Martin Walkers „Provakateure“ – Bruno Courrèges in Action

Der siebte Fall für den Chef de Police

Bereits zum siebten Mal lässt Martin Walker im kleinen Saint-Denis Bruno Courrèges, den Chef de Police, einen Mord aufklären. Doch diesmal nehmen die eigentlichen Ermittlungen nur einen geringen Platz ein. Im Vordergrund der Handlung steht die Zeitgeschichte rund um die französische Beteiligung in Afghanistan. So entpuppt sich „Provokateure“ mehr als zeitgeschichtlicher Roman denn als Krimi, ohne dabei an Spannung zu verlieren.

Mord, Terrorismus und Nationalsozialismus

Als wäre der strömende Regen und die bedrohte Weinernte nicht schon Anlass zur Sorge genug, wird Bruno Courrèges als Chef de Police von Saint-Denis zum Schauplatz eines grausigen Mordes gerufen. Obwohl er als Polizist und ehemaliger Soldat bereits viele Leichen gesehen hat, gruselt ihn der Anblick des Toten: halbnackt, gefesselt und verbrannte Füße – wahrlich kein schöner Anblick. Und dann stellt sich auch noch recht zügig heraus, dass es sich um Rafiq, einen muslimischen Undercover-Agenten, handelt, der Bruno erst kurz vorher um Hilfe bat. So muss sich Bruno fragen, was dieser wollte und wie das mit dem Mord zusammenhängt.

Mit der Mail eines ehemaligen Armeekameraden kündigen sich weitere Probleme an: In der afghanischen Armeestation Nijrab habe sich ein junger Franzose gemeldet und behauptet, er sei Sami Belloumie, käme aus Saint-Denis und wolle wieder heim. Und tatsächlich identifiziert Bruno den ausgepeitschten und anscheinend traumatisierten jungen Mann als Neffen und Ziehsohn des Lehrers Momu. Doch wie kam Sami nach Afghanistan? Denn für den autistischen Jungen und Schüler einer Sonderschule in Toulouse wurde nie ein Reisepass beantragt. Noch komplizierter wird es, weil man Sami unterstellt für die Taliban Bomben gebaut zu haben und sich deswegen auch die USA einschalten. Zumal Sami zwar Autist ist und sich mit Menschen schwer tut, aber technisch als äußerst begabt gilt.

Dann wäre da noch eine alte reiche Israelin und Jüdin, die Saint-Denis eine hohe Summe Geld vererben will, weil sie und ihr Bruder zu Zeiten des Nationalsozialismus vor der Verfolgung und Ermordung durch die Nationalsozialisten versteckt wurden. Doch für das Erbe stellt sie Bedingungen. So wird Bruno nicht nur von den Ermittlungen rund um den Mord und das Geschehen um Sami in Beschlag genommen, sondern auch durch seinen Einsatz für das Gemeinwohl seines Heimatortes. Und auf einmal überschlagen sich die Ereignisse…

Bruno Courrèges einst Dorfpolizist, nun Actionheld

Dieses Mal lässt es Martin Walker in Saint-Denis richtig krachen und das ist wortwörtlich zu verstehen. Action und Gewalt, Schießereien, gepanzerte Fahrzeuge nehmen einen großen Platz im siebten Fall um den Chef de Police ein, der sich auch noch mitten im Geschehen befindet. Einerseits ist die Rahmenhandlung um Frankreichs Beteiligung an der „Befriedung“ Afghanistan spannend: Martin Walker deutet an, welche Auswirkungen sich für Frankreichs innere Sicherheit ergeben könnte. Vor den Ereignissen rund um den Anschlag auf die Zeitschrift „Charlie Hebdo“ sind diese Schilderungen sogar durchaus vorstellbar. Andererseits bleiben gerade die Hintergründe nur angedeutet. Gut, hier könnte man anmerken, dass es sich um einen Krimi handelt. Doch wenn Martin Walker diesen Hintergrund zum Aufhänger des Falles macht, dürfte er ihn noch weiter ausführen.

Verloren gegangen sind zwei Dinge: die Spannung – viel zu schnell ist der Mord aufgeklärt – und auch der Charme des romantischen Perigords. Die Rolle des ruhig ermittelnden Brunos wurde dieses Mal gegen die eines Actionhelden eingetauscht. Die Funktion des Dorfpolizisten, der sich voller Leidenschaft für „seinen“ Ort einsetzt, findet sich zwar bei den Schilderungen zu Samis Schicksal wieder, noch deutlicher wird sie jedoch, wenn Walker Bruno wieder einmal in die Zeit des Nationalsozialismus und dessen Auswirkungen auf die Gegenwart eingreifen lässt. Hier zeigt sich nach wie vor der alte Bruno.

Auch in einer anderen Hinsicht hat Walker keine Korrekturen am Chef de Police vorgenommen: Im Liebesleben ist Bruno weiterhin wechselhaft. Mal ist es Isabell – oder eben doch nicht mehr? -, dann Pamela und nun hält eine neue Frau Einzug. Vielleicht würde auch hier ein wenig Konstanz gut tun.

Trotz aller Kritik ist Marin Walker mit „Provokateure“ ein unterhaltsamer Roman gelungen, der mit den bislang gewohnten Bruno-Krimis ein wenig bricht. Vielleicht liegt es eben an der Erwartungshaltung, dass man zumindest in Bezug auf die Ermittlungen und den Mordfall ein wenig sehnsüchtig auf die „älteren“ Fälle zurückblickt.


Martin Walker "Provokateure" Cover

Martin Walker – „Provokateure“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

 

Martin Walker

Provokateure

Roman, Hardcover Leinen, 320 Seiten
Erschienen im März 2015

ISBN978-3-257-06920-4
€(D) 23.90 / (A) 24.60

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Sophie Bonnets „Provenzalische Verwicklungen“ – ein kulinarischer Krimi

Pierre Durands erster Fall: Ein Verbrechen aus Leidenschaft?

Im idyllischen, provenzalischen Örtchen Sainte-Valérie, dort, wo andere Leute Urlaub machen, lässt die deutsche Autorin Heike Koschkyk – unter dem Pseudonym Sophie Bonnet – ihren Kommissar Pierre Durand ermitteln. Der Dorfcasanova Antoine Perrot wird tot in einem Weinfass eines Luxushotels gefunden, passenderweise mit einem Rezept für Coq au Vin. Wer, wenn nicht ein in seiner Ehre gekränkter Ehemann sollte der Mörder sein?

Schwierige Ermittlungen: Ein Dorf hält dicht

Weinberge, zirpende Grillen, ein kleines Dorf mitten in der Provence und doch kommt es auch dort zu Kapitalverbrechen. Im Weinkeller des Hotels Domaine des Grès schwimmt in einem Weinfass die Leiche von Antoine Perrot – in Sainte-Valérie kein unbeschriebenes Blatt. Er gilt als Lokalcasanova, der auch vor verheirateten Frauen keinen Halt machte. Genau das lässt Kommissar Durand vermuten, dass ein gehörnter Ehemann der Täter sein könnte. Doch Durand tut sich schwer, an die Dorfbewohner heranzukommen: Zu eingeschworen ist die Gemeinschaft, hier hält man noch zusammen. Zumal Durand als ehemaliger Pariser nicht gerade das Vertrauen der Einheimischen genießt.

Nicht nur der Fall hat seine Tücken, sondern auch im Privatleben läuft für den Kommissar der „Police Municipale“ vieles nicht nach Plan. Seine Mitarbeiterin und Geliebte Celestine verlässt ihn und kündigt sogar ihre Anstellung bei der Polizei, so dass er auf ihre Mithilfe verzichten muss. Außerdem holt ihn mitten in diesem komplizierten Fall seine Pariser Vergangenheit ein, weswegen er sogar von den Ermittlungen abgezogen wird. Doch nicht nur die Dorfbewohner sind stur, auch Durand will wissen, wer hinter dem Mord steckt und setzt sich über das Ermittlungsverbot hinweg…

Charmanter Krimi mit viel Lokalkolorit

Mit diesem ersten Fall reiht sich Sophie Bonnet (oder eben Heike Koschyk) in die beständig größer werdende Szene von Krimis ein, die in einer französischen Region angesiedelt sind. Den Anfang machte bereits 2009 Martin Walker mit seinem „Chef de Police“ Bruno Courrèges im Perigord, dem dann 2012 Jean-Luc Bannalec mit Kommissar Georges Dupin in der Bretagne folgte (wobei sich diese Liste um einige weitere Autoren verlängern ließe). Und nun also auch noch Pierre Durand in der Provence. Bonnet legt einen kurzweiligen Urlaubskrimi vor, der locker wie spannend geschrieben ist. Genauso wie bei Martin Walker spielt auch die französische Lebensweise, inklusive der Schilderungen von kulinarischen Köstlichkeiten, mehr als nur eine Nebenrolle.

Dabei wird jedoch die kriminalistische Handlung nicht vernachlässigt: Der Fall ist kompliziert, gerade wegen der sturen Dorfbewohner – nicht minder stur: der Kommissar. Hartnäckig trotzt dieser allen Nackenschlägen und ermittelt trotz der Widerstände weiter. Am Ende wundert sich man über die Auflösung, die gerade zu Beginn nicht zu erwarten war. „Provenzalische Verwicklungen“ als Ttitel ist dabei treffend gewählt, ohne mehr verraten zu wollen.

Mir gefiel vor allem der Umfang und die Schilderungen Pierre Durands. Dass das Privatleben der Kommissare in allen bereits erwähnten Fällen – egal ob Bruno bei Walker oder Dupin bei Bannalec – einen großen Platz einnnimmt, ist mittlerweile üblich. Aber, und das ist der große Unterschied, Durands Liebesleben ist anders. Er wird zwar von Celestine verlassen und bändelt auch zügig mit einer neuen Frau an, wechselt dann jedoch nicht dauernd seine Liebschaft(en). Vielleicht dachte sich Sophie Bonnet einfach, dass ein Weiberheld für den Krimi reicht. Ausreichend Potential für weitere Fälle besitzt Kommissar Durand definitiv (der zweite Band „Provenzalische Geheimnisse“ erschien unlängst). Zum sympathischen Chefermittler gesellen sich seltsame Typen und Charaktere, beispielsweise der gegensätzliche Assistent und die zahlreichen Tatverdächtigen.

So gelang Sophie Bonnet mit „Provenzalische Verwicklungen“ ein Krimidebut um einen kauzigen Kommissar, der in einem skurrilen Fall inmitten schöner Landschaften ermitteln muss oder darf. Für anstehende Sommerurlaube – unabhängig von der Provence – absolut empfehlenswert.


Bonnet Provenzalische Verwicklungen

Sophie Bonnet – „Provenzalische Verwicklungen“ | Credit: blanvalet

Sophie Bonnet

Provenzalische Verwicklungen
Ein Fall für Pierre Durand

Paperback, 320 Seiten

ISBN: 978-3-7645-0512-7
€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 20,50