Undurchsichtig durchsichtig: Transparenz des Einzelnen im Internetzeitalter

Dave Eggers Roman  „The Circle“

Für Mae Holland, die Protagonistin in Dave Eggers Roman “The Circle”, ist The Circle  der perfekte Arbeitgeber: jung, dynamisch, vernetzt und familiär. Ein Internetunternehmen, das nur Gutes will, aber Böses schafft. Eine eindringlichere und offensichtlichere Kritik an der New Economy und den Konsequenzen der (fast) vollständigen Transparenz jedes Menschen las man lange nicht mehr: Zornig, bitter-böse und aufrüttelnd.

Mae Holland kann ihr Glück kaum fassen als sie dank ihrer Freundin Annie einen Job beim Circle bekommt. Ausgerechnet beim Circle: DAS Internetunternehmen in Kaliforniens, das Google, Apple, Facebook und Twitter vom Markt verdrängt hat und alles vereint hat. Jeder Kunde besitzt im Internet nur noch eine Identität, alles wird über diese geregelt. Anonymität wird zum Fremdwort: Nicht nur für alle Kunden, auch für alle Mitarbeiter.

Anfangs fällt Mae diese vollständige Sichtbarkeit schwer, gibt es doch für alle ihre Tätigkeiten ein Ranking, eine Kontrollfunktion und ein Feedback von Kollegen und Kunden. Die Skepsis währt jedoch nur kurze Zeit, zu sehr ist sie von allen Vorteilen des Unternehmens überzeugt und geblendet. Angefangen bei den hellen, gläsernen Büros über das kostenlose Essen der Sterneköche bis hin zu Partys auf dem Unternehmenscampus. Schnell akzeptiert sie das System und steigt zur absoluten Vorzeigemitarbeiterin auf. Zumal die drei Firmengründer all die Transparenz aus dem Grund schaffen wollen, um die Welt von jeglicher Kriminalität zu befreien. Schließlich könne ein Mensch ohne Geheimnisse nichts Böses und Ungesetzliches mehr vollbringen.

All das steht unter den drei großen Mottos „Teilen ist heilen“ („Sharing is caring“), „Geheimnisse sind Lügen“  („Secrets are lies“) und „Alles Private ist Diebstahl“ („Privacy is theft“). Erst wenn wirklich jegliche Anonymität aufgehoben ist, könne das System als perfekt bezeichnet werden und der Circle als geschlossen gelten. Wie willenlose Lemminge folgen die Circle-Jünger diesen Credos, nur wenige leisten Widerstand. Zum einen Maes Exfreund und ihre Eltern, obwohl der Circle sich sogar um deren kranken Vater kümmert, und zum anderen Kalden: Der gibt vor beim Circle zu arbeiten, taucht aber nirgendwo in den Mitarbeiterverzeichnissen auf. So entwickelt sich eine mysteriöse Beziehung zwischen Kalden und Mae – Verbündete oder Gegenspieler? Die Grenzen sind nie ganz klar. Bis zum Ende wird der Gegenwind, der Mae entgegenweht, immer stärker und das Unternehmen mit seinen Zielen immer suspekter…

Transparenz: Chancen, die in Risiken umschlagen

In den Kritiken wird Dave Eggers Roman mit George Orwells „1984“ oder Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ verglichen, nicht ganz zu unrecht. Er entwickelt eine Erzählung, die die Zukunft mit negativem Ausgang erzählt – Kennzeichen eines dystopischen Romans. Nur muss man sich fragen: Wie weit entfernt ist diese Zukunft überhaupt noch? Klar, es existiert kein einzelner Konzern wie der Circle, aber im kleineren Kosmos der bereits genannten Konzerne Facebook, Google, WhatsApp, Apple, etc. steckt schon viel der Eggerschen Entwürfe und Gedankenspiele. Denn bereits diese so mitarbeiterfreundlichen Unternehmen bieten dem Unternehmer: Wohnungen, soziale Kontakte, kulturelle Veranstaltungen, kostenloses Essen und noch viel mehr. Dafür übernehmen sie aber auch persönliche Freunde, Familie und Freiheit.  Die Freiheit den Tag nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, eine Überwachung, die wesentlich extremer ist als in „1984“. Vor allem deswegen, weil die technischen Mittel längst realisierbar wären.

Aus Transparenz wird Kontrolle und aus Kontrolle wird Manipulation. Diese Sorge entwickelt Dave Eggers beim Lesen seines Romans. Mit einfacher Sprache, die weit entfernt davon ist hochtrabend literarisch zu sein, fängt er den Leser. Fast schon naiv kommt Mae daher, wie sie im Circle-System aufgeht und alle Warnungen und Anzeichen ignoriert. All das nur, um die Message zu verbreiten: Die Überwachung ist kein Nutzen, sondern Schaden.  Der Technikvorteil ist nur kurzfristig einer und vielmehr Nachteil. Vielleicht kann man Eggers Plakativität unterstellen, indem er die jungen Digital Natives als leichtgläubige und wenig kritische Menschen darstellt und die wenigen Skeptiker aus dem Kreis der alten oder wenig technisch-affinen Gruppe stammen. Zwischen Schwarz und Weiß ist nicht viel Platz für Nuancen, aber das sei verziehen. Schließlich kann doch auch vom Leser verlangt werden, dass er sich selber ein Bild macht und differenziert. Einige Fragen sollte sich jeder stellen: Will ich diese Zukunft tatsächlich? Will und muss ich Teil dieses Systems werden und wie kann ich Einfluss nehmen?

Dave Eggers "The Circle"

Dave Eggers – „The Circle“ | Copyright; Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG

 

Dave Eggers

The Circle

Titel der Originalausgabe: The Circle
Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
ISBN: 978-3-462-30820-4
Erschienen am: 14.08.2014
19,99 €

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3 Kommentare zu “Undurchsichtig durchsichtig: Transparenz des Einzelnen im Internetzeitalter

  1. Ich bin immer so unendlich kritisch, wenn Romane mit „1984“ verglichen werden, weil die selten über das System, ein Gimmick, die technische Neuerung etc. herausgehen. Orwell hat in „1984“ ja nicht nur die totale Überwachung und Neusprech präsentiert, sondern anschaulich vorgeführt wie ein Individuum gebrochen wird. Das habe ich so noch in keinem Roman oder Film wiedergefunden, der mit „1984“ verglichen wurde. Auch andere Klassiker des Genres wie „Brave New World“ und „Fahrenheit 451“ sind nicht so eindringlich oder brilliant. Bevor ich mich jetzt weiter als Orwell-Fangirl oute – wie stellt sich da „The Circle“ an?

    • Simon Sperl sagt:

      Hi Kristina, tatsächlich ist es gemein einen Vergleich zwischen Orwell und Eggers zu ziehen. Orwells Ideen und Ängste waren ja seiner Zeit viel mehr voraus als es Eggers Ansätze sind. So weit entfernt sind wir von den Gedanken Eggers nicht mehr. Was ich jedoch finde ist, dass er einen Punkt trifft: Die Leichtgläubigkeit der Menschen und das geringe Misstrauen gegenüber Konzernen und Unternehmen aus der New Economy.

      • Nur kurz ein Nachtrag zu Orwell: Ich finde es geht viel mehr um den Totalitarismus als zerstörerisches System und sehe da beispielweise auch einige Bezüge zur später folgenden Shoah-Literatur, als dass ich Orwell zum Zukunftsdenker machen möchte.

        Deine Rezension macht aber mehr Lust auf das „The Circle“ als der Umschlagstext 🙂

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