Martin Walkers „Eskapaden“ – Bruno Courrèges auf Umwegen

Der achte Fall für den Chef de Police

Nach der Geburtstagsfeier des angesehenen französischen Flieger- und Kriegshelden Marco Desaix, von allen nur als „Patriarch“ bezeichnet, stirbt dessen Freund Gilbert Clamartin an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums. Was aufgrund seiner „Alkoholikerkarriere“ zuerst wie ein tragischer Unfall erscheint, weckt bei Bruno Courrèges schnell Misstrauen. Zu schnell wurde Gilbert eingeäschert. Soll hier etwa ein Mord vertuscht werden und wer hatte ein Interesse am Tode Gilberts?

Bruno Courrèges: Ermittlungen zwischen Familien- und Zeitgeschichte

Als Bruno Courrèges zum runden Geburtstag seines Jugendhelden Marco Desaix, einem alten Fliegerhelden des „Grande Guerre“, eingeladen wird, kann er den Stolz und die Aufregung vor dem Treffen kaum verbergen. Aufgrund der Heldentaten aus längst vergangenen Zeiten entwickelt sich ein rauschendes Fest mit lokaler Prominenz, Familie, Freunden und ehemaligen Weggefährten, welches in einer Fliegershow zu Ehren des Jubilars mündet..

Doch am nächsten Morgen ist die Katerstimmung groß, als Gilbert Clamartin, der beste Freund von Marco Desaix, tot aufgefunden wird – erstickt an seinem eigenen Erbrochenen. Schnell wird der Totenschein ausgefüllt, deutet doch dessen Alkoholproblem auf einen „natürlichen“ Tod. Als Gilbert jedoch auch unmittelbar eingeäschert wird, entstehen bei Bruno Zweifel, so dass er anfängt nachzuforschen.

Schritt für Schritt deckt Bruno Geheimnisse aus der Vergangenheit auf: Geheimnisse über alte geheimdienstliche Verstrickungen aus Zeiten des Kalten Krieges, die bis in die Gegenwart hineinreichen, ein ominöser Treuhandfond und ein so nicht zu erwartendes Testament sorgen ebenfalls für Verwirrung. Immer mehr kommen bei Bruno Zweifel am Heldenstatus von Marco Desaix auf. Verehrt er etwa einen Mörder oder zumindest einen Mitwisser?

Als wäre das alles nicht kompliziert genug, muss sich der Chef de Police um einige Nebenschauplätze kümmern. So gilt es, eine unbelehrbare und radikale, ihr Rotwild liebende Tierschützerin mit vor sich selbst und gegenüber den Anfeindungen der Jäger  zu schützen. Denn eines „ihrer“ Rehe sorgt für einen tödlichen Verkehrsunfall, der auch Auswirkungen auf die Lokalpolitik – und die Ermittlungen -hat. Und dann wären da noch die Liebesprobleme mit Pamela, eine Affaire Brunos …

Verlorene rote Fäden und Brunos Fehltritte: Ein Krimi nicht ohne Makel

Nachdem es im siebten Fall („Provkateure“) um den Dorfpolizisten Bruno Courrèges fast zuging wie in einem amerikanischen Thriller, kommt dieser Kriminalroman fast schon behäbig daher. Mitunter fühlt man sich beim Leser unweigerlich an den britischen (Serien-)Inspector Barnaby erinnert: Ermittlungen in mittlerweile gewohnter und liebgewonnener Landschaft und dörflicher Gesellschaft. Dabei besitzen die vermeintlichen Hintergründe der Tat gar keinen dörflichen Charakter.

Wie fast in jedem bisherigen Krimi um Bruno bemüht sich Martin Walker, sein historisches Wissen und Verständnis in der Ausgestaltung der Handlung einzubauen. Die Ereignisse und Verstrickungen von Marco Desaix‘ und Gilbert Clamartins während des Kalten Krieges sind durchaus spannend, auch wenn bei den zahlreich auftauchenden Personen Verwirrung entstehen kann. Hier verzettelt sich Walker bei der Verknüpfung der roten Fäden, so dass manches bisweilen zu konstruiert und unlogisch anmutet.

Doch nicht nur die Vergangenheit weiß Walker zu nutzen, sondern auch tagesaktuelle politische Diskussionen, Trends und Geschehnisse. Diesmal in Person der Tierschützerin, deren Verhalten und der tödliche Unfall durch eines, der von ihr beschützten Rehe, sowohl den Dorffrieden als auch ihr eigenes Leben bedrohen. Die bereits angedeuteten, möglichen Konsequenzen für die Lokal- bzw. Regionalpolitik wären jedoch weitreichender. So droht der Aufstieg einer zwar wortgewandten, aber rechtskonservativen Politikerin: Madeleine Desaix, der Tocher von Marco Desaix. Und ausgerechnet dieser Frau droht Bruno zu verfallen.

Obwohl Brunos aufkeimenden Gefühle durchaus menschlich anmuten, wirkt der sonst so sympathische und gerechtigkeitsliebende Bruno unsympathisch, weil er sich zur eloquenten und attraktiven aber rechtskonservativen Madeleine hingezogen fühlt. Das widerspricht dem Bild, welches Walker in den bisherigen Bruno-Krimis entwarf. Zur Ehrenrettung Brunos (und Martin Walkers) darf erwähnt werden, dass es bei diesem einen Tête-à-Tête bleibt – Auch wenn die titelgebende Eskapade eine andere ist…

Trotz aller Kritik lässt sich Brunos neuester Fall am Stück gut lesen, das liegt am altbekannten und bewährten Setting: Die Dorfgemeinschaft mit all ihren Eigenheiten und ihres Zusammenhalts kommt ebenso wenig zu kurz, wie die Leidenschaft für die lokale französische Küche und den Wein oder die Beschreibung von Land und Menschen. Genau dies macht eben den Charme der Krimi-Reihe aus, so dass die genannten Schwächen zu verzeihen sind.


Martin Walker "Eskapaden" Cover

Martin Walker – „Eskapaden“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Martin Walker

Eskapaden

Roman, Hardcover Leinen, 400 Seiten
Erschienen im Mai 2016

ISBN 978-3-257-06968-6
€ (D) 24.00 / (A) 24.70 / ca. sFr 32.00*
* unverb. Preisempfehlung

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

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Sue Hubbell: Leben auf dem Land

Die verschiedensten Vogelarten sitzen zwitschernd in den Bäumen und Sträuchern, die das große Grundstück von Sue Hubbell umgeben. Sie steht mit einem Fernglas in der Hand vor ihrem Haus und schaut dem bunten Treiben zu. Ihre nächsten Nachbarn wohnen außer Sichtweite. Autolärm, Feinstaub oder nervige Handytöne sucht man hier vergebens. Welch ein Traum, denkt sich der gestresste Städter und beginnt, vom Landleben zu träumen. Doch diesen Traum lässt Sue Hubbell mit ihrem Buch schnell platzen.

Vom Leben in, mit und von der Natur

Das Buch ist unterteilt in die vier Jahreszeiten. Zu jeder Jahreszeit erzählt Sue Hubell von ihrem Leben auf einer Farm in den Ozarks, einer Hochlandregion in den USA, die sich über die Staaten Missouri, Oklahoma sowie Kansas erstreckt. Früher lebte sie mit ihrem Mann Paul auf der Farm, doch seit ihrer Trennung ist sie auf sich allein gestellt. Fast allein, denn mit ihren 300 Bienenvölkern, zwei Hunden, Hühnern und einem Kater hat sie doch allerlei Gesellschaft. Und vor allem viel Arbeit. Als gewerbsmäßige Imkerin ist sie im Frühling und Sommer zehn bis zwölf Stunden am Tag mit ihren Bienen und dem Honig beschäftigt. Im Herbst und Winter geht sie auf Verkaufstour oder beklebt an langen Abenden die Honiggläser mit Etiketten. Ihr Leben wird von der Natur und den Tieren bestimmt.

Obwohl sie studierte Biologin ist, lassen Flora und Fauna sie immer wieder staunen und geben ihr Rätsel auf: Da sind zum Beispiel Parasiten, die ihre Eier nur in eines der Ohren eines Nachtfalters legen, damit dieser nicht ganz taub wird und weiterhin die Ultraschallrufe der Fledermaus hören kann, um nicht zu ihrer nächsten Mahlzeit zu werden. Oder die Prozessionsspinnerraupen, die sich nur im Gänsemarsch fortbewegen. Die Raupe an der Spitze der Reihe ist immer die Anführerin, egal welche Raupe man an die Spitze setzt. Wozu das gut sein soll? Eine der vielen unbeantworteten Fragen, die Sue Hubbell an das Leben hat und die sie antreiben, jeden Morgen aus den Federn zu kriechen, um vielleicht doch eine Antwort zu bekommen. Doch Sue Hubbell berichtet auch von ihren Mitmenschen und deren Umgang mit der Natur und diese verhalten sich oft nicht weniger seltsam als die Tiere, von denen sie umgeben sind.

Kurzweilig und lehrreich, aber nicht romantisierend

Der Titel des Buches ist etwas irreführend. Für deutsche Begriffe mutet das von der amerikanischen Autorin beschriebene Leben auf dem Land eher wie ein Leben in der Wildnis an: Wilde Truthähne, Kojoten, giftige Spinnen gehören zu Sue Hubbels Alltag, obwohl sie eigentlich nur Bienen züchtet. Aber auch die sind nicht ganz ungefährlich, wie ihr Neffe beim Honigernten zu spüren bekommt und „in den Herzen der Bienenköniginnen wohnt sogar Mord“. Die kurzen Beiträge haben Tagebuchcharakter, weshalb man das Buch auch nicht in einem durch lesen muss. Nach jeder Episode könnte der Leser das Buch zur Seite legen – was ich aber garnicht wollte. Denn die klugen, witzigen und berührenden Geschichten in diesem Buch sind zu kurzweilig, um nicht mehr lesen zu wollen.

Dagegen sucht man in Sue Hubbells Beschreibungen vergebens nach romantisierten Vorstellungen des Landlebens. Der Leser lernt viel über „exotische“ Pflanzen und Tiere, samt ihren lateinischen Namen. Wer schon lange von einem Leben auf dem Land träumt (auch wenn unser Landleben natürlich nicht mit dem in den USA zu vergleichen ist), lernt aber vor allem Eines: „Sie möchten ein einfaches Leben führen, aber sie machen sich nicht klar, dass das Leben so einfach oder so kompliziert ist wie der Mensch, der es führt und dass jemand, der das Leben in der Stadt als erdrückend empfindet, es hier, (…), noch erdrückender finden wird.“ (S.248)


Buchcover Leben auf dem Land von Sue Hubbell

Sue Hubbell – „Leben auf dem Land“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Sue Hubbell

Leben auf dem Land

Hardcover Leinen, 272 Seiten
Erschienen im Mai 2016

ISBN 978-3-257-06960-0
€ (D) 22.00 / (A) 22.70 / sFr 30.00*

* unverb. Preisempfehlung

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!