Yrsa Sigurdardóttirs „DNA“ – Mörderisches Island

Fall eins für Kommissar Huldar und Psychologin Freyja

Eine Mutter wird in Gegenwart ihrer Tochter auf brutale Art und Weise ermordet. Als leitender Ermittler wird Kommissar Huldar eingesetzt und muss sich beweisen, stand er doch bislang eher in der zweiten Reihe. An seiner Seite die Psychologin Freyja – ausgerechnet mit ihr hat Huldar eine Nacht verbracht, unter falschem Namen. So wird die Ermittlung noch komplizierter als sie es eh bereits ist. Spannend und fesselnd von Anfang bis zum Ende!

Brutale Morde – ungewohnte Tatwaffen

Als am frühen Morgen zwei Jungen in Schlafanzügen auf der Straße  entdeckt werden, ahnen die Nachbarn noch nichts Böses. Doch die herbeigerufene Polizei muss schnell feststellen, dass die Jungen sich nicht bloß ausgesperrt haben und die Eltern noch schlafen, sondern die junge Mutter ermordet im Bett liegt.  Gefesselt, ihr Gesicht mit Klebeband umwickelt und im Rachen das Rohr des Staubsaugers – grausam und widerwärtig. Doch am aller Schlimmsten: Unter dem Bett liegt die siebenjährige Tochter Margrét, die als einzige Zeugin den grausamen Mord an ihrer Mutter miterleben musste.

Mit dem Fall betreut wird Kommissar Huldar, der bei den Ermittlungen nur deswegen den erfahrenen Kollegen vorgezogen wird, weil diese wegen einiger Skandale aus der Öffentlichkeit genommen werden sollen. Um die kleine Margrét überhaupt vernehmen zu können, wird die Psychologin Freyja hinzugezogen. Eigentlich eine gute Idee, wäre da nicht der Zwischenfall zwischen ihr und Huldar. Denn zwischen den beiden ist es kurz zuvor zu einem One-Night-Stand gekommen. Klingt gar nicht so dramatisch, wenn Huldar nicht einen falschen Namen, einen anderen Beruf genannt hätte und am Morgen ohne Abschied verschwunden wäre. Auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen Rikhardur und Kollegin Erla gestaltet sich als schwierig. Denn beide haben Probleme ihren ehemaligen Kollegen als Vorgesetzten zu akzeptieren, zumal Huldar auch mit Rikhardurs Frau eine Nacht verbrachte. So beginnen die Ermittlungen unter ungünstigen Voraussetzungen.

Doch das Team muss funktionieren, denn es bleibt nicht bei einem Mord: Astros, eine pensionierte Lehrerin, wird in Wohnung umgebracht. Ebenso brutal – diesmal nicht mit einem Staubsauger, sondern mit einem Lockenstab. Trotz aller Anstrengungen will sich bei den Ermittlungen kein Fortschritt einstellen. Alle Verdächtigen entpuppen sich als falsche Spur und die Sorge vor dem nächsten Mord wächst von Tag zu Tag.

Und dann ist da noch Student Karl: Nur zwei Freunde Halli und Börkur, ein bislang erfolgloses Chemie-Studium, ein Bruder in Amerika, die Mutter tot, dafür aber begeisterter Hobby-Funker. Ausgerechnet er empfängt im Keller einen isländischen Zahlensender, der stündlich kryptische Nachrichten sendet. Als er eine der Zahlenreihen als seine Personen-ID identifiziert, wird er neugierig und entdeckt, dass eine weitere der Reihen zur ermordeten Mutter Margréts gehört. Aus Neugier unternimmt er den Versuch, auch die Inhalte der anderen Sendungen zu entschlüsseln. Dass er sich und seine Freunde in Gefahr bringt, ahnt er da noch nicht.

Grausamer und brillanter Auftakt der Thriller-Reihe

Mit „DNA“ startet die isländische Bestsellerautorin Yrsa Sigurdardóttir die neue Reihe um Kommissar Huldar und die Psychologin Freyja. Aus dem Norden ist man harte Krimi- und Thriller-Kost gewohnt, das trifft auch auf „DNA“ zu. Diese Härte betrifft sowohl die Beschreibung körperlicher als auch psychischer Gewalt, ohne jedoch die Taten an sich en Detail zu beschreiben. Einerseits schildert sie die Morde wort- und vor allem bildgewaltig, andererseits lassen die Beschreibungen so viel Phantasie, um im Kopf eigene Bilder entstehen zu lassen.

Mit Huldar und Freyja hat die Autorin zwei Charaktere angelegt, die von Beginn an faszinieren. Huldar als erfahrener Kommissar, der aber in seiner Chefermittlerrolle Neuland betritt und fast schon überfordert ist. Privat aber noch mehr Schwierigkeiten hat, die ihm dann auch noch in seiner Funktion als Polizist und bei den Ermittlungen hinderlich sind. Denn ausgerechnet mit Freyja musste er sich in einem One-Night-Stand hingeben  und dann auch noch belügen. Kein Wunder also, dass die Stimmung zwischen den beiden miserabel ist. Natürlich steht der Fall der ermordeten Frauen im Vordergrund, gleichzeitig ist es spannend zu sehen, wie sich das Verhältnis zwischen Huldar und Freyja entwickelt. Gerade vor dem Hintergrund, dass es eben eine Thriller-Reihe mit diesen beiden Akteuren sein wird und mit „Sog“ bereits ein zweiter Fall veröffentlicht ist.

Lange Zeit, quasi bis kurz vor dem Ende, tappt man sowohl über Motiv als auch den Täter (oder die Täterin) im Dunkeln: Spuren werden gelegt und wieder verworfen. Zu keinem Zeitpunkt lässt sich ahnen, wer dahinter steckt. Auch der Prolog und das Wissen darum, dass dieser für die Taten eine Rolle spielen, helfen nicht weiter. Dafür wird man als Leser/in immer wieder in die Irre geleitet und zusätzliche Spannung aufgebaut. So dass am Ende die Verblüffung über die Hintergründe und die Auflösung groß ist. „DNA“ ist nichts für schwache Nerven und kann für Schlafmangel sorgen.


Yrsa Sigurdardóttir “ DNA“ | Copyright: btb/Randomhouse Verlagsgruppe

Yrsa Sigurdardóttir

DNA

€ 10,00 [D] inkl. MwSt.
€ 10,30 [A] | CHF 13,90*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 09.10.2017

Taschenbuch, Klappenbroschur ISBN: 978-3-442-71575-6

 Das Rezensionsexemplar wurde mir von btb freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

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Arne Dahls „Sechs mal zwei“ – Düster und ambitioniert

Eigentlich wollten Sam Berger und Molly Blom als Privatdetektive in eine neue Zukunft starten. Denn nach ihrem letzten Fall mussten die beiden Ermittler untertauchen. Zu groß war das Chaos, das sie angerichtet hatten. Und dann wurde auch noch eine ihrer Kolleginnen ermordet, die sie um geheime Nachforschungen gebeten hatten. Doch statt einer rosigen Zukunft, warten Schatten der Vergangenheit auf Sam und Molly. In „sechs mal zwei“ geht Arne Dahls Rechnung nur zum Teil auf.

Ermittlungen zwischen Eis und Schnee

Desiree Rosenqvist, ehemalige Kollegin von Sam Berger und von ihm nur Deer genannt, erhält einen ominösen Brief, der Details aus einem alten Mordfall erhält. Die Details betreffen auch Sam Berger und so entschließt sich Deer, ihn zu informieren und Nachforschungen anstellen zu lassen. Zusammen mit Molly Blom macht sich Berger unter falschem Namen auf in den eisigen Norden Schwedens, um die Verfasserin des Briefes zu treffen. Während ihres Besuches wird die Verfasserin des Briefes ermordet und Sam und Molly beginnen mit der Jagd nach dem Mörder. Dabei werden sie die gesamte Zeit nicht nur beobachtet, sondern auch verfolgt.

Kurios in der Ermittlung ist für das Duo die Tatsache, dass Details aus dem alten Fall nun auch wieder auftauchen. Dieses Insiderwissen kann also nur der Mörder und eine vertraute Person haben. Berger, selber noch nicht körperlich auf der Höhe nach seinem Zusammenbruch nach dem Mord an seiner Kollegin, zweifelt immer mehr an seinem Verstand und wittert eine Verschwörung. Dabei steht vor allem Molly Blom in Verdacht, an dem ganzen Komplott mitzuwirken.

Ambitioniert und Spannungs(über-)laden

Der zweite Fall des Ermittlerduos Berger und Blom ist vor allem von der bitterkalten Lanschaft Nordschwedens geprägt. Der tiefe Schnee lässt ihre Ermittlungen schwierig und bedrückend wirken. Die Landschaft, die Natur und das Wetter sind sinnstiftend und schaffen teils ein unheimliches Gefühl der Beklemmung. Als Leser weiß man mitunter nicht, wo man gerade ist. Auch in der Handlung, denn auf der einen Seite ist die Story um den Mord spannend, aber etwas wirr oder vielmehr verwirrend. Es sind zahlreiche Handlungsstränge, die immer wieder aufgenommen, aufgegriffen und zusammengeführt werden. Hilfreich wäre es in jedem Fall, den ersten Band noch einmal vorab zu lesen. Zu „Aha-Effekten“ kommt es zu Genüge, es sind so viele Wendungen als dass man ihnen stetig folgen kann.

Dahls Sprache ist pointiert und ungemein bildgewaltig – Fast schon filmreif. Die Personen äußerst komplex angelegt. Warm wird man mit niemandem, ambivalent und niemand wirkt sympathisch. Das Tempo des Thrillers will mitunter nicht anziehen. Da hat man das Gefühl, das es richtig losgeht, schon wird dieses Tempo wieder verschleppt. Zahlreiche falsche Fährten werden gelegt, verworfen, um so langsam zur Auflösung zu führen. Diese wiederum ist absolut gelungen und spannend über alle Maßen. Insofern ließe sich auch sagen, dass es Arne Dahl geschickt gemacht hat und diese wachsende Ungeduld während des Lesens dem geschuldet ist, dass man als Leser endlich die Auflösung erfahren will.


Cover zu Arne Dahls  "Sechs Mal Zwei"

Arne Dahls „Sechs Mal Zwei“ | Copyright: Copyright: Piper Verlag GmbH

Arne Dahl

Sechs Mal Zwei

€ 16,99 [D], € 17,50 [A]

Erschienen am 01.09.2017

400 Seiten, Klappenbroschur

Übersetzt von: Kerstin Schöps

ISBN: 978-3-492-05811-7

Petros Markaris‘ „Offshore“ – Vom Ende und Beginn einer Krise

Chostas Charitos zehnter Fall

Bereits zum zehnten Mal lässt der nun auch schon 82-jährige Autor Petros Markaris seinen Athener Kommissar Kostas Charitos ermitteln. Nach Abschluss der Krisen-Trilogie geht im neuen Fall mit Griechenland wieder aufwärts. Die Krise ist dank einer neuen, unverbrauchten Regierung gemeistert: Die Gehälter steigen, das Geld sprudelt nur so und der Alltag mit seinem Verkehrschaos hält wieder Einzug in Athen. Als ein Beamter ermordet wird und der Fall schnell aufgeklärt wird, fängt die Fassade an zu bröckeln.

Auferstanden aus den Schulden

Eine neue Partei übernimmt Griechenlands Regierungsgeschicke und schon fließen die Gelder in Strömen: Aus privatisiertem Staatseigentum werden die Beamtengehälter erhöht, die Menschen können wieder Kredite aufnehmen, Wohnungen kaufen und mit ihren neuen (Luxus-)Autos die Athener Straßen verstopfen. Von der Krise ist nichts mehr zu spüren. Auch Kostas Charitos bildet hier keine Ausnahme und holt sein ehemals abgemeldetes Auto aus der Garage statt weiterhin zu Fuß zu gehen oder den Dienstwagen zu nutzen – sehr zum Unwillen seiner Frau Adriani. Woher das Geld stammt? Das ist der Bevölkrung und auch dem Kommissar fürs Erste egal.

Erste Zweifel tauchen erst mit der Ermordung eines Beamten auf und verschwinden nicht, sondern werden sogar größer, als die Täter zügig und mehr oder weniger zufällig ergriffen werden. Als dann kurz darauf ein Reeder getötet wird und dessen Unternehmen seinen Firmensitz von Großbritannien nach Griechenland verlegt, kommt Charitos ins Grübeln. Nicht nur die Umstände bereiten ihm Kopfzerbrechen, auch das Verhalten des neuen Polizeivizepräsident. Denn dieser erklärt die Fälle viel zu zügig für beendet, doch der Kommissar ist nach wie vor ein Dickkopf und ermittelt weiter. Ungeahnte Unterstützung erhält Charitos von seinem Chef Gikas, dem die persönliche Übergehung bei der Besetzung des Vizepräsidenten-Postens wurmt. Je tiefer der Kommissar in die Ermittlungen einsteigt und dem plötzlichen Geldfluss recherchiert, desto seltsamere Dinge kommen ans Licht. Als dann ein dritter Mord geschieht, wird es für Charitos persönlich…

Ein Ende der Krise? Tragödie und Utopie

Alle bisherigen Bände der Charitos-Reihe von Petros Markaris, einem der bekanntesten und bedeutendsten griechischen Gegenwartsautoren, entwarfen ein pointiertes Bild Griechenlands. Anders als viele andere Krimis aus Urlaubsregionen beschreibt Petros Markaris zwar auch Land, Leute und Kultur, übt aber gleichzeitig Kritik an Gesellschaft und Politik. Auch in diesem zehnten Fall rund um Kommissar Chostas Charitos ist das der Fall.

Selbst wenn die Schlagzeilen um die Schuldenkrise Griechenlands nicht mehr täglich in den (deutschen) Medien stehen, ist der Staat noch weit von einer „Gesundung“ entfernt. Ganz anders als es in „Offshore“ dargestellt wird. Die Krise ist offiziell vorbei und das in kürzester Zeit. Frisches Geld ist da, Unternehmen (Reedereien) kehren nach Griechenland zurück, obwohl sie weit vor der Krise ihre Sitze ins Ausland verlagerten. All das weckt keine Zweifel, weder im Volk noch bei Charitos. Erst als zwei Morde geschehen und die Täter mitsamt fadenscheinigen Begründungen rasend schnell gefasst werden und die Ermittlungen eingestellt werden sollen, sucht Kostas Charitos nach den wahren Gründen. Dabei stößt er auf ausländische Geldgeber und Banken von den Kaimann-Inseln. Auch wenn dies von der griechischen Realität entfernt ist, sind die Ausführungen von Petros Markaris alles andere als unwahrscheinlich und durchaus im Rahmen des Möglichen. Anders als bei den bisherigen Fällen ist Markaris nicht nur Chronist für die Vergangenheit, sondern liefert Zukunftsentwürfe, die alles andere als positiv klingen. Vor dem Hintergrund der Paradise Papers, die bei Veröffentlichnung und erst recht beim Verfassen unbekannt waren, wirkt dieser Hintergrund der Offshore-Geschäfte, der Steueroasen und der legalen, aber moralisch-fragwürdigen Methoden, ist das Buch quasi aktueller denn zum Veröffentlichungszeitpunkt.

All das schildert Petros Markaris mit viel Liebe zum Detail und den altbekannten Charakteren aus den bisherigen neun Bänden: Chostas Frau Adriani, Tocher Adriani, die Assistenten sowie Altkommunist Sissund der Journalist Sotiropoulos nehmen entscheidende Rollen ein. Auch die Darstellung – oder fast sogar schon Rückbesinnung – auf „die“ griechische Lebensweise aus Zeiten vor Anbeginn der Krise ist nicht unbedeutend. Zeigen sie doch wie nebensächlich die Gründe für das Ende der Krise sind: Hauptsache es geht den Menschen gut, egal wie schmutzig das neue Kapital ist. So ist auch „Offshore“ ein wunderbarer Roman fast schon mehr Tragi-Komödie denn Krimi.


Petros Markaris „Offshore“ | Credit: Diogenes Verlag AG

Petros Markaris

Offshore

€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 23.08..2017
368 Seiten

ISBN: 978-3-257-07003-3

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!