Eugen Ruges „Follower“ – Ein dystopischer Zukunftsentwurf

Dank seines vielfach gelobten und mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichneten Romans „In Zeiten des abnehmendes Lichts“ entdeckte ich Eugen Ruge als Autor zeithistorischer Themen. Mit „Follower. 14 Sätze über einen fiktiven Enkel“ setzt sich Ruge mit der Zukunft im Jahr 2055 auseinander. Herausgekommen ist ein dystopischer Roman mit einem nicht erstrebenswerten, aber durchaus vorstellbarem Zukunftsszenario.

Zersplitterte Staaten, Social Media, Kunstfleisch, …

Als Mitarbeiter und Vertreter von CETECH reist Nio Schulz nach Wu Cheng, einer Stadt in HTUA-China, um „true barefoot running“ im Auftrag seines Arbeitgebers zu vermarkten. Die Welt, wie sie 2017 existiert(e), gibt es 2055 so nicht mehr. Die Überreste von Russland werden an der Börse ver- und gehandelt, China wurde von Unternehmen in Einzelstaaten zerlegt (deswegen auch HTUA-China), von Staaten in unserem Sinne kann man wohl generell nicht mehr reden, vielmehr bestimmt die Globalisierung und die Kommerzialisierung die Erde. In Australien wird die Klimabombe gezündet, um den Klimawandel zu stoppen oder zumindest zu verlangsamen. Die Ureinwohner protestieren, lehnen sich auf. Und alles wird live über Social Media verbreitet und diskutiert.

Und vor diesem Hintergrund, in dieser Zeit soll Nio Schulz dieses Produkt vermarkten. Ausgerechnet er: Ein Mensch, der zusehends an sich und seiner Arbeit zweifelt, der sich von seiner ukrainischen Vorgesetzten und seinem Arbeitskollegen Jeff ausgebootet und zurückgesetzt fühlt. Ausgerechnet ein Produkt, welches so gar nicht in diese durchdigitalisierte Welt passt, was zurück zur Ursprünglichkeit geht – wahres Barfußlaufen. Und dann ist da noch seine Freundin – wenn es seine Freundin ist, denn so ganz klar ist sich Nio nicht, die mit ihm an diesem wichtigen Tag, der auch noch sein Geburtstag ist, über die Option einer Leihmutterschaft spricht. Denn Kinderbekommen, das macht man längst nicht mehr selber.

Wäre all dies nicht bereits für das Meeting mit den chinesischen Vertretern verwirrend genug, liest er über Twitter vom Tode seines Großvaters Karl Umnitzer. Dem Großvater mit dem er lange nichts mehr zu tun hat und der ihn dann trotzdem vollkommen aus der Bahn wirft.

(K)eine Zukunft – keine erstrebenswerte

Las sich „In Zeiten des abnehmendes Lichts“ als eine Geschichte der DDR vor dem Hintergrund einer Familiengeschichte mit autobiografischen Bezügen, so schafft Eugen Ruge mit „Follower“ einen dystopischen, wenig lebens- und erstrebenswerten Zukunftsentwurf. Leider – und das ist das Erschreckende – beinhaltet dieser so viele realistische Ansätze, dass der Gedanke an 2055 Kopfschmerzen bereitet.

Dies trifft vor allem auf die voranschreitende Digitalisierung, die Bedeutung von Social Media und die Globalisierung mit der damit einhergehenden Kommerzialiserung aller Lebensbereiche zu. Der Mensch wird aufgrund der fortschreitenden Technisierung entindividualisiert. Jeder einzelne wird gläserner und noch einfacher zu überwachen. In sozialen Netzwerken werden Nachrichten verbreitet, egal ob belanglos oder von Bedeutung. Gleichzeitig wird hier am Geschehen partizipiert und Widerstand organisiert. Glasses, analog zu Produkten wie von Google & Co., dienen als Navi, Übersetzer, Blutdruck- und Zuckerspiegelmessgerät sowie Kommunikationsmedium.

In diese Umgebung setzt Eugen Ruge Nio Schulz: Eine labile Person, die als „Verkäufer“ eines absurden Produktes herhalten muss. Denn dieses „true barefoot running“ erinnert einerseits an den Trend der Barfuß-Schuhe der letzten Gegenwart und andererseits tritt es der Technisierung 2055 entgegen. Das drohende Scheitern von Nio entwickelt Ruge eindrucksvoll und nachhaltig.

In der Installation des Großvaters greift Eugen Ruge in die Trickkiste mit der „Methode“ des intertextuellen Erzählens. Denn Alexander Umnitzer taucht bereits in „In Zeiten des abnehmendes Lichts“ auf, wo dieser als Hauptfigur agiert und dem Alter-Ego von Eugen Ruge entspricht. Relevant wird dieser Großvater, schon hier sei an den Untertitel „14 Sätze über einen fiktiven Enkel“ erinnert, weil er sich von der existierenden, globaliserten Welt abwendet(e) und die Gesellschaft in ihrer Ausformung bzw. Lebensweise kritisiert. Eine Kritik, die in „Follower“ permanent auftaucht, aber hier eben in der Art der Erzählweise. Diese ist mit bitterbösem, schwarzem Humor gespickt.

Romanuntypsische Erzählweise

Das Lesen von „Follower“ müsste einen eigentlich den Kopf schütteln lassen. Denn wie Ruge ganz selbstverständlich von Leihmutterschaft, der Bedeutung von Social Media (ausgerechnet von Twitter, dem aktuell „schwächsten“ Kanal), in-vitro-Kunstfleisch, originalem Tofu-Kunstfleisch oder Themen wie politisch korrekter Sprache schreibt, sollte Entsetzen auslösen. Tut es aber nur bedingt, zu realistisch wirkt das bereits.

Ungewöhnlich ist ebenfalls die Darstellungsform von (vermeintlichen) Fakten: Romanuntypisch formt Ruge die Analyse von Protagonist und weiterer Akteure durch Sicherheitsbehörden in Protokollform und Tabellen aus. Eher ungewohnt und so vor allem in Sachliteratur ein gängiges Mittel.

Gänzlich experimentell ist dann jedoch die Sprache bzw. die Grammatik im gesamten Roman. Hier sei nun ein zweites Mal auf den Untertitel „Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel“ verwiesen. Denn tatsächlich handelt es sich um 14 Sätze. 14 Kapitel, mit der eigentlichen Handlung, die aus jeweils einem einzelnen, lediglich durch Kommata getrennten Satz bestehen. Dieses Stilmittel bezeugt nicht nur die nicht abreißenden Gedanken des Protagonisten, sondern erzeugen eine gewisse Atemlosigkeit, Geschwindigkeit und Hektik. Einen „Rausch“, der konträr zur Handlung steht. Denn auf der Erzählebene passiert gar nicht so viel – Kein Wunder, ist doch die Handlung zeitlich auf einen Tag beschränkt.

Ein weiterer Clou Ruges ist, die im letzten Drittel des Romans eingeschobene Erdgeschichte, die an der Familiengeschichte von Nio Schulz/Alexander Umnitzer aufzeigt, welche Widrigkeiten zu überstehen waren, bzw. welche Zufälle nötig waren, damit es zu eben dieser Geschichte im Jahr 2055 kommen konnte. Allein dieser Auschnitt wäre als eigene Erzählung denkbar, verschärft aber im Gesamtkontext die Kritik Ruges.

Lebens- und Lesenswert?

„Follower“ mag offen ausgehen, aber genau das tut dieser dystopische Roman mitnichten. Vielmehr handelt es sich um eine bittere Aussicht, die, unter Berücksichtigung der Welt im Jahr 2017, als Gegenwartskritik zu lesen. Es ist eine Mahnung und Warnung, gerade und vor allem vor dem Hintergrund von Ruges DDR-Vergangenheit, die Zukunft nicht so werden zu lassen, wie er sie beschreibt. Würden Menschen in sozialistischen-kommunistischen Staatsgebilden noch unfreiwillig kontrolliert und drangsaliert, machen dies die Menschen des Jahres 2055 (und eigentlich bereits 2017) freiwillig. Kommerz und Shopping überall, Kontrolle und Selbstdarstellung an (fast) aller Orten.

Insofern ist „Follower“ durchaus lesenswert, aber eine solche Zukunft nicht lebenswert. Vielleicht wäre die Handlung ausbaubar gewesen, aber eine Botschaft wird klar: Lassen wir es nicht so weit kommen. Stemmen wir uns gegen einen freiwilligen Big-Data-Kommerz-Alptraum.


 

Cover von Eugen Ruges Roman "Follower"

Eugen Ruge „Follower“ | Credit: Rowohlt Verlag

Eugen Ruge

Follower – Vierzehn Sätze über fiktiven Enkel
320 Seiten
erschienen am 26. August 2016

978-3-498-05805-0

€ 22,90 (D)

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Rowohlt Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

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