Jenny Rognebys „Leona. Die Würfel sind gefallen“ – Eine Polizistin auf Abwegen

Mit „Leona. Die Würfel sind gefallen“ legte die äthiopischstämmige Schwedin Jenny Rogneby im letzten Jahr ein außergewöhnliches Krimidebüt vor. Düstere Kost mit komplizierten Ermittlerpersönlichkeiten ist man aus dem Norden nicht erst seit Jesper Stein gewohnt, aber mit Ermittlerin Leona Lindberg geht Rogneby einen Schritt weiter.

Ein Mädchen als Bankräuberin

Mitten in Stockholm betritt ein kleines Mädchen eine Bank und niemand schreitet ein. Kein Wunder, da es nicht nur blutüberströmt und mit blauen Flecken übersät ist, sondern auch noch mit einem Kassettenrekorder eine Botschaft abspielt. In dieser fordert eine Stimme die Herausgabe des Gelds, andernfalls würde etwas Schlimmes geschehen. So kommt es, dass das Mädchen die Bank mit einer Beute von sieben Millionen Kronen verlassen kann.

Mit Leona Lindberg erhält eine Polizistin die Ermittlungsleitung, die selber Mutter von zwei Kindern ist und prädestiniert für den Fall scheint. Aber eben nur scheint. Denn Leona ist – trotz ihres guten Rufes – eine Außenseiterin in der Abteilung. Auch bei diesem Fall lässt sie sich nur äußerst widerwillig unterstützen und das obwohl schon bald ein zweiter Überfall erfolgt. So treten die Ermittlungen schnell auf der Stelle und eine Auflösung ist nicht in Sicht. Denn auch Leona hat eine dunkle Seite und ihre Geheimnisse.

Zwischen den Welten: Gut und Böse

Wie eingangs bereits erwähnt legt Jenny Rogneby in ihrem Debüt keine Krimi-Schonkost vor. Vielmehr gehen die Autorin und deren Krimi einen Schritt weiter als viele andere Werke aus diesem Genre. Dass ein Kind ein Verbrechen begeht, das mag nichts Neues sein, aber dass es dazu gezwungen wird und noch dazu vom eigenen Vater, das ist immer noch eher unüblich. Die Siebenjährige muss allerhand durchleiden, um es ihrem Vater recht zu machen.

Der elementarste Unterschied zu anderen Krimis ist jedoch die Ermittlerin: Leona Lindberg. Diese ist in ihrem gesamten Charakter sehr ambivalent angelegt. So ist sie unfähig Gefühle für andere Menschen, abgesehen von ihren Kindern, zu empfinden. Selbst für ihren Mann empfindet sie nichts, zumindest keine Liebe. Die Ursache ihrer Emotionsstörungen wird im Laufe des Buches deutlich, so viel sei verraten. Dadurch erklärt sich sowohl ihr Handeln als auch ihre zerrissene Persönlichkeit und man entwickelt so etwas wie Verständnis für die Ermittlerin. Denn sie ist nicht allein gefühlskalt: Verbrechen und Aufklärung liegen sehr eng beieinander, was moralisch fragwürdig ist.

Insgesamt ein spannendes Debüt, was vor allem im letzten Drittel ordentlich an Fahrt aufnimmt und nicht allein wegen des „offenen“ Endes die Vorfreude auf den zweiten Band der Trilogie weckt.


Jenny Rogneby „Leona“ | Credit: Heyne Verlag

Jenny Rogneby „Leona“ | Credit: Heyne Verlag

Jenny Rogneby

Leona. Die Würfel sind Gefallen
448 Seiten
erschienen am 14. November 2016

978-3-453-42060-1

€ 9,99 (D)

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Heyne Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

Eugen Ruges „Follower“ – Ein dystopischer Zukunftsentwurf

Dank seines vielfach gelobten und mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichneten Romans „In Zeiten des abnehmendes Lichts“ entdeckte ich Eugen Ruge als Autor zeithistorischer Themen. Mit „Follower. 14 Sätze über einen fiktiven Enkel“ setzt sich Ruge mit der Zukunft im Jahr 2055 auseinander. Herausgekommen ist ein dystopischer Roman mit einem nicht erstrebenswerten, aber durchaus vorstellbarem Zukunftsszenario.

Zersplitterte Staaten, Social Media, Kunstfleisch, …

Als Mitarbeiter und Vertreter von CETECH reist Nio Schulz nach Wu Cheng, einer Stadt in HTUA-China, um „true barefoot running“ im Auftrag seines Arbeitgebers zu vermarkten. Die Welt, wie sie 2017 existiert(e), gibt es 2055 so nicht mehr. Die Überreste von Russland werden an der Börse ver- und gehandelt, China wurde von Unternehmen in Einzelstaaten zerlegt (deswegen auch HTUA-China), von Staaten in unserem Sinne kann man wohl generell nicht mehr reden, vielmehr bestimmt die Globalisierung und die Kommerzialisierung die Erde. In Australien wird die Klimabombe gezündet, um den Klimawandel zu stoppen oder zumindest zu verlangsamen. Die Ureinwohner protestieren, lehnen sich auf. Und alles wird live über Social Media verbreitet und diskutiert.

Und vor diesem Hintergrund, in dieser Zeit soll Nio Schulz dieses Produkt vermarkten. Ausgerechnet er: Ein Mensch, der zusehends an sich und seiner Arbeit zweifelt, der sich von seiner ukrainischen Vorgesetzten und seinem Arbeitskollegen Jeff ausgebootet und zurückgesetzt fühlt. Ausgerechnet ein Produkt, welches so gar nicht in diese durchdigitalisierte Welt passt, was zurück zur Ursprünglichkeit geht – wahres Barfußlaufen. Und dann ist da noch seine Freundin – wenn es seine Freundin ist, denn so ganz klar ist sich Nio nicht, die mit ihm an diesem wichtigen Tag, der auch noch sein Geburtstag ist, über die Option einer Leihmutterschaft spricht. Denn Kinderbekommen, das macht man längst nicht mehr selber.

Wäre all dies nicht bereits für das Meeting mit den chinesischen Vertretern verwirrend genug, liest er über Twitter vom Tode seines Großvaters Karl Umnitzer. Dem Großvater mit dem er lange nichts mehr zu tun hat und der ihn dann trotzdem vollkommen aus der Bahn wirft.

(K)eine Zukunft – keine erstrebenswerte

Las sich „In Zeiten des abnehmendes Lichts“ als eine Geschichte der DDR vor dem Hintergrund einer Familiengeschichte mit autobiografischen Bezügen, so schafft Eugen Ruge mit „Follower“ einen dystopischen, wenig lebens- und erstrebenswerten Zukunftsentwurf. Leider – und das ist das Erschreckende – beinhaltet dieser so viele realistische Ansätze, dass der Gedanke an 2055 Kopfschmerzen bereitet.

Dies trifft vor allem auf die voranschreitende Digitalisierung, die Bedeutung von Social Media und die Globalisierung mit der damit einhergehenden Kommerzialiserung aller Lebensbereiche zu. Der Mensch wird aufgrund der fortschreitenden Technisierung entindividualisiert. Jeder einzelne wird gläserner und noch einfacher zu überwachen. In sozialen Netzwerken werden Nachrichten verbreitet, egal ob belanglos oder von Bedeutung. Gleichzeitig wird hier am Geschehen partizipiert und Widerstand organisiert. Glasses, analog zu Produkten wie von Google & Co., dienen als Navi, Übersetzer, Blutdruck- und Zuckerspiegelmessgerät sowie Kommunikationsmedium.

In diese Umgebung setzt Eugen Ruge Nio Schulz: Eine labile Person, die als „Verkäufer“ eines absurden Produktes herhalten muss. Denn dieses „true barefoot running“ erinnert einerseits an den Trend der Barfuß-Schuhe der letzten Gegenwart und andererseits tritt es der Technisierung 2055 entgegen. Das drohende Scheitern von Nio entwickelt Ruge eindrucksvoll und nachhaltig.

In der Installation des Großvaters greift Eugen Ruge in die Trickkiste mit der „Methode“ des intertextuellen Erzählens. Denn Alexander Umnitzer taucht bereits in „In Zeiten des abnehmendes Lichts“ auf, wo dieser als Hauptfigur agiert und dem Alter-Ego von Eugen Ruge entspricht. Relevant wird dieser Großvater, schon hier sei an den Untertitel „14 Sätze über einen fiktiven Enkel“ erinnert, weil er sich von der existierenden, globaliserten Welt abwendet(e) und die Gesellschaft in ihrer Ausformung bzw. Lebensweise kritisiert. Eine Kritik, die in „Follower“ permanent auftaucht, aber hier eben in der Art der Erzählweise. Diese ist mit bitterbösem, schwarzem Humor gespickt.

Romanuntypsische Erzählweise

Das Lesen von „Follower“ müsste einen eigentlich den Kopf schütteln lassen. Denn wie Ruge ganz selbstverständlich von Leihmutterschaft, der Bedeutung von Social Media (ausgerechnet von Twitter, dem aktuell „schwächsten“ Kanal), in-vitro-Kunstfleisch, originalem Tofu-Kunstfleisch oder Themen wie politisch korrekter Sprache schreibt, sollte Entsetzen auslösen. Tut es aber nur bedingt, zu realistisch wirkt das bereits.

Ungewöhnlich ist ebenfalls die Darstellungsform von (vermeintlichen) Fakten: Romanuntypisch formt Ruge die Analyse von Protagonist und weiterer Akteure durch Sicherheitsbehörden in Protokollform und Tabellen aus. Eher ungewohnt und so vor allem in Sachliteratur ein gängiges Mittel.

Gänzlich experimentell ist dann jedoch die Sprache bzw. die Grammatik im gesamten Roman. Hier sei nun ein zweites Mal auf den Untertitel „Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel“ verwiesen. Denn tatsächlich handelt es sich um 14 Sätze. 14 Kapitel, mit der eigentlichen Handlung, die aus jeweils einem einzelnen, lediglich durch Kommata getrennten Satz bestehen. Dieses Stilmittel bezeugt nicht nur die nicht abreißenden Gedanken des Protagonisten, sondern erzeugen eine gewisse Atemlosigkeit, Geschwindigkeit und Hektik. Einen „Rausch“, der konträr zur Handlung steht. Denn auf der Erzählebene passiert gar nicht so viel – Kein Wunder, ist doch die Handlung zeitlich auf einen Tag beschränkt.

Ein weiterer Clou Ruges ist, die im letzten Drittel des Romans eingeschobene Erdgeschichte, die an der Familiengeschichte von Nio Schulz/Alexander Umnitzer aufzeigt, welche Widrigkeiten zu überstehen waren, bzw. welche Zufälle nötig waren, damit es zu eben dieser Geschichte im Jahr 2055 kommen konnte. Allein dieser Auschnitt wäre als eigene Erzählung denkbar, verschärft aber im Gesamtkontext die Kritik Ruges.

Lebens- und Lesenswert?

„Follower“ mag offen ausgehen, aber genau das tut dieser dystopische Roman mitnichten. Vielmehr handelt es sich um eine bittere Aussicht, die, unter Berücksichtigung der Welt im Jahr 2017, als Gegenwartskritik zu lesen. Es ist eine Mahnung und Warnung, gerade und vor allem vor dem Hintergrund von Ruges DDR-Vergangenheit, die Zukunft nicht so werden zu lassen, wie er sie beschreibt. Würden Menschen in sozialistischen-kommunistischen Staatsgebilden noch unfreiwillig kontrolliert und drangsaliert, machen dies die Menschen des Jahres 2055 (und eigentlich bereits 2017) freiwillig. Kommerz und Shopping überall, Kontrolle und Selbstdarstellung an (fast) aller Orten.

Insofern ist „Follower“ durchaus lesenswert, aber eine solche Zukunft nicht lebenswert. Vielleicht wäre die Handlung ausbaubar gewesen, aber eine Botschaft wird klar: Lassen wir es nicht so weit kommen. Stemmen wir uns gegen einen freiwilligen Big-Data-Kommerz-Alptraum.


 

Cover von Eugen Ruges Roman "Follower"

Eugen Ruge „Follower“ | Credit: Rowohlt Verlag

Eugen Ruge

Follower – Vierzehn Sätze über fiktiven Enkel
320 Seiten
erschienen am 26. August 2016

978-3-498-05805-0

€ 22,90 (D)

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Rowohlt Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Luis Sellanos „Portugiesisches Erbe“: Ein Urlaubskrimi

Nach zahlreichen Krimis in italienischen oder französischen Urlaubsdestinationen erschien mit „Portugiesisches Erbe“ aus der Feder von Luis Sellano im Heyne Verlag ein Krimi, der in Portugals Hauptstadt Lissabon spielt. Hier hin fliegt Henrik Falkner, um das Erbe seines Onkels Martin anzutreten und das ohne zu wissen, was ihn erwartet. Schnell kristallisiert sich heraus, dass es wenig Gutes ist. Ein Debüt voller Spannung.

Ein toter Onkel und sein Erbe

Eigentlich flog Henrik Falkner nur deswegen nach Lissabon, um das geheimnisvolle Erbe seines Onkels Martin anzutreten und Abstand von seinem Leben in Deutschland zu gewinnen. Denn nach dem Tod seiner Frau Nina verlief nichts mehr in geregelten Bahnen: Seinen Job bei der Polizei gab er aus psychischen Gründen auf und auch privat fand er kein Glück mehr. Da kam diese Chance gerade recht und doch auch unerwartet, denn weder Henrik noch seine Familie hatte Kontakt zu Martin. Kaum im malerischen Lissabon angekommen, muss Henrik feststellen, dass das Erbe unkompliziert wird. Das vermachte Antiquariat und die dazugehörige Immobilie mitsamt Mietern wirft kaum oder vielmehr gar keinen Gewinn ab. Und dennoch erhält er kurz nach der Ankunft ein unverschämt hohes Angebot für dieses Erbe.

Doch nicht nur das: Henrik muss feststellen, dass sein Onkel möglicherweise keines natürlichen Todes starb, sondern Opfer eines Gewaltverbrechens wurde. Schnell erwacht in Henrik sein altes Leben als Ermittler. Immer tiefer gerät er in Verstrickungen aus alten, vermeintlich längst vergessenen Zeit und wird so zum Ziel brutaler Söldner, die kein Mittel scheuen, um ihn von der Lösung abzuschrecken. Dabei droht nicht nur ihm allein Gefahr, sondern auch allen Personen, die seinem Onkel wichtig waren: Die Angestellte Catia, der  Fado-Sänger Renato oder Polizistin Helena.

Malerische Beschreibungen treffen Krimi

Nach all den Frankreich-, Italien oder Kopenhagenkrimis nun also mal einer, der in der Kulisse Lissabons angesiedelt ist. Und tatsächlich wirken die Beschreibungen von Autor Luis Sellano wie die eines Einheimischen und das auch oder vielleicht gerade für den Leser, der noch nie in Portugals Hauptstadt war. Dabei ist Luis Sellano, mal wieder, nur ein Pseudonym hinter dem sich der Deutsche Oliver Kern verbirgt, hauptberuflich im Marketing und nebenberuflich als Autor tätig. Detailliert, sehr illustrativ sowie äußerst ausführlich beschreibt er die Handlungsorte. Man merkt, hier muss sich Oliver Kern auskennen. Mitunter wirkt es fast wie in einem Reiseführer und man ertappt sich dabei, manche Beschreibung einfach schnell zu überlesen.

Dies jedoch liegt nicht daran, dass es schlecht formuliert wäre. Ganz und gar nicht. Vielmehr ist es der Tatsache geschuldet, dass man wissen möchte wie die eigentliche Story um den Ex-Ermittler Henrik Falkner weitergeht. Denn der Fall bzw. zu Beginn das noch unverdächtige Erbe lassen zügig Spannung aufkommen. Das Antiquariat und die etwas heruntergekommene Immobilie mitsamt seiner illustren Mieterschaft birgt so manche Überraschung, die Gefahr für Leib und Leben bedeutet. Auch die Verstrickungen in die salazaristische Zeit Portugals wecken durchaus Lust, sich mehr mit den Hintergründen zu befassen.

Mit Henrik Falkner hat Sellano bzw Oliver einen interessanten Charakter geschaffen, der vor allem wegen seiner Vergangenheit und der Labilität etwas benötigt, um Fuß zu fassen. Hier merkt man als Leser bereits früh, dass es nicht der letzte Fall sein wird, den Henrik Falkner zu lösen hat. Auch alle anderen Charaktere weisen durchaus Entwicklungspotential auf. Vielleicht hätte einigen Akteuren etwas weniger Klischee gut getan, so etwa dem Fadosänger Renato oder der hitzigen Catia, aber wirklich störend ist dies alles nicht. So legt Luis Sellano ein durchaus gelungenes Debüt hin, welches gerade jetzt im Winter ein wenig den Sommer zurückholt.

Portugal. The Man veröffentlichen neue Single „Noise Pollution (Version A, Vocal Up Mix 1.3)“

Die amerikanische Indie-Band Portugal. The Man veröffentlichte mit dem Video zur neuen Single „Noise Pollution (Version A, Vocal Up Mix 1.3)“ endlich den ersten Vorboten zu ihrem neuen Album „Gloomin + Doomin“. Waren die Tracks auf dem 2013 veröffentlichten letzten Album „Evil Friends“ bereits deutlich elektronischer und poppiger als die „frühen“ Titel, setzt „Noise Pollution“ diese Entwicklung nun fort. Mit dichten und gleichzeitig nach vorne treibenden Elementen, Synthesizer-Klängen, Rap-Parts und der gesanglichen Unterstützung durch der Schauspielerin Mary Elizabeth Winstead und Sängerin Zoe Manville geht es noch einen Schritt mehr in Richtung Elektro-Pop weit weg vom Indie-Rock der Alben „Waiter: You Vultures“ (2006) oder „Church Mouth“ (2007). Deutlich spürt man hier die Einflüsse von Michael Diamond a.k.a. Mike D von den Beastie Boys.

In „Noise Pollution“ setzen sich Portugal. The Man um Frontsänger John Gourley mit unserer Welt auseinander, die momentan aus den Angeln gehoben werde, wie die Band auf ihrer Facebook-Seite betonte.

„I know my rights, je t’aime Paris

Live or die like c’est la vie

With my fist in the air, „Je suis Charlie“

Can’t ya see I’m feeling magnifique?“,

singt der Frontmann im Refrain. Sie (also die Band) sei nicht mehr in der Lage zu erkennen, was Fakt, Meinung oder einfach nur Unsinn sei. Das verstehen zu helfen, könnten sie als Band nicht leisten, wohl aber, dies in ihrer Musik zu verarbeiten. Herausgekommen ist ein anfangs verwirrender Song, der aber mit jedem weiteren Hören immer besser wird und die Turbulenzen unserer Zeit vertont. Unterstützt übrigens durch ein großartiges Video von Regisseur Michael Ragen.

Arne Dahls „Sieben minus eins“ – Psychothriller made in Sweden

Mit „Sieben minus eins“ startet Arne Dahl eine neue Krimireihe um das ungleiche Ermittlerduo Sam Berger und Molly Blom. Gleich im ersten Fall müssen die beiden an und über ihre (psychischen) Grenzen gehen, schließlich geht es um eine vermisste junge Frau – oder eigentlich sogar mehrere junge Frauen. Wieder einmal beweist Arne Dahl, was er kann: Nervenkitzel und Spannung pur.

Täter und Opfer, Opfer und Täter

Eine junge Frau verschwindet und eine Spur führt Kommissar Sam Berger mitsamt Ermittlerteam zu einer einsamen Waldhütte. Das Stürmen wird zum Desaster, denn ein Polizist wird durch eine perfide Falle schwer verletzt. Und dann findet Berger noch dazu im Keller ein verschachteltes Labyrinth mit Blutspuren, aber eben nicht die Vermisste. Immerhin jedoch auch keine Leiche. Doch eines wird dem Kommissar immer klarer – Es handelt sich um keine einzelne Entführung, sondern der Fall gehört zu einer ganzen Reihe von Entführungen oder gar Morden. Daran hält er auch fest, obwohl ihn sein Vorgesetzter für verrückt erklärt und dazu rät, seiner Idee nicht weiter nachzugehen. So ermittelt Berger auf eigene Faust weiter und entdeckt ein Detail, welches seine Intuition bestätigt: Ein Zahnrad, winzig klein und doch entscheidend genug, um die von ihm aufgestellte These zu bestätigen.

Hartnäckig und unnachgiebig geht Berger seinen Weg und stößt auf eine Frau. Der Frau, die den Tipp zur Waldhütte gab.  Als es dann gelingt, die Frau festzusetzen, gerät alles aus den Fugen. Denn aus der kalten, unnahbaren Verdächtigen wird niemand schlau. Nicht nur das: Berger, eben noch in der Rolle des Kommissars, wird vom Jäger zum Gejagten. Denn – und das kristallisiert sich allmählich heraus – die Vergangenheit spielt eine wichtige Rolle. Eine Zeit, die Berger und die Verdächtige betraf und nun wieder vereint, bzw. lange Zeit sogar entzweit. Als Täter noch Opfer waren, um dann im Hier und Jetzt die Rollen zu tauschen.

Psychisch, verschachtelt, sich ständig wenden und ungemein spannend

Mit „Sieben minus eins“ kehrt Arne Dahl nach zweijähriger Schaffenspause gleich dahin zurück, wo er herkam: Auf den Gipfel der schwedischen Kriminalliteratur. Das mag übertrieben klingen, aber dieses Jahr las ich keinen nordischen Thriller, der mich mehr mitriss. Anfangs, und das auch bis etwa so zur hundertsten Seite, fragte ich mich, was eigentlich passiert! Wo ist es dieses im Klappentext angekündigte neue Team um Sam Berger und Molly Blom, taucht doch die Ermittler bislang gar nicht auf. Aber, so viel sei verraten, Dahl etabliert erst Berger und erst später Molly Blom. Hier verrät der Klappentext eigentlich bereits zu viel –  Was mich im Nachhinein etwas ärgert.

Allerdings ist es auch ohne Molly Blom spannend. Nun sind Entführungen oder Vermisstenfälle ohne Leiche keine Seltenheit, sonst wären es ja auch direkt Mordfälle, aber Dahl treibt die Handlung fast atemlos voran. Vieles bleibt im Unklaren, um die Spannung auf den Höhepunkt zu treiben. Bereits der Prolog wirkt ein wenig wie der Einstieg einer Short Story. Man wird direkt in die Handlung geworfen, um dann festzustellen, dass die „richtige“ Story erst spät richtig losgeht.

Und dann ist da auch noch dieses Ermittlerteam: Sam Berger und Molly Blom. Das Paar zeichnet sich, anders als es bei vielen Teams der Fall ist, keinesfalls durch Zuneigung und den klassischen Vorstellungen eines Teams aus. Vielmehr birgt es jede Menge Konfliktpotential. Kein Wunder, eint beide eine gemeinsame Vergangenheit, die wenig Gutes birgt. Während Berger die Vergangenheit verdrängte und auch als Polizist alles andere als fehlerlos ist, versuchte Blom diese abzuarbeiten, indem sie Polizistin/Ermittlerin bei der SÄPO wurde. Kompetent und zielstrebig einerseits und andererseits ebenfalls nach ihren ganz eigenen Regeln spielend. Sehr spannend ist es mitzuerleben, wie sich der Konflikt zwischen den beiden er- und aufklärt und aus diesem Misstrauen allmählich so etwas wie Vertrauen wird.

Alls das formuliert Arne Dahl unheimlich dicht und schafft so eine düstere Atmosphäre, die mich als Leser in den Bann zog. Noch dazu kommen die bereits angedeuteten Wendungen und Verstrickungen aller Akteure, die sich immer wieder aufzulösen scheinen und es dann erst sehr spät tun – vom „Turn“ mitten im Buch mal ganz abgesehen. Wenn man dann noch glaubt, dass die Entwicklung nicht mehr zu toppen ist, sei auf das Ende verwiesen. Hier platziert Arne Dahl einen Cliffhanger par excellence. Hier erhält dann auch der Titel „Sieben minus eins“ eine Bedeutung, die vorher nicht zu ahnen war. Alles in allem ein großartiger Auftakt der Krimiserie. Es bleibt einzig ein Wermutstropfen: Man muss auf den zweiten Band warten und hoffen, dass er die Erwartungshaltung erfüllen wird.


Arne Dahl - "Sieben minus eins"

Arne Dahl „Sieben minus eins“| Copyright: Piper Verlag GmbH

Arne Dahl

Sieben minus eins
416 Seiten
erschienen am 01. September 2016

978-3-492-05770-7

€ 16,99 [D], € 17,50 [A]

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Piper Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Petros Markaris: Der Tod des Odysseus – Geschichten

In „Der Tod des Odysseus“ erzählt Petros Markaris sieben Geschichten, die zwischen 10 und 90 Seiten lang sind. Eine große Rolle nimmt das Thema der Beziehung zwischen Griechenland und der Türkei bzw. das Leben der Istanbuler Griechen ein. Sowohl historisch als auch aktuell sind die Geschichten, die Markaris um dieses Thema strickt. Geschichtsstunde inklusive. Aber auch die Flüchtlingsproblematik und sogar das deutsch-türkische Verhältnis haben in dem Buch ihren Platz. Immer aus der Warte einfacher Leute geschrieben, schafft es Markaris, Aktuelles und Historisches lesenswert zu verpacken. Einzig und allein „Die Leiche im Brunnen“ fällt etwas aus dem Rahmen und passt nicht richtig zu den anderen Kurzgeschichten. Auch Kommissar Charitos betritt in „Mord an einem Unsterblichen“ und „Poems and Crimes“ wieder die Bühne. Beide Mordfälle spielen im Intellektuellenmilieu, doch wozu Kommissar Charitos sonst mehrere Tage und diverse Kaffees und Croissants benötigt, ist diesmal innerhalb weniger Seiten geklärt. Wer Markaris vor allem wegen Kommissar Charitos liest, wird am Ende des Buches nicht ganz zufrieden sein. Denn vom Kommissar nur kurz zu lesen, macht schon wieder Lust auf mehr.


Petros Markaris - Der Tod des Odysseus

Petros Markaris – Der Tod des Odysseus | Copyright: Diogenes Verlag AG

Petros Markaris

Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger

Der Tod des Odysseus
192 Seiten
erschienen am 26. Oktober 2016

978-3-257-06979-2
€ (D) 22.00 / sFr 30.00* / € (A) 22.70
* unverb. Preisempfehlung

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Leon de Winters „Geronimo“: Zwischen Bach, Goldberg und bin Laden

Osama bin Laden lebt – Zumindest im Roman

Osama bin Laden wurde 2011 nicht von US-amerikanischen Elitesoldaten erschossen, sondern gefangen genommen und stattdessen ein Doppelgänger als „Bauernopfer“ erschossen. Zumindest ist das der Aufhänger und Rahmen von Leon de Winters neuestem Roman „Geronimo“. Herausgekommen ist ein Polit-, Action- und Agententhriller der Verschwörungstheorien, tragisches Scheitern und Heldentaten, Verlust und Liebe sowie vereint.

„Kill or capture“  oder „Kill no capture“?

Unter dem Decknamen „Geronimo“ startete eine US-amerikanische Eliteeinheit der Navy Seals die Aktion im Mai 2011 zur Ergreifung des meist gesuchten Terroristen der Welt: Osama bin Laden. Diese endete mit dem Tod bin Ladens. Wenn es sich denn so zutrug – Was hier nicht bezweifelt werden soll. Doch Leon de Winter dichtet die Geschichte um und lässt bin Laden an diesem 2. Mai 2011 nicht sterben, sondern einen unschuldigen Doppelgänger. All das geplant und durchgeführt von eben dieser Spezialeinheit, um den Terroristen nicht einfach zu töten, sondern in Den Haag vor den internationalen Gerichtshof zu stellen. Doch das erweist sich als schwierig und für einige Beteiligten sogar als tödlich. Denn Osama besitzt Informationen, mit denen er den US-amerikanischen Präsidenten erpressen kann und will…

Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive des ehemaligen Delta Forces Mitglieds  Tom Johnson, Sohn eines jüdisch-russischen Musikerpaare. Dieser schied nach einer Verwundung in Afghanistan aus dem Dienst aus und finanziert sich seitdem mit hochdotierten Jobs in der privaten Sicherheitsbranche, ist aber immer noch mit seinen ehemaligen Seals Kameraden befreundet ist und wird so zufällig in die Aktion „Geronimo“ involviert.

Doch nicht nur die körperliche Verletzung setzt(e) Tom zu, sondern noch mehr zwei seelische: Einerseits der Verlust seiner Tochter, die 2004 – zur Zeit Toms Afghanistan Aufenthalts – ein Opfer der Zuganschläge von Madrid wurde. Andererseits die Suche nach der jungen Afghanin Apana, die als Tochter eines afghanischen Dolmetschers während des Afghanistaneinsatzes im amerikanischen Lager durch Tom die Goldberg-Variationen kennen- und so die Musik lieben lernte. Doch genau diese Liebe wurde ihr zum Verhängnis. Sie wird bei einem Überfall der Taliban beim Hören der westlichen Musik erwischt und aus dem Lager verschleppt, misshandelt und verstümmelt. Da sich Tom für ihr Schicksal verantwortlich fühlt, begibt er sich auf die Suche, um sie in die USA zu holen und zu adoptieren. Und genau hier vereinen sich die beiden Handlungsstränge: Denn Apana fand nach der Flucht vor den Taliban Unterschlupf bei Jabbar und seiner Mutter, die durch ihre Zugehörigkeit zum Christentum selbst zu einer verfolgten Minderheit in Pakistan gehören, um dann ausgerechnet nachts von einem älteren Herrn auf dem Moped entführt zu werden. Bei diesem Mann handelt es sich um niemand anderen als Osama bin Laden.

Thriller, Verschwörungsroman und Fiktion

Leon de Winter geizt in „Geronimo“ nicht mit Handlungssträngen und Personen oder dem Spiel mit zeitlichen Ebenen und Orten, gleichzeitig bedient er sich religiöser Motive (oder Klischees), überzeichnet, karikiert diese mitunter und nicht zuletzt spielen Gewalt, Verrat, Liebe, Verlust und die Kraft der Musik eine immense Rolle. All das führt dazu, dass dieser Roman zwar eine Verschwörungstheorie zu Grunde legt, aber dennoch (so verrückt wirkt Amerika – erst recht nach dem Ausgang der US-Wahl 2016 zu urteilen) noch nicht einmal vollkommen abstrus ist. Noch dazu entwickelt sich daraus ein internationales Geheimdienstverwirrspiel. Denn das entscheidende Geheimnis, womit Bin Laden meint, den amerikanischen Präsidenten aus Sicht der demokratischen, westlichen Welt zu diskreditieren, wird immer wieder zwar angedeutet, aber erst am Ende aufgelöst.

Obwohl also de Winter in beinahe jedem Kapitel durch sein Personeninventar, durch die Zeit und die Kontinente springt, droht man nie, den Anschluss zu verlieren. Denn dafür wird die Handlung einfach schlüssig erzählt. Dermaßen spannend und rührend, teilweise trotz der Brutalität sogar amüsant, schreibt der niederländische Autor, dass sich die knapp 450 Seiten zu einem wahren Pageturner entwickeln. Vor allem die Schilderungen um Apana so wie die damit in Verbindung stehende Bedeutung der Goldberg Variationen für Tom und Apana sind zu betonen. Hier wird deutlich, welche überwältigende Kraft, welches Geheimnis Musik birgt und wie Musik Menschen und Kulturen verbinden kann. Und auch wie verletzlich dieser körperlich starke US Elitesoldat ist, weil de Winter versucht, ihn mit der Rettung Apanas sein „Versagen“ als Vater der eigenen Tochter kompensieren zu lassen.

Allein die Darstellung Osama bin Ladens als Mensch mit Schwächen für Schokolade oder Zigaretten und (Viagra benötigender ) Liebhaber wirken kurzfristig verstörend, weil sie das Bild des Terroristen und Massenmörders aufbrechen und ihn als „Inbegriff des Bösen“ fast schon banalisieren. Hier führt de Winter seine Linie vielleicht nicht konsequent genug zu Ende.


Leon de Winter – „Geronimo“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Leon de Winter – „Geronimo“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Leon de Winter

Geronimo
448 Seiten
erschienen am 01. September 2016

978-3-257-06971-6
€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70
* unverb. Preisempfehlung

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!