Lucas Grimms „Nach dem Schmerz“ – Postwende-Spionagethriller

Rasant, brutal, und filmisch erzählt: Lucas Grimm legt mit seinem Debüt „Nach dem Schmerz“ eine spannende Mischung aus jüngster deutsch-deutscher Postwendezeit und Spionagethriller vor. Im Mittelpunkt der Handlung stehen die erfolgreiche Cellistin Hannah Gold und der abgewrackte Journalist David Berkoff, die die Jagd nach verschwundenen CD-ROM mit hochbrisanten  Stasi-Unterlagen zusammenbringt.

Vergangenheit und Gegenwart

25 Jahre ist es her, dass Hannah Gold von russischen Agenten gefoltert wurde, um ihren Vater Walter Gold, einen führenden Stasifunktionär, zur Herausgabe von CD-ROM mit Stasi-Unterlagen zu bewegen. 25 Jahre seitdem sie keinen physischen Schmerz mehr empfinden kann, 25 Jahre seitdem ihr Vater verschwunden ist, 25 Jahre in denen sie alles gab, um als Cellistin erfolgreich zu werden. Plötzlich taucht ihr Vater wieder auf und reißt Hannah in einen Strudel aus Angst, Gewalt und Vergangenheitsbewältigung. Denn mit ihrem Vater beginnt die Jagd nach den immer noch verschollenen Datenträgern sowie die gleichzeitige Flucht vor alten und neuen Feinden.

Ebenfalls auf der Suche nach den Rosenholz-Dateien sind nämlich die ehemaligen russischen Agenten, der BND und David Berkoff, ehemals angesehener und erfolgreicher Kriegsberichterstatter und Journalist. Um den verblassten Ruhm und Ruf wieder herzustellen, träumt er davon, die Reportage zu den Dateien endlich abschließen zu können – schließlich ist er der Story seit Jahren auf der Spur. Und endlich scheint die Aufklärung nahe zu sein. Doch bis es so weit kommt, müssen Hannah und David  viele schwierige Momente überstehen, um die Wahrheit aufzudecken. Doch was ist die Wahrheit und wer ist Feind und wer Freund?

Kaputte Charaktere und viel Action

Man mag kaum glaub, dass „Nach dem Schmerz“ tatsächlich der Debutroman von Lucas Grimm ist, so unterhaltsam, spannend und rasant kommt die Handlung daher. Der Unglaube legt sich jedoch schnell mit dem Wissen, dass sich hinter Lucas Grimm das Pseudonym eines erfolgreichen Drehbuchautors verbirgt. Dies merkt man sowohl der Erzählweise als auch den Personen an. Zum einen ist die Sprache punktgenau, knapp, beschleunigend, detailreich und fast schon im Stil eines Drehbuchs. In der Schilderung schont Grimm die Leserschaft nicht: blutige, actionreiche Kapitel und Szenen reihen sich aneinander. Zum anderen sind die Figuren derart angelegt, dass sie nach einer Verfilmung schreien.

Da wäre Hannah Gold, die als Kind gefolterte, mittlerweile erfolgreiche Cellistin und nun auf der Suche nach den Rosenholz-Dateien einhergehend mit der Hoffnung, endlich einen Abschluss der quälenden Vergangenheit herbeiführen zu können. Gleichzeitig diszpliniert und doch immer wieder von Gefühlen geleitet. Und als Gegenpol David Berkoff: Der aufgedrehte, alkohol- und drogensüchtige Journalist mit der Suche nach Selbstbestätigung – und sei es mit Sex, dessen beste Zeiten längst vorbei zu sein scheinen. Ausgerechnet diese beiden Personen mit solch speziellen Charakterzügen prallen nicht nur aufeinander, sondern müssen einander stützen.

Insgesamt ein gelungenes Debüt, dass zu keiner Zeit Langeweile aufkommen und sich in kurzer Zeit durchlesen lässt. Sowohl die Ausführungen zum Cellospiel und der Musikleidenschaft von Hannah Gold (und David Berkoff) als auch das Setting vor dem Hintergrund der unmittelbaren Wendezeit wirken gut recherchiert, mitunter ist die Sprache etwas ordinär und kommt fast schon an amerikanische Thriller heran.


Buchcover zu Lucas Grimms Thriller "Nach dem Schmerz"

Lucas Grimm
„Nach dem Schmerz“ | Copyright: Piper Verlag

Lucas Grimm

Nach dem Schmerz

€ 16,99 [D], € 17,50 [A]
Erschienen am 20.03.2017
320 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-492-05778-3

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Piper Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

 

 

 

Cilla und Rolf Börjlind „Schlaflied“ – höchste Spannung vor aktuellem Hintergrund

Anders als der Titel „Schlaflied“ des mittlerweile vierten Falls des schwedischen Ermittlerduos Olivia Rönning und Tom Stilton vermuten lassen könnte, ist der Band alles andere als einschläfernd. Diesmal begeben sich die beiden auf die Suche nach einem brutalen Kindermörder.

Tote Flüchlingskinder und rumänische Verbrecher

Verscharrt in einem Wald irgendwo in der schwedischen Provinz Smaland wird die Leiche eines ermordeten Jungen entdeckt. Unweit vom Fundort entdeckt die Spurensicherung einen Dolch, dessen Inschrift auf eine rumänische Verbrecherorganisation hinweist. Doch ebenfalls in der Nähe wohnt ein vom Dienst suspendierter Lehrer, der im Verdacht des Missbrauchs seiner Schüler stand und einem Pädophilennetzwerk angehört. Daher folgen Olivia Rönning und Tom Stilton, der nach seinem Burnout wieder bei der Mordkommission Fuß fasst, beiden Spuren.

Doch schnell erkaltet die Fährte zum potentiellen Kinderschänder. So fliegen Rönning und Stilton im Auftrag ihrer Vorgesetzten Mette nach Bukarest, um vor Ort in der rumänischen Verbrecherwelt zu ermitteln. Wortwörtlich müssen sie in die Unterwelt hinabsteigen: In der Kanalisation Bukarests zwischen  drogensüchtigen, obdachlosen Kindern und Jugendlichen suchen sie nach Hinweisen, die sie zur Identität des Jungen führen könnten. In der Tat entdecken sie, dass der ermordete Junge aus einer  Romafamilie stammt. Gleichwohl die Recherchen zielführend sind, stellen sie sich jedoch auch als gefährlich heraus: Denn Olivia und Tom kommen einem Oberhaupt einer überaus brutalen Verbrecherbande zu nahe.

Zurück in Schweden tauchen in einer Baugrube zwei weitere Leichen auf, wiederum Jugendliche. Diesmal ein farbiger Jungen und ein Flüchtlingsmädchen aus Afghanistan. Hier entdeckt der Pathologe Entsetzliches: Beiden wurde vor ihrem Tod die Nieren entfernt – und wie sich herausstellt auch dem Romajungen. Ein  Handel mit den Organen von Flüchlingskindern?

Ausnutzen der Krise

Wie schon die drei vorherigen Bände überzeugt auch „Schlaflied“ aus vielerlei Gründen: Zum einen werden die vorhandenen Charaktere weitergeführt und weiterentwickelt. Je länger die Reihe andauert, um so besser lernt man die einzelnen Akteure kennen. Ganz gleich ob das Tom Stilton, Olivia Rönning oder Mette ist. Sie alle haben Stärken, Schwächen und Sehnsüchte, handeln aber ebenfalls durchaus impulsiv. Die immer wieder auftauchenden Figuren und ihre Eigenheiten werden durch die horizontale Erzählhaltung der beiden Autoren betont. Und dennoch lassen sie die (altbekannten) Personen leiden und Schaden nehmen, so dass hier zusätzliche Spannung entsteht.

Überhaupt ist der neue Fall überaus spannend, weil er mit der Flüchlingskrise ein aktuelles Thema nutzt. Schutzsuchende und noch dazu Kinder werden hier von raffgierigen Verbrechern ausgenutzt, ohne Anstand und Moral. Menschliche Abgründe tun sich auf, zeigen allerdings auch, woher diese Gier kommt. Sie erwächst oder erwuchs aus der Armut anderer „Notleidenden“, die sich dann wiederum am Elend bereichern und versuchen der Armut zu entkommen. Allerdings auf höchst kriminelle Art und Weise. Dies schildern die beiden Autoren sehr eindringlich und sehr realistisch.  Das trifft auch auf die Darstellung der vollkommen überlasteten Polizisten in Rumänien zu, die bis an die Grenzen ihrer psychischen und physischen Belastung gelangen.

Man merkt der Schreibweise von Cilla und Rolf Börjlind ihre jahrelange Erfahrung als Drehbuchautoren an: Viele Momente und Beschreibungen wirken so szenisch, dass man sie sich perfekt verfilmt vorstellen kann. Insofern wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich ein Fernsehsender die Rechte an der Reihe sichern wird.

Anders als es bei vielen anderen Reihen der Fall ist, kann „Schlaflied“ das Niveau der vorangegangenen Bände nicht nur halten, sondern für meinen Geschmack sogar noch toppen. Die knapp 600 Seiten merkt man nur am Gewicht, aber nicht an der Lesedauer. Überraschend war für mich das Ende – und mein persönliches Highlight. Wieso, das kann hier nicht verraten werden …


Buchcover zu Cilla und Rolf Börjlinds Krimi "Schlaflied"

Cilla und Rolf Börjlind
„Schlaflied“ | Copyright: btb/Randomhouse

Cilla Börjlind, Rolf Börjlin

Schlaflied
576 Seiten
erschienen am 20. Februar 2017

€ 15,00 [D] inkl. MwSt.
€ 15,50 [A] | CHF 20,50*
(* empf. VK-Preis)
Paperback, Klappenbroschur ISBN: 978-3-442-75716-9

Das Rezensionsexemplar wurde mir von btb/Randomhouse Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!