Anthony McCartens „Licht“ – Ein Erfinder, ein Banker und der Fortschritt

Fortschritt bedeutet Licht und Schatten

Mit dem Erfinder Thomas Alva Edison und dem Banker J.P. Morgan rückt der neuseeländische Autor Anthony McCarten zwei bedeutende Zeitgenossen des ausklingenden 19. Jahrhunderts ins Rampenlicht. Unterschiedlicher könnten beide nicht sein: Edison, der mit dem elektrischen Licht die Elektrifizierung der industrialisierten Welt einläutete, aber dennoch zerbricht und dem gegenüber Morgan als finanzstarker und skrupelloser Investmentbanker, der dank Edison sein Vermögen vermehrt.

Gegensätze ziehen sich an

Der eine hat Geld und der andere hat die Ideen: Unter dieser Voraussetzung treffen J.P. Morgan und Thomas Alva Edison aufeinander. Thomas Alva Edison, der den Durchbruch als Erfinder in der Telegraphenbranche schaffte, erhält Besuch vom Privatbanker J.P. Morgan. Denn dieser möchte Edison finanziell dabei unterstützen, die elektrische Glühlampe zur Marktreife zu entwickeln. Dies natürlich nicht uneingennützig, sondern um New York zu erleuchten und selber den eigenen Reichtum zu vermehren.

Gegensätzlicher könnten die beiden Geschäftspartner nicht sein. Edison als zerstreuter Erfinder und voller Ideen, in seiner Ehe sehr zurückhaltend und nahe am Scheitern. Dahingegen der selbstbewusste, finanz- und durchsetzungsstarke Morgan, der moralisch doch einige Schwächen hat. Nicht nur im geschäftlichen Bereich, sondern im zwischenmenschlichen. Und so ist auch die „Beziehung“ zwischen Erfinder und Banker nicht frei von Problemen. Denn Thomas Alva Edison droht an der eigenen Erwartungshaltung, dem Druck Morgans und der Gesellschaft zu zerbrechen.

Eine Art Kammerspiel

Genau dieses (drohende) Scheitern steht im Mittelpunkt von Anthony McCartens Roman „Licht“. Zwar geht das Licht auf, aber zu einem immensen Preis – und das eben nicht nur aus der monetären Sichtweise. Einerseits natürlich ein Preis, den Edison zu zahlen hat. Seine erste Ehe scheitert und auch die zweite entwickelt sich alles andere als glücklich. Auch der seelische Druck für Edison wird als immens dargestellt: Die Angst des Erfinders zu versagen und es der Gesellschaft beweisen zu müssen, bringt Edison ans Ende der Kräfte.

Gleichzeitig ist es nicht nur ein Roman über das Scheitern, sondern zeigt auch, wie die Welt (heute) funktioniert: Ein machthungriger, profilierungssüchtiger Banker in Gestalt von J.P. Morgan, der auch privat alles andere als integer und sympathisch etabliert wird, verfügt über den unsicheren Edison. Es zählt der Erfolg – Raubtierkapitalismus mag man es auch nennen. Gleichzeitig – und dabei wird es fast schon herrlich absurd – geht es um die Erfindung des elektrischen Stuhls als humanere Möglichkeit, die Todesstrafe zu vollziehen. Doch stellte sich das als Irrtum heraus – zumindest im Betrieb mit Gleichstrom.

Neben der Elektrifizierung spannt McCarten einen ungeheuren Bogen und schafft Zusammenhänge zur Entwicklung des elektrischen Stuhls, des Wechselstroms, und  bindet darüberhinaus – und das historisch begründet – weitere bedeutende Erfinder des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein (Tesla, Vanderbilt, etc.). Dies alles mit der vom Neuseeländer gewohnten und vor allem geschätzten Sprache: pointierte und gleichzeitig absurde Dialoge entstehen, wenn der schwerhörige Edison auf Morgan oder einen Jungen (am Ende seines Lebensweges) trifft. Seine Theatererfahrung kann er definitiv nicht verleugnen – und das ist auch gut so. Da seine Formulierungen und textliche Ausgestaltungen noch dazu szenisch gehalten sind, so dass es nur eine Frage der Zeit zu sein scheint, bis „Licht“ verfilmt wird. Kein Wunder, dass McCartens Werk ein reines Lesevergnügen mit ungeheurem Tiefgang darstelllt, ohne dabei schwierig zu lesen ist.


Buchcover zu Anthony McCartens "Licht"

Anthony McCarten „Licht“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Anthony McCarten

Licht

€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70
(* empf. VK-Preis)
Erschienen am 22. Februar 2017
368 Seiten
ISBN: 978-3-257-06994-5

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

 

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Zwischen den Kulturen: Anthony McCartens „funny girl“

Eine muslimische StandUp-Comedian mit Burka: Gibt es nicht? Doch! In Anthony McCartens Roman „funny girl“. Dabei stößt sie jedoch an allerlei Grenzen: ihre eigenen, familiäre, freundschaftliche und die der muslimischen Gemeinde Londons. McCarten gelingt dabei der Spagat zwischen beißender Gesellschaftskritik und Komödie.

Azime, 20 Jahre alt und Tochter kurdischer Eltern, lebt in London. In diesem Schmelztiegel der Kulturen trifft das weltliche Westeuropa auf Südosteuropa, das Festhalten an Traditionen auf das sich Loslösen, persönliche Freiheit auf familiäre Gefangenschaft. Da sind Konflikte vorprogrammiert.

Als sich eine Schulfreundin vom Balkon ihrer elterlichen Wohnung in den Tod stürzt, glaubt Azime nicht daran, dass es Selbstmord war. Vielmehr vermutet sie einen Ehrenmord. Kurz darauf ereignen sich die Anschläge auf die Londoner U-Bahnen 2005 und Azime beschließt, mit Hilfe ihres Freundes Deniz, ihre Stimme zu erheben – Gegen die eigene Unterdrückung, die ihrer Freundin Banu und den „Kampf der Religionen“. Das geeignete Mittel scheinen ihr der Humor und Auftritte als Comedian zu sein. So fasst sie sich ein Herz, besucht dank Freund Deniz einen Comedykurs und steht schon bald auf der Bühne. Doch schnell stößt sie auf Widerstände und muss gegen neue/alte Widrigkeiten ankämpfen. Einerseits gegen religiöse Eiferer, die es nicht dulden, dass eine Muslimin öffentlich als Komödiantin auftritt und dann noch in Burka, und andererseits gegen die familiären Widerstände. Und eigentlich will Azime doch nur beweisen, dass ihre Freundin einem Ehrenmord zum Opfer fiel…

Mit Humor und Satire gesellschaftliche Grenzen sprengen

Obwohl zehn Jahre nach dem Anschlag auf die Londoner U-Bahnen die Integration von Muslimen in Großbritannien einen großen Schritt nach vorne machte, ist Anthony McCartens Roman ein Plädoyer für noch mehr Toleranz. Toleranz zwischen den Kulturen, aber auch in jeder Kultur selber. So muss sich Azime eben nicht nur in der britischen Gesellschaft behaupten, sondern eben vor allem auch in „ihrer“ strengen noch recht konservativen muslimischen Familie und Gemeinde. All das geschieht über den Humor. Einerseits den Humor, den die junge StandUp-Komödiantin auf der Bühne präsentiert und andererseits McCartens Schreibstil. Über Witz und Satire werden die Grenzen zwischen den Kulturen deutlich, aber gleichzeitig auch aufgeweicht und beseitigt.

Mit viel Tempo treibt McCarten die Handlung voran, verbindet Handlungsstränge miteinander. Dabei scheut er sich keineswegs davor alles politisch korrekt darzustellen, doch genau darin liegt der gesamte Charme des Romans. Das Spiel mit den Klischees, die detaillierten Situationsbeschreibungen sorgen für eine Mischung aus Stirnrunzeln und Schmunzeln, ohne dabei ins Lächerliche abzurutschen. Nicht zu vergessen, dass am Ende des Krimi-Erzählstrangs auf einmal ganze andere als Täter präsentiert werden als man erwartet hätte. Zum Schluss des Romans steht Azime emanzipiert da – und das trotz oder gerade eben wegen der Burka. So kann er also aussehen: Ein gesellschaftskritischer Roman unter der „Burka“ einer Komödie, der zugleich amüsiert und zum Nachdenken anregt.

Anthony McCarten "funny girl"

Copyright: Diogenes Verlag AG

Anthony McCarten

funny girl

Aus dem Englischen von Manfred Allié

Roman, Hardcover Leinen, 384 Seiten

Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-06892-4

€ (D) 21.90

Ab Mai 2015 auch als Taschenbuch