Die Unfähigkeit zur Kommunikation – Eine Verwunderung

Da schreibe ich eine Magisterarbeit über die Kommunikation zwischen Rundfunk und dessen Hörern (impliziert natürlich stets auch die Hörerinnen), recherchiere, lese, höre und analysiere – mit dem Ergebnis, dass kaum von Kommunikation gesprochen werden kann und wenn sie doch stattfindet, ist sie unzureichend. Wie das so ist, wenn jemand forscht, möchte man seine Arbeit doch auch als Forschungsarbeit betrachten und betrachtet wissen. Dazu gehört auch, die Ergebnisse mit anderen zu teilen. Wissenschaft ist eben nicht nur Forschen für sich in seinem Kämmerlein, sondern auch seine gewonnenen Erkenntnisse unter die interessierte Menschheit zu bringen.

Was liegt da, näher als zu versuchen, den vorherigen Beitrag auf einer radioaffinen Webseite  veröffentlichen zu lassen. Gesagt getan. Über die auf der entsprechenden Webseite hinterlegten E-Mailadresse Kontakt nahm ich Kontakt auf, innerhalb weniger Stunden kam die Antwort, dass generell Interesse besteht. Allerdings möchte man erstens erst den Beitrag lesen und zweitens könne man keine Entlohnung leisten. Für beides habe ich vollstes Verständnis, mit Bezahlung rechnete ich sowieso nicht. Schließlich ging es mir nur darum, dass erworbene Wissen zu teilen. Und dann, dann kommt der erstaunliche Teil! Nicht nur die Radiosender kommunizieren nicht, sondern auch die Webseiten über den Rundfunk nicht mit ihren Nutzern. Nach dem Versenden des Beitrags erfolgte keine Reaktion mehr. Innerhalb von vier (4!!!) Wochen kam auf keine einzige E-Mail, es waren vier, nur eine Reaktion. Nicht mal auf die Frage, ob noch eine Reaktion käme. Ich kann damit leben, wenn jemand sagt: Simon! Der Text entspricht nicht unseren Vorstellungen und deswegen möchten wir von einer Veröffentlichung möchten wir absehen. Aber es nicht zu schaffen, überhaupt zu reagieren, das halte ich für äußerst schwach. Zumal eine E-Mail fix verfasst und versendet ist. Vier E-Mails zu lesen und nicht zu reagieren, nimmt mehr Zeit in Anspruch, als gleich nach der ersten Nachfrage zu antworten.

Mir stellt sich die Frage: Wieso sollten sich Webseiten über den Rundfunk vom Rundfunk hinsichtlich ihres Kommunikationsverhaltens auch unterscheiden!

Kommunikation zwischen Rundfunk und Hörern: Die Potentiale des Internets – ein Abstract

Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen. Der Rundfunk müßte demnach aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren. (Brecht, Bertolt: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. Rede über die Funktion des Rundfunks (E 1932). In: Hecht, Werner/Knopf, Jan/Mittenzwei, Werner/Müller, Klaus-Detlef (Hg): Bertolt Brecht. Werke, Schriften 1, Band 21, Frankfurt a.M. 1992 , S. 553)

Im vergangenen Oktober feierte der terrestrische Rundfunk seinen 90. Geburtstag. Fast genauso alt sind die Diskussionen über Inhalte, Formen und die Beteiligung bzw. Aktivierung des Hörers von Seiten Intellektueller wie Bertolt Brecht, Walter Benjaminoder Rudolf Arnheim. Brecht ging es in seiner Kritik am Rundfunk vor allem darum, eine Veränderung der Inhalte und eine Aktivierung des Hörers zu fordern. Die Gründe für Brecht und alle weiteren Kritiker lagen auf der Hand. Die Regionalgesellschaften, die die Rundfunkprogramme herstellten und verbreiteten, unterstanden der Kontrolle der Weimarer Republik. Die noch junge Demokratie sorgte sich um ihr Fortbestehen und fürchtete zersetzerische Elemente im Rundfunk.  Der Rundfunk fungierte als Kulturträger, gleichzeitig schloss dieses Verständnis alles Politische, Soziale und  Gesellschaftliche als Themenfelder  aus. Im Vordergrund stand die Sicherheit des Staates vor der Publizistik. Der Hörer sollte im Interesse des Staates gebildet werden und zwar nach den Modellen des bürgerlichen Bildungsbetriebes. Zu den am häufigsten zitierten Passagen gehört das einleitende Zitat Bertolt Brechts aus einer Rede, die er im Jahr 1930 im Rahmen einer Theatertagung in Frankfurt am Main hielt. Dort ging es um mögliche Synergien zwischen dem Theater und dem Rundfunk. Analog zu seinen Vorstellungen zur Form des epischen Theaters wollte Brecht einen Rundfunk haben, der den Hörer eben nicht nur passiv unterhält, sondern aufklärt, bildet und aus seiner Passivität befreit.

Trotz der Anregungen Brechts wandelte sich der Rundfunk nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft und der Verwendung des Rundfunks als Propagandainstrument kaum. Nach 1945 übernahmen die Siegermächte des 2. Weltkrieges die Kontrolle über die Umgestaltung der Rundfunklandschaft.  Auf der einen Seite wandelten sich die Angebote der Rundfunksender beginnend mit dem Zeitraum nach 1945 in der Art, dass politische, soziale und gesellschaftliche Themen mittlerweile selbstverständlicher Teil der Programminhalte sind. Auf der anderen Seite fungiert der Rundfunk weiterhin und immer noch als Unterhaltungsfunk. Das liegt auch darin begründet, dass der Rundfunk seit den 1960er Jahren in Konkurrenz zum Fernsehen trat und sich deswegen neue Wege und Formen der Höreransprache anzueignen hatte, um nicht die Gunst der Zuhörer zu verlieren. So entwickelte sich das Radio verstärkt in die Richtung eines Tagesbegleitmediums mit Magazinsendungen, lokalen Informationen und Serviceangeboten wie Wetternachrichten und Staumeldungen. Die Forderungen Brechts wurden in den 1970er Jahren bei Hans Magnus Enzensberger, dem „Neuen Hörspiel“ und den Freien Radios wieder aufgegriffen, aber wirklich in die Realität umgesetzt wurden sie nie.

Mit der stetig weiter fortschreitenden technischen Entwicklung des Internets bieten sich neue Mittel und Wege für Brechts Ansichten und Forderungen.  Zusätzlich zu den bestehenden Kontaktmöglichkeiten wie Telefon und E-Mail, bieten die sozialen Netzwerke, Blogs und  Anwendungen für Smartphones und Tablet-PCs die Möglichkeit mit den Rundfunksendern in Kommunikation zu treten. Gleichzeitig war es noch nie so einfach einen eigenen Rundfunksender im Internet zu gründen, insbesondere weil keine teuere UKW-Sendelizenz nötig ist. Vorausgesetzt wird natürlich, dass man über die technischen Kenntnisse, das Equipment, Räumlichkeiten und auch das nötige „Kleingeld“ verfügt. Die Vielzahl der Online-Only-Sender (laut Goldmedia Webradiomonitor 2013: 2.851) verdeutlicht, dass die Möglichkeit zu senden von vielen Personen/Unternehmen genutzt wird. Gleichwohl strahlen viele dieser Sender ein Programm aus, welches weniger journalistische Inhalte präsentiert, sondern sich über die Musikfarbe definiert.

Gleichwohl existieren im Internet auch solche Sender, die sich zur Aufgabe gemacht haben, einen anspruchsvollen, unabhängigen und hintergründigen Journalismus zu produzieren, der sich an den Hörerinteressen ausrichtet und vom terrestrischen Rundfunk unterscheiden möchte.

Wir reden die ganze Zeit von Senden und Antennen und haben aber keine Antennen für unsere Hörer. […] Der Großteil der Radiomacher sitzt in einem Funkhaus und hat keinen Kontakt zu den Leuten da draußen und glaubt natürlich er kennt seine Hörer. Kennt er aber nicht. (Richter, Marcus/Engert, Marcus: Die Wahrheit #016 – detektor.fm, Marcus Richter/Engert im Gespräch mit Marcus Engert. Online unter: http://monoxyd.de/20121214-die-wahrheit-016-detektor-fm (aufgerufen am 19.01.2014))

So äußerte sich Marcus Engert in einem Interview im Jahr 2012 zur Hörerbeteiligung über die CrowdRadio-App der Erfurter Marketingagentur frischr. Die Analyse ausgewählter Programminhalte und der Kommunikation zwischen Sendern und Empfängern auf den Senderwebseiten, den sozialen Netzwerken facebook und Twitter von detektor.fm und des Sender PULS, der „jungen“ Submarke des Bayerischen Rundfunks, zeigt Ernüchterndes. Obwohl man beiden Sendern nicht absprechen kann, dass der Versuch unternommen wird, den Hörer einzubinden, findet viel zu selten ein Austausch über relevante Inhalte statt.

Am ehesten kann bei der detektor.fm-Sendung vox:publica davon gesprochen werden, die immerhin im Jahr 2012 den Deutschen Radiopreis in der Kategorie „Beste Innovation“ gewann. Dort haben die Zuhörer die Möglichkeit, eigene Beiträge in Textform, als Audio- oder Videodatei sowie Bilder einzusenden. Diese Hörerbeiträge beziehen sich auf ein Thema, welches vorab von den Zuhörern bestimmt wurde. Diese Beiträge setzt die Redaktion mit Expertenmeinungen in Verbindung und erzeugt so eine einstündige Sendung. Auf diese Weise entsteht eine Sendung, die unterschiedliche Positionen gegenüberstellt und eine grobe Übersicht liefert. Allerdings fehlt es dem Format daran, dass eine tatsächliche Diskussion aufkommt. Dies ist dem Fakt geschuldet, dass es sich um eine Aufzeichnung und nicht um eine Live-Sendung handelt.

Schaut man sich jedoch die Kommunikation zwischen PULS und den Hörern an, ist die Kritik an detektor.fm zu relativieren. Kommunikation bedeutet in dem Fall nämlich, dass der Hörer via APP an Gewinnspielen teilnehmen kann oder Sendungen bewerten „darf“. Darüber hinaus werden die Hörer zu vollkommen belanglosen Themen befragt. Als Beispiel sei die Frage „Welchen Modetrend macht Ihr diesen Herbst nicht mit?“ genannt, welche PULS einen Tag nach der Bundestagswahl stellte.

Die Verfügung über gewisse Medien von der Kleinbildkamera bis zum Sender sorgt längst nicht dafür, dass auch jeder in der Lage wäre, sich der jeweiligen Medien auf einem erträglichen Niveau zu bedienen. (Leschke, Rainer: Einführung in die Medientheorie, München 2003, S. 197)

Diese Aussage Rainer Leschkes bezog sich auf Aussagen von Hans Magnus Enzensberger aus dem Jahr 1970 und ist genauso auf die Inhalte der Kommunikation bei PULS zu übertragen. Das alleinige Vorhandensein der technischen Mittel sorgt nicht dafür, dass die Inhalte besser werden.

Das Programm, das der isolierte Amateur herstellt, ist immer nur die schlechte und überholte Kopie dessen, was er ohnehin empfängt. (Enzensberger, Hans Magnus: Baukasten zu einer Theorie der Medien (EA1970). In: Pias, Claus/Vogl, Joseph/Engell, Lorenz/Fahle, Oliver/Neitzel, Britta (Hrsg.): Kursbuch Medienkultur, Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard, Stuttgart 2002)

Die Auseinandersetzung mit dem  abgesetzten Format Talkroulette und der aktuellen Sendung Facetalk des Berliner Senders KISS FM führt vor Augen, dass eine Senkung des Niveaus noch möglich ist. Sowohl die auf privaten Erfahrungen beruhenden Sendungen als auch die unpassenden Beiträge der Moderatoren sorgen dafür, dass kritische Themen innerhalb des Formats Facetalk in den Hintergrund rücken, insofern solche Themen überhaupt behandelt werden. Weder die Senderinhalte noch die Hörerbeiträge sind darauf ausgelegt, eine gesellschaftliche, wirtschaftliche oder politische Veränderung zu bewirken, geschweige denn den Hörer in irgendeiner Form zu bilden. Im Vordergrund steht die bloße Unterhaltung mit profansten und überwiegend peinlichen Themen und Inhalten.

Insgesamt kann festgehalten werden, dass das Internet zwar zahlreiche Potentiale zur Schaffung eines Kommunikationsapparates bereithält, allerdings werden diese nur in unzureichendem Umfang angewendet. Andererseits muss die Entwicklung weiter beobachtet werden, da die Analyse von drei Sendern keine ausreichende Aussagekraft für die Gesamtheit der (Internet-)Radiosender hat. Außerdem gilt es zu hinterfragen, inwiefern die Hörer ein Interesse daran haben, sich zu beteiligen. Denn die Analyse ergab auch, dass die Hörer oftmals nur in geringer Anzahl auf die Angebote der Sender eingehen.

Anmerkung des Autors: Dieser Text stellt eine sehr grobe Zusammenfassung der Magisterarbeit mit dem Thema „Bertolt Brechts Radiotheorie – Potentiale im Internet“ dar, die Ende Januar 2014 an der Universität Duisburg-Essen im Fachbereich Germanistik, Literaturwissenschaft eingereicht wurde.