„Auf beiden Seiten“ – der Grenze und der Familie(n)

Lukas Hartmanns Roman ist Zeitgeschichte und Familienroman

1989: Die Mauer fällt und nicht für Deutschland und Europa hat das Folgen, auch für die Schweiz —  der Fichenskandal und die Aufdeckung der Geheimorganisation P-26 sind hier die Stichworte. Diese sind der Aufhänger für den Roman des Schweizer Autors Lukas Hartmann. Geschickt verbindet er die Auswirkungen dieses Epochenjahres mit dem Leben der drei Hauptfiguren Mario, Dr. Armand Gruber, Karina und ihren Familien. Vielleicht zu geschickt.

Mario Sturznegger, einst kritischer, linker Journalist und nun bei einem Familienmagazin angestellt, und den ehemaligen Deutschlehrer Dr. Armand Gruber verbindet und trennt vieles. Einst war Mario der Lieblingsschüler von Gruber, um sich dann von ihm, dem Adalbert Stfiter Fachmann, Hauptmann der Schweizer Armee und Antikommunisten zu entfremden. Auch die Hochzeit zwischen Mario und dessen Tochter Bettina, die sich immer schon gegen ihren Vater auflehnte, sorgte nicht für Entspannung. Zumal sich nicht nur Marios und Grubers Überzeugungen gegensätzlich entwickelten, sondern auch die Ehe mit Bettina scheiterte.

Von einer Afrikareise zurückkehrend wird Mario vom Mauerfall und der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze überrascht. Dabei war er kurz zuvor noch für eine Reportage bei einem Künstlerfreund in der DDR. Noch größer ist die Überraschung als Gruber zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer im Pflegeheim Mario und seiner Tochter offenbart, Mitglied der geheimnisvollen (Widerstands-)Organisation P-26 gewesen zu sein, die eine Schweizer Exilregierung im Falle eine sowjetischen Überfalls auf die Schweiz unterstützen sollte. Auch Karina, Anwältin und die beste Freundin Bettinas, wusste nichts von all den Skandalen, die nach und nach ans Licht der Öffentlichkeit traten. Dabei war sie als Tochter des Hausmeisters beim Schweizer Geheimdienst räumlich den Geheimnissen am Nächsten von allen Beteiligten.

Geschichte und Familie: Gemeinsamkeiten und Gegensätze

„Auf beiden Seiten“ der Alpen gibt es bei allen Gegensätzen zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen der Schweiz und der DDR, so unterschiedlich die Systeme auch sind. „Kapitalismus“ und freie Bürger auf der einen Seite, Kommunismus und Überwachung des Einzelnen auf der anderen Seite. So dachten wohl viele Schweizer (und Europäer); doch mit dem Fichenskandal und der Aufdeckung der Organisation P-26 (P stand für Projekt und 26 für die Anzahl der Schweizer Kantone) zeigten sich Risse in diesem einseitigen Bild. Dafür sorgt auch Hartmanns Darstellung des zeitgeschichtlichen Rahmens.

Doch eigentlich ist es eben nur der Rahmen für die Geschichte dreier Familien und da sogar nur über das Verhältnis dreier Väter zu den Kindern: Dr. Armand Gruber & Tochter Bettina, Mario Sturznegger & seinem Vater (einem Orthopädieschuhmacher) sowie Karina & ihrem Vater „Vau“. Beim Lesen stellt sich die Frage: Wie viel wissen die Protagonisten über ihre Väte? Insgesamt haben weder Mario, Bettina noch Karina ein unkompliziertes Verhältnis zu ihren Vätern. Alle drei versuchen, ihren Weg zu gehen und entfernen sich so von ihrem Elternhaus. Auch wenn sie sich immer mal wieder einander annähern, folgt doch letztendlich nur die weitere Entfremdung.

Alle drei Väter sind ihren Charakterzügen nach von Hartmann sehr ähnlich angelegt: Geprägt vom Zweiten Weltkrieg, sind sie konservativ in ihren Ansichten, fast schon kleinbürgerlich. Das zeigt sich beispielsweise in der gemeinsamen Leidenschaft Grubers und Marios Vaters für die Philatelie. Dass die Erfahrungen und Sorgen des Zweiten Weltkrieges vielleicht auch für den Fichenskandal und P-26 verantwortlich sind, könnte man zwischen den Zeilen herauslesen. Schließlich drohte bereits während der Jahre 1939-45 für die Schweiz eine Invasionsgefahr, nur eben von Nazideutschland und nicht von der UdSSR. Daher ist Grubers Haltung und in Ansätzen nachvollziehbar.

Poetische Sprache einer anspruchsvollen Lektüre

Eines ist klar: Hartmann will viel, viel mit seinem Roman sagen und verlangt dadurch viel von seinen Lesern. Denn, wenn der Roman etwas nicht ist, dann einfach zu lesen. Aus drei Sichtweisen, fast schon tagebuchartig, treibt er die Handlung voran. Wobei Vorantreiben der falsche Begriff ist, denn außer den wechselnden Perspektiven springt der Roman auch in den Zeitebenen. Dafür ist die Sprache von Lukas Hartmann fast schon poetisch: viele Vergleiche und beschreibende Adjektive sorgen für eine bildliche, geräusch- und gefühlvolle Darstellung. Die Sätze sind mitunter wie ein Fluss, aneinanderreihend, mit Kommas getrennt, atemlos, ohne dabei hektisch zu wirken.

Trotzdem ist es eben kein Buch, das man mal eben so liest. Zu kompliziert sind die geschichtlichen Verhältnisse und die familiären Verstrickungen. Für den Leser, der die beschriebene, jüngere Schweizer Geschichte nicht kennt, wird die Lektüre noch ein wenig komplizierter. Wer sich jedoch auf die komplexe Handlung und deren Darstellung einlässt, noch dazu bereit ist, sich darüber hinaus über die Schweiz des Kalten Krieges zu informieren, darf sich auf einen spannenden und zugleich nachdenklichen Roman freuen, der jedoch Fragen offen- oder zumindest neue entstehen lässt. (Wieviel weiß ich eigentlich von meiner Familie? oder: Ist der Staat/das System in dem ich lebe wirklich besser oder anders als der-/dasjenige, den/das wir kritisieren?)

Lukas Hartmann "Auf beiden Seiten" Roman

Lukas Hartmann – „Auf beiden Seiten“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Lukas Hartmann

Auf beiden Seiten

Roman, 336 Seiten
Erschienen im April. 2015

ISBN 978-3-257-06921-1
€(D) 23.90 / (A) 24.60

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

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