„4 Blocks“ auf TNT Serie: Willkommen im Clan-Dschungel von Neukölln

Zwischen Freundschaft und Familie, Verrat und Loyalität

Der libanesische Familienclan Hamady im Berliner-Kiez Neukölln kämpft um die Macht – nicht nur gegen die Bedrohung durch eine Rockergang und die Ermittlungen der Polizei, sondern auch innerhalb der Familie . In dieser Woche lief das Staffelfinale von „4 Blocks“ des Pay-TV-Senders TNT Serie. Zeit also, die von der Kritik gefeierte Serie* Revue passieren zu lassen.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Ali Hamady (Kida Khodr Ramadan), von allen nur „Toni“ genannt, lebt seit seiner Flucht aus dem Libanon vor 26 Jahren im Berliner Viertel Neukölln als geduldeter Flüchtling. Für ihn und seine Frau Kalila (Maryam Zaree) bedeutet das aber auch, dass sie keine Arbeit annehmen und sich auch nicht selbstständig machen dürfen. Und dennoch haben sie Geld, Geld aus kriminellen Machenschaften. Denn Toni Hamadi führte lange Zeit das operative Geschäft des Familienclans, welches in den vier Blöcken in und um Neukölln Drogen verkauft, Schutzgelder erpresst und Einnahmen aus Prostitution erzielt. Dabei ist es genau das, was Toni nicht mehr will: Verbrecher sein. Sein Wunsch nach der deutschen Staatsangehörigkeit ist zum Greifen nahe und damit auch der Kauf eines großen Gebäudekomplexes mit dem er fortan sein Geld erwirtschaften will.

Doch alles kommt anders als sein Schwager Lattif, der mittlerweile die Clan-Angelegenheiten leitet, während einer Razzia verhaftet wird. Eine wichtige Kokainlieferung wird beschlagnahmt und bedroht die Stellung der Familie im Viertel, auch innerhalb der Clanhierachien droht das Machtgefüge zu zerbrechen. Ganz zu schweigen von Tonis Wunsch, endlich ein Leben fernab von kriminellen Machenschaften aufbauen und führen zu können. Denn er sieht sich in der Pflicht, die Geschäfte vorübergehend zu führen. Genau das erweist sich als schwierig: Tonis Bruder Abbas (Veysel Gelin) sieht sich in der Position des neuen Oberhauptes und schreckt dabei nicht zurück, auch über Leichen zu gehen und Tonis eher diplomatische Methoden zu über- und hintergehen. Und Diplomatie ist gefragt: Einerseits bedrohen die polizeilichen Ermittlungsarbeiten die Hamadys und andererseits die Rockergang Cthuhlus, um deren Präsidenten Rainer „Ruffi“ Ruff (Ronald Zehrfeld), die sich die Drogenumschlagplätze Hasenheide und Görlitzer Park aneignen wollen.

Neid und Missgunst entsteht im Clan zusätzlich durch das Auftauchen von Vince (Frederick Lau), einem lange verschwundenen Freund von Toni. Sehr zum Missfallen von Abbas entwickelt sich Vince mehr und mehr zum Vertrauten von Toni. Immer wieder zieht Toni bei Problemen den alten Kumpel Vince heran, um die Ordnung im Clangebiet aufrecht zu halten. Doch nicht nur Abbas spielt ein dreckiges Spiel, auch Vince. Denn was Toni nicht ahnt: Vince arbeitet als verdeckter Ermittler und will seinen Beitrag leisten, Ruhe und Ordnung im Kiez herzustellen….

Die Sopranos von Neukölln: Loyalität und Misstrauen

Mit der Eigenproduktion „4 Blocks“ ist dem zum Sky-Konzern gehörende Pay-TV-Sender TNT Serie ein deutsches „Pendant“ zur amerikanischen Serie „The Sopranos“ gelungen. Wie beim amerikanischen Original steht mit Ali „Toni“ Hamady der Clan-Chef im Fokus. So kann es kaum purer Zufall sein, dass die Hauptfigur Ali Hamady genau den gleichen Vor- bzw. Spitznamen trägt wie Tony Soprano – sieht man mal von der deutschen Schreibweise ab. Und ähnlich wichtig für die Handlung ist eben die Figur des Toni Hamady. Eindrucksvoll spielt Kida Khodr Ramadan die Rolle des harten, aber auf Diplomatie und Worte setzenden Familienoberhauptes. Und das in zweierlei Hinsicht: Da ist der Toni Hamady, der unbedingt deutsch sein will, dazugehören und auf legale Art und Weise sein Geld verdienen. Geld mit dem er Frau und Tochter ein Leben abseits von Kriminalität und Gefahr bieten will. Doch das wäre nur möglich, wenn er nicht mehr nur in Deutschland geduldet, sondern die deutsche Staatsangehörigkeit bekäme. Und dann der andere Hamady, der die kriminelle Clan-Familie retten will. Dem Ehre und Ansehen auf dem Kiez wichtig ist und immer wieder die „privaten“ Familieninteressen hintenanstellt. Kida Khodr Ramadan mimt Toni Hamady mal innerlich hin und hergerissen voller Wut und Liebe, als verspielter Vater und dann als Verbrecher, der auch vor Gewalt nicht Halt macht. Doch auch er kennt Grenzen: Morde kommen für ihn nicht infrage, denn diese rufen nur die Polizei auf den Plan. All das verkörpert der libanesischstämmige Schauspieler wort- und gestenreich, schick angezogen und zugleich doch im zu großen Anzug, mit gepflegtem und dennoch etwas zu langem Bart sowie eloquent, aber dennoch mit einem Anflug von Straßenjargon.

Innerhalb des Clans nimmt Abbas, verkörpert von Rapper Veysel Gelin, den brutalen Part ein: Anders als Toni Hamady schreckt er auch vor Mord nicht zurück. Dafür ist die Diplomatie für ihn ein Fremdwort. Hormon- und adrenalingesteuert sucht er stets den Konflikt. Diese Rolle des „Bösewichts“ scheint Gelin nicht nur zu spielen, sondern zu verkörpern. Muskulös, mit stets finsterem Blick und der passenden Sprache meint man, dass er nicht schauspielert, sondern auch außerhalb des Filmsets so auftritt. Mit dem Wissen über seine dreijährige Haftstrafe aufgrund von Körperverletzung mit Todesfolge ist diese Vorstellung nicht einmal abwegig. Alles in allem eine Idealbesetzung für den skrupellosen, machtgeilen Abbas, der nicht einmal davor zurückschreckt, seine Freundin oder die Frau des inhaftierten Bruders brutal ins Gesicht zu schlagen oder sich illoyal gegenüber Toni zu verhalten.

Überhaupt ist Loyalität und Vertrauen ein großes Thema in „4 Blocks“: Wem kann wer eigentlich vertrauen? Und welcher Protagonist hat welche Interessen? Toni Hamady ist da der Vielschichtigste. Das macht ihn aber auch so zerrissen wie bereits beschrieben. Er will es sowohl seiner Klein- als auch seiner Clanfamilie recht machen. Abbas handelt nur aus Machtgier und um zu zeigen, dass er das Können und den Biss hat die Organisation zu führen. Dann ist da noch Vince, dargestellt von Frederick Lau. Er ist ebenso gespalten wie Toni Hamady, bekämpft er doch als verdeckter Ermittler die Hamadys und muss sich zugleich das Vertrauen erschleichen. Das Gute im Sinn, muss er sich irgendwann eingestehen, dass es besser wäre, wenn Toni die Clangeschicke leitet. Denn besser ein Toni als ein Abbas Hamady, dessen unbedingter Machtwille keinerlei Grenzen kennt.

Ein vierter Akteur darf und soll nicht vergessen werden: Ronald Zehrfeld als Rainer „Ruffi“ Ruff, Präsident der Rockergang Cthuhlu. Eine echte Überraschung bei der Besetzung, kennt man ihn doch sonst eher aus Rollen wie die des Pfarrers der Serie „Weissensee“. Rau und hart wie nie – so der Eindruck. Einen besseren Gegenspieler kann man sich nicht vorstellen – es sei denn Claude Oliver Rudolph wäre zahlreiche Jahre jünger…

Vielschichtige Ebenen

Obgleich bereits bei den Charakteren einige der Handlungsebenen angesprochen werden, lohnt es sich, diese noch einmal aufzugreifen. Da wäre beispielsweise Toni Hamadys Sehnsucht anzukommen, ein Leben jenseits des Verbrechens zu führen. Dieser Wunsch, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erhalten, lässt sich als ein Stück Einwanderungsgeschichte und Kultur schauen. Rechnet man die 26-jährige Aufenthaltsdauer zurück, landet man in den frühen 80er Jahren. Das entspricht genau der Zeit als Menschen vor den Folgen des Bürgerkriegs (ausgebrochen 1975) aus dem Libanon nach Deutschland flohen. Eben diese Menschen, die über Jahre nur gedultet in Deutschland lebten. Dadurch aber kaum oder keinerlei Rechte hatten, weder zu arbeiten noch durften damals Kinder zur Schule gehen. So wird und wurde natürlich Leben auf legale Art und Weise erschwert. Der Gang in die Kriminalität als Ausweg aus der Armut ist zwar kein Zwang, aber doch zumindest wirkt es wie ein Ausweg. Dass die Flüchtlinge  noch dazu aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten des Libanons stammten drückt die Szene aus, als Toni Hamady von einem anderen libanesischen Clan mit der Aussage „Unsere Familie hat damals den Bürgermeister von Beirut gestellt, ihr habt Ziegen gehütet.“abgewiesen wird.

Wenn man will und dafür muss man nicht einmal genau hinsehen, behandelt „4 Blocks“ auch die Rolle der Frau, wenn nicht im Islam generell – das wäre doch um einiges zu pauschal – dann aber doch in solch einer hierarchischen Clan-Struktur. Da wäre zum einen Kalila, Tonis Frau, der das Wohlergehen von Mann und vor allem der Tochter am Herzen liegt. Sie lehnt die Gewalt und das Verbrechen ab und steht dennoch stets loyal an der Seite ihres Mannes. Als sie merkt, dass Toni nicht loskommt vom Clan mit all seinen negativen Eigenschaften, wendet sie sich verstärkt dem Islam und dem Gebet zu – quasi eine Flucht hin zum Glauben und der Hoffnung auf Erhörung. Dann wäre da noch Amara (Almila Bagriacik), die Frau von Lattif und Mutter des gemeinsamen Sohnes. Obwohl sie um die Machenschaften ihres Mannes weiß, ist sie schockiert als Drogen in der gemeinsamen Wohnung entdeckt werden. Im Laufe der sechs Episoden distanziert sie sich von ihrem Mann und der Familie, auch weil sie von Abbas geschlagen wird und mit Vince eine „alte“ Liebe erneut in ihr Leben tritt. Die Ehe zwischen Amara und Lattif droht an all dem zu zerbrechen, da sich Amara emanzipiert und beginnt, das Verhalten ihrer Familie zu hinterfragen.

Der weitere Reiz der Serie

Neben dem Schauspielerensemble darf ein Protagonist nicht vergessen werden: Und zwar der Ort des Geschehens – Neukölln. Regisseur und Autor Marvin Kren hätte keinen besseren Ort finden können als dieses (ehemalige) Problemviertel Berlins. Wunderbar, wie die Straßenzüge mitsamt ihrem Charme die Handlung zum Tragen bringen. Unterstützend dabei die Kamerafahrten, die schnellen und wenn es darauf ankommt auch langsamen Schnitte und Perspektivwechsel. Neukölln als ein Stadtteil voller unterschiedlicher Kulturen vor dem die Gentrifizierung genauso wenig Halt macht wie einst vor dem Prenzlauer Berg. Sehr gut in Erinnerung geblieben ist die Szene als sich Abbas über die bärtigen Hipster auslässt, die kein deutsch können. Dem gegenüber stehen die Momente, wenn die Afrikaner, als unterste Befehlsempfänger innerhalb der Clan-Strukturen, Drogen im Park verkaufen oder die Platte noch immer ihren verbrauchten und verruchten Ost-Flair verbreitet. Hier zeigt sich dann doch noch die „dreckige“ Seite Neuköllns. Unterstützend wirkt ebenfalls der Soundtrack, der maßgeblich von Veysel Gelin und Massiv, in der Serie als Lattif auftretend, geprägt wird. Gangsterrap für eine Gangsterserie, wie könnte es anders sein.

Dreckig ist ebenfalls eine zutreffende Umschreibung für den Umgang mit Problemen. Obwohl Toni Hamady sich als Diplomat versucht, ist körperliche Gewalt das vorwiegende Mittel, um Probleme zu lösen. Hier schreckt „4 Blocks“ nicht vor Details zurück und muss sich nicht vor amerikanischen Drehs verstecken. Es wird ge- und verprügelt, mit Baseballschlägern und Fäusten aufeinander eingedroschen, mit Bügeleisen gequält und mit Pistolen wild um sich geschossen. Je größer die Angst wird, die Macht zu verlieren, um so größer wird die Bereitschaft Gewalt einzusetzen. Selbst Toni Hamady muss sich bei fortschreitender Seriendauer eingestehen, dass der Clan und dessen Position im Viertel ohne Gewalt allem Anschein nach nicht funktioniert. Und wenn dann doch einmal die Kamera die Gewalt nicht mehr einfängt, übernehmen die Geräusche und der Ton brechender Knochen oder das Leiden der Gequälten ihre Rollen.

Resümee 

Wenn gleich der Soprano-Vergleich hinken mag, „4 Blocks“ ist für eine deutsche Produktion erstaunlich progressiv und könnte für längere Zeit als DIE deutsche Mafiaserie gelten. Hier wird deutlich, welches Potential auch in Deutschland vorhanden ist, wenn sich Sender, Drehbuchautoren, Regisseure und Produzenten nur häufiger trauen würden. Auch Schauspielerinnen und Schauspieler mit den nötigen Fähigkeiten existieren, nur allein die Rollen fehlten oft genug.

Dank der Akteure, des Drehbuchs und aller anderen genannten Faktoren ist es gelungen, dass die Geschichte um die Hamadys spannend bis zur letzten Minute ist und eben keine bloße Aneinanderreihung von Gangster-Klischees darstellt. Wer nicht vor expliziten Gewaltdarstellungen zurückschreckt, sollte entweder noch schnell seine Sky-Mediathek bemühen oder die Serie in den gängigen (Online-)Stores kaufen. 

Voraussichtlich im Frühjahr 2018 geht es dann los mit Staffel 2 – ich kann es in jedem Fall kaum erwarten. Obwohl ich mich mangels, Cliffhanger am Ende der ersten Staffel, frage, was es noch zu erzählen gibt.
*Kritiken und Meinungen auf tagesspiegel.de, faz.net, taz.de oder rap.de

 



Seriendaten

Darsteller:

  • Kida Khodr Ramadan: Ali „Toni“ Hamady
  • Frederick Lau: Vince Kerner
  • Veysel Gelin: Abbas Hamady
  • Almila Bagriacik: Amara Hamady
  • Maryam Zaree: Kalila Hamady
  • Karolina Lodyga: Ewa Hamady
  • Oliver Masucci: Hagen Kutscha
  • Ronald Zehrfeld: Ruffi
  • Ludwig Trepte: Nico
  • Massiv / Wasiem Taha: Latif Hamady
  • Sami Nasser: Kemal Hamady

Produktionsland: Deutschland
Originalsprache: Deutsch, Arabisch, Englisch
Jahr: 2017
Produktionsunternehmen: Wiedemann & Berg Television
Länge: 50 Minuten
Episoden: 6
Genre: Drama
Regie: Marvin Kren
Drehbuch: Richard Kropf, Bob Konrad, Hanno Hackfort, Marvin Kren
Musik: Stefan Will, Marco Dreckkötter
Kamera: Moritz Schultheiß