Petros Markaris‘ „Abrechnung“ für „Brot, Bildung, Freiheit“

Mit „Abrechnung“ legte Petros Markaris 2012 (in Deutschland 2013 bei Diogenes erschienen) den dritten Teil der „Trilogie der Krise“ vor. Nach „Faule Kredite“ und „Zahltag“ werden in Athen drei ehemalige Linke aus der „Generation Polytechnikum“ ermordet. Doch wer ist der Täter? Diese Frage lässt sich vor dem Bild, das Markaris im Jahr 2012 für das Griechenland von 2014 zeichnete, gar nicht so leicht beantworten. Dafür erwartet den Leser eben nicht nur ein Krimi, sondern auch ein politisches Buch.

Das Griechenland des Petros Markaris leidet unter der Krise: Die Drachme hat den Euro als Zahlungsmittel abgelöst, der Grexit wurde vollzogen, die Regierungen wechseln, das griechische Volk leidet unter der wachsenden Arbeitslosigkeit und der Inflation. Doch nicht nur der „normale“ Bürger leidet, auch das Gehalt von Kommissar Kostas Charitos wird gestrichen. Und ausgerechnet jetzt, wo die Athener Bürger ihrem Zorn Ausruck verleihen, geschehen drei Morde an prominenten Linken. Stammt der Täter aus der rechtsextremen Szene oder will sich jemand für Fehler in der Vergangenheit rächen. Dafür spricht die Parole der linken Studentenbewegung, die sich der Militärjunta widersetzte: „Brot, Bildung, Freiheit“. Der Aufstand der „Generation Polytechnikum“ und dessen gewaltsame Niederschlagung am 17. November 1973 führten das Ende der Militärdiktatur herbei.

Mit der altbekannten Beharrlichkeit sucht Charitos den Mörder und merkt immer mehr, dass es genug Personen gäbe, die einen Grund für die Morde hätten. Denn weder der erfolgreiche Bauunternehmer, der Strafrechtsprofessor noch der Geschäftsmann waren sonderlich beliebt. Alle profitierten sie später von ihren „Heldentaten“ des Widerstands und stiegen dank Korruption und Vetternwirtschaft auf. So ergeben sich zahlreiche verdächtige Gruppierungen und Einzelpersonen, denen die Morde zuzutrauen wären.

Staat, Familie und Gesellschaft: Bilder eines Krimis

Dieser Krimi ist so typisch für die gesamte Reihe um Kostas Charitos. Es geht nämlich Petros Markaris nicht nur darum, den Fall zu klären. Vielmehr zeichnet er ein komplexes (Sitten-)Bild der Umstände Griechenlands. Dabei versteht er es ausgezeichnet Vergangenheit, Gegenwart und eine mögliche Zukunft miteinander zu verknüpfen. So extrem die Verhältnisse mit wechselnden Regierungen, dem Währungstausch, der steigenden Arbeitslosigkeit und der Wut des griechischen Bürgers auf die Eurozone auch ist, die Familie und Freunde bilden den Kraft spendenden Pol. Was wäre Kommissar Charitos ohne Frau Adriani, Tochter Katerina oder Altkommunist Sissis und Opfer der Juntazeit.

Mit der Ermordung dreier ehemaliger Widerstandskämpfer zeigt sich aber auch, wieso Griechenland in die nach wie vor herrschende Krise taumelte: Kein Aufstieg, kein Geschäft, das nicht auf Korruption oder Vetternwirtschaft basierte. Es zeigt sich, wie aus ehemaligen Opfern selbst Täter und diese aufgrund ihrer Machenschaften wiederum zum Opfer wurden. So schließt sich ein am Ende tödlicher Kreislauf. Den erzählt Petros Markaris gemächlich , ohne dabei aber belanglos oder gar langweilig zu werden. Mit Wut, Melancholie und Augenzwinkern beschrieben, staunt der Leser über so manche Beschreibung der Lage und wundert sich letztlich doch nicht, wieso es mit Griechenland so weit kommen konnte.

Petros Markaris "Abrechnung"

Petros Markaris

Abrechnung

Ein Fall für Kostas Charitos

Roman, detebe 24303, 320 Seiten
Erschienen im Jan. 2015

ISBN978-3-257-24303-1
€(D) 10.90 / (A) 11.30

Cover von Petros Markaris Roman „Abrechnung“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

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