Luis Sellanos „Portugiesisches Erbe“: Ein Urlaubskrimi

Nach zahlreichen Krimis in italienischen oder französischen Urlaubsdestinationen erschien mit „Portugiesisches Erbe“ aus der Feder von Luis Sellano im Heyne Verlag ein Krimi, der in Portugals Hauptstadt Lissabon spielt. Hier hin fliegt Henrik Falkner, um das Erbe seines Onkels Martin anzutreten und das ohne zu wissen, was ihn erwartet. Schnell kristallisiert sich heraus, dass es wenig Gutes ist. Ein Debüt voller Spannung.

Ein toter Onkel und sein Erbe

Eigentlich flog Henrik Falkner nur deswegen nach Lissabon, um das geheimnisvolle Erbe seines Onkels Martin anzutreten und Abstand von seinem Leben in Deutschland zu gewinnen. Denn nach dem Tod seiner Frau Nina verlief nichts mehr in geregelten Bahnen: Seinen Job bei der Polizei gab er aus psychischen Gründen auf und auch privat fand er kein Glück mehr. Da kam diese Chance gerade recht und doch auch unerwartet, denn weder Henrik noch seine Familie hatte Kontakt zu Martin. Kaum im malerischen Lissabon angekommen, muss Henrik feststellen, dass das Erbe unkompliziert wird. Das vermachte Antiquariat und die dazugehörige Immobilie mitsamt Mietern wirft kaum oder vielmehr gar keinen Gewinn ab. Und dennoch erhält er kurz nach der Ankunft ein unverschämt hohes Angebot für dieses Erbe.

Doch nicht nur das: Henrik muss feststellen, dass sein Onkel möglicherweise keines natürlichen Todes starb, sondern Opfer eines Gewaltverbrechens wurde. Schnell erwacht in Henrik sein altes Leben als Ermittler. Immer tiefer gerät er in Verstrickungen aus alten, vermeintlich längst vergessenen Zeit und wird so zum Ziel brutaler Söldner, die kein Mittel scheuen, um ihn von der Lösung abzuschrecken. Dabei droht nicht nur ihm allein Gefahr, sondern auch allen Personen, die seinem Onkel wichtig waren: Die Angestellte Catia, der  Fado-Sänger Renato oder Polizistin Helena.

Malerische Beschreibungen treffen Krimi

Nach all den Frankreich-, Italien oder Kopenhagenkrimis nun also mal einer, der in der Kulisse Lissabons angesiedelt ist. Und tatsächlich wirken die Beschreibungen von Autor Luis Sellano wie die eines Einheimischen und das auch oder vielleicht gerade für den Leser, der noch nie in Portugals Hauptstadt war. Dabei ist Luis Sellano, mal wieder, nur ein Pseudonym hinter dem sich der Deutsche Oliver Kern verbirgt, hauptberuflich im Marketing und nebenberuflich als Autor tätig. Detailliert, sehr illustrativ sowie äußerst ausführlich beschreibt er die Handlungsorte. Man merkt, hier muss sich Oliver Kern auskennen. Mitunter wirkt es fast wie in einem Reiseführer und man ertappt sich dabei, manche Beschreibung einfach schnell zu überlesen.

Dies jedoch liegt nicht daran, dass es schlecht formuliert wäre. Ganz und gar nicht. Vielmehr ist es der Tatsache geschuldet, dass man wissen möchte wie die eigentliche Story um den Ex-Ermittler Henrik Falkner weitergeht. Denn der Fall bzw. zu Beginn das noch unverdächtige Erbe lassen zügig Spannung aufkommen. Das Antiquariat und die etwas heruntergekommene Immobilie mitsamt seiner illustren Mieterschaft birgt so manche Überraschung, die Gefahr für Leib und Leben bedeutet. Auch die Verstrickungen in die salazaristische Zeit Portugals wecken durchaus Lust, sich mehr mit den Hintergründen zu befassen.

Mit Henrik Falkner hat Sellano bzw Oliver einen interessanten Charakter geschaffen, der vor allem wegen seiner Vergangenheit und der Labilität etwas benötigt, um Fuß zu fassen. Hier merkt man als Leser bereits früh, dass es nicht der letzte Fall sein wird, den Henrik Falkner zu lösen hat. Auch alle anderen Charaktere weisen durchaus Entwicklungspotential auf. Vielleicht hätte einigen Akteuren etwas weniger Klischee gut getan, so etwa dem Fadosänger Renato oder der hitzigen Catia, aber wirklich störend ist dies alles nicht. So legt Luis Sellano ein durchaus gelungenes Debüt hin, welches gerade jetzt im Winter ein wenig den Sommer zurückholt.

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Portugal. The Man veröffentlichen neue Single „Noise Pollution (Version A, Vocal Up Mix 1.3)“

Die amerikanische Indie-Band Portugal. The Man veröffentlichte mit dem Video zur neuen Single „Noise Pollution (Version A, Vocal Up Mix 1.3)“ endlich den ersten Vorboten zu ihrem neuen Album „Gloomin + Doomin“. Waren die Tracks auf dem 2013 veröffentlichten letzten Album „Evil Friends“ bereits deutlich elektronischer und poppiger als die „frühen“ Titel, setzt „Noise Pollution“ diese Entwicklung nun fort. Mit dichten und gleichzeitig nach vorne treibenden Elementen, Synthesizer-Klängen, Rap-Parts und der gesanglichen Unterstützung durch der Schauspielerin Mary Elizabeth Winstead und Sängerin Zoe Manville geht es noch einen Schritt mehr in Richtung Elektro-Pop weit weg vom Indie-Rock der Alben „Waiter: You Vultures“ (2006) oder „Church Mouth“ (2007). Deutlich spürt man hier die Einflüsse von Michael Diamond a.k.a. Mike D von den Beastie Boys.

In „Noise Pollution“ setzen sich Portugal. The Man um Frontsänger John Gourley mit unserer Welt auseinander, die momentan aus den Angeln gehoben werde, wie die Band auf ihrer Facebook-Seite betonte.

„I know my rights, je t’aime Paris

Live or die like c’est la vie

With my fist in the air, „Je suis Charlie“

Can’t ya see I’m feeling magnifique?“,

singt der Frontmann im Refrain. Sie (also die Band) sei nicht mehr in der Lage zu erkennen, was Fakt, Meinung oder einfach nur Unsinn sei. Das verstehen zu helfen, könnten sie als Band nicht leisten, wohl aber, dies in ihrer Musik zu verarbeiten. Herausgekommen ist ein anfangs verwirrender Song, der aber mit jedem weiteren Hören immer besser wird und die Turbulenzen unserer Zeit vertont. Unterstützt übrigens durch ein großartiges Video von Regisseur Michael Ragen.

Arne Dahls „Sieben minus eins“ – Psychothriller made in Sweden

Mit „Sieben minus eins“ startet Arne Dahl eine neue Krimireihe um das ungleiche Ermittlerduo Sam Berger und Molly Blom. Gleich im ersten Fall müssen die beiden an und über ihre (psychischen) Grenzen gehen, schließlich geht es um eine vermisste junge Frau – oder eigentlich sogar mehrere junge Frauen. Wieder einmal beweist Arne Dahl, was er kann: Nervenkitzel und Spannung pur.

Täter und Opfer, Opfer und Täter

Eine junge Frau verschwindet und eine Spur führt Kommissar Sam Berger mitsamt Ermittlerteam zu einer einsamen Waldhütte. Das Stürmen wird zum Desaster, denn ein Polizist wird durch eine perfide Falle schwer verletzt. Und dann findet Berger noch dazu im Keller ein verschachteltes Labyrinth mit Blutspuren, aber eben nicht die Vermisste. Immerhin jedoch auch keine Leiche. Doch eines wird dem Kommissar immer klarer – Es handelt sich um keine einzelne Entführung, sondern der Fall gehört zu einer ganzen Reihe von Entführungen oder gar Morden. Daran hält er auch fest, obwohl ihn sein Vorgesetzter für verrückt erklärt und dazu rät, seiner Idee nicht weiter nachzugehen. So ermittelt Berger auf eigene Faust weiter und entdeckt ein Detail, welches seine Intuition bestätigt: Ein Zahnrad, winzig klein und doch entscheidend genug, um die von ihm aufgestellte These zu bestätigen.

Hartnäckig und unnachgiebig geht Berger seinen Weg und stößt auf eine Frau. Der Frau, die den Tipp zur Waldhütte gab.  Als es dann gelingt, die Frau festzusetzen, gerät alles aus den Fugen. Denn aus der kalten, unnahbaren Verdächtigen wird niemand schlau. Nicht nur das: Berger, eben noch in der Rolle des Kommissars, wird vom Jäger zum Gejagten. Denn – und das kristallisiert sich allmählich heraus – die Vergangenheit spielt eine wichtige Rolle. Eine Zeit, die Berger und die Verdächtige betraf und nun wieder vereint, bzw. lange Zeit sogar entzweit. Als Täter noch Opfer waren, um dann im Hier und Jetzt die Rollen zu tauschen.

Psychisch, verschachtelt, sich ständig wenden und ungemein spannend

Mit „Sieben minus eins“ kehrt Arne Dahl nach zweijähriger Schaffenspause gleich dahin zurück, wo er herkam: Auf den Gipfel der schwedischen Kriminalliteratur. Das mag übertrieben klingen, aber dieses Jahr las ich keinen nordischen Thriller, der mich mehr mitriss. Anfangs, und das auch bis etwa so zur hundertsten Seite, fragte ich mich, was eigentlich passiert! Wo ist es dieses im Klappentext angekündigte neue Team um Sam Berger und Molly Blom, taucht doch die Ermittler bislang gar nicht auf. Aber, so viel sei verraten, Dahl etabliert erst Berger und erst später Molly Blom. Hier verrät der Klappentext eigentlich bereits zu viel –  Was mich im Nachhinein etwas ärgert.

Allerdings ist es auch ohne Molly Blom spannend. Nun sind Entführungen oder Vermisstenfälle ohne Leiche keine Seltenheit, sonst wären es ja auch direkt Mordfälle, aber Dahl treibt die Handlung fast atemlos voran. Vieles bleibt im Unklaren, um die Spannung auf den Höhepunkt zu treiben. Bereits der Prolog wirkt ein wenig wie der Einstieg einer Short Story. Man wird direkt in die Handlung geworfen, um dann festzustellen, dass die „richtige“ Story erst spät richtig losgeht.

Und dann ist da auch noch dieses Ermittlerteam: Sam Berger und Molly Blom. Das Paar zeichnet sich, anders als es bei vielen Teams der Fall ist, keinesfalls durch Zuneigung und den klassischen Vorstellungen eines Teams aus. Vielmehr birgt es jede Menge Konfliktpotential. Kein Wunder, eint beide eine gemeinsame Vergangenheit, die wenig Gutes birgt. Während Berger die Vergangenheit verdrängte und auch als Polizist alles andere als fehlerlos ist, versuchte Blom diese abzuarbeiten, indem sie Polizistin/Ermittlerin bei der SÄPO wurde. Kompetent und zielstrebig einerseits und andererseits ebenfalls nach ihren ganz eigenen Regeln spielend. Sehr spannend ist es mitzuerleben, wie sich der Konflikt zwischen den beiden er- und aufklärt und aus diesem Misstrauen allmählich so etwas wie Vertrauen wird.

Alls das formuliert Arne Dahl unheimlich dicht und schafft so eine düstere Atmosphäre, die mich als Leser in den Bann zog. Noch dazu kommen die bereits angedeuteten Wendungen und Verstrickungen aller Akteure, die sich immer wieder aufzulösen scheinen und es dann erst sehr spät tun – vom „Turn“ mitten im Buch mal ganz abgesehen. Wenn man dann noch glaubt, dass die Entwicklung nicht mehr zu toppen ist, sei auf das Ende verwiesen. Hier platziert Arne Dahl einen Cliffhanger par excellence. Hier erhält dann auch der Titel „Sieben minus eins“ eine Bedeutung, die vorher nicht zu ahnen war. Alles in allem ein großartiger Auftakt der Krimiserie. Es bleibt einzig ein Wermutstropfen: Man muss auf den zweiten Band warten und hoffen, dass er die Erwartungshaltung erfüllen wird.


Arne Dahl -

Arne Dahl „Sieben minus eins“| Copyright: Piper Verlag GmbH

Arne Dahl

Sieben minus eins
416 Seiten
erschienen am 01. September 2016

978-3-492-05770-7

€ 16,99 [D], € 17,50 [A]

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Piper Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Petros Markaris: Der Tod des Odysseus – Geschichten

In „Der Tod des Odysseus“ erzählt Petros Markaris sieben Geschichten, die zwischen 10 und 90 Seiten lang sind. Eine große Rolle nimmt das Thema der Beziehung zwischen Griechenland und der Türkei bzw. das Leben der Istanbuler Griechen ein. Sowohl historisch als auch aktuell sind die Geschichten, die Markaris um dieses Thema strickt. Geschichtsstunde inklusive. Aber auch die Flüchtlingsproblematik und sogar das deutsch-türkische Verhältnis haben in dem Buch ihren Platz. Immer aus der Warte einfacher Leute geschrieben, schafft es Markaris, Aktuelles und Historisches lesenswert zu verpacken. Einzig und allein „Die Leiche im Brunnen“ fällt etwas aus dem Rahmen und passt nicht richtig zu den anderen Kurzgeschichten. Auch Kommissar Charitos betritt in „Mord an einem Unsterblichen“ und „Poems and Crimes“ wieder die Bühne. Beide Mordfälle spielen im Intellektuellenmilieu, doch wozu Kommissar Charitos sonst mehrere Tage und diverse Kaffees und Croissants benötigt, ist diesmal innerhalb weniger Seiten geklärt. Wer Markaris vor allem wegen Kommissar Charitos liest, wird am Ende des Buches nicht ganz zufrieden sein. Denn vom Kommissar nur kurz zu lesen, macht schon wieder Lust auf mehr.


Petros Markaris - Der Tod des Odysseus

Petros Markaris – Der Tod des Odysseus | Copyright: Diogenes Verlag AG

Petros Markaris

Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger

Der Tod des Odysseus
192 Seiten
erschienen am 26. Oktober 2016

978-3-257-06979-2
€ (D) 22.00 / sFr 30.00* / € (A) 22.70
* unverb. Preisempfehlung

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!