Martin Suters „Montecristo“ – (K)eine sichere Bank?

Ein Wirtschaftsthriller im Schweizer Finanzsektor

Dass Martin Suter sich mit Wirtschafsthemen auskennt hat er mit seinen „Business Class“-Kolumnen bewiesen. Dass er Krimis kann ebenfalls. In „Montecristo“ lässt er den Videojournalisten Jonas Brand in einen Finanzskandal stolpern, der Ansichten und das Vertrauen in den Bankensektor weiter schwinden lässt.

Jonas Brand, ein Enddreißiger und von Beruf Videojournalist, sitzt im Intercity als dieser auf offener Strecke abrupt stehen bleibt: Ein Mann stürzte aus dem Zug und starb. Schnell zückt Brand seine Kamera, filmt so gut es nur geht die Unglücksstelle mitsamt dem Toten und interviewt anschließend seine Mitreisenden. Aus der Absicht daraus einen Beitrag fürs Fernsehen zu erstellen wird nichts, so lässt er das Material liegen. Denn so richtig brennt er nicht für diesen Job als VJ für Lifestyle-Magazine. Doch solange sein großer Traum als Filmschaffender nicht in Erfüllung geht, muss er sich ja irgendwie über Wasser halten.

Nur wenige Wochen später hält Brand zwei Hundertfrankenscheine in den Hände und stellt verwundert fest: Beide haben die identische Seriennummer und wirken auch sonst nicht wie Fälschungen. Deren Echtheit bestätigt ihm dann ebenfalls sein Bankberater. Das weckt Brands journalistische Neugier und er beginnt zu recherchieren: im Bankensektor und bei der Schweizer Notenbank. Dabei macht er ungeheure Erkenntnisse, stößt auf taube Ohren, Ablehnung und Widerstände. Je weiter er nachforscht, desto größer wird nicht nur die Gefahr für sein leben, sondern auch von Freunden und Arbeitskollegen. Auf einmal erlangt sein Videomaterial des Suizids wieder Bedeutung – und die Frage entsteht: War das überhaupt Suizid? Wer mischt hier mit und aus welchen Gründen? Plötzlich scheint sich auch Brands Traum vom eigenen Filmprojekt zu erfüllen. Allerdings nur unter der Voraussetzung, die Recherchen einzustellen…

Fiktion, die durchaus Realität sein könnte

Noch gar nicht so lange ist die weltweite Banken- und Finanzkrise mit ihren zu geringen Eigenkapitalanteilen her und genau in diesem Umfeld siedelt Martin die Handlung von „Montecristo“ an. So fesselnd und fasziniert liest sich der Krimi, der mehr ein Thriller ist, dass man ihn am liebsten nicht aus der Hand legen möchte. Wortgewandt und voller scharfer Ironie lässt Suter kaum ein gutes Haar an den Mächtigen der Finanzbranche. Wie er hier früher unvorstellbare Verwicklungen und Mittel der Vertuschung beschreibt, bewirken nur ein Kopfschütteln. So fiktiv die Handlung auch ist, so vorstellbar ist sie. Schließlich ist Geld gleichzusetzen mit Macht – Macht über Menschen und den Staat. Eine Macht, die jedes Mittel legitimiert.

In Jonas Brand hat „Montecristo“ einen Protagonisten, der plötzlich seine journalistische und investigative Leidenschaft entdeckt. Diese wird aber immer wieder gebrochen, weil er doch noch seinen Traum leben darf – doch die Bedingungen sind hoch. So muss er sich entscheiden: Will ich mich verwirklichen oder den Skandal aufdecken?! Eine Frage, die man sich als Leser auch stellen sollte. Brand wird als Charakter beschrieben, der sich entfaltet und doch stets widersprüchlich bleibt.

Am Ende wird der Finanzskandal zwar aufgeklärt, aber konventionell ist die Auflösung ganz und gar nicht. Eigentlich bleiben sogar mehr Punkte offen als geklärt und das sogar entscheidende: Wie sicher ist unser Geld bei den Banken überhaupt? Wie sind Gesetze und Allgemeinwohl in Einklang zu bringen? Wie würde ich mich verhalten?


 

Martin Suter - "Montecristo"

Martin Suter – „Montecristo“ | Copyright: Diogenes Verlag AGMontecristo

 

Martin Suter

Montecristo

Roman, Hardcover Leinen, 320 Seiten
Erschienen im März 2015

ISBN978-3-257-06920-4
€(D) 23.90 / (A) 24.60

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

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