Daniel Kehlmanns „Tyll“ – Ein Schalk im 30-jährigen Krieg

Till Eulenspiegel war Protagonist einer mittelniederdeutschen Schwanksammlung, die um 1510 ohne Nennung des Verfassers veröffentlicht wurde. Angeblich lebte Eulenspiegel als umherstreifender Schalk im 14. Jahrhundert. Daniel Kehlmanns Roman „Tyll“ verlegt die Handlung allerdings an den Anfang des 17. Jahrhunderts und begleitet den Leser durch die Irrungen und Wirrungen des Dreißigjährigen Krieges.

In der ersten der acht Episoden des Buches lernen wir Tyll Ulenspiegels ganze Kunst kennen: von Gesang über Schauspiel bis hin zum Seiltanz. Hoch oben auf dem Seil präsentiert er den gebannt zuschauenden Dorfbewohnern auch seine List und Heimtücke. Er fordert die Zuschauer auf, ihren linken Schuh in die Höhe zu werfen, worauf am Ende eine Prügelei um das Wiederfinden des richtigen Schuhs entsteht und sich Tyll mit seiner Begleiterin Nele auf und davon macht. Kurz darauf wird das Dorf aufgrund des Dreißigjährigen Krieges dem Erdboden gleichgemacht.

Das Kapitel „Der Herr der Lüfte“ erzählt von Tylls Kindheit als Sohn eines Müllers, der verstehen will, wieso der Mond immer an einer anderen Stelle am Himmel steht und die Dorfbewohner mit Magie und Kräuterwissen heilt. Als sein Vater von den beiden Jesuiten Kircher und Tesimond wegen Hexerei angeklagt und anschließend gehängt wird und weil Tyll nicht als Tagelöhner enden will, haut er mit der Bäckerstochter Nele ab, um sich dem fahrenden Handwerk anzuschließen. Auch in den Episoden „Hunger“ und „Im Schacht“ steht Tyll Ulenspiegels Leben im Vordergrund des Geschehens. In den anderen vier Episoden taucht er zwar immer auf, doch dient er eher als roter Faden, der sich durch die Erzählungen über den Dreißigjährigen Krieg und die zu dieser Zeit lebenden, bedeutenden Persönlichkeiten zieht.

Tyll erlebt mit Martin von Wolkenstein die letzte Feldschlacht des Dreißigjährigen Krieges in Zusmarshausen, er ist Hofnarr bei Elisabeth Stuart & Friedrich V., dem Auslöser des Dreißigjährigen Krieges, und arbeitet auch als Hofnarr des Kaisers. Die Episoden springen in der Zeit und Tyll trifft die Persönlichkeiten zu verschiedenen Zeiten und unter anderen Umständen wieder. So entsteht ein Geflecht aus Zeit und Beziehungen, in denen Tyll die Konstante ist.

Die Mischung aus wahren historischen Begebenheiten und Phantasie machen das Buch abwechslungsreich. Die schöne, aber sehr schmucklose und dadurch einfach zu lesende Sprache tut ihr übriges dazu. Jede der Episoden ist für sich abgeschlossen. Es handelt sich also nicht um eine Geschichte, die vorne beginnt und hinten endet, weshalb es auch kein Problem ist, zwischen den Epsioden längere Lesepausen zu machen. Was das Buch besonders macht ist, dass zwischen all dem Verderben und Tod, die der Krieg mit sich bringt, Tyll das pure Leben verkörpert. Er will nicht sterben, denn: „Weißt du was besser ist, noch besser als friedlich sterben? Nicht sterben. Das ist viel besser!“ So bewegt sich Tyll beständig zwischen Leben und Tod, ohne eben die Grenze ins Jenseits zu überschreiten.

Für mich ist „Tyll“ Daniel Kehlmanns vielleicht stärkstes Werk – zu lange ist meine Lektüre von „Vermessung der Welt“ her, um es endgültig so sagen zu können. Ein wenig erinnern mich die Gräueltaten, die Tyll durchleben muss an die Gegenwart: Aller Orten tragen sich Gräueltaten zu, denen die Menschen zu entfliehen versuchen. Eben, weil wir nur dieses eine Leben haben und der Mensch am Leben hängt. Ein tolles Stück Fabulierkunst, was Fiktion und historische Begebenheiten wundersam verbindet.


Buchcover zu Daniel Kehlmanns Roman "Tyll"

Daniel Kehlmann „Tyll“ | Copyright: Rowohl Verlag

Daniel Kehlmann

Tyll

Rowohlt Verlag, Reinbek 2017
erschienen am 11. Oktober

ISBN 978-3-498-03567-9

480 Seiten
22,95 €, als E-Book 19,99 €

Das Rezensionsexemplar wurde mir von Rowohlt Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

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Theresa Baumgärtner „Backen in der Winterzeit“ – Außergewöhnlichere Rezepte in liebevoller Gestaltung

Weihnachtliche Rezepte zwischen Land, Küste, Bergen und Städten

Herbst und Winter sowie vor allem gerade Weihnachten ist für mich die Zeit für Plätzchen, warme Getränke und (klassische) Ofengerichte. Mit „Backen in der Winterzeit“ hat Kochbuchautorin, Kolumnistin und Foodbloggerin Theresa Baumgärtner im Brandstätter Verlag ein liebevoll gestaltetes Backbuch veröffentlicht. Für alle die Lust auf außergewöhnlichere, aber trotzdem einfache Rezepte mit natürlichen Zutaten haben, ist dieses Buch ein Muss.

Mit Beginn des Herbstes, häufigerem Regen, der einsetzenden Kälte und dem früheren Sonnenuntergang wird die Küche mit dem wärmenden (Back-)Ofen schnell zum gemütlichen Mittelpunkt der Wohnung. Gerüche von Gebackenem, Gewürzen wie Zimt, Vanille oder Schokolode, den Aromen der Zitrusfrüchten, Kastanien oder Wintergemüse wie Kürbis, roter Beete oder Rosenkohl erzeugen in mir ein Gefühl von Wohlsein und Geborgenheit – auch weil es an die Küche meiner Mutter und Gruoßmütter erinnert.

In „Backen in der Winterzeit“ hat Theresa Baumgärtner ein wunderbares Koch- und Backbuch zusammengestellt, das der „dunklen“ Jahreszeit mit köstlichen Rezepten entgegenwirkt. Außergewöhnlich ist an dieser Sammlung vieles: Beginnend bei der Sortierung „Spätherbst Land Deutschland“, „November Küste Normandie“, „Dezember Berge Tirol“, „janur | Februar Stadt, Stockholm“. Wenn auch die Sortierung nach „Monaten“ keine Besonderheit darstellt, ist es die nach Städten/Gegenden bzw Landstrichen durchaus. So entsteht eine Systematik, die zu überraschen weiß, weil so Rezepte zum Vorschein kommen, die eher außergewöhnlich sind. Als Beispiel seien die Rote-Beete-Torte aus dem (deutschen) Land-Kapitel, ein pikanter Cake mit Pflaumen und Walnüssen aus dem (französischen) Küsten-Kapitel, die Neujahrsbrezeln aus dem (Tiroler) Berge-Kapitel oder die Cinnamon Cardamom Buns aus dem (Stockholmer) Stadt-Kapitel.

Hochwertige Lebensmittel für eine hochwertige Küche

Neben der Vielfalt bei den Rezepten legt Theresa Baumgärtner großen Wert auf die Zutaten, wie sie selber schreibt: „Mit wertvollen, natürlichen Zutaten für die
Familie und Freunde zu backen, ist für mich ein besonderer Ausdruck von Liebe! Die Wahl der besten Produktqualität sorgt für den feinsten Geschmack der Rezepte.“ Und Recht hat sie: Nur mit hochwertigen Zutaten können hochwertige Gerichte entstehen. Dinkelmehl statt Weizen: hochwertigem Eiweiß, Ballaststoffen, ungesättigten Fettsäuren, Vitaminen und wichtigen Mineralstoffen wie Magnesium, Zink und Eisen. Dieses lässt sich noch dazu gut verbacken. Aber auch Hanfmehl oder Polenta finden Verwendung, eher selten, aber mittlerweile gut zu bekommen. Gesüßt wird dezent und dann mit Rohrohrzucker statt weißem, raffinierten Zucker, Kokosblütenzucker, Ahornsirup, Apfelmus, Medjool-Datteln – häufig nutzt sie also die natürlichen Süße von Lebensmitteln. Dennoch sind die Rezepte einfach gehalten und selbst für Anfänger leicht nachzubacken. Herrlich herbst- bzw. winterlich ist auch die Verwendung von Nüssen, Mandeln, Kerne und Samen. All das erläutert sie bereits in der Einleitung, ohne dabei belehrend zu sein.

Die hochwertige Gestaltung des Buches beginnt schon außen: beim roten Leineneinwand. Dabei bleibt es nicht, sondern wird konsequent forgeführt. Die Landschauftsaufnahmen sind stimmungsvoll und die zubereiteten Gerichte sehr schön angerichtet und fotografiert, so dass der Appetit angeregt wird. Hier gilt es, der Fotografin Marina Jerkovic ein großes Kompliment auszusprechen. Sehr ansprechend sind auch die kleinen Illustrationen, die zu jedem der vier Kapitel gehören: Eicheln, Möwen, Berge und eine Teetasse. Sehr praktisch sind die Hinweise für Allergiker, Unverträglichkeiten oder  Lebensweisen wie glutenfrei, laktosefrei, zuckerfrei, vegetarische oder vegane Ernährung sowie die Zuordnung zu Kategorien wie süßen oder salzigen Gerichten. Neben den Rezepten lockern kleinere Anmerkungen und Geschichten  zu Natur, Familie oder Freundschaft die einzelnen Kapitel auf.

Kulinarische Winterreise

Für mich ist „Backen in der Winterzeit“ das Highlight der Backbücher des Jahres 2017. Und das aus vielerlei Gründen: Es sind die eher unbekannten, aber nicht abgehobenen Rezepte, die Verwendung von hochwertigen Lebensmitteln und die liebevolle Gestaltung. Bereits beim Durchblättern entstand bei mir ein wohliges und gutes Gefühl, so wie es bei Essen und erst recht bei Süßspeisen oder Backwaren in der Weihnachtszeit sein sollte. Alle Rezepte und zubereiteten Gerichte wärmen Herz, Magen und Seele – Soul-Food pur! Daher kann ich nur eine Empfehlung geben: Ab zum Buchhändler des Vertrauens, das Buch bestellen und noch schnell vor Weihnachten loslegen. Denn vieles bietet sich sogar prima als Mitbringsel an.


Theresa Baumgärtner “Backen in der Winterzeit“ | Copyright: Brandstätter Verlag

Theresa Baumgärtner | Fotografie: Marina Jerkovic

Backen in der Winterzeit

ISBN 978-3-7106-0098-2
240 Seiten und 200 Abbildungen

Preis: € 29,90

Das Rezensionsexemplar wurde mir von Brandstätter Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Yrsa Sigurdardóttirs „Sog“ – Nichts für schwache Nerven

Nachdem Kommissar Huldar in „DNA“ als leitender Ermittler gescheitert ist, rückt er wieder zurück ins zweite Glied. Ausgerechnet jetzt, wo wieder ein spektakulärer Fall zu klären ist. Islands-Krimi-Exportschlager Yrsa Sigurdardóttir legt mit „Sog“ den zweiten Band um Kommissar Huldar und die Kinderpsychologin Freyja nach. Es wird spannend, dunkel und fordernd.

Eine Vergewaltigung, grausame Morde, viele Verdächtige

Kommissar Huldar bekommt es mit einem seltsamen „Fall“ zu tun: Auf seinem Schreibtisch landet ein Zeitkapsel, die zwölf Jahre zuvor von einer Schulklasse vergraben wurde. In dieser sind Zettel mit Zukuntsprognosen für das Jahr 2016. Einer dieser Aufsätze kündigt mehrere Morde an, jeweils versehen mit den Initialien der Opfer. Zeitgleich werden in einem Whirlpool ein Paar abgetrennte Hände gefunden, die jedoch keiner Person zugeordnet werden können.

Da der Aufsatz recht schnell einem Jungen zugeordnet werden kann, dessen Vater wegen Mordes und Vergewaltigung einer Schülerin verurteilt wurde, zieht Huldar die Kinderpsychologin Freyja zu Rate. Und das obwohl das Verhältnis der beiden aufgrund der Vorkommnisse der letzten Ermittlungen immer noch mehr als angespannt und kompliziert ist. Denn auch Freyja ist in ihren Aufgaben zurüchgesetzt worden. Nicht einfacher werden die Ermittlungen dadurch, dass Huldar immer noch versucht, Freyjas Herz zu gewinnen. Als nach nach dem Fund der abgetrennten Hände ein weiterer brutaler Mord geschieht und die Initialien zum Aufsatz aus dem Jahr 2004 passen, wird klar, dass der Aufsatz ernst zu nehmen ist.

Starker Plot, interessante Charaktere

Mit „Sog“ legt Yrsa Sigurdardóttir einen starken und komplexen zweiten Band um Kommissar Huldar und die Kinderpsychologin Freyja nach. Der Plot ist komplex gestrickt und äußerst spannend: Viele verschiedene Spuren lassen zu keiner Zeit den Täter oder die Täterin klar werden. Natürlich stellt man Vermutungen an, aber die verschiedenen Spuren verlaufen ins Leere oder ergeben irgendwann keinen Sinn mehr. So tappt man bis zur Auflösung am Ende mehr oder weniger im Dunklen.

Die bereits in „DNA“ komplex angelegten Hauptdarsteller faszninieren aufs Neue, da sich Huldar und Freyja einerseits „spinnefeind“ sind und sich andererseits gegenseitig anziehen. Beide Charaktere sind dabei auf ihre Art sympathisch, zumal man die Innenwelt bzw. Gefühle des jeweils anderen nur zu gut nachvollziehen kann. Insofern wird es für die kommenden Bände spannend wie sich das Verhältnis entwickelt.

Die düsteren Stimmung, die Thematik um missbrauchte Kinder und die brutalen Morde gestaltet die Autorin detailreich aus. Aber eher der Art, dass man sich mit den Ursachen und Hintergründen für die Taten beschäftigt. All das mit einer unaufgeregt Sprache, leicht lesbar und doch alles andere als seicht. Geschickt sind einige Wendungen eingebaut, so dass die Suche nach den Schuldigen öfter bei Null beginnt.

 

Insofern ist der Thriller-Titel „Sog“ durchaus Programm, denn in eben diesen wird man beim Lesen gezogen. Eine absolute Krimiempfehlung für die ruhige Zeit zwischen den Jahren, verbunden mit der Vorfreude auf weitere Fälle.


Yrsa Sigurdardóttir “Sog“ | Copyright: btb/Randomhouse Verlagsgruppe

Yrsa Sigurdardóttir

DNA

€ 20,00 [D] inkl. MwSt.
€ 20,60 [A] | CHF 26,90*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 18.09.2017

Taschenbuch, Klappenbroschur ISBN: 978-3-442-75664-3

 Das Rezensionsexemplar wurde mir von btb freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!