Dennis Lehane „Der Abgrund in dir“ – Ein Zwitterroman

Mit „Der Abgrund in Dir“ begibt sich Erfolgsautor Dennis Lehane auf neuePfade: Mit der Journalistin Rachel Childs als Protagonist schreibt er seinenersten Roman aus der Sicht einer Frau. Ein Roman voller Irrungen und Wirrungen,zahlreichen Wendungen und sich zwischen verschiedenen Genres bewegt.

Zwischen Vatersuche, Angstpsychose und Vertrauensmissbrauch

Rachel Childs wächst wohlbehütet bei ihrer alleinerziehenden, neurotischen Mutter, die dank ihrer Ratgeber zu Geld und etwas Bekanntheit kam, in Boston auf.  Obwohl Rachel unbedingt wissen möchte, wer ihr Vater ist, macht ihre Mutter daraus ein Geheimnis. Allerdings verspricht sie ihrer Tochter dieses Geheimnis zu lüften. Doch bevor es dazu kommt, stirbt die Mutter bei einem Unfall, so dass sich Rachel allein auf die Suche nach ihrem Vater macht. Aus lauter Verzweiflung wendet sie sich an den Privatdetektiv Brian Delacroix, der ihr aber  nicht helfen kann  – und es auch nicht möchte, weil er keine Hoffnung auf Erfolg sieht. Als Rachel dann doch noch ihren Vater ausfindig macht, scheint dieses Rätsel gelöst.

Schnell entwickelt sich eine enge Bindung zwischen Tochter und Vater, obwohl dieser längst eine eigene Familie hat. Und auch sonst könnte sich Rachel nicht beklagen: Sie ist attraktiv, finanziell unabhängig, verheiratet und als Fernsehjournalistin durchaus erfolgreich. Doch dann kommt es zum Bruch. Während der Berichterstattung nach dem Erdbeben auf Haiti 2010 kann sie eine junge Frau auf Haiti nicht vor einer Vergewaltigung durch eine marodierende Männergruppe bewahren und erleidet vor der Fernsehkamera einen Nervenzusammenbruch. Dieser kostet sie alles: den Job, die Ehe und sorgt noch dafür für eine Angstpsychose und die fast vollständige Abkehr von der Außenwelt.

Doch allem Anschein nach will es das Schicksal gut mit Rachel Childs. Denn sie trifft Brian Delacroix wieder, der längst seinen Job als Detektiv an den Nagel hängte und das familiäre Holzunternehmen mitführt. Brian entwickelt sich für Rachel zum absoluten Rückhalt und führt sie mit vollster Hingabe zurück ins Leben. Und dann kommt es zum absoluten Gau – Während Brian eigentlich tausende Kilometer weit entfernt bei einem Geschäftstermin in London sein soll, sieht ich Rachel in Boston. Alles was ihr eben noch Mut, Lebensfreude und Kraft gegeben hat, zerbricht und wandelt sich zu einem absoluten Chaos und Albtraum. Wo hört die Wahrheit auf und wo beginnt die Lüge?

Vom Unbekannten zur großen Liebe zum großen Unbekannten

Für mich ist „Der Abgrund in dir“ der erste Roman, den ich von Dennis Lehane gelesen habe. Natürlich war mir der Name längst ein Begriff, doch bisher hatte ich nur „Inception“ als Film gesehen – der mir zugebenerweise bestens gefiel. Nach all den Vorschusslorbeeren auf seine älteren Romane und den Klappentext dieses Romans war meine Erwartungshaltung doch sehr hoch. Vielleicht zu hoch, doch der Reihe nach.

Wie im Teaser bereits geschrieben, bewegt sich „Der Abgrund in dir“ zwischen den Genres. Es fängt an bei einem Familienroman und Rachels Suche nach ihrem Vater, geht über in ein Drama (wenngleich ja kein Genre im eigentlichen Sinne), wandelt sich zu einer Liebesgeschichte, um dann abrupt in eine Mischung aus Kriminalroman und Actionthriller zu kippen.

In allen Teilen stets im Fokus: Rachel Childs, deren Charakter Lehane mühe- und beschreibungsreich aufbaut. Eine behütete und zugleich ihren Vater suchende Frau, selbstbewusst und zweifelnd. Diese Suche nach Vater und die Auseinandersetzungen mit der Mutter im ersten Romanteil ließen mich fast kapitulieren. Was hat das mit dem Klappentext und allen vollmundigen Ankündigungen zu tun? Dieser ganze Part ist tatsächlich beeindruckend geschrieben, hat aber durchaus seine Längen. Vielleicht weil er einfach nicht meiner Erwartungshaltung entsprach.

Richtig Fahrt nimmt der Roman dann erst ab dem zweiten Part auf als Rachel ihren Absturz erlebt und in Brian Delacroix ihr Glück findet oder zu finden scheint. Denn dieses Glück wirkt von Anfang einfach zu perfekt – zumal der Bruch im bereits so viel angesprochenen Klappentext angedeutet, nein sogar angekündigt wird. Nichts ist so perfekt, wie es für Rachel wirkt.

Schnell wird aus dem geliebten, sich aufopfernden Ehemann und der glücklichen Ehe ein Albtraum. Die alles entscheidende Frage „Wer ist Brian Delacorix wirklich und was treibt ihn an?“ bestimmt den gesamten restlichen Roman. Die Handlung nimmt an Tempo und Fahrt auf, all‘ das, was ich mir versprochen hatte.

Gleichzeitig nahm die Story jedoch absurde Wendungen an, vieles wirkte einfach eine Spur zu viel und unglaubwürdig. Es fehlte mir an Logik und vor allem an Erklärungen. Dass mir der Zusammenhang zwischen Vatersuche, Zusammenbruch und dem Rätsel um Wahrheit und Lüge fehlt, kommt noch dazu.

Am Ende wollte ich zwar wissen, wie Lehane die Story und alle Fäden wieder verknüpft, doch richtig zufrieden war ich nicht. Obwohl es kurzweilig war und mich Lehanes Schreibstil durchaus imponiert.


Buchvover zu Dennis Lehanes Roman "Der Abrgund in dir"Dennis Lehane
Der Abgrund in dir

Cover von Dennis Lehanes „Der Abgrund in dir“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

 528 Seiten
erschienen am 01.September 2018

ISBN: 978-3-257-07039-2

€ (D) 25.00 / sFr 34.00* / € (A) 25.70
* unverb. Preisempfehlung

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!