Björks „Vulnicura“: Verletzt und doch so stark

Mit „Vulnicura“ kehrt Björk dem Experiment den Rücken zu und zurück zu der Stärke, die ihre Alben der 90er Jahre auszeichneten. Kein minimalistischer Sound wie auf „Medulla“ oder das experimentelle, naturwissenschaftliche, multimediale App-Album „Biophilia“ aus dem Jahr 2011. Intim und verletzlich so kommt sie daher. Ihr Trennungsschmerz ist das Glück der Hörer.

Ursprünglich sollte Björks neuntes Album erst im März in den Läden stehen, doch dann stand es auf einmal im Netz. So entschloss sich Björk kurzerhand, es direkt über die bekannten Online-Shops zu vertreiben. Und das ohne irgendein Rumgezicke!

Und dann legt Björk gleich so ein Album vor. Persönlich, intim und wesentlich eindeutiger und weniger metaphorisch als es die letzten Werke waren. Das hat einen Grund: Sie singt sich Trennung von ihrem Partner Matthew Barney von Herz und Seele. Liebeskummer und Trennungsschmerz, wie man ihn besser nicht verarbeiten kann. Schon der erste Titel „Stonemilker“ zeichnet sich durch traurig anmutende Streicherarrangements und Elektronikbeats voller Hall aus. In den elf Tracks, die zwischen drei und zehn Minuten lang sind, klingt alles an, was das Ende einer Liebe mit sich bringt: Verzweiflung –  Hoffnung auf Rückkehr – Resignation – Trauer – Wut und die Besinnung auf die eigene Stärke. Melancholisch und schwermütig im achtminütigen Song „Atom Dance“, welches sich zum Duett mit Antony Hegarty („Antony and the Johnsons“) entwickelt. Auch dieser mit seiner fragilen und unverkennbaren Stimme. So verweben die Duetpartner diesen Song und verleihen ihm eine ungeheure Dichte, dass die Einsamkeit der Trennung zurücktritt. Oder wie sie es singen „No one is a lover alone“.

Die Verletzung aber eben auch die Stärke zeigen sich auf dem Albumtitel und Cover. So ist „Vulnicura“ ein Kunstwort, das sich aus den lateinischen Begriffen für Wunde („vulnus“) und heilen („curare“) zusammensetzt. Ein Album also, das die Wunde der Trennung versucht zu verarbeiten und zu heilen. Eben die Verletzung, die sich auf dem mal wieder sehr extrovertierten Cover zeigt. Björk als heilige Madonna in Latex gekleidet und einer klaffenden Wunde auf der Brust, dass die Wunde noch dazu die Form einer Vulva hat und die Intimität des Ganzen bezeugt: fast schon zu viel des Guten. Aber was die Gestaltung ihrer Alben angeht, war Björk stets sehr experimentell und extrovertiert.

„Vulnicura“ als Tagebuch einer Trennung betrachtet ist keine einfache Kost, die man mal eben so hören kann. Da braucht es schon Zeit und Muße. Doch ab dem Moment, an dem man sich darauf einlässt, entfaltet es seine volle Stärke. So wird Björk von den Hörern und ihren Fans die Liebe erhalten, die sie in ihrer Beziehung nicht mehr bekam.

Das erste Video zum Album: „Lionsong“

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