist es eben kein Buch, das man mal eben so liest. Zu kompliziert sind die geschichtlichen Verhältnisse und die familiären Verstrickungen. Für den Leser, der die beschriebene, jüngere Schweizer Geschichte nicht kennt, wird die Lektüre noch ein wenig komplizierter. Wer sich jedoch auf die komplexe Handlung und deren Darstellung einlässt, noch dazu bereit ist, sich darüber hinaus über die Schweiz des Kalten Krieges zu informieren, darf sich auf einen spannenden und zugleich nachdenklichen Roman freuen, der jedoch Fragen offen- oder zumindest neue entstehen lässt. (Wieviel weiß ich eigentlich von meiner Familie? oder: Ist der Staat/das System in dem ich lebe wirklich besser oder anders als der-/dasjenige, den/das wir kritisieren?)

Lukas Hartmann "Auf beiden Seiten" Roman

Lukas Hartmann – „Auf beiden Seiten“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Lukas Hartmann

Auf beiden Seiten

Roman, 336 Seiten
Erschienen im April. 2015

ISBN 978-3-257-06921-1
€(D) 23.90 / (A) 24.60

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!