Zwischen den Kulturen: Anthony McCartens „funny girl“

Eine muslimische StandUp-Comedian mit Burka: Gibt es nicht? Doch! In Anthony McCartens Roman „funny girl“. Dabei stößt sie jedoch an allerlei Grenzen: ihre eigenen, familiäre, freundschaftliche und die der muslimischen Gemeinde Londons. McCarten gelingt dabei der Spagat zwischen beißender Gesellschaftskritik und Komödie.

Azime, 20 Jahre alt und Tochter kurdischer Eltern, lebt in London. In diesem Schmelztiegel der Kulturen trifft das weltliche Westeuropa auf Südosteuropa, das Festhalten an Traditionen auf das sich Loslösen, persönliche Freiheit auf familiäre Gefangenschaft. Da sind Konflikte vorprogrammiert.

Als sich eine Schulfreundin vom Balkon ihrer elterlichen Wohnung in den Tod stürzt, glaubt Azime nicht daran, dass es Selbstmord war. Vielmehr vermutet sie einen Ehrenmord. Kurz darauf ereignen sich die Anschläge auf die Londoner U-Bahnen 2005 und Azime beschließt, mit Hilfe ihres Freundes Deniz, ihre Stimme zu erheben – Gegen die eigene Unterdrückung, die ihrer Freundin Banu und den „Kampf der Religionen“. Das geeignete Mittel scheinen ihr der Humor und Auftritte als Comedian zu sein. So fasst sie sich ein Herz, besucht dank Freund Deniz einen Comedykurs und steht schon bald auf der Bühne. Doch schnell stößt sie auf Widerstände und muss gegen neue/alte Widrigkeiten ankämpfen. Einerseits gegen religiöse Eiferer, die es nicht dulden, dass eine Muslimin öffentlich als Komödiantin auftritt und dann noch in Burka, und andererseits gegen die familiären Widerstände. Und eigentlich will Azime doch nur beweisen, dass ihre Freundin einem Ehrenmord zum Opfer fiel…

Mit Humor und Satire gesellschaftliche Grenzen sprengen

Obwohl zehn Jahre nach dem Anschlag auf die Londoner U-Bahnen die Integration von Muslimen in Großbritannien einen großen Schritt nach vorne machte, ist Anthony McCartens Roman ein Plädoyer für noch mehr Toleranz. Toleranz zwischen den Kulturen, aber auch in jeder Kultur selber. So muss sich Azime eben nicht nur in der britischen Gesellschaft behaupten, sondern eben vor allem auch in „ihrer“ strengen noch recht konservativen muslimischen Familie und Gemeinde. All das geschieht über den Humor. Einerseits den Humor, den die junge StandUp-Komödiantin auf der Bühne präsentiert und andererseits McCartens Schreibstil. Über Witz und Satire werden die Grenzen zwischen den Kulturen deutlich, aber gleichzeitig auch aufgeweicht und beseitigt.

Mit viel Tempo treibt McCarten die Handlung voran, verbindet Handlungsstränge miteinander. Dabei scheut er sich keineswegs davor alles politisch korrekt darzustellen, doch genau darin liegt der gesamte Charme des Romans. Das Spiel mit den Klischees, die detaillierten Situationsbeschreibungen sorgen für eine Mischung aus Stirnrunzeln und Schmunzeln, ohne dabei ins Lächerliche abzurutschen. Nicht zu vergessen, dass am Ende des Krimi-Erzählstrangs auf einmal ganze andere als Täter präsentiert werden als man erwartet hätte. Zum Schluss des Romans steht Azime emanzipiert da – und das trotz oder gerade eben wegen der Burka. So kann er also aussehen: Ein gesellschaftskritischer Roman unter der „Burka“ einer Komödie, der zugleich amüsiert und zum Nachdenken anregt.

Anthony McCarten "funny girl"

Copyright: Diogenes Verlag AG

Anthony McCarten

funny girl

Aus dem Englischen von Manfred Allié

Roman, Hardcover Leinen, 384 Seiten

Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-06892-4

€ (D) 21.90

Ab Mai 2015 auch als Taschenbuch

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Ein Kommentar zu “Zwischen den Kulturen: Anthony McCartens „funny girl“

  1. […] im Visier hatte, aber erst Simon von ZeichenTonBild hat mich endgültig aufgerüttelt und mit seiner Rezension davon überzeugt, dass ich das Buch lesen […]

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