Leon de Winters „Geronimo“: Zwischen Bach, Goldberg und bin Laden

Osama bin Laden lebt – Zumindest im Roman

Osama bin Laden wurde 2011 nicht von US-amerikanischen Elitesoldaten erschossen, sondern gefangen genommen und stattdessen ein Doppelgänger als „Bauernopfer“ erschossen. Zumindest ist das der Aufhänger und Rahmen von Leon de Winters neuestem Roman „Geronimo“. Herausgekommen ist ein Polit-, Action- und Agententhriller der Verschwörungstheorien, tragisches Scheitern und Heldentaten, Verlust und Liebe sowie vereint.

„Kill or capture“  oder „Kill no capture“?

Unter dem Decknamen „Geronimo“ startete eine US-amerikanische Eliteeinheit der Navy Seals die Aktion im Mai 2011 zur Ergreifung des meist gesuchten Terroristen der Welt: Osama bin Laden. Diese endete mit dem Tod bin Ladens. Wenn es sich denn so zutrug – Was hier nicht bezweifelt werden soll. Doch Leon de Winter dichtet die Geschichte um und lässt bin Laden an diesem 2. Mai 2011 nicht sterben, sondern einen unschuldigen Doppelgänger. All das geplant und durchgeführt von eben dieser Spezialeinheit, um den Terroristen nicht einfach zu töten, sondern in Den Haag vor den internationalen Gerichtshof zu stellen. Doch das erweist sich als schwierig und für einige Beteiligten sogar als tödlich. Denn Osama besitzt Informationen, mit denen er den US-amerikanischen Präsidenten erpressen kann und will…

Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive des ehemaligen Delta Forces Mitglieds  Tom Johnson, Sohn eines jüdisch-russischen Musikerpaare. Dieser schied nach einer Verwundung in Afghanistan aus dem Dienst aus und finanziert sich seitdem mit hochdotierten Jobs in der privaten Sicherheitsbranche, ist aber immer noch mit seinen ehemaligen Seals Kameraden befreundet ist und wird so zufällig in die Aktion „Geronimo“ involviert.

Doch nicht nur die körperliche Verletzung setzt(e) Tom zu, sondern noch mehr zwei seelische: Einerseits der Verlust seiner Tochter, die 2004 – zur Zeit Toms Afghanistan Aufenthalts – ein Opfer der Zuganschläge von Madrid wurde. Andererseits die Suche nach der jungen Afghanin Apana, die als Tochter eines afghanischen Dolmetschers während des Afghanistaneinsatzes im amerikanischen Lager durch Tom die Goldberg-Variationen kennen- und so die Musik lieben lernte. Doch genau diese Liebe wurde ihr zum Verhängnis. Sie wird bei einem Überfall der Taliban beim Hören der westlichen Musik erwischt und aus dem Lager verschleppt, misshandelt und verstümmelt. Da sich Tom für ihr Schicksal verantwortlich fühlt, begibt er sich auf die Suche, um sie in die USA zu holen und zu adoptieren. Und genau hier vereinen sich die beiden Handlungsstränge: Denn Apana fand nach der Flucht vor den Taliban Unterschlupf bei Jabbar und seiner Mutter, die durch ihre Zugehörigkeit zum Christentum selbst zu einer verfolgten Minderheit in Pakistan gehören, um dann ausgerechnet nachts von einem älteren Herrn auf dem Moped entführt zu werden. Bei diesem Mann handelt es sich um niemand anderen als Osama bin Laden.

Thriller, Verschwörungsroman und Fiktion

Leon de Winter geizt in „Geronimo“ nicht mit Handlungssträngen und Personen oder dem Spiel mit zeitlichen Ebenen und Orten, gleichzeitig bedient er sich religiöser Motive (oder Klischees), überzeichnet, karikiert diese mitunter und nicht zuletzt spielen Gewalt, Verrat, Liebe, Verlust und die Kraft der Musik eine immense Rolle. All das führt dazu, dass dieser Roman zwar eine Verschwörungstheorie zu Grunde legt, aber dennoch (so verrückt wirkt Amerika – erst recht nach dem Ausgang der US-Wahl 2016 zu urteilen) noch nicht einmal vollkommen abstrus ist. Noch dazu entwickelt sich daraus ein internationales Geheimdienstverwirrspiel. Denn das entscheidende Geheimnis, womit Bin Laden meint, den amerikanischen Präsidenten aus Sicht der demokratischen, westlichen Welt zu diskreditieren, wird immer wieder zwar angedeutet, aber erst am Ende aufgelöst.

Obwohl also de Winter in beinahe jedem Kapitel durch sein Personeninventar, durch die Zeit und die Kontinente springt, droht man nie, den Anschluss zu verlieren. Denn dafür wird die Handlung einfach schlüssig erzählt. Dermaßen spannend und rührend, teilweise trotz der Brutalität sogar amüsant, schreibt der niederländische Autor, dass sich die knapp 450 Seiten zu einem wahren Pageturner entwickeln. Vor allem die Schilderungen um Apana so wie die damit in Verbindung stehende Bedeutung der Goldberg Variationen für Tom und Apana sind zu betonen. Hier wird deutlich, welche überwältigende Kraft, welches Geheimnis Musik birgt und wie Musik Menschen und Kulturen verbinden kann. Und auch wie verletzlich dieser körperlich starke US Elitesoldat ist, weil de Winter versucht, ihn mit der Rettung Apanas sein „Versagen“ als Vater der eigenen Tochter kompensieren zu lassen.

Allein die Darstellung Osama bin Ladens als Mensch mit Schwächen für Schokolade oder Zigaretten und (Viagra benötigender ) Liebhaber wirken kurzfristig verstörend, weil sie das Bild des Terroristen und Massenmörders aufbrechen und ihn als „Inbegriff des Bösen“ fast schon banalisieren. Hier führt de Winter seine Linie vielleicht nicht konsequent genug zu Ende.


Leon de Winter – „Geronimo“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Leon de Winter – „Geronimo“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Leon de Winter

Geronimo
448 Seiten
erschienen am 01. September 2016

978-3-257-06971-6
€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70
* unverb. Preisempfehlung

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

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