Treibt nicht nur den Kommissar zur „Weißglut“ – Axel Steens zweiter Fall

Jesper Stein überzeugt auch mit dem zweiten Krimi aus Kopenhagen

Jesper Stein legt einen zweiten Krimi um den Kopenhagener Kommissar Axel Steen vor: „Weißglut“ – Der Titel ist hier wirklich Programm. Denn mit seiner direkten Art eckt Steen nicht nur bei Kollegen, sondern auch bei Zeugen, Opfern und seinen Vorgesetzten an. Allerdings ist das bei dem Fall auch kein Wunder. Ein brutaler Serienvergewaltiger verunsichert Kopenhagen und dann ist da noch ein Mord vor vier Jahren…

Mit Axel Steen geht es bergab, der Haschischkonsum steigt und auch die Angst um sein Herz lässt ihn nicht los. Als er dann auch noch Informationen über den Zusammenhang zwischen einer brutalen Vergewaltigung und dem alten Mordfall „Blackbird“ erhält, erfasst Steen der Eifer. Denn ausgerechnet dieser ungeklärte Mord an der Studentin Marie Stein führte zum Scheitern seiner Ehe mit Cecile. Die ist nun ausgerechnet mit dem Vize-Polizeichef und seinem Intimfeind Jens Jessen liiert. Ausgerechnet dieser will die Polizei reformieren, Kosten sparen und seinen Ermittlern über die Schulter schauen. Das sorgt nicht gerade für Begeisterung bei Axel Steen. Noch schlechter wird seine Laune als er erfährt, dass die Ermittlerin des Vergewaltigungsfalles äußerst fahrlässig und schlampig vorging. So nimmt er selbst Spur auf und jagt den Täter durch das schwüle Kopenhagen – ohne Rücksicht auf Verluste.

Harte Krimikost mit Blick fürs Detail

Nachdem bereits „Unruhe“, der erste Fall um Vizekriminalkommissar Axel Steen, in Dänemark und auch Deutschland überzeugte, legt Jesper Stein einen ebenfalls beeindruckenden zweiten Krimi nach, der mir sogar besser gefällt als der erste. Denn die Handlung ist rasanter und spannender, außerdem ist man bereits mit dem äußerst ambivalenten Chefermittler und seinen Eigenheiten vertraut. Er ist kein aalglatter Typ, dieser Axel Steen, vielmehr legt er sich mit allen und jedem an. Aber meistens auch mit gutem Grund: Mit Kollegen, weil sie einfach schlampig arbeiten oder die Opfer nicht ernst nehmen, mit seinem Vorgesetzten Darling, weil er ihm die Arbeit erschwert oder mit Vizepolizeichef Jessen, eben nicht nur wegen der Geschichte mit seiner Frau, sondern weil er sich in die Ermittlungen drängt. Freunde macht er sich so jedenfalls nicht –  Konflikte werden verbal und oft auch mit körperlicher Gewalt angegangen oder gelöst. Genau das macht jedoch die Stimmung des Krimis aus.

Die Figur Jens Jessen ist nicht minder widersprüchlich angelegt. Auf der einen Seite wird Jessen als aalglatter Karrierist dargestellt, der weder Widerspruch duldet noch irgendwelche Flecken auf seiner Weste haben möchte. Auf der anderen Seite stürzt er sich in die Ermittlungen, gefährdet sich genauso wie Verdächtige, um dann Steen zu schützen, obwohl das seiner Karriereplanung schaden könnte. Vielfältig, das sind die Charaktere der Hauptfiguren des Krimis allesamt: Echte Typen eben, mit zahlreichen Facetten.

Nicht weniger heftig ist der Fall oder besser die Fälle: Vergewaltigung und der alte, ungeklärte Mord. Man merkt Jesper Stein seine journalistische Ausbildung an und das ist durchaus positiv gemeint: Schon an sich kein leichtes Thema und dann ist da die oftmals detaillierte Schilderung der Taten, das Leiden der Opfer und der Zweifel von Teilen der Ermittler. Stein macht es dem Leser nicht einfach. Er zeigt aber auch mit bildhafter Sprache, dass Polizeiarbeit nicht immer nur glatt läuft und auch Polizisten mitunter verquere Ansichten haben. Detailliert sind ebenfalls die Beschreibungen der polizeilichen Ermittlungsarbeit, DNA-Proben und Laborarbeiten, Fehler in den Ermittlungen oder Manipulationen. Nicht alles läuft nach Plan, durchaus realistisch mutet das beim Lesen an. Durchweg wirkt das alles sehr realistisch und gut recherchiert, auch wenn es sich um Fiktion und nicht um einen faktenbasierten Krimi handelt.

An manchen Stellen könnte Jesper Stein etwas weniger explizit werden und zwar bei den sexuellen Handlungen und deren Beschreibungen. Ist das bei den Vergewaltigungsprozessen noch Mittel zum Zweck, wirkt es an anderer Stelle einfach zu viel. Und das liegt hier auch an der schriftstellerischen Leistung: Bei homosexuellen Männern von „Nougatbohrern“ zu schreiben, geht weit. Vielleicht zu weit. Immerhin werden die privaten Intimitäten von Vizekriminalkommissar Stein noch mit Gefühlen verbunden, so dass man über alles andere noch hinwegsehen kann. Trotzdem: Etwas weniger detaillierte Zurschaustellung von Sex würde dem Krimi nicht schaden.

Fazit: Spannender und harter Krimi, ohne Umschweife erzählt, den man, einmal mit dem Lesen begonnen, so schnell nicht mehr aus der Hand legt. Auf weitere Fälle darf man sich freuen!

Jesper Stein "Weißglut"

Jesper Stein – „Weißglut“ | Copyright; Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG

Jesper Stein

Weißglut

Kiepenheuer & Witsch

ISBN: 978-3-462-04696-0

Preis: 12,99 Euro