Fred Vargas – Das barmherzige Fallbeil

Selbstmorde, die keine sind und ein scheinbar unentwirrbares Algenknäuel sind das große Problem für Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg in Fred Vargas‘ neuestem Roman „Das barmherzige Fallbeil“.

Mit letzter Kraft versucht die pensionierte Mathematiklehrerin Alice Gauthier einen Brief zum Briefkasten zu bringen. Doch auf dem Weg bricht sie – gezeichnet von ihrer schweren Krankheit – zusammen. Eine Passantin nimmt den Brief an sich und wirft ihn am nächsten Tag ein. Damit beginnt eine Serie von Morden mit deren Aufklärung Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg betraut wird.

Denn am nächsten Tag findet man Alice Gauthier tot in ihrer Badewanne und an der Wand ein merkwürdiges Zeichen. Auch bei einem zweiten vermeintlichen Selbstmord eines Schlossherrn taucht das Zeichen auf und damit auch die Spekulationen, was es zu bdeuten hat. Auf jeden Fall einen gewaltsamen Tod, denn wie sich herausstellt, brachten sich beide Opfer nicht selber um. Das Zeichen führt Adamsberg und seinen belesenen Stellvertreter Adrien Danglard auf die Spur der französischen Revolution und führt sie gleichzeitig ins eisige Island. Weitere Morde, Robespierre und Robenfett machen den Fall zu einem einzigen verworrenen Algenknäuel, das Adamsberg am Ende nur entwirren kann, weil er einer Sache bis zum Ende nachgeht, obwohl sie sinnlos zu sein scheint.

Anspruchsvoll, aber lohnenswert

Nachdem mein erster Versuch einen Roman von Fred Vargas zu lesen („Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord“) vor einigen Jahren nun schon scheiterte – ich legte das Buch nach 10 Seiten beiseite – wollte ich es noch mal probieren. Vielleicht liegt es an meinem fortgeschrittenen Alter oder aber der Lust auf eine Herausfoderung, aber diesmal habe ich es zu Ende gelesen und bin positiv überrascht.

Obwohl die Sätze weiterhin ziemlich lang sind und manche Dialoge und Aussagen wenig Sinn erkennen lassen, haben mir sowohl die Geschichte als auch die Charaktere gut gefallen. Vielleicht ist es sogar dieses „Ungewöhnliche“, was so erfrischend war. Im Gegensatz zu den meisten anderen französischen Krimis, die sich mittlerweile auf dem Literaturmarkt tummeln. Es ist eben nicht dieser „typische“ Urlaubskrimi, in dem Land und Leute mehr Platz erhalten als die eigentlichen Ermittlung. Dennoch erhält man als LEser einen interessanten Einblick in die französische Geschichte. Doch das Wichtisgte ist: Der Fall  ist spannend und bietet zahlreiche Überraschungen, um zu keiner Zeit langweilig zu werden. Bei dem nächsten Roman von Fred Vargas werde ich wieder zuschlagen und vielleicht versuche ich es auch noch einmal mit den älteren Romanen.


Buchcover zuFred Vargas' "Das barmherzige Fallbeil"

Fred Vargas „Das barmherzige Fallbeil“ | Copyright: Limes Verlag

Fred Vargs

Das barmherzige Fallbeil

€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90*
(* empf. VK-Preis)
Erschienen: 26.10.2015
512 Seiten

ISBN: 978-3-442-71464-3

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Limes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

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„4 Blocks“ auf TNT Serie: Willkommen im Clan-Dschungel von Neukölln

Zwischen Freundschaft und Familie, Verrat und Loyalität

Der libanesische Familienclan Hamady im Berliner-Kiez Neukölln kämpft um die Macht – nicht nur gegen die Bedrohung durch eine Rockergang und die Ermittlungen der Polizei, sondern auch innerhalb der Familie . In dieser Woche lief das Staffelfinale von „4 Blocks“ des Pay-TV-Senders TNT Serie. Zeit also, die von der Kritik gefeierte Serie* Revue passieren zu lassen.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Ali Hamady (Kida Khodr Ramadan), von allen nur „Toni“ genannt, lebt seit seiner Flucht aus dem Libanon vor 26 Jahren im Berliner Viertel Neukölln als geduldeter Flüchtling. Für ihn und seine Frau Kalila (Maryam Zaree) bedeutet das aber auch, dass sie keine Arbeit annehmen und sich auch nicht selbstständig machen dürfen. Und dennoch haben sie Geld, Geld aus kriminellen Machenschaften. Denn Toni Hamadi führte lange Zeit das operative Geschäft des Familienclans, welches in den vier Blöcken in und um Neukölln Drogen verkauft, Schutzgelder erpresst und Einnahmen aus Prostitution erzielt. Dabei ist es genau das, was Toni nicht mehr will: Verbrecher sein. Sein Wunsch nach der deutschen Staatsangehörigkeit ist zum Greifen nahe und damit auch der Kauf eines großen Gebäudekomplexes mit dem er fortan sein Geld erwirtschaften will.

Doch alles kommt anders als sein Schwager Lattif, der mittlerweile die Clan-Angelegenheiten leitet, während einer Razzia verhaftet wird. Eine wichtige Kokainlieferung wird beschlagnahmt und bedroht die Stellung der Familie im Viertel, auch innerhalb der Clanhierachien droht das Machtgefüge zu zerbrechen. Ganz zu schweigen von Tonis Wunsch, endlich ein Leben fernab von kriminellen Machenschaften aufbauen und führen zu können. Denn er sieht sich in der Pflicht, die Geschäfte vorübergehend zu führen. Genau das erweist sich als schwierig: Tonis Bruder Abbas (Veysel Gelin) sieht sich in der Position des neuen Oberhauptes und schreckt dabei nicht zurück, auch über Leichen zu gehen und Tonis eher diplomatische Methoden zu über- und hintergehen. Und Diplomatie ist gefragt: Einerseits bedrohen die polizeilichen Ermittlungsarbeiten die Hamadys und andererseits die Rockergang Cthuhlus, um deren Präsidenten Rainer „Ruffi“ Ruff (Ronald Zehrfeld), die sich die Drogenumschlagplätze Hasenheide und Görlitzer Park aneignen wollen.

Neid und Missgunst entsteht im Clan zusätzlich durch das Auftauchen von Vince (Frederick Lau), einem lange verschwundenen Freund von Toni. Sehr zum Missfallen von Abbas entwickelt sich Vince mehr und mehr zum Vertrauten von Toni. Immer wieder zieht Toni bei Problemen den alten Kumpel Vince heran, um die Ordnung im Clangebiet aufrecht zu halten. Doch nicht nur Abbas spielt ein dreckiges Spiel, auch Vince. Denn was Toni nicht ahnt: Vince arbeitet als verdeckter Ermittler und will seinen Beitrag leisten, Ruhe und Ordnung im Kiez herzustellen….

Die Sopranos von Neukölln: Loyalität und Misstrauen

Mit der Eigenproduktion „4 Blocks“ ist dem zum Sky-Konzern gehörende Pay-TV-Sender TNT Serie ein deutsches „Pendant“ zur amerikanischen Serie „The Sopranos“ gelungen. Wie beim amerikanischen Original steht mit Ali „Toni“ Hamady der Clan-Chef im Fokus. So kann es kaum purer Zufall sein, dass die Hauptfigur Ali Hamady genau den gleichen Vor- bzw. Spitznamen trägt wie Tony Soprano – sieht man mal von der deutschen Schreibweise ab. Und ähnlich wichtig für die Handlung ist eben die Figur des Toni Hamady. Eindrucksvoll spielt Kida Khodr Ramadan die Rolle des harten, aber auf Diplomatie und Worte setzenden Familienoberhauptes. Und das in zweierlei Hinsicht: Da ist der Toni Hamady, der unbedingt deutsch sein will, dazugehören und auf legale Art und Weise sein Geld verdienen. Geld mit dem er Frau und Tochter ein Leben abseits von Kriminalität und Gefahr bieten will. Doch das wäre nur möglich, wenn er nicht mehr nur in Deutschland geduldet, sondern die deutsche Staatsangehörigkeit bekäme. Und dann der andere Hamady, der die kriminelle Clan-Familie retten will. Dem Ehre und Ansehen auf dem Kiez wichtig ist und immer wieder die „privaten“ Familieninteressen hintenanstellt. Kida Khodr Ramadan mimt Toni Hamady mal innerlich hin und hergerissen voller Wut und Liebe, als verspielter Vater und dann als Verbrecher, der auch vor Gewalt nicht Halt macht. Doch auch er kennt Grenzen: Morde kommen für ihn nicht infrage, denn diese rufen nur die Polizei auf den Plan. All das verkörpert der libanesischstämmige Schauspieler wort- und gestenreich, schick angezogen und zugleich doch im zu großen Anzug, mit gepflegtem und dennoch etwas zu langem Bart sowie eloquent, aber dennoch mit einem Anflug von Straßenjargon.

Innerhalb des Clans nimmt Abbas, verkörpert von Rapper Veysel Gelin, den brutalen Part ein: Anders als Toni Hamady schreckt er auch vor Mord nicht zurück. Dafür ist die Diplomatie für ihn ein Fremdwort. Hormon- und adrenalingesteuert sucht er stets den Konflikt. Diese Rolle des „Bösewichts“ scheint Gelin nicht nur zu spielen, sondern zu verkörpern. Muskulös, mit stets finsterem Blick und der passenden Sprache meint man, dass er nicht schauspielert, sondern auch außerhalb des Filmsets so auftritt. Mit dem Wissen über seine dreijährige Haftstrafe aufgrund von Körperverletzung mit Todesfolge ist diese Vorstellung nicht einmal abwegig. Alles in allem eine Idealbesetzung für den skrupellosen, machtgeilen Abbas, der nicht einmal davor zurückschreckt, seine Freundin oder die Frau des inhaftierten Bruders brutal ins Gesicht zu schlagen oder sich illoyal gegenüber Toni zu verhalten.

Überhaupt ist Loyalität und Vertrauen ein großes Thema in „4 Blocks“: Wem kann wer eigentlich vertrauen? Und welcher Protagonist hat welche Interessen? Toni Hamady ist da der Vielschichtigste. Das macht ihn aber auch so zerrissen wie bereits beschrieben. Er will es sowohl seiner Klein- als auch seiner Clanfamilie recht machen. Abbas handelt nur aus Machtgier und um zu zeigen, dass er das Können und den Biss hat die Organisation zu führen. Dann ist da noch Vince, dargestellt von Frederick Lau. Er ist ebenso gespalten wie Toni Hamady, bekämpft er doch als verdeckter Ermittler die Hamadys und muss sich zugleich das Vertrauen erschleichen. Das Gute im Sinn, muss er sich irgendwann eingestehen, dass es besser wäre, wenn Toni die Clangeschicke leitet. Denn besser ein Toni als ein Abbas Hamady, dessen unbedingter Machtwille keinerlei Grenzen kennt.

Ein vierter Akteur darf und soll nicht vergessen werden: Ronald Zehrfeld als Rainer „Ruffi“ Ruff, Präsident der Rockergang Cthuhlu. Eine echte Überraschung bei der Besetzung, kennt man ihn doch sonst eher aus Rollen wie die des Pfarrers der Serie „Weissensee“. Rau und hart wie nie – so der Eindruck. Einen besseren Gegenspieler kann man sich nicht vorstellen – es sei denn Claude Oliver Rudolph wäre zahlreiche Jahre jünger…

Vielschichtige Ebenen

Obgleich bereits bei den Charakteren einige der Handlungsebenen angesprochen werden, lohnt es sich, diese noch einmal aufzugreifen. Da wäre beispielsweise Toni Hamadys Sehnsucht anzukommen, ein Leben jenseits des Verbrechens zu führen. Dieser Wunsch, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erhalten, lässt sich als ein Stück Einwanderungsgeschichte und Kultur schauen. Rechnet man die 26-jährige Aufenthaltsdauer zurück, landet man in den frühen 80er Jahren. Das entspricht genau der Zeit als Menschen vor den Folgen des Bürgerkriegs (ausgebrochen 1975) aus dem Libanon nach Deutschland flohen. Eben diese Menschen, die über Jahre nur gedultet in Deutschland lebten. Dadurch aber kaum oder keinerlei Rechte hatten, weder zu arbeiten noch durften damals Kinder zur Schule gehen. So wird und wurde natürlich Leben auf legale Art und Weise erschwert. Der Gang in die Kriminalität als Ausweg aus der Armut ist zwar kein Zwang, aber doch zumindest wirkt es wie ein Ausweg. Dass die Flüchtlinge  noch dazu aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten des Libanons stammten drückt die Szene aus, als Toni Hamady von einem anderen libanesischen Clan mit der Aussage „Unsere Familie hat damals den Bürgermeister von Beirut gestellt, ihr habt Ziegen gehütet.“abgewiesen wird.

Wenn man will und dafür muss man nicht einmal genau hinsehen, behandelt „4 Blocks“ auch die Rolle der Frau, wenn nicht im Islam generell – das wäre doch um einiges zu pauschal – dann aber doch in solch einer hierarchischen Clan-Struktur. Da wäre zum einen Kalila, Tonis Frau, der das Wohlergehen von Mann und vor allem der Tochter am Herzen liegt. Sie lehnt die Gewalt und das Verbrechen ab und steht dennoch stets loyal an der Seite ihres Mannes. Als sie merkt, dass Toni nicht loskommt vom Clan mit all seinen negativen Eigenschaften, wendet sie sich verstärkt dem Islam und dem Gebet zu – quasi eine Flucht hin zum Glauben und der Hoffnung auf Erhörung. Dann wäre da noch Amara (Almila Bagriacik), die Frau von Lattif und Mutter des gemeinsamen Sohnes. Obwohl sie um die Machenschaften ihres Mannes weiß, ist sie schockiert als Drogen in der gemeinsamen Wohnung entdeckt werden. Im Laufe der sechs Episoden distanziert sie sich von ihrem Mann und der Familie, auch weil sie von Abbas geschlagen wird und mit Vince eine „alte“ Liebe erneut in ihr Leben tritt. Die Ehe zwischen Amara und Lattif droht an all dem zu zerbrechen, da sich Amara emanzipiert und beginnt, das Verhalten ihrer Familie zu hinterfragen.

Der weitere Reiz der Serie

Neben dem Schauspielerensemble darf ein Protagonist nicht vergessen werden: Und zwar der Ort des Geschehens – Neukölln. Regisseur und Autor Marvin Kren hätte keinen besseren Ort finden können als dieses (ehemalige) Problemviertel Berlins. Wunderbar, wie die Straßenzüge mitsamt ihrem Charme die Handlung zum Tragen bringen. Unterstützend dabei die Kamerafahrten, die schnellen und wenn es darauf ankommt auch langsamen Schnitte und Perspektivwechsel. Neukölln als ein Stadtteil voller unterschiedlicher Kulturen vor dem die Gentrifizierung genauso wenig Halt macht wie einst vor dem Prenzlauer Berg. Sehr gut in Erinnerung geblieben ist die Szene als sich Abbas über die bärtigen Hipster auslässt, die kein deutsch können. Dem gegenüber stehen die Momente, wenn die Afrikaner, als unterste Befehlsempfänger innerhalb der Clan-Strukturen, Drogen im Park verkaufen oder die Platte noch immer ihren verbrauchten und verruchten Ost-Flair verbreitet. Hier zeigt sich dann doch noch die „dreckige“ Seite Neuköllns. Unterstützend wirkt ebenfalls der Soundtrack, der maßgeblich von Veysel Gelin und Massiv, in der Serie als Lattif auftretend, geprägt wird. Gangsterrap für eine Gangsterserie, wie könnte es anders sein.

Dreckig ist ebenfalls eine zutreffende Umschreibung für den Umgang mit Problemen. Obwohl Toni Hamady sich als Diplomat versucht, ist körperliche Gewalt das vorwiegende Mittel, um Probleme zu lösen. Hier schreckt „4 Blocks“ nicht vor Details zurück und muss sich nicht vor amerikanischen Drehs verstecken. Es wird ge- und verprügelt, mit Baseballschlägern und Fäusten aufeinander eingedroschen, mit Bügeleisen gequält und mit Pistolen wild um sich geschossen. Je größer die Angst wird, die Macht zu verlieren, um so größer wird die Bereitschaft Gewalt einzusetzen. Selbst Toni Hamady muss sich bei fortschreitender Seriendauer eingestehen, dass der Clan und dessen Position im Viertel ohne Gewalt allem Anschein nach nicht funktioniert. Und wenn dann doch einmal die Kamera die Gewalt nicht mehr einfängt, übernehmen die Geräusche und der Ton brechender Knochen oder das Leiden der Gequälten ihre Rollen.

Resümee 

Wenn gleich der Soprano-Vergleich hinken mag, „4 Blocks“ ist für eine deutsche Produktion erstaunlich progressiv und könnte für längere Zeit als DIE deutsche Mafiaserie gelten. Hier wird deutlich, welches Potential auch in Deutschland vorhanden ist, wenn sich Sender, Drehbuchautoren, Regisseure und Produzenten nur häufiger trauen würden. Auch Schauspielerinnen und Schauspieler mit den nötigen Fähigkeiten existieren, nur allein die Rollen fehlten oft genug.

Dank der Akteure, des Drehbuchs und aller anderen genannten Faktoren ist es gelungen, dass die Geschichte um die Hamadys spannend bis zur letzten Minute ist und eben keine bloße Aneinanderreihung von Gangster-Klischees darstellt. Wer nicht vor expliziten Gewaltdarstellungen zurückschreckt, sollte entweder noch schnell seine Sky-Mediathek bemühen oder die Serie in den gängigen (Online-)Stores kaufen. 

Voraussichtlich im Frühjahr 2018 geht es dann los mit Staffel 2 – ich kann es in jedem Fall kaum erwarten. Obwohl ich mich mangels, Cliffhanger am Ende der ersten Staffel, frage, was es noch zu erzählen gibt.
*Kritiken und Meinungen auf tagesspiegel.de, faz.net, taz.de oder rap.de

 



Seriendaten

Darsteller:

  • Kida Khodr Ramadan: Ali „Toni“ Hamady
  • Frederick Lau: Vince Kerner
  • Veysel Gelin: Abbas Hamady
  • Almila Bagriacik: Amara Hamady
  • Maryam Zaree: Kalila Hamady
  • Karolina Lodyga: Ewa Hamady
  • Oliver Masucci: Hagen Kutscha
  • Ronald Zehrfeld: Ruffi
  • Ludwig Trepte: Nico
  • Massiv / Wasiem Taha: Latif Hamady
  • Sami Nasser: Kemal Hamady

Produktionsland: Deutschland
Originalsprache: Deutsch, Arabisch, Englisch
Jahr: 2017
Produktionsunternehmen: Wiedemann & Berg Television
Länge: 50 Minuten
Episoden: 6
Genre: Drama
Regie: Marvin Kren
Drehbuch: Richard Kropf, Bob Konrad, Hanno Hackfort, Marvin Kren
Musik: Stefan Will, Marco Dreckkötter
Kamera: Moritz Schultheiß

Mats Olsson „Demut“ – Wortgewaltig und gewalttätig

„Fifty Shades Of Grey“ trifft Thriller

Aus Schweden ist man mittlerweile harte Thriller-Kost gewohnt, Mats Olsson legt mit „Demut“ gleich ein schlagkräftiges und seitenstarkes Debut im btb Verlag vor. Im Mittelpunkt steht Harry Svensson, ein ehemaliger Journalist, der durch seinen SM-Fetisch in eine Mordserie verwickelt wird. Auch aus eigenem Interesse steigt er in die Recherche und die Ermittlungen ein. Zwischen starkem Anfang und Ende könnte es straffer zugehen.

Auf der Jagd nach dem „Spanking“-Mörder

Eigentlich plante Harry Svensson den Ausstieg aus dem Journalismus und den Einstieg in ein ruhigeres Leben als Kneipenwirt. Doch als er nach einem misslungenen SM-Date mit einer Weinhändlerin in einem Malmöer Hotel den abgehalfterten Blues-Sänger Tommy Sandell neben einer toten Frau auffindet, nimmt er  sich des Falls an. Doch das geschieht nicht nur aus beruflicher Neugier und der Vermutung heraus, dass der Musiker eben nicht der Täter sein könne. Harry Svensson hat nämlich ebenfalls ein privates Interesse: Die Frau wurde vor ihrem Tod geschlagen.

Als dann in Göteborg eine weitere Frau misshandelt und ermordet aufgefunden wird, spitzt sich die Situation zu, denn es handelt sich bei der Toten ausgerechnet um das aus dem Ufer gelaufene Date von Harry Svensson. Nun weiß nämlich der Mörder von den sexuellen Vorlieben des Journalisten und setzt genau dieses Wissen ein, um Druck auf Svensson auszuüben. Doch dadurch fühlt sich der Ex-Reporter noch stärker angespornt, den Täter zu überführen und die Mordserie zu beenden…

Turbulent, eingängig, aber auch etwas zäh

Eines muss man Mats Olsson lassen mit „Demut“ und dem Spanking-Fetisch wagt er sich an ein Thema heran, was immer noch eher als Tabu gilt. Da hat auch der Erfolg der „50 Shades Of Grey“-Reihe wenig dran geändert. So ist es kein Wunder, wenn vieles rund um die Morde und diese sexuelle Vorlieben mitunter absurd anmutet. Dieser Fetisch und die Hintergründe für das Ausleben dieser Lust ins Extreme bishin zum Mord füllen unglaubliche 736 Seiten. Trotzdessen der Schreibstil Olssons locker und leicht lesbar ist, zieht sich die Handlung gerade im Mittelpunkt in die Länge. Zu viele Details, die die Handlung zwar tragen, aber nicht nötig wären, drücken immer wieder auf den Spannungsbogen.

Gerade bei einem solchen seitenstarken Buch müssen die Charaktere überzeugen, da sie die Handlung tragen. In Person von Harry Svensson schuf Mats Olsson einen starken Protagnisten. Diesem fliegen jedoch nicht nur Sympathien zu: Denn er ist sicher kein typischer Sympathieträger. Die Recherchen dienen zwar auch der Wahrheitsfindung, aber zu gleichen Teilen dem Selbsterhalt. So ambivalent der ehemalige Journalist charakterisiert wird, nachvollziehbar ist sein Wesen und Verhalten. Allerdings rauben auch diese Schwächen und Defizite viel Platz. Insgesamt ist „Demut“ ein solider Thriller mit einem soliden Beginn und Ende, der etwas zu lang ausfällt und dadurch Luft nach oben hat.


"DEMUT" von Mats Olsson

„DEMUT“ von Mats Olsson | Copyright: btb Verlag

Mats Olsson

Demut

€ 14,99 [D]  | € 15,50 [A] | CHF 20,50*
(* empf. VK-Preis)
Erschienen: 27.02.2017
736 Seiten

ISBN: 978-3-442-71464-3

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom btb Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!


 

 

Anthony McCartens „Licht“ – Ein Erfinder, ein Banker und der Fortschritt

Fortschritt bedeutet Licht und Schatten

Mit dem Erfinder Thomas Alva Edison und dem Banker J.P. Morgan rückt der neuseeländische Autor Anthony McCarten zwei bedeutende Zeitgenossen des ausklingenden 19. Jahrhunderts ins Rampenlicht. Unterschiedlicher könnten beide nicht sein: Edison, der mit dem elektrischen Licht die Elektrifizierung der industrialisierten Welt einläutete, aber dennoch zerbricht und dem gegenüber Morgan als finanzstarker und skrupelloser Investmentbanker, der dank Edison sein Vermögen vermehrt.

Gegensätze ziehen sich an

Der eine hat Geld und der andere hat die Ideen: Unter dieser Voraussetzung treffen J.P. Morgan und Thomas Alva Edison aufeinander. Thomas Alva Edison, der den Durchbruch als Erfinder in der Telegraphenbranche schaffte, erhält Besuch vom Privatbanker J.P. Morgan. Denn dieser möchte Edison finanziell dabei unterstützen, die elektrische Glühlampe zur Marktreife zu entwickeln. Dies natürlich nicht uneingennützig, sondern um New York zu erleuchten und selber den eigenen Reichtum zu vermehren.

Gegensätzlicher könnten die beiden Geschäftspartner nicht sein. Edison als zerstreuter Erfinder und voller Ideen, in seiner Ehe sehr zurückhaltend und nahe am Scheitern. Dahingegen der selbstbewusste, finanz- und durchsetzungsstarke Morgan, der moralisch doch einige Schwächen hat. Nicht nur im geschäftlichen Bereich, sondern im zwischenmenschlichen. Und so ist auch die „Beziehung“ zwischen Erfinder und Banker nicht frei von Problemen. Denn Thomas Alva Edison droht an der eigenen Erwartungshaltung, dem Druck Morgans und der Gesellschaft zu zerbrechen.

Eine Art Kammerspiel

Genau dieses (drohende) Scheitern steht im Mittelpunkt von Anthony McCartens Roman „Licht“. Zwar geht das Licht auf, aber zu einem immensen Preis – und das eben nicht nur aus der monetären Sichtweise. Einerseits natürlich ein Preis, den Edison zu zahlen hat. Seine erste Ehe scheitert und auch die zweite entwickelt sich alles andere als glücklich. Auch der seelische Druck für Edison wird als immens dargestellt: Die Angst des Erfinders zu versagen und es der Gesellschaft beweisen zu müssen, bringt Edison ans Ende der Kräfte.

Gleichzeitig ist es nicht nur ein Roman über das Scheitern, sondern zeigt auch, wie die Welt (heute) funktioniert: Ein machthungriger, profilierungssüchtiger Banker in Gestalt von J.P. Morgan, der auch privat alles andere als integer und sympathisch etabliert wird, verfügt über den unsicheren Edison. Es zählt der Erfolg – Raubtierkapitalismus mag man es auch nennen. Gleichzeitig – und dabei wird es fast schon herrlich absurd – geht es um die Erfindung des elektrischen Stuhls als humanere Möglichkeit, die Todesstrafe zu vollziehen. Doch stellte sich das als Irrtum heraus – zumindest im Betrieb mit Gleichstrom.

Neben der Elektrifizierung spannt McCarten einen ungeheuren Bogen und schafft Zusammenhänge zur Entwicklung des elektrischen Stuhls, des Wechselstroms, und  bindet darüberhinaus – und das historisch begründet – weitere bedeutende Erfinder des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein (Tesla, Vanderbilt, etc.). Dies alles mit der vom Neuseeländer gewohnten und vor allem geschätzten Sprache: pointierte und gleichzeitig absurde Dialoge entstehen, wenn der schwerhörige Edison auf Morgan oder einen Jungen (am Ende seines Lebensweges) trifft. Seine Theatererfahrung kann er definitiv nicht verleugnen – und das ist auch gut so. Da seine Formulierungen und textliche Ausgestaltungen noch dazu szenisch gehalten sind, so dass es nur eine Frage der Zeit zu sein scheint, bis „Licht“ verfilmt wird. Kein Wunder, dass McCartens Werk ein reines Lesevergnügen mit ungeheurem Tiefgang darstelllt, ohne dabei schwierig zu lesen ist.


Buchcover zu Anthony McCartens "Licht"

Anthony McCarten „Licht“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Anthony McCarten

Licht

€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70
(* empf. VK-Preis)
Erschienen am 22. Februar 2017
368 Seiten
ISBN: 978-3-257-06994-5

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

 

Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer bedrohten Art

Drei Länder, zwei Jahrhunderte und eine Gemeinsamkeit: die Bienen

Mit „Die Geschichte der Bienen“ ist der Norwegerin Maja Lunde, erschienen im btb Verlag, ein beachtlicher nationaler sowie internationaler Erfolg gelungen: In Norwegen erhielt die Autorin den Buchhändlerpreis für den Roman des Jahres und stürmte damit auch in zahlreichen anderen Ländern die Bestsellerlisten. Und das alles nur wegen Bienen – faszinierenden wie bedrohten Tierart.

England, USA und China: Drei Kontinente, drei Jahrhunderte und die Bienen

William lebt 1852 in England. Er ernährt seine Familie mit den Einnahmen aus seiner Samenhandlung, obwohl er lieber ein angesehener Biologe wäre. Doch die Liebe und die damit einhergehende Kinderschar (8) verhinderten seine Karriere als Wissenschaftler. Deshalb verbringt er seine Tage depressiv im Bett. Bis ihm eines Tages ein Buch über Bienen in die Hände fällt. Sein Forscherinstinkt wird erneut geweckt und er begibt sich daran, einen revolutionierten Bienenstock zu bauen.

155 Jahre später führen uns die Bienen zu George in die USA nach Ohio. Er ist Imker mit Leib und Seele. Aber nicht einer dieser „Industrie-Imker“. George baut seine Bienenstöcke selber, hat nicht allzu viele Völker und kutschiert seine Bienen auch nicht durch die ganzen USA, um ihre Bestäubungsleistung zu verkaufen. Langsam älter werdend, möchte er seinen Sohn Tom dazu bringen, den Betrieb zu übernehmen: doch Tom hat andere Pläne. Als Georges Bienen auf einmal sterben, sieht die Familie ihre Existenz bedroht.

2098 in China: Tao lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn Wei-Wen in einer winzigen Wohnung. Als Familie haben sie nur wenig gemeinsame Zeit, müssen Tao und ihr Mann doch jeden Tag 12 Stunden in den riesigen Plantagen arbeiten und die Blüten der Obstbäume bestäuben: denn Bienen gibt es keine mehr. Die Drei leben ein Leben voller Entbehrungen, in einer Welt, in der nun auch der Mensch vom Aussterben bedroht ist und doch sind sie glücklich, denn sie haben sich. Bis Wei-Wen auf einem Ausflug etwas zustößt, das alles verändern könnte.

Ein Roman und (k)ein Sachbuch

Wir brauchen die Bienen und können deshalb nicht so weitermachen wie bisher: Das ist die Kernbotschaft der norwegischen Autorin Maja Lunde. Aber was wir tun können, damit die Bienen nicht ganz verschwinden und uns ein Schreckensszenario wie die Welt von Tao erspart bleibt, findet im Buch nicht wirklich eine Erwähnung. Und das ist das große Manko des Buches: Der Leser wird für das Thema sensibilisiert, aber dann mit leeren Händen stehengelassen. Andererseits ist es eben ein Roman und kein Sachbuch, obwohl die Schilderungen und Erkenntnisse gut recherchiert sind.

So ist „Die Geschichte der Bienen“ ein gut geschriebener Roman, der vor allem durch die sich abwechselnden Episoden aus den Leben der einzelnen Protagonisten überzeugt. Die Sprache ist klar, schnörkellos und auf den Punkt. Hier merkt man der Autorin an, dass Sie zuvor vor allem Kinder- und Jugendliteratur verfasst hat. Neben den Bienen beleuchtet die Autorin vor allem das Thema „Vater und Sohn“ und welche Rolle, die Mütter dabei spielen. Wer an Familiengeschichten interessiert ist und nebenbei etwas über das Leben der Bienen und ihre immens wichtige Rolle für uns lernen möchte, sollte auf jeden Fall zu diesem Buch greifen.


Buchcover "Die Geschichte der Bienen" von Maja Lunde

Maja Lunde „Die Geschichte der Bienen“
| Copyright: btb Verlag

Maja Lunde

Die Geschichte der Bienen

€ 20,00 [D] , € 20,60 [A],  CHF 26,90*
(* empf. VK-Preis)
Erschienen am 20.03.2017
512 Seiten
ISBN: 978-3-442-75684-1

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom btb Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!