Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer bedrohten Art

Drei Länder, zwei Jahrhunderte und eine Gemeinsamkeit: die Bienen

Mit „Die Geschichte der Bienen“ ist der Norwegerin Maja Lunde, erschienen im btb Verlag, ein beachtlicher nationaler sowie internationaler Erfolg gelungen: In Norwegen erhielt die Autorin den Buchhändlerpreis für den Roman des Jahres und stürmte damit auch in zahlreichen anderen Ländern die Bestsellerlisten. Und das alles nur wegen Bienen – faszinierenden wie bedrohten Tierart.

England, USA und China: Drei Kontinente, drei Jahrhunderte und die Bienen

William lebt 1852 in England. Er ernährt seine Familie mit den Einnahmen aus seiner Samenhandlung, obwohl er lieber ein angesehener Biologe wäre. Doch die Liebe und die damit einhergehende Kinderschar (8) verhinderten seine Karriere als Wissenschaftler. Deshalb verbringt er seine Tage depressiv im Bett. Bis ihm eines Tages ein Buch über Bienen in die Hände fällt. Sein Forscherinstinkt wird erneut geweckt und er begibt sich daran, einen revolutionierten Bienenstock zu bauen.

155 Jahre später führen uns die Bienen zu George in die USA nach Ohio. Er ist Imker mit Leib und Seele. Aber nicht einer dieser „Industrie-Imker“. George baut seine Bienenstöcke selber, hat nicht allzu viele Völker und kutschiert seine Bienen auch nicht durch die ganzen USA, um ihre Bestäubungsleistung zu verkaufen. Langsam älter werdend, möchte er seinen Sohn Tom dazu bringen, den Betrieb zu übernehmen: doch Tom hat andere Pläne. Als Georges Bienen auf einmal sterben, sieht die Familie ihre Existenz bedroht.

2098 in China: Tao lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn Wei-Wen in einer winzigen Wohnung. Als Familie haben sie nur wenig gemeinsame Zeit, müssen Tao und ihr Mann doch jeden Tag 12 Stunden in den riesigen Plantagen arbeiten und die Blüten der Obstbäume bestäuben: denn Bienen gibt es keine mehr. Die Drei leben ein Leben voller Entbehrungen, in einer Welt, in der nun auch der Mensch vom Aussterben bedroht ist und doch sind sie glücklich, denn sie haben sich. Bis Wei-Wen auf einem Ausflug etwas zustößt, das alles verändern könnte.

Ein Roman und (k)ein Sachbuch

Wir brauchen die Bienen und können deshalb nicht so weitermachen wie bisher: Das ist die Kernbotschaft der norwegischen Autorin Maja Lunde. Aber was wir tun können, damit die Bienen nicht ganz verschwinden und uns ein Schreckensszenario wie die Welt von Tao erspart bleibt, findet im Buch nicht wirklich eine Erwähnung. Und das ist das große Manko des Buches: Der Leser wird für das Thema sensibilisiert, aber dann mit leeren Händen stehengelassen. Andererseits ist es eben ein Roman und kein Sachbuch, obwohl die Schilderungen und Erkenntnisse gut recherchiert sind.

So ist „Die Geschichte der Bienen“ ein gut geschriebener Roman, der vor allem durch die sich abwechselnden Episoden aus den Leben der einzelnen Protagonisten überzeugt. Die Sprache ist klar, schnörkellos und auf den Punkt. Hier merkt man der Autorin an, dass Sie zuvor vor allem Kinder- und Jugendliteratur verfasst hat. Neben den Bienen beleuchtet die Autorin vor allem das Thema „Vater und Sohn“ und welche Rolle, die Mütter dabei spielen. Wer an Familiengeschichten interessiert ist und nebenbei etwas über das Leben der Bienen und ihre immens wichtige Rolle für uns lernen möchte, sollte auf jeden Fall zu diesem Buch greifen.


Buchcover "Die Geschichte der Bienen" von Maja Lunde

Maja Lunde „Die Geschichte der Bienen“
| Copyright: btb Verlag

Maja Lunde

Die Geschichte der Bienen

€ 20,00 [D] , € 20,60 [A],  CHF 26,90*
(* empf. VK-Preis)
Erschienen am 20.03.2017
512 Seiten
ISBN: 978-3-442-75684-1

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom btb Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

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Martin Walkers „Grand Prix“ – Eine Rallye, ein Oldtimer, ein Mord und viel „savoir vivre“

Fall neun für den Chef de Police

Wieder einmal entführt uns Martin Walker mit dem neunten Fall von Bruno Courrèges ins idyllische Périgord. In „Grand Prix“ – wie immer im Schweizer Diogenes Verlag veröffentlicht – übernimmt der Chef de police mal wieder die Rolle des Organisators und kümmert sich um die Ausrichtung einer Oldtimerrallye. Doch auch dieses Mal geht es nicht nur beschaulich zu: Ein Mord darf nicht fehlen!

Teure Oldtimer, neue Sorgen

Eigentlich ist Bruno Courrèges der Dorfpolizist von Saint-Denis und gleichzeitig ist er vielmehr als das: Sozialarbeiter, rechte Hand des Bürgermeisters, Sporttrainer der Rugbymannschaft sowie ebenfalls „Tourismus-Experte“ und Förderer der heimischen Wirtschaft. In dieser Funktion hat Bruno maßgeblich dazu beigetragen, dass eine Oldtimer-Rallye im kleinen französischen Ort stattfindet und eben diese Oldtimer im Dorfzentrum ausgestellt werden.  Der Andrang ist tatsächlich riesengroß: Zahlreiche Teilnehmerinnern und Teilnehmer folgen der Einladung, sogar aus anderen Landesteilen, ebenso viele Besucherinnen und Besucher strömen nach Saint-Denis um das Spektakel zu verfolgen.

Unter diesen befinden sich zwei besonders besessene Sammler, die sich auf die Suche nach einem der teuersten Autos befinden: Dem Bugatti Typ 57SC Atlantic, welcher in dern 1930er Jahren nur viermal produziert wurde. Und ausgerechnet eines dieser Exemplare soll während des Zweiten Weltkrieges verschwunden sein. Doch mit der Rallye und der Autosuche kommen das Verbrechen und alte Bekannte nach Saint-Denis: Ein pensionierter Forscher wird ermordet, Commissaire Isabelle Perrault ermittelt in Fällen von Geldwäsche und Finanzierung des internationalen Terrorismus.

Viel Leben, wenig Ermittlung und dennoch spannend

Abgesehen vom achten Fall „Eskapaden„, in dem Martin Walker seinen Chef de Police als „James Bond vom Land“ darstellte, kehrt nun deutlich mehr Ruhe ein. Bis zu Seite 150 (von 384 Seiten) kann man fast gar nicht von einem Kriminalroman sprechen. Denn außer einem Todesfall, der nicht einmal wie ein Mord daherkommt, geht es gewohnt beschaulich zu. Fast wirkt es, als besinne sich Walker auf die Stärken, die die Bruno-Reihe bislang ausgemacht haben: Die Schilderung von Land, Leuten, Lebenskultur in Form von Essen und Trinken und der Dorfgemeinschaft.

Trotzdessen dem Verbrechen „zu Beginn“ wenig Spiel- und Erzählraum geboten wird, kommt keine Langweile auf. Und dies liegt eindeutig eben an den ausführlichen Beschreibungen des Umfelds und der Situationen rund um Bruno Courrèges. Als dann auch noch der Fall um den getöteten Forscher, die Rallye und das Auftauchen von Isabelle beginnt, nimmt der Roman Fahrt auf.

Als Leser geht man auf eine Reise, die zurück in die Zeit des „Grande Guerre“ führt. Wieder einmal lässt Martin Walker seine Qualitäten als studierter Historiker aufblitzen, indem er zahlreiche Details verarbeitet und die Fiktion mit Fakten anreichert. So zum Beispiel die Hintergrundinformation über den Wert des Bugatti Typ 57SC Atlantic als teuerster Oldtimer der Welt – wie Wikipedia es führt.

Für alle Fans von Bruno Courrèges wird „Grand Prix“ einer der besten Fälle sein und für alle neuen Leserinnern und Leser ein guter Einstieg – auch wenn man so viele Informationen rund um das durchaus turbulente Liebesleben von Bruno nicht verstehen kann.


Buchcover Martin Walker „Grand Prix“ aus dem Diogenes Verlag AG

Martin Walker „Grand Prix“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Martin Walker

Grand Prix

€ 24 [D], sFr 32.00 [CH],  € 24.70 [A]
Erschienen am 26.04.2017
384 Seiten
ISBN: 978-3-257-06991-4

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Lucas Grimms „Nach dem Schmerz“ – Postwende-Spionagethriller

Rasant, brutal, und filmisch erzählt: Lucas Grimm legt mit seinem Debüt „Nach dem Schmerz“ eine spannende Mischung aus jüngster deutsch-deutscher Postwendezeit und Spionagethriller vor. Im Mittelpunkt der Handlung stehen die erfolgreiche Cellistin Hannah Gold und der abgewrackte Journalist David Berkoff, die die Jagd nach verschwundenen CD-ROM mit hochbrisanten  Stasi-Unterlagen zusammenbringt.

Vergangenheit und Gegenwart

25 Jahre ist es her, dass Hannah Gold von russischen Agenten gefoltert wurde, um ihren Vater Walter Gold, einen führenden Stasifunktionär, zur Herausgabe von CD-ROM mit Stasi-Unterlagen zu bewegen. 25 Jahre seitdem sie keinen physischen Schmerz mehr empfinden kann, 25 Jahre seitdem ihr Vater verschwunden ist, 25 Jahre in denen sie alles gab, um als Cellistin erfolgreich zu werden. Plötzlich taucht ihr Vater wieder auf und reißt Hannah in einen Strudel aus Angst, Gewalt und Vergangenheitsbewältigung. Denn mit ihrem Vater beginnt die Jagd nach den immer noch verschollenen Datenträgern sowie die gleichzeitige Flucht vor alten und neuen Feinden.

Ebenfalls auf der Suche nach den Rosenholz-Dateien sind nämlich die ehemaligen russischen Agenten, der BND und David Berkoff, ehemals angesehener und erfolgreicher Kriegsberichterstatter und Journalist. Um den verblassten Ruhm und Ruf wieder herzustellen, träumt er davon, die Reportage zu den Dateien endlich abschließen zu können – schließlich ist er der Story seit Jahren auf der Spur. Und endlich scheint die Aufklärung nahe zu sein. Doch bis es so weit kommt, müssen Hannah und David  viele schwierige Momente überstehen, um die Wahrheit aufzudecken. Doch was ist die Wahrheit und wer ist Feind und wer Freund?

Kaputte Charaktere und viel Action

Man mag kaum glaub, dass „Nach dem Schmerz“ tatsächlich der Debutroman von Lucas Grimm ist, so unterhaltsam, spannend und rasant kommt die Handlung daher. Der Unglaube legt sich jedoch schnell mit dem Wissen, dass sich hinter Lucas Grimm das Pseudonym eines erfolgreichen Drehbuchautors verbirgt. Dies merkt man sowohl der Erzählweise als auch den Personen an. Zum einen ist die Sprache punktgenau, knapp, beschleunigend, detailreich und fast schon im Stil eines Drehbuchs. In der Schilderung schont Grimm die Leserschaft nicht: blutige, actionreiche Kapitel und Szenen reihen sich aneinander. Zum anderen sind die Figuren derart angelegt, dass sie nach einer Verfilmung schreien.

Da wäre Hannah Gold, die als Kind gefolterte, mittlerweile erfolgreiche Cellistin und nun auf der Suche nach den Rosenholz-Dateien einhergehend mit der Hoffnung, endlich einen Abschluss der quälenden Vergangenheit herbeiführen zu können. Gleichzeitig diszpliniert und doch immer wieder von Gefühlen geleitet. Und als Gegenpol David Berkoff: Der aufgedrehte, alkohol- und drogensüchtige Journalist mit der Suche nach Selbstbestätigung – und sei es mit Sex, dessen beste Zeiten längst vorbei zu sein scheinen. Ausgerechnet diese beiden Personen mit solch speziellen Charakterzügen prallen nicht nur aufeinander, sondern müssen einander stützen.

Insgesamt ein gelungenes Debüt, dass zu keiner Zeit Langeweile aufkommen und sich in kurzer Zeit durchlesen lässt. Sowohl die Ausführungen zum Cellospiel und der Musikleidenschaft von Hannah Gold (und David Berkoff) als auch das Setting vor dem Hintergrund der unmittelbaren Wendezeit wirken gut recherchiert, mitunter ist die Sprache etwas ordinär und kommt fast schon an amerikanische Thriller heran.


Buchcover zu Lucas Grimms Thriller "Nach dem Schmerz"

Lucas Grimm
„Nach dem Schmerz“ | Copyright: Piper Verlag

Lucas Grimm

Nach dem Schmerz

€ 16,99 [D], € 17,50 [A]
Erschienen am 20.03.2017
320 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-492-05778-3

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Piper Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

 

 

 

Cilla und Rolf Börjlind „Schlaflied“ – höchste Spannung vor aktuellem Hintergrund

Anders als der Titel „Schlaflied“ des mittlerweile vierten Falls des schwedischen Ermittlerduos Olivia Rönning und Tom Stilton vermuten lassen könnte, ist der Band alles andere als einschläfernd. Diesmal begeben sich die beiden auf die Suche nach einem brutalen Kindermörder.

Tote Flüchlingskinder und rumänische Verbrecher

Verscharrt in einem Wald irgendwo in der schwedischen Provinz Smaland wird die Leiche eines ermordeten Jungen entdeckt. Unweit vom Fundort entdeckt die Spurensicherung einen Dolch, dessen Inschrift auf eine rumänische Verbrecherorganisation hinweist. Doch ebenfalls in der Nähe wohnt ein vom Dienst suspendierter Lehrer, der im Verdacht des Missbrauchs seiner Schüler stand und einem Pädophilennetzwerk angehört. Daher folgen Olivia Rönning und Tom Stilton, der nach seinem Burnout wieder bei der Mordkommission Fuß fasst, beiden Spuren.

Doch schnell erkaltet die Fährte zum potentiellen Kinderschänder. So fliegen Rönning und Stilton im Auftrag ihrer Vorgesetzten Mette nach Bukarest, um vor Ort in der rumänischen Verbrecherwelt zu ermitteln. Wortwörtlich müssen sie in die Unterwelt hinabsteigen: In der Kanalisation Bukarests zwischen  drogensüchtigen, obdachlosen Kindern und Jugendlichen suchen sie nach Hinweisen, die sie zur Identität des Jungen führen könnten. In der Tat entdecken sie, dass der ermordete Junge aus einer  Romafamilie stammt. Gleichwohl die Recherchen zielführend sind, stellen sie sich jedoch auch als gefährlich heraus: Denn Olivia und Tom kommen einem Oberhaupt einer überaus brutalen Verbrecherbande zu nahe.

Zurück in Schweden tauchen in einer Baugrube zwei weitere Leichen auf, wiederum Jugendliche. Diesmal ein farbiger Jungen und ein Flüchtlingsmädchen aus Afghanistan. Hier entdeckt der Pathologe Entsetzliches: Beiden wurde vor ihrem Tod die Nieren entfernt – und wie sich herausstellt auch dem Romajungen. Ein  Handel mit den Organen von Flüchlingskindern?

Ausnutzen der Krise

Wie schon die drei vorherigen Bände überzeugt auch „Schlaflied“ aus vielerlei Gründen: Zum einen werden die vorhandenen Charaktere weitergeführt und weiterentwickelt. Je länger die Reihe andauert, um so besser lernt man die einzelnen Akteure kennen. Ganz gleich ob das Tom Stilton, Olivia Rönning oder Mette ist. Sie alle haben Stärken, Schwächen und Sehnsüchte, handeln aber ebenfalls durchaus impulsiv. Die immer wieder auftauchenden Figuren und ihre Eigenheiten werden durch die horizontale Erzählhaltung der beiden Autoren betont. Und dennoch lassen sie die (altbekannten) Personen leiden und Schaden nehmen, so dass hier zusätzliche Spannung entsteht.

Überhaupt ist der neue Fall überaus spannend, weil er mit der Flüchlingskrise ein aktuelles Thema nutzt. Schutzsuchende und noch dazu Kinder werden hier von raffgierigen Verbrechern ausgenutzt, ohne Anstand und Moral. Menschliche Abgründe tun sich auf, zeigen allerdings auch, woher diese Gier kommt. Sie erwächst oder erwuchs aus der Armut anderer „Notleidenden“, die sich dann wiederum am Elend bereichern und versuchen der Armut zu entkommen. Allerdings auf höchst kriminelle Art und Weise. Dies schildern die beiden Autoren sehr eindringlich und sehr realistisch.  Das trifft auch auf die Darstellung der vollkommen überlasteten Polizisten in Rumänien zu, die bis an die Grenzen ihrer psychischen und physischen Belastung gelangen.

Man merkt der Schreibweise von Cilla und Rolf Börjlind ihre jahrelange Erfahrung als Drehbuchautoren an: Viele Momente und Beschreibungen wirken so szenisch, dass man sie sich perfekt verfilmt vorstellen kann. Insofern wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich ein Fernsehsender die Rechte an der Reihe sichern wird.

Anders als es bei vielen anderen Reihen der Fall ist, kann „Schlaflied“ das Niveau der vorangegangenen Bände nicht nur halten, sondern für meinen Geschmack sogar noch toppen. Die knapp 600 Seiten merkt man nur am Gewicht, aber nicht an der Lesedauer. Überraschend war für mich das Ende – und mein persönliches Highlight. Wieso, das kann hier nicht verraten werden …


Buchcover zu Cilla und Rolf Börjlinds Krimi "Schlaflied"

Cilla und Rolf Börjlind
„Schlaflied“ | Copyright: btb/Randomhouse

Cilla Börjlind, Rolf Börjlin

Schlaflied
576 Seiten
erschienen am 20. Februar 2017

€ 15,00 [D] inkl. MwSt.
€ 15,50 [A] | CHF 20,50*
(* empf. VK-Preis)
Paperback, Klappenbroschur ISBN: 978-3-442-75716-9

Das Rezensionsexemplar wurde mir von btb/Randomhouse Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Jeanine Donofrio „Vegetarisch mit Liebe“ – Abwechslungsreich, saisonal und frisch

Apfel-Radieschen-Salat aus "Vegetarisch mit Liebe"

Sommerlich erfrischend: Der Apfel-Radieschen-Salat aus „Vegetarisch mit Liebe“

Gemeinsam mit ihrem Mann, Jack Matthews, veröffentlicht Jeanine Donofrio auf ihrem Blog „Love & Lemons“ vegetarische und vegane Rezepte. Nachdem im letzten Jahr das gleichnamige Kochbuch in den USA äußerst erfolgreich war, erscheint es nun beim Südwest Verlag unter dem Titel „Vegetarisch mit Liebe. 120 Rezepte von Apfel bis Zucchini“: Frisch und saisonal.

Von einer Hauptzutat zum Rezept

Frisch und saisonal – Das ist schon länger der Trend bei allen, denen Ernährung wichtig ist. Und genau so halten es auch Foodbloggerin Jeanine Donofrio und Ehemann Jack Matthews. Sie haben ausgehend von 26 Grundzutaten –  von Äpfeln über Paprika oder Spargel bis hin zu Zwiebeln – 120 Rezepte zusammengestellt. Auch wenn die Überlegung etwas unrealistisch wirkt, dass man auf den Markt oder zum Hofladen geht, sich spontan für ein gerade aktuelles Gemüse entscheidet, anschließend im Kochbuch nach einem Rezept sucht und dieses dann nachkocht. Grundsätzlich ist es eine sehr schöne Idee und praktisch, wenn man Wert auf eine saisonale Küche legt. Vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass man beispielsweise von größeren Mengen eines Lebensmittels dieses an darauffolgenden Tagen anders zubereiten kann und so noch weniger wegwirft – Was bei mir eigentlich generell nicht mehr vorkommt.

Frisch sind nicht nur die Zutaten, sondern auch die zubereiteten Gerichte. So weckt zum Beispiel der Apfel-Radieschen-Salat (s. Titelbild) die Lust auf den Sommer. Die leichte Schärfe mit der Süße des Apfels und dazu dann die Säure der Zitrone harmonieren einfach hervorragend. Noch dazu war der Salat schnell zubereitet und eignet sich damit bestens für die fixe Küche nach einem (Büro-)Arbeitstag.

Doch es gibt auch exotischere Mahlzeiten: Etwa der Asia-Kohl mit Miso, die Samosas mit Erbsen & Süßkartoffeln oder die gerösteten Blumenkohl-Tortiallas mit Chipotle-Dip. So begibt man sich mitunter auf eine kleine kulinarische Weltreise. Was einerseits sehr abwechslungsreich daherkommt, macht es andererseits für die Kochenden kompliziert. Nicht jeder hat das Glück, in der Nähe einen gut sortierten Supermarkt, Asiagroßhandel oder Feinkostgeschäft vorzufinden, um Tamari, Sriracha-Sauce, Wassermelonenrettich oder Misopaste zu kaufen.

Saisonale Küche bedeutet in diesem Fall also nicht regionale (oder nachhaltige) Küche: Das zeigt sich auch in der Vielzahl an Rezepten in denen Avocado oder Fetakäse verarbeitet wird. Gerade im Fall, der im Anbau doch sehr wasserintensiven Avocado ein kleiner Minuspunkt. Andererseits lässt sich die Avocado oftmals auch einfach weglassen, ohne den Geschmack des Gerichts zu verfälschen, da sie nur als „Topping“ verwendet wird. Zumal auch nicht mit dem Begriff der regionalen Küche geworben wird. Also insofern: Mich stört es nicht, es sollte nur erwähnt sein. Äußerst positiv finde ich, dass es kaum Rezepte mit Tofu gibt – gerade einmal sechs Stück!

Kaufen und Kochen

Überzeugend ist auch die Gestaltung des Buches. Angefangen von der wertigen Haptik über den Textsatz bis hin zu den 200 Bildern. Sehr schön gegliedert und aufgemacht. Hier merkt man der Autorin die Erfahrung als Grafikdesignerin und die Entsteheung aus dem Foodblog heraus an. So kann es zu „Vegetarisch mit Liebe“ konsequenterweisee nur zwei Empfehlungen geben: Kaufen und kochen! Ach ja und eine dritte – Unbedingt auch den Blog besuchen, denn auf diesem gibt es regelmäßig neue, ebenso leckere Gerichte.


Jeanine Donofrio: Vegetarisch mit Liebe aus dem Südwest Verlag

Jeanine Donofrio
„Vegetarisch mit Liebe“ | Copyright: Südwest Verlag/Randomhouse

Jeanine Donofrio

Vegetarisch mit Liebe
320 Seiten
erschienen am 06. März 2017
978-3-5170-9543-1
€ (D) 24.99 | € 25,70 [A] | CHF 33,90*
* empfohlener Verkaufspreis

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Südwest Verlag/Randomhouse Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

 

Matin Suter „Elefant“ – Ethik und Moral

Ein wenig Märchen, Gentechnik-Thriller, Fiction und Liebesgeschichte – All das vereint der Schweizer Erfolgsautor in seinem Roman „Elefant“. Ernsthaft, philosophisch, kritisch-kontrovers  und nachdenklich, aber doch leicht lesbar erzählt er die Geschichte um einen kleinen rosafarbenen Elefanten, der noch dazu im Dunklen leuchtet.

Sabu Barisha: Ein Experiment

Mal wieder stockbesoffen kriecht der Obdachlose Fritz Schoch in seinen Unterschlupf, eine Höhle am Ufer des Schweizer Flusses Limmat. Normalerweise sollte das Einschlafen kein Problem sein, doch dann sieht er ihn: Einen kleinen, maximal dreißig Zentimeter hohen rosafarbenen und noch dazu leuchtenden Elefanten. Unsicher ob er nicht doch vom Alkohol halluziniert, muss er feststellen, dass der Elefant real ist. Doch wie kann das sein?

Sabu, wie ihn Schoch tauft, ist kein Wunder, sondern vielmehr ein gentechnisches Experiment des gleichermaßen ehrgeizigen wie skrupellosen und profitgierigen Wissenschaftlers Dr. Roux. Im Auftrag eines chinesischen Megakonzerns schwängert dieser eine Elefantenkuh des Zirkus „Pellegrini“. Doch er hat die Rechnung nicht mit dem burmesischen Elefantenpfleger Kaung gemacht. Denn kaum ist der Elefant auf der Welt lässt ihn der Elefantenflüsterer Kaung mithilfe des Tierarztes Dr. Reber verschwinden. Doch das bleibt nicht lange verborgen und so jagt Dr. Roux dem kleinen Elefanten hinterher.

Bei diesem Versteckspiel verunglückt Dr. Reber und schafft es vorher noch Sabu – oder Barisha, wie ihn Kaung tauft – in der Höhle von Schoch unterzubringen. Für den Obdachlosen beginnt damit ein Abenteuer, was so nicht geplant war. Quasi auf der Flucht vor seiner Vergangenheit und einem geregelten Leben, kümmert er sich gemeinsam mit der sozial engagierten Tierärztin Valerie um den kleinen Elefanten. Doch wie lange geht das gut?

Unglaublich und doch realistisch

So märchenhaft und unglaublich die Rahmenhandlung klingt, ist sie gar nicht. Denn Martin Suter hat auch in diesem Roman Fakten mit Fiction exzellent kombiniert und gründlich recherchiert. „Glowing Animals“ existieren, auch wenn es bei Glühwürmchen ein natürliches Phänomen ist. Mit der Figur des Wissenschaftlers Dr. Roux und dessen gentechnischem Experiment, rückt es Suter in die eine unnatürliche, künstliche Wissenschaft.

Dr. Roux: Ein Wissenschaftler, der anfangs aus Rach- und dann aus Geltungssucht sowie Profitgier handelt. Sich gottgleich über die „Schöpfung“ zu heben versucht und dabei alle moralischen und ethischen Grenzen überschreitet, dem Tier- und Menschenwohl egal sind. In dieser Figur vereint sich alles „Böse“. Dem gegenüber stehen nicht nur Fritz Schoch und die Tierärztin Valerie, sondern auch Kaung und Dr. Reber. Diese relativ klare Abgrenzung zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weiß stört jedoch zu keiner Zeit.

Spannend ist die Handlung nicht allein wegen der „Verfolgungsjagd“. Vielmehr hat Martin Suter die Charaktere, um den Protagnisten Obdachlosen Fritz Schoch, sehr interessant und die Neugier weckend angelegt. Als Obdachloser ist er per se erst einmal randständig und außerhalb der Gesellschaft angesiedelt, aber dadurch auch interessant. Als Leser (und Leserin) bleibt lange unklar, wie er in diese Situation kam. So kultiviert und gebildet, wie er auftritt, ahnt man, wie es bei den meisten Clochards der Fall ist, dass es einen schwerwiegenden Grund für den sozialen Abstieg geben musste. Das klärt sich im Laufe des Romans, während der immer enger werdenden Beziehung zu der anfangs distanzierten Valerie, auf.

In gut einhundert kurzen Kapiteln mit zeitlichen Sprüngen und in kurzen, schnörkellosen Sätzen erzählt Martin Suter eine wundervolle Geschichte, die Wissenschaftskritik, Zukunftsthemen, Liebesgeschichte und Märchen auf knapp 350 Seiten kombiniert.


Martin Suter "Elefant" Buchcover

Martin Suter: Elefant | Copyright: Diogenes Verlag AG

Martin Suter

Elefant
352 Seiten
erschienen am 01. Februar 2017
978-3-257-06970-9
€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70
* unverb. Preisempfehlung

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!