Sophie Hénaff: Kommando Abstellgleis – Ein Fall für Kommissarin Capestan

Anne Capestan, Kommissarin, hat einen schweren Fehler begangen. Sie machte Gebrauch von ihrer Dienstwaffe, obwohl der Täter nur mit einem Kugelschreiber bewaffnet war. Deswegen findet sie sich jetzt in einer derangierten Pariser Wohnung wieder, die ihr neues Büro darstellen soll. Und sie ist nicht allein: 40 andere in Ungnade gefallene Polizisten – sei es aufgrund von dienstlichen Verfehlungen oder privaten Problemen – gehören zu einer neugegründeten Brigade, deren Chefin nun Anne Capestan ist.

Das Team der „Looser“ startet durch

Doch von den 40 ihr unterstellten Polizisten tauchen zu Anfang nur drei auf:  Unglücksbringer José Torrez, Commandant Lebreton von der Dienstaufsicht und Capitaine Eva Rosière, die als Schriftstellerin das große Geld gemacht hat. Um sich nicht soviel miteinander beschäftigen zu müssen, wühlen sich die Polizisten durch die Kartons voller alter Akten auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung. Schnell sind zwei unaufgeklärte Mordfälle entdeckt, die sich die Polizisten in Zweier-Teams vornehmen. Lebreton und Rosière untersuchen den Fall Yann Guénan, ein Brückenwachoffizier der 1993 erschossen aus der Seine gefischt wurde und Capestan ermittelt mit Torrez im Fall Marie Sauzelle, einer alten Dame, die einem Einbrecher zum Opfer fiel. Nach und nach trudeln noch fünf weitere Polizisten in der Brigade ein. Ein Alkoholiker, ein Pressefreund, eine Spielsüchtige, ein Autojunkie und ein ehemaliger Boxer komplettieren die bunte Mischung. Trotz all der Probleme, die die Polizisten mitbringen, sind bald erste Erfolge erkennbar und die Loser-Truppe kommt bei ihren Ermittlungen sogar der Führungsriege auf die Schliche.

Ein Krimi bunt wie das Leben

Sophie Hénaff hat mit „Kommando Abstellgleis“ einen gelungenen Krimi geschrieben, der durch die Vielzahl seiner Protagonisten begeistert. Trotz der charismatischen Kommissarin Capestan in der Hauptrolle bleiben auch die anderen Polizisten nicht nur Nebendarsteller. Kurze, eingefügte Kapitel in denen jeweils einer der Protagonisten alleine beleuchtet wird, bringen dem Leser alle Polizisten etwas näher. Und trotz all der Fehler, die die Polizisten haben oder begangen haben, sind sie alle auf ihre Art liebens- und damit lesenswert. Die bunte Mischung an Leuten und ihre Interaktion ist interessant zu beobachten und lädt zum einen oder anderen Schmunzeln ein.

Spannend ist auch die Klärung der Mordfälle, vor allem weil die Brigade von den Obrigkeiten keinerlei Unterstützung erhält und somit darauf angewiesen ist, auf unkonventionelle Mittel zurückzugreifen. Nicht nur die Tatsache, dass der Roman in Paris spielt, hebt ihn von den unzähligen französischen Krimis ab, die auf dem Büchermarkt mittlerweile zu finden sind. Auch die Wortwahl von Sophie Hénaff ist teilweise außergewöhnlich und zeigt ihre langjährige Erfahrung als Schreiberin verschiedenster Genres. Somit ist Kommando Abstellgleis ein rundum gelungenes Krimidebüt der Schriftstellerin und uneingeschränkt zu empfehlen.


Kommando Abstellgleis von Sophie Henaff | Copyright: Randomhouse

Sophie Hénaff

Kommando Abstellgleis – Ein Fall für Kommissarin Capestan

€ 14,99 [D] inkl. MwSt.
€ 15,50 [A] | CHF 20,50*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 20.03.2017
352 Seiten
ISBN: 978-3-570-58561-0

Das Rezensionsexemplar wurde mir von carl’s books/Randomhouse freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

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Sophie Bonnet „Provenzalisches Feuer“ – Auf den Spuren Okzitaniens

Der vierte Fall mit Kommissar Durand

Ein Krimi gemacht wie für den Sommer: „Provenzalisches Feuer“ aus dem Blanvalet Verlag spielt wie immer im südfranzösischen Sainte-Valérie. Autorin Sophie Bonnet lässt ihren Kommissar Durand dieses Mal einen pikanten Mordfall lösen. Die Ermittlungen im Fall eines Journalisten lassen Unruhe im sonst so idyllischen Örtchen aufkommen. Denn alte Geschichte kochen hoch…

Ein Dorf im Rausch

Sainte-Valérie in der Provence: Es ist Juni, der Sommer hält Einzug und das Dorf bereitet sich auf ein großes traditionelles Fest vor. Eigentlich ganz der Geschmack der Dorfbewohner und auch von Kommissar Durand, würde nicht der Bürgermeister ein riesiges touristisches Event aufziehen. Reisebusse voller Touristen werden angekarrt und Fackeln mit Aufdruck des Reiseunternehmens verteilt. Von Idylle und Tradition ist das weit entfernt. Und das ruft bei den Dorfbewohnern Argwohn hervor.

Als dann mitten während des Stadtfestes ein Journalist erstochen wird, findet das rauschende Fest ein jähes Ende. Ausgerechnet während des Auftrittes der gefeierten Band Viva Occitània. Trotz so vieler potentieller Zeugen kann Durand und sein Polizeiteam vor Ort keinen Täter dingfest machen. Zu trubelig ging es auf dem Dorfplatz zu. Am Tag darauf stellt sich jedoch heraus, dass der Journalist nicht nur in einer Kneipe mit Dorfbewohnern in Streit geriet, sondern auch ein Gespräch mit Durands Vorgänger führte.

Erste Recherchen und Ermittlungen lenken die Spur in die Vergangenheit und zum kuriosen Tod eines Schriftstellers, der einen Roman über Sainte-Valérie verfassen wollte. Doch genau das kam seinerzeit nicht gut bei den Bewohnerinnen und Bewohnern an. Denn in den Darstellungen der Figuren erkannten sie sich teils wieder, vor allem in den schlechten Eigenschaften und Charakterzügen. Doch ist dies nicht die einzige Fährte, der Kommissar Durand nachgeht: Auch die Hüter der traditionellen und aussterbenden Sprache „Okzitanisch“ geraten in den Verdacht mit dem Mord am Journalisten in Verbindung zu stehen – Durands Assistent Luc. Je tiefer Durand sich in den Fall begibt, um so größer wird auch die Gefahr für ihn. Denn irgendjemand versucht die Ermittlungen zu behindern und schreckt auch nicht vor Angriffen auf den Kommissar zurück.

Lokalkolorit und Spannung

Gewohnt launisch kommt der vierte Fall um den sympathischen Kommissar Durand daher. Ein wenig Liebesgeschichte und Fortspinnen der Beziehung mit Freundin Charlotte, die nun ihren Weg in die Selbstständigkeit wagt, darf nicht fehlen. Für alle Leserinnen und Leser der Krimis von Martin Walker, Cay Rademacher oder Jean-Luc Bannalec ist das zwar ein Bekanntes, aber auch liebgewonnenes Schema. Dies trifft auch auf die Verknüpfung der landesgeschichtlichen Geschichte, bzw. Geschichte der Regionen und dem „Savoir Vivre“ mit der Krimihandlung zu.

Das mag vielleicht auf den ersten Eindruck seicht klingen, aber der Fall ist spannend und als Leser rätselte ich bis zum Ende, wer der Täter (oder die Täterin) sein könnte. Gleichzeitig erfuhr ich mehr über die Befindlichkeiten in Südfrankreich und erstmals über die Existenz der okzitanischen Kultur sowie die Probleme zwischen gelebter Tradition und den Vorgaben aus Paris. So erinnert der Konflikt – in abgeschwächter Form –  an die Zustände in Katalonien.

Interessant und erschreckend zugleich ist die Beschreibung, wie der Dorf-Bürgermeister den Tourismus beflügeln will. Dabei aber einzig die Stadtkasse im Kopf hat, die Befindlichkeiten seines Dorfes jedoch mehr oder weniger außen vorlässt. Führt man sich noch dazu Bonnets Ausführungen über die Auswirkungen des im Krimi geschilderten, fiktiven Romans auf den Ort vor Augen, stellt sich die folgenden Frage: Wie sieht es denn in der Realität aus? Was machen beispielsweise die Frankreich-Krimis mit den kleinen Orten: Erleben diese auch eine Tourismus-Schwemme und werden quasi zu „Museumsdörfern“ oder erhalten große Hotelanlagen? Und was geschieht, wenn das Interesse an diesen Romanen und folglich den Regionen und Orten nachlässt? Insofern regt die Lektüre sogar zu kritischen Gedanken án.

Und dennoch ist „Provenzalisches Feuer“ vor allem ein spannender Krimi mit einigen Wendungen und sympathischen Charakteren. Bestens geeignet, um ihn auf dem Balkon, im Garten oder gleich im Urlaub zu lesen.


Buchcover zu Sophie Bonneta "Provenzalisches Feuer"

Sophie Bonnet „Provenzalisches Feuer“ | Copyright: Randomhouse/blanvalet

Sophie Bonnet

Provenzalisches Feuer

€ 14,99 [D] inkl. MwSt.
€ 15,50 [A] | CHF 20,50*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 22.05.2017
320 Seiten

ISBN: 978-3-7645-0613-1

Das Rezensionsexemplar wurde mir von blanvalet freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!