Welttag des Buches: (einige) Lieblingsbücher

Heute vor 20 Jahren, am 23. April 1995, rief die UNESCO den Welttag des Buches ins Leben. Inspiriert wurde sie dabei von einem katalanischen Brauch: Dort ist es Tradition anlässlich des Namenstages des Heiligen St. Georg Rosen und Bücher zu verschenken. Als wäre das nicht schon Grund genug, ist der 23. April zugleich der Todestag des Dramatikers, Lyrikers und Schauspielers Willliam Shakespeare und Spaniens Dichter Miguel de Cervantes. Und wenn schon alle Welt über Bücher spricht, möchte ich die Gelegenheit nutzen, meine Lieblingsbücher kurz und knapp vorzustellen.

Matt Ruff – Fool on the Hill

1991 gelang Matt Ruff mit  „Fool on the Hill“ in Deutschland der Durchbruch und das völlig zurecht: (Fast) kein Genre, das hier nicht zu entdecken ist, egal ob Märchen, Fantasy-Adventure, klassisches Drama, Liebesgeschichte, Campus-Roman, Komödie,… All das findet sich in „Fool on the Hill“ wieder. Ein witziges, bizarres und zugleich philosophisches Buch.

David Mitchell – Die tausend Herbste des Jacob de Zoet

Auf 715 Seiten erzählt David Mitchell („Der Wolkenatlas“) die Geschichte des niederländischen Buchhalters Jacob de Zoets, der auf die japanische Insel Dejimas reist. Doch sein Ziel ist nicht das Vergnügen, sondern er will Geld verdienen, um in den Niederlanden seine Geliebte zu heiraten. Vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges erzählt Mitchell eine Geschichte über Liebe und Hoffnung, über den Umgang der europäischen/westlichen und asiatischen Kultur. Großartig ist der Roman wegen der Sprache sowie der Mischung aus Geschichte und Geschichten.

Petros Markaris

Petros Markaris Reihe um den kauzigen Kommissar Kostas Charitos entdeckte ich mehr oder weniger durch Zufall, bzw. weil ich der Empfehlung eines Kölner Buchhändlers vertraute. So lässt sich hier auch kein einzelner Krimi hervorheben, vielmehr ist die mittlerweile neun Bände umfassende Reihe zu empfehlen. Die Aufklärung des jeweiligen Mordfalles – erfreulich unblutig dargestellt – verbindet Markaris mit gesellschaftskritischen Inhalten. Wer also zum Beispiel verstehen will, wie Griechenlands Krise zustande kam, sollte unbedingt zugreifen.

Jonathan Safran Foer – Extrem laut und unglaublich nah

Der 9. September 2001 und die Bombardierung Dresdens während des Zweiten Weltkrieges bilden den Rahmen für Jonathan Safran Foers zweiten Roman „Extrem laut und unglaublich nah“: Ein Roman über Verlust und den Umgang damit. Mit unglaublich viel sprachlichem Witz und einer genauso verblüffenden (typo-)grafischen Umsetzung gelingt Foer ein Buch, das mich von Anfang bis Ende begeisterte.

Cay Rademachers „Tödliche Camargue“: ein leichter Sommerkrimi

Nicht todlangweilig, aber auch nicht todspannend

Alles sieht aus wie ein Unfall: Ein Kampfstier entkommt seinem Gatter in der Camargue und schlitzt einen vorbeifahrenden Rennradfahrer auf. Doch Capitaine Roger Blanc glaubt nicht an einen Unfall und schon gar nicht an einen Zufall. Cay Rademacher lässt seinen Capitaine in „Tödliche Camargue“ das zweite Mal ermitteln. Ein Fall zwischen Lavendel, Reis, Kunst und einer alten Geschichte.

Ausgerechnet während eine Hitzwelle die Provence heimsucht wird Capitaine Roger Blanc mit seinem Lieutnant Marius Tonon auf eine Landstraße in der Camargue gerufen. Denn dort liegt ein Rennradfahrer: tot – von einem cocardier, einem schwarzen, provenzalischen Kampfstier, aufgeschlitzt. Alles sieht nach einem Unfall aus, doch Blanc vertraut auf seinen Instinkt und wittert einen Mord. Denn der Tote ist Albert Cohen, ein bekannter Pariser Reporter, der sich von einem Drogenproblem erholt und einen Artikel über van Gogh schreiben soll. An sich ein harmloses Thema, doch bei den Ermittlungen stellt Blanc Brisantes fest: ein ungeklärter Kunstraub und ein längst vergessener oder eher verdrängter Mordfall tauchen auf. Doch wer ist der Mörder? Je tiefer Capitaine Blanc gräbt, umso komplizierter werden die Ermittlungen. Denn der Kommissar macht sich durch seine Nachforschungen nicht nur Freunde…

Solide Krimilektüre für den Urlaub

Cay Rademachers zweiter Roman um den in die Provinz abgeschobenen Capitaine Roger Blanc ist ein typischer Urlaubskrimi: Leichte Lektüre, ein halbwegs spannender Fall, der mit zwei weiteren Verbrechen in Verbindung steht – oder auch nicht? – und vor allem eine schöne Beschreibung von Menschen und die Landschaft mit ihren Lavendel- und Reisfeldern. Dazu gesellt sich ein wenig Kunsthistorisches über die kurze Schaffensphase von Vincenct van Gogh in der Provence und denKriminalfall über dessen abgeschnittenes Ohr.

Eigentlich insgesamt eine nette Idee. Eigentlich. Doch irgendwie wirkt die gesamte Story unausgegoren. Zu viele Zufälle spielen in die Handlung ein und noch schlimmer: Es ist zu vorhersehbar, wer der Mörder ist. Das Ende ist schlichtweg banal. Da hilft es auch nicht, dass die Auflösung nur eine halbe ist und man als Leser ob der Ungerechtigkeit gegenüber der besser verdienenden Gesellschaftsschichten nachdenklich das Buch zur Seite legt.

Das soll nun nicht heißen, dass „Tödliche Camargue“ überhaupt nichts taugt, nur spannender könnte es sein. Denn wenigstens die Dialoge versprühen viel Komik und die Schilderung der Landschaft besitzt ihren Charme. So kommt immerhin Sommer- und Urlaubsfeeling auf!

Cay Rademacher Tödliche Camargue

Cay Rademacher – „Tödliche Camargue“ | Credit: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

 

Cay Rademacher
Tödliche Camargue
Ein Provence-Krimi mit Capitaine Roger Blanc

308 Seiten

EUR 11,99 [D]
ISBN 978-3-8321-8852-8

 

 

Musik der Woche: Villagers, Patrick Watson und Scott Matthew

Villagers – „Darling Arithmetic“

Da ist es also endlich erschienen, das dritte Album der Villagers um Singer/Songwriter Conor O’Brien: „Darling Arithmetic“ (Domino Records). Nach {Awayland} ein ganz schöner Bruch: Denn es klingt viel zerbrechlicher, weniger experimentell. Das liegt daran, dass es O’Briens persönlichste Platte wurde, wie er selber sagte. Das mögen zwar schon viele Sänger und Bands vor ihm gesagt haben, aber ihm nimmt man es ab! Auch wenn Villagers auf der Platte steht, ist fast nur Connor O’Brien drin. So hat er „Darling Arithmetic“ alleine in seinem Heimstudio aufgenommen. Obwohl erst 30 Jahre jung, klingen die neun Songs so schmerzvoll, sehnsüchtig und liebeskrank wie am Ende eines (Liebes-)Lebens. Im Mittelpunkt steht sie auch: die Liebe. Er singt von gescheiterten, hoffnungslosen und erhofften Beziehungen. Gleichzeitig ist es auch eine Coming Out Platte, sein Bekenntnis und Umgang zur und mit der eigenen Homosexualität. Eine sehr gefühlvolles, in sich gekehrtes Album mit kargem Folk des mittlerweile bärtigen Connor O’Brien.

Patrick Watson „Love Songs For Robots“

Noch ist es nur eine Ankündigung: Das neue, fünfte Album „Love Songs For Robots“ (VÖ: 8. Mai 2015). Mit „Places You Will Go“ und dem Titeltrack „Love Songs For Robots“ kann man sich nun einen ersten Höreindruck verschaffen. Eines wird schon an diesen beiden Tracks deutlich: Patrick Watson bleibt sich, seiner Indie-Rock-Musik treu und weckt große Vorfreude auf das neue Album. Sphärisch, verzerrte Gitarren, die relativ hohe Stimme, ein wenig verschroben, wie immer also…

Scott Matthew – „This Here Defeat“

Wenn das neue Villagers Album schon melancholisch ist, dann fehlen für Scott Matthews neues Werk „This Here Defeat“ (VÖ: 20. März 2015 bei Glitterhouse) fast schon die Worte. Mit dem fünften Album zeigt Matthew mal wieder, wie federleicht sich Melancholie anhören kann. Mit Cello, Violine, Piano, Gitarre, dem French Horn, der obligatorischen Ukulele und seiner markanten Stimme singt er von Einsamkeit, Verlust, Trennung und Tod. Das alles klingt, wenn man Scott Matthews Werke kennt, nicht neu, dafür aber wunderbar vertraut. Künstler müssen sich eben nicht jedes Mal neu erfinden, um tolle Musik zu machen. Das zeigt hier mal wieder: Ein großartiges Singer-Songwriter Album.

„Auf beiden Seiten“ – der Grenze und der Familie(n)

Lukas Hartmanns Roman ist Zeitgeschichte und Familienroman

1989: Die Mauer fällt und nicht für Deutschland und Europa hat das Folgen, auch für die Schweiz —  der Fichenskandal und die Aufdeckung der Geheimorganisation P-26 sind hier die Stichworte. Diese sind der Aufhänger für den Roman des Schweizer Autors Lukas Hartmann. Geschickt verbindet er die Auswirkungen dieses Epochenjahres mit dem Leben der drei Hauptfiguren Mario, Dr. Armand Gruber, Karina und ihren Familien. Vielleicht zu geschickt.

Mario Sturznegger, einst kritischer, linker Journalist und nun bei einem Familienmagazin angestellt, und den ehemaligen Deutschlehrer Dr. Armand Gruber verbindet und trennt vieles. Einst war Mario der Lieblingsschüler von Gruber, um sich dann von ihm, dem Adalbert Stfiter Fachmann, Hauptmann der Schweizer Armee und Antikommunisten zu entfremden. Auch die Hochzeit zwischen Mario und dessen Tochter Bettina, die sich immer schon gegen ihren Vater auflehnte, sorgte nicht für Entspannung. Zumal sich nicht nur Marios und Grubers Überzeugungen gegensätzlich entwickelten, sondern auch die Ehe mit Bettina scheiterte.

Von einer Afrikareise zurückkehrend wird Mario vom Mauerfall und der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze überrascht. Dabei war er kurz zuvor noch für eine Reportage bei einem Künstlerfreund in der DDR. Noch größer ist die Überraschung als Gruber zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer im Pflegeheim Mario und seiner Tochter offenbart, Mitglied der geheimnisvollen (Widerstands-)Organisation P-26 gewesen zu sein, die eine Schweizer Exilregierung im Falle eine sowjetischen Überfalls auf die Schweiz unterstützen sollte. Auch Karina, Anwältin und die beste Freundin Bettinas, wusste nichts von all den Skandalen, die nach und nach ans Licht der Öffentlichkeit traten. Dabei war sie als Tochter des Hausmeisters beim Schweizer Geheimdienst räumlich den Geheimnissen am Nächsten von allen Beteiligten.

Geschichte und Familie: Gemeinsamkeiten und Gegensätze

„Auf beiden Seiten“ der Alpen gibt es bei allen Gegensätzen zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen der Schweiz und der DDR, so unterschiedlich die Systeme auch sind. „Kapitalismus“ und freie Bürger auf der einen Seite, Kommunismus und Überwachung des Einzelnen auf der anderen Seite. So dachten wohl viele Schweizer (und Europäer); doch mit dem Fichenskandal und der Aufdeckung der Organisation P-26 (P stand für Projekt und 26 für die Anzahl der Schweizer Kantone) zeigten sich Risse in diesem einseitigen Bild. Dafür sorgt auch Hartmanns Darstellung des zeitgeschichtlichen Rahmens.

Doch eigentlich ist es eben nur der Rahmen für die Geschichte dreier Familien und da sogar nur über das Verhältnis dreier Väter zu den Kindern: Dr. Armand Gruber & Tochter Bettina, Mario Sturznegger & seinem Vater (einem Orthopädieschuhmacher) sowie Karina & ihrem Vater „Vau“. Beim Lesen stellt sich die Frage: Wie viel wissen die Protagonisten über ihre Väte? Insgesamt haben weder Mario, Bettina noch Karina ein unkompliziertes Verhältnis zu ihren Vätern. Alle drei versuchen, ihren Weg zu gehen und entfernen sich so von ihrem Elternhaus. Auch wenn sie sich immer mal wieder einander annähern, folgt doch letztendlich nur die weitere Entfremdung.

Alle drei Väter sind ihren Charakterzügen nach von Hartmann sehr ähnlich angelegt: Geprägt vom Zweiten Weltkrieg, sind sie konservativ in ihren Ansichten, fast schon kleinbürgerlich. Das zeigt sich beispielsweise in der gemeinsamen Leidenschaft Grubers und Marios Vaters für die Philatelie. Dass die Erfahrungen und Sorgen des Zweiten Weltkrieges vielleicht auch für den Fichenskandal und P-26 verantwortlich sind, könnte man zwischen den Zeilen herauslesen. Schließlich drohte bereits während der Jahre 1939-45 für die Schweiz eine Invasionsgefahr, nur eben von Nazideutschland und nicht von der UdSSR. Daher ist Grubers Haltung und in Ansätzen nachvollziehbar.

Poetische Sprache einer anspruchsvollen Lektüre

Eines ist klar: Hartmann will viel, viel mit seinem Roman sagen und verlangt dadurch viel von seinen Lesern. Denn, wenn der Roman etwas nicht ist, dann einfach zu lesen. Aus drei Sichtweisen, fast schon tagebuchartig, treibt er die Handlung voran. Wobei Vorantreiben der falsche Begriff ist, denn außer den wechselnden Perspektiven springt der Roman auch in den Zeitebenen. Dafür ist die Sprache von Lukas Hartmann fast schon poetisch: viele Vergleiche und beschreibende Adjektive sorgen für eine bildliche, geräusch- und gefühlvolle Darstellung. Die Sätze sind mitunter wie ein Fluss, aneinanderreihend, mit Kommas getrennt, atemlos, ohne dabei hektisch zu wirken.

Trotzdem ist es eben kein Buch, das man mal eben so liest. Zu kompliziert sind die geschichtlichen Verhältnisse und die familiären Verstrickungen. Für den Leser, der die beschriebene, jüngere Schweizer Geschichte nicht kennt, wird die Lektüre noch ein wenig komplizierter. Wer sich jedoch auf die komplexe Handlung und deren Darstellung einlässt, noch dazu bereit ist, sich darüber hinaus über die Schweiz des Kalten Krieges zu informieren, darf sich auf einen spannenden und zugleich nachdenklichen Roman freuen, der jedoch Fragen offen- oder zumindest neue entstehen lässt. (Wieviel weiß ich eigentlich von meiner Familie? oder: Ist der Staat/das System in dem ich lebe wirklich besser oder anders als der-/dasjenige, den/das wir kritisieren?)

Lukas Hartmann "Auf beiden Seiten" Roman

Lukas Hartmann – „Auf beiden Seiten“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Lukas Hartmann

Auf beiden Seiten

Roman, 336 Seiten
Erschienen im April. 2015

ISBN 978-3-257-06921-1
€(D) 23.90 / (A) 24.60

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

„Zurück auf Start“ – Wenn nichts mehr sein soll, wie ist es ist

Petros Markaris Epilog zur „Trilogie der Krise“

Die Krise in Griechenland wird einfach nicht kleiner, sondern sie wächst und wächst. Vielen Griechen geht es finanziell immer schlechter und der soziale Frieden wird unter anderem von den gewaltbereiten Anhängern der Partei „Goldene Morgenröte“ bedroht. Und dann geschieht auch noch der Selbstmord des Deutsch-Griechen Andreas Markridis – oder war es doch Mord? Das behaupten zumindest die „Griechen der 50er Jahre“ und wer verbirgt sich überhaupt hinter dieser Bezeichnung? Wieder einmal muss Kommissar Kostas Charitos ermitteln.

Der Schock für Kommissar Charitos könnte nicht größer sein, wird doch seine Tochter Katerina auf offener Straße und vor zahlreichen Augenzeugen von rechtsradikalen Schlägern niedergeschlagen, nur weil sie als Anwältin zwei Afrikaner vor Gericht vertrat. Dabei bleibt es nicht, denn auch Kostas Charitos erhält einen anonymen Drohanruf von den Rechten. Doch woher haben sie seine Nummer und wieso sprang niemand seiner Tochter zu Hilfe? Stünde nicht der Selbstmord des Deutsch-Griechen Andreas Markridis im Vordergrund, ließe sich der Nebenstrang um die Rechten noch weiter auserzählen als es bei Markaris bereits geschieht. Denn aus dem gerichtsmedizinisch klaren Suizid wird auf einmal ein Mord. Zumindest wenn es nach dem Bekennerschreiben einer Organisation geht, die sich die „Griechen der 50er Jahre“ nennt. So muss Charitos auch hier die Ermittlungen aufnehmen.

Auf den Suizid folgen vier Morde mit einer alten Smith & Wesson Pistole, die Charitos vor zahlreiche Rätsel stellen, denn die Opfer, deren Verbindungen und Vergangenheiten sind unterschiedlicher Natur. Und was vor allem hat der Suizid von Markridis damit zu tun? Handelt es sich bei den „Griechen der 50er Jahre“ um Terroristen, linke, rechte oder ganz andere Täter? Immer weitere Verstrickungen zeigen sich, so dass sogar Sissis bei den Ermittlungen helfen muss.

Die Bedeutung und der Verlust von Werten

So richtig festlegen kann man sich bei den Büchern von Petros Markaris nie: Handelt es sich um einen Kriminalroman mit Gesellschaftskritik oder einen gesellschaftskritischen Roman mit der Rahmenhandlung der Verbrechensaufklärung? Vielleicht muss man sich gar nicht darauf festlegen. Denn beides spielt eine große Rolle, so auch im neuesten Roman „Zurück auf Start“ (im griechischen Original: „Τίτλοι Τέλους“, was zu Deutsch mit „Abspann“ übersetzt werden kann). Markaris zeigt sich fast schon als Politikwissenschaftler, in jedem Fall aber als exzellenter Beobachter der griechischen Gesellschaft, indem er auf die wachsende Macht und den Einfluss der extremen rechten und nationalsozialistischen Partei „Goldene Morgenröte“ eingeht. Es zeigt sich einmal mehr: Je schlimmer Krisen und ihre Auswirkungen werden, desto größer ist die Gefahr, dass extreme Gesinnungen an Zulauf gewinnen und zwar in allen gesellschaftlichen Ebenen. Werte wie Respekt vor anderen Menschen und Kulturen, der körperlichen Unversehrtheit oder demokratischen Freiheiten drohen, verlustig zu gehen. Wie es auch im Buch selber beschrieben wird: der Schattenstaat im Untergrund gewinnt an Kraft. Ermöglicht unter anderem durch die Anonymität, die das Internet bietet.

Doch Markaris belässt es nicht bei den innergriechischen Problemen, sondern erweitert den Handlungsrahmen um die europäische Ebene. Denn der (Selbst-)Mord am Deutsch-Griechen Andreas Markridis ist der Auslöser für Morde an griechischen Staatsbürgern und könnte für zusätzliche Probleme der deutsch-griechischen Beziehungen führen. Denn die Ziele und Absichten der Organisation die „Griechen der 50er Jahre“ sind alles andere als klar: Was trieb Markridis in den Tod, wieso bekennt sich eine Gruppierung zu einem Mord, der keiner war und aus welchen Gründen geht das Morden dann tatsächlich los? Warum soll sich Griechenland „Zurück auf Start“ begeben, wie die Täter am Ende ihrer Bekennerschreiben verlauten lassen?

Markaris bedächtiger Kommissar Kostas Charitos muss in viele Richtungen ermitteln und stößt auf immer weitere, neue Fragen. Wie es schon in „Abrechnung“ der Fall war, darf die Bedeutung des Mikrokosmos „Familie“ bzw. „Freunde“ nicht unbetont bleiben. Ohne die Hilfe von Charitos Freund Sissis und dem Deutschen Uli, dem Freund von Katerinas Feundin Mania, käme der Kommissar bei seinen Ermittlungen auf keinen grünen Zweig. Geschickt verwebt Markaris die unterschiedlichen Handlungsstränge und führt (mal wieder) vor Augen, wie Vergangenheit und Gegenwart Griechenlands verbunden sind und vor welche Schwierigkeiten Emigranten bei ihrer Rückkehr gestellt werden. Deutlich werden auch die Unterschiede zwischen der deutschen und griechischen Bürokratie, wenn man sie denn so pauschal voneinander abgrenzen kann, sowie die Folgen auf den Einzelnen und in diesem Krimi für die Gesellschaft im Allgemeinen.

Ansonsten ist „Zurück auf Start“ in allen weiteren Belangen ein typischer Markaris Roman: Die Handlung lebt von seiner ruhigen Ermittlungsarbeit, dem Nachschlagen im Dimitrakos-Wörterbuch und den vielen Sprüchen und Lebensweisheiten, die Charitos Frau Adriani äußert. Gerade diese vielen lieb gewonnenen Eigenheiten und die beschreibende und bildhafte Sprache machen den Charme eines jeden Falls für Kostas Charitos aus.

Da dieser Krimi nun dem griechischen Originaltitel („Abspann“) zufolge quasi der Epilog der Krisentrilogie um „Faule Kredite“, „Zahltag“ und „Abrechnung“ ist, bleibt abzuwarten, wie es nicht nur mit Charitos, sondern mit der Darstellung Griechenlands weitergeht.

Markaris Zurück auf Start Charitos

Petros Markaris – Zurück auf Start | Copyright: Diogenes Verlag AG

 

Petros Markaris

Zurück auf Start

Ein Fall für Kostas Charitos

Roman, 368 Seiten
Erschienen im April. 2015

ISBN 978-3-257-06925-9
€(D) 23.90 / (A) 24.60

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Treibt nicht nur den Kommissar zur „Weißglut“ – Axel Steens zweiter Fall

Jesper Stein überzeugt auch mit dem zweiten Krimi aus Kopenhagen

Jesper Stein legt einen zweiten Krimi um den Kopenhagener Kommissar Axel Steen vor: „Weißglut“ – Der Titel ist hier wirklich Programm. Denn mit seiner direkten Art eckt Steen nicht nur bei Kollegen, sondern auch bei Zeugen, Opfern und seinen Vorgesetzten an. Allerdings ist das bei dem Fall auch kein Wunder. Ein brutaler Serienvergewaltiger verunsichert Kopenhagen und dann ist da noch ein Mord vor vier Jahren…

Mit Axel Steen geht es bergab, der Haschischkonsum steigt und auch die Angst um sein Herz lässt ihn nicht los. Als er dann auch noch Informationen über den Zusammenhang zwischen einer brutalen Vergewaltigung und dem alten Mordfall „Blackbird“ erhält, erfasst Steen der Eifer. Denn ausgerechnet dieser ungeklärte Mord an der Studentin Marie Stein führte zum Scheitern seiner Ehe mit Cecile. Die ist nun ausgerechnet mit dem Vize-Polizeichef und seinem Intimfeind Jens Jessen liiert. Ausgerechnet dieser will die Polizei reformieren, Kosten sparen und seinen Ermittlern über die Schulter schauen. Das sorgt nicht gerade für Begeisterung bei Axel Steen. Noch schlechter wird seine Laune als er erfährt, dass die Ermittlerin des Vergewaltigungsfalles äußerst fahrlässig und schlampig vorging. So nimmt er selbst Spur auf und jagt den Täter durch das schwüle Kopenhagen – ohne Rücksicht auf Verluste.

Harte Krimikost mit Blick fürs Detail

Nachdem bereits „Unruhe“, der erste Fall um Vizekriminalkommissar Axel Steen, in Dänemark und auch Deutschland überzeugte, legt Jesper Stein einen ebenfalls beeindruckenden zweiten Krimi nach, der mir sogar besser gefällt als der erste. Denn die Handlung ist rasanter und spannender, außerdem ist man bereits mit dem äußerst ambivalenten Chefermittler und seinen Eigenheiten vertraut. Er ist kein aalglatter Typ, dieser Axel Steen, vielmehr legt er sich mit allen und jedem an. Aber meistens auch mit gutem Grund: Mit Kollegen, weil sie einfach schlampig arbeiten oder die Opfer nicht ernst nehmen, mit seinem Vorgesetzten Darling, weil er ihm die Arbeit erschwert oder mit Vizepolizeichef Jessen, eben nicht nur wegen der Geschichte mit seiner Frau, sondern weil er sich in die Ermittlungen drängt. Freunde macht er sich so jedenfalls nicht –  Konflikte werden verbal und oft auch mit körperlicher Gewalt angegangen oder gelöst. Genau das macht jedoch die Stimmung des Krimis aus.

Die Figur Jens Jessen ist nicht minder widersprüchlich angelegt. Auf der einen Seite wird Jessen als aalglatter Karrierist dargestellt, der weder Widerspruch duldet noch irgendwelche Flecken auf seiner Weste haben möchte. Auf der anderen Seite stürzt er sich in die Ermittlungen, gefährdet sich genauso wie Verdächtige, um dann Steen zu schützen, obwohl das seiner Karriereplanung schaden könnte. Vielfältig, das sind die Charaktere der Hauptfiguren des Krimis allesamt: Echte Typen eben, mit zahlreichen Facetten.

Nicht weniger heftig ist der Fall oder besser die Fälle: Vergewaltigung und der alte, ungeklärte Mord. Man merkt Jesper Stein seine journalistische Ausbildung an und das ist durchaus positiv gemeint: Schon an sich kein leichtes Thema und dann ist da die oftmals detaillierte Schilderung der Taten, das Leiden der Opfer und der Zweifel von Teilen der Ermittler. Stein macht es dem Leser nicht einfach. Er zeigt aber auch mit bildhafter Sprache, dass Polizeiarbeit nicht immer nur glatt läuft und auch Polizisten mitunter verquere Ansichten haben. Detailliert sind ebenfalls die Beschreibungen der polizeilichen Ermittlungsarbeit, DNA-Proben und Laborarbeiten, Fehler in den Ermittlungen oder Manipulationen. Nicht alles läuft nach Plan, durchaus realistisch mutet das beim Lesen an. Durchweg wirkt das alles sehr realistisch und gut recherchiert, auch wenn es sich um Fiktion und nicht um einen faktenbasierten Krimi handelt.

An manchen Stellen könnte Jesper Stein etwas weniger explizit werden und zwar bei den sexuellen Handlungen und deren Beschreibungen. Ist das bei den Vergewaltigungsprozessen noch Mittel zum Zweck, wirkt es an anderer Stelle einfach zu viel. Und das liegt hier auch an der schriftstellerischen Leistung: Bei homosexuellen Männern von „Nougatbohrern“ zu schreiben, geht weit. Vielleicht zu weit. Immerhin werden die privaten Intimitäten von Vizekriminalkommissar Stein noch mit Gefühlen verbunden, so dass man über alles andere noch hinwegsehen kann. Trotzdem: Etwas weniger detaillierte Zurschaustellung von Sex würde dem Krimi nicht schaden.

Fazit: Spannender und harter Krimi, ohne Umschweife erzählt, den man, einmal mit dem Lesen begonnen, so schnell nicht mehr aus der Hand legt. Auf weitere Fälle darf man sich freuen!

Jesper Stein "Weißglut"

Jesper Stein – „Weißglut“ | Copyright; Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG

Jesper Stein

Weißglut

Kiepenheuer & Witsch

ISBN: 978-3-462-04696-0

Preis: 12,99 Euro