Undurchsichtig durchsichtig: Transparenz des Einzelnen im Internetzeitalter

Dave Eggers Roman  „The Circle“

Für Mae Holland, die Protagonistin in Dave Eggers Roman “The Circle”, ist The Circle  der perfekte Arbeitgeber: jung, dynamisch, vernetzt und familiär. Ein Internetunternehmen, das nur Gutes will, aber Böses schafft. Eine eindringlichere und offensichtlichere Kritik an der New Economy und den Konsequenzen der (fast) vollständigen Transparenz jedes Menschen las man lange nicht mehr: Zornig, bitter-böse und aufrüttelnd.

Mae Holland kann ihr Glück kaum fassen als sie dank ihrer Freundin Annie einen Job beim Circle bekommt. Ausgerechnet beim Circle: DAS Internetunternehmen in Kaliforniens, das Google, Apple, Facebook und Twitter vom Markt verdrängt hat und alles vereint hat. Jeder Kunde besitzt im Internet nur noch eine Identität, alles wird über diese geregelt. Anonymität wird zum Fremdwort: Nicht nur für alle Kunden, auch für alle Mitarbeiter.

Anfangs fällt Mae diese vollständige Sichtbarkeit schwer, gibt es doch für alle ihre Tätigkeiten ein Ranking, eine Kontrollfunktion und ein Feedback von Kollegen und Kunden. Die Skepsis währt jedoch nur kurze Zeit, zu sehr ist sie von allen Vorteilen des Unternehmens überzeugt und geblendet. Angefangen bei den hellen, gläsernen Büros über das kostenlose Essen der Sterneköche bis hin zu Partys auf dem Unternehmenscampus. Schnell akzeptiert sie das System und steigt zur absoluten Vorzeigemitarbeiterin auf. Zumal die drei Firmengründer all die Transparenz aus dem Grund schaffen wollen, um die Welt von jeglicher Kriminalität zu befreien. Schließlich könne ein Mensch ohne Geheimnisse nichts Böses und Ungesetzliches mehr vollbringen.

All das steht unter den drei großen Mottos „Teilen ist heilen“ („Sharing is caring“), „Geheimnisse sind Lügen“  („Secrets are lies“) und „Alles Private ist Diebstahl“ („Privacy is theft“). Erst wenn wirklich jegliche Anonymität aufgehoben ist, könne das System als perfekt bezeichnet werden und der Circle als geschlossen gelten. Wie willenlose Lemminge folgen die Circle-Jünger diesen Credos, nur wenige leisten Widerstand. Zum einen Maes Exfreund und ihre Eltern, obwohl der Circle sich sogar um deren kranken Vater kümmert, und zum anderen Kalden: Der gibt vor beim Circle zu arbeiten, taucht aber nirgendwo in den Mitarbeiterverzeichnissen auf. So entwickelt sich eine mysteriöse Beziehung zwischen Kalden und Mae – Verbündete oder Gegenspieler? Die Grenzen sind nie ganz klar. Bis zum Ende wird der Gegenwind, der Mae entgegenweht, immer stärker und das Unternehmen mit seinen Zielen immer suspekter…

Transparenz: Chancen, die in Risiken umschlagen

In den Kritiken wird Dave Eggers Roman mit George Orwells „1984“ oder Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ verglichen, nicht ganz zu unrecht. Er entwickelt eine Erzählung, die die Zukunft mit negativem Ausgang erzählt – Kennzeichen eines dystopischen Romans. Nur muss man sich fragen: Wie weit entfernt ist diese Zukunft überhaupt noch? Klar, es existiert kein einzelner Konzern wie der Circle, aber im kleineren Kosmos der bereits genannten Konzerne Facebook, Google, WhatsApp, Apple, etc. steckt schon viel der Eggerschen Entwürfe und Gedankenspiele. Denn bereits diese so mitarbeiterfreundlichen Unternehmen bieten dem Unternehmer: Wohnungen, soziale Kontakte, kulturelle Veranstaltungen, kostenloses Essen und noch viel mehr. Dafür übernehmen sie aber auch persönliche Freunde, Familie und Freiheit.  Die Freiheit den Tag nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, eine Überwachung, die wesentlich extremer ist als in „1984“. Vor allem deswegen, weil die technischen Mittel längst realisierbar wären.

Aus Transparenz wird Kontrolle und aus Kontrolle wird Manipulation. Diese Sorge entwickelt Dave Eggers beim Lesen seines Romans. Mit einfacher Sprache, die weit entfernt davon ist hochtrabend literarisch zu sein, fängt er den Leser. Fast schon naiv kommt Mae daher, wie sie im Circle-System aufgeht und alle Warnungen und Anzeichen ignoriert. All das nur, um die Message zu verbreiten: Die Überwachung ist kein Nutzen, sondern Schaden.  Der Technikvorteil ist nur kurzfristig einer und vielmehr Nachteil. Vielleicht kann man Eggers Plakativität unterstellen, indem er die jungen Digital Natives als leichtgläubige und wenig kritische Menschen darstellt und die wenigen Skeptiker aus dem Kreis der alten oder wenig technisch-affinen Gruppe stammen. Zwischen Schwarz und Weiß ist nicht viel Platz für Nuancen, aber das sei verziehen. Schließlich kann doch auch vom Leser verlangt werden, dass er sich selber ein Bild macht und differenziert. Einige Fragen sollte sich jeder stellen: Will ich diese Zukunft tatsächlich? Will und muss ich Teil dieses Systems werden und wie kann ich Einfluss nehmen?

Dave Eggers "The Circle"

Dave Eggers – „The Circle“ | Copyright; Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG

 

Dave Eggers

The Circle

Titel der Originalausgabe: The Circle
Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
ISBN: 978-3-462-30820-4
Erschienen am: 14.08.2014
19,99 €

Und das Ende war der Anfang

Fabian Hischmann – „Am Ende schmeißen wir mit Gold“

Da schafft es Fabian Hischmann mit seinem Debutroman „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ von den Kritikern direkt mit Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ verglichen zu werden. Ein junger Lehrer, Max,  steht im Leben, aber dann auch wieder nicht. Ein Roman über Aufbruch, vom Finden und Suchen und irgendwie auch einer über die viel diskutierte Generation Y. 

Auf 256 Seiten schreibt Fabian Hischmann eine Mischung aus Coming Out Roman und „Roadmovie“. Die Hauptfigur des Romans übernimmt der Ich-Erzähler Max Flieger, ein Lehrer so um die Ende 20. Dieser wird von der Vergangenheit eingeholt als ihn seine Eltern bitten, in der schwäbischen Heimat auf den Hund aufzupassen, weil sie nach Kreta in den Urlaub fliegen. Er begegnet seinen Jugendfreunden Maria und Jan wieder, zwischen denen er sich schon früher nicht entscheiden konnte. Diese Konfrontation mit der Vergangenheit bleibt nicht die einzige, derer er sich im Laufe der recht kurzweiligen Handlung stellt. Etwa zur Hälfte des Romans verschlägt es ihn nach Griechenland, um sich dort mit den Auswirkungen der Gegenwart auseinanderzusetzen und wird prompt mit der Geschichte seiner Eltern und deren partnerschaftlichen und sexuellen Findungen konfrontiert. In den USA versucht er dann weitere Schatten der eigenen Vergangenheit zu bewältigen.

Dieses fast permanente Unterwegssein des Max Flieger ist ein Sinnbild für dessen Suche nach dem Sinn des eigenen Lebens. Fabian Hischmann beschreibt seinen Protagonisten Max Flieger als eine Person, die lieber auf der Couch liegt und Tierfilme schaut als zu arbeiten, der noch dazu gar nicht so genau weiß, ob er nun Frauen oder Männer liebt. Es ist die Geschichte eines Twentysomething auf der Suche nach seiner Bestimmung, in jeglicher Hinsicht. Max Flieger kann als ein Beispiel für die sogenannte Generation Y gesehen werden. Dabei handelt es sich um die Generation, die zwischen 1980 und 1995 geboren wurde. Junge Menschen, die von den Soziologen als gut gebildet bezeichnet wird und über mehr Freiräume und der Chance zur Selbstverwirklichung verfügt als ihre Vorgängergeneration, für die Zeit für Familie und Freizeit eine elementare Forderungen darstellt, sich aber gleichzeitig auf einer ständigen Sinnsuche befindet. Nicht von ungefähr kommt der Begriff Generation Y, ausgesprochen wie „why“, eben weil vieles hinterfragt wird. Genau in dieses Rollenbild passt Max Flieger, wobei er eben seine Position in der Gesellschaft während des gesamten Romans sucht und am Ende auch zu finden scheint.

„Am Ende schmeißen wir mit Gold“ wurde direkt für den Preis der Leipziger Buchmesse 2014 nominiert, ohne ihn zu erhalten. Und das ist auch in Ordnung. Die Anlage der Handlung hat Potential, ohne dieses auszuschöpfen. Manches ist zu schnell und auch nicht zu Ende erzählt. Trotzdem liest sich das Buch wie aus einem Guss, wird zu keiner Stelle langweilig. Melancholische und amüsante Momente wechseln sich ab. Das letzte Kapitel der durchnummerierten Kapitel ist mit der 0 überschrieben und bildet mit dem ersten (Kapitel 1) den Rahmen des Romans, insofern steht am Ende auch wieder der Anfang.

Trotz aller Bemühungen, der schnellen Sprache und der vielen Themen, auch wenn es ja eigentlich nur das Thema der Selbstfindung ist, erreicht das Romandebüt nicht das Niveau von Wolfgang Herrndorfs „Tschick“, der im Feuilleton als Vergleich herangezogen wurde. Dennoch gibt Hischmanns Buch einen Fingerzeig auf das erzählerische Potential seines Autors, welches dann vielleicht im nächsten Werk vollkommen zum Tragen kommt.

Fabian Hischmann "Am Ende schmeißen wir mit Gold"

Credit: Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH

Fabian Hischmann

Am Ende schmeißen wir mit Gold

ROMAN

Erschienen am 17.02.2014
256 Seiten
ISBN: 978-3-8270-1148-0
€ 18,99 [D]

Szenen einer Großstadt: Berliner Tatort „Das Muli“

Kinder als lebende Drogenkuriere, zwei Kommissare mit zahlreichen persönlichen Konflikten plus Berlin als Hauptdarsteller: Das war der erste Fall der neuen Berliner Tatortermittler im gestrigen Tatort „Das Muli“. Kann man so machen?

So wie Duisburg bei „Schimi“ oder Dortmund für den Tatort mit Peter Faber (Jörg Hartmann) Kulisse und zugleich Zustände sind, ist Berlin in „Das Muli“, dem ersten Fall der beiden Kommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke), fast schon ebenbürtiger Hauptdarsteller. Dabei geht es eigentlich um die Aufklärung des Mordes an einer jungen Frau, die sich als Drogenkurierin schnelles Geld verdienen wollte. Eigentlich! Denn gleichzeitig muss: Rubin ihre Ehe retten, sich mit einem neuen Partner zurechtfinden, der wiederum nach dem Mord an seinem Partner noch Rechnungen offen hat. Immerhin 10,19 Millionen sahen dabei zu.

Die eigentliche Handlung ist schnell geklärt – das Mordopfer und Jo (Emma Bading) schmuggeln als „Mulis“ in ihren Gedärmen Kokainpäckchen aus Mexiko nach Deutschland. Und eine dieser jungen Frauen stirbt, weil ein Kokainpäckchen platzt. Doch das ist nicht der Grund vielmehr wird sie ausgeweidet, zerstückelt und entsorgt. Die zweite junge Frau wird Zeugin des Mordes und flieht, flieht eben durch Berlin. Die Stadt der Gegensätze: hippe Altbauwohnung der Kommissarin vs. Platte und Hinterhöfe, Suppenküche am Berliner Zoo vs. cooler Clubatmosphäre, Müll und cleane Orte plus Hotel am Flughafen BER. Auf der Spur von Jo die Täter und irgendwann auch die beiden Kommissare Rubin und Karow.

Zwei die doch sehr gegensätzlich sind, auch hier aber fast schon so typisch für die letzten neueren Teams. Allem Anschein nach gibt es bei der Polizei keine Personaler, die auf die Zusammenstellung der Abteilungen achten (der irre Peter Faber in Dortmund oder auch das „Paar“ Charlie Hübner & Anneke Kim Sarnau im Rostocker Polizeiruf). Rubin (Meret Becker) lässt sich nach nicht einmal vier Minuten nach einem Clubbesuch von einem Kollegen auf einem Tischkicker vögeln, um morgens stinkend zu ihrem Mann und zwei Söhnen zurückzukehren. Der dann wiederum seine Koffer packt und sie mit den pubertierenden Söhnen zurücklässt – Wer will es ihm verübeln? Und dann ist da noch Kommissar Karow (Mark Waschke) einst Ermittler im Drogendezernat, der dort seinen Partner verlor und selbst in Verdacht geriet, nicht unbeteiligt daran gewesen zu sein. Typ: Macho, ihm sind alle Mittel recht den Fall zu klären und im Zweifel auch das überlebende „Muli“-Kind zugunsten der Ergreifung der Hintermänner zu opfern. Da ist das Misstrauen der Kollegin Rubin schon nachvollziehbar.

Beide Kommissare wirken proletenhaft und großkotzig, das liegt auch am Berliner Dialekt. Schlecht besetzt sind beide Rollen jedenfalls nicht. In beiden steckt eine Menge Potential nach oben, wie im gesamten Tatort. Denn der Täter ist recht schnell bekannt– Mehmet Erdem (Kida Khodr Ramadan) ein Berliner Türke, der legal sein Geld mit Dönern macht – irgendwie noch so ein Klischee was bedient wird. Genauso wie das der jungen Jo, die blutverschmiert in der Nähe eines Restaurants auf der Straße hockt und von niemandem beachtet wird. Egal, so geht eben Großstadt: jeder ist sich selbst der Nächste.

Spannung erzeugt also nicht unbedingt die Frage nach dem Täter! Den Charme machen die Konflikte der Kommissare im privaten und miteinander aus, die Darstellung der Stadt sowie die temporeiche Erzählung mit ihren Schnitten. Und zu guter Letzt die Spannung, wie sich das Team entwickelt, am Ende scheinen die Sympathien zwischen Rubin und Karow etwas gewachsen zu sein. Deswegen mein Fazit: Kann man so machen!

Hier geht’s zur offiziellen Tatort-Seite. Nach 20 Uhr kann der Tatort „Das Muli“ in der ARD-Mediathek eine Woche lang geschaut werden.

 

Zwischen den Kulturen: Anthony McCartens „funny girl“

Eine muslimische StandUp-Comedian mit Burka: Gibt es nicht? Doch! In Anthony McCartens Roman „funny girl“. Dabei stößt sie jedoch an allerlei Grenzen: ihre eigenen, familiäre, freundschaftliche und die der muslimischen Gemeinde Londons. McCarten gelingt dabei der Spagat zwischen beißender Gesellschaftskritik und Komödie.

Azime, 20 Jahre alt und Tochter kurdischer Eltern, lebt in London. In diesem Schmelztiegel der Kulturen trifft das weltliche Westeuropa auf Südosteuropa, das Festhalten an Traditionen auf das sich Loslösen, persönliche Freiheit auf familiäre Gefangenschaft. Da sind Konflikte vorprogrammiert.

Als sich eine Schulfreundin vom Balkon ihrer elterlichen Wohnung in den Tod stürzt, glaubt Azime nicht daran, dass es Selbstmord war. Vielmehr vermutet sie einen Ehrenmord. Kurz darauf ereignen sich die Anschläge auf die Londoner U-Bahnen 2005 und Azime beschließt, mit Hilfe ihres Freundes Deniz, ihre Stimme zu erheben – Gegen die eigene Unterdrückung, die ihrer Freundin Banu und den „Kampf der Religionen“. Das geeignete Mittel scheinen ihr der Humor und Auftritte als Comedian zu sein. So fasst sie sich ein Herz, besucht dank Freund Deniz einen Comedykurs und steht schon bald auf der Bühne. Doch schnell stößt sie auf Widerstände und muss gegen neue/alte Widrigkeiten ankämpfen. Einerseits gegen religiöse Eiferer, die es nicht dulden, dass eine Muslimin öffentlich als Komödiantin auftritt und dann noch in Burka, und andererseits gegen die familiären Widerstände. Und eigentlich will Azime doch nur beweisen, dass ihre Freundin einem Ehrenmord zum Opfer fiel…

Mit Humor und Satire gesellschaftliche Grenzen sprengen

Obwohl zehn Jahre nach dem Anschlag auf die Londoner U-Bahnen die Integration von Muslimen in Großbritannien einen großen Schritt nach vorne machte, ist Anthony McCartens Roman ein Plädoyer für noch mehr Toleranz. Toleranz zwischen den Kulturen, aber auch in jeder Kultur selber. So muss sich Azime eben nicht nur in der britischen Gesellschaft behaupten, sondern eben vor allem auch in „ihrer“ strengen noch recht konservativen muslimischen Familie und Gemeinde. All das geschieht über den Humor. Einerseits den Humor, den die junge StandUp-Komödiantin auf der Bühne präsentiert und andererseits McCartens Schreibstil. Über Witz und Satire werden die Grenzen zwischen den Kulturen deutlich, aber gleichzeitig auch aufgeweicht und beseitigt.

Mit viel Tempo treibt McCarten die Handlung voran, verbindet Handlungsstränge miteinander. Dabei scheut er sich keineswegs davor alles politisch korrekt darzustellen, doch genau darin liegt der gesamte Charme des Romans. Das Spiel mit den Klischees, die detaillierten Situationsbeschreibungen sorgen für eine Mischung aus Stirnrunzeln und Schmunzeln, ohne dabei ins Lächerliche abzurutschen. Nicht zu vergessen, dass am Ende des Krimi-Erzählstrangs auf einmal ganze andere als Täter präsentiert werden als man erwartet hätte. Zum Schluss des Romans steht Azime emanzipiert da – und das trotz oder gerade eben wegen der Burka. So kann er also aussehen: Ein gesellschaftskritischer Roman unter der „Burka“ einer Komödie, der zugleich amüsiert und zum Nachdenken anregt.

Anthony McCarten "funny girl"

Copyright: Diogenes Verlag AG

Anthony McCarten

funny girl

Aus dem Englischen von Manfred Allié

Roman, Hardcover Leinen, 384 Seiten

Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-06892-4

€ (D) 21.90

Ab Mai 2015 auch als Taschenbuch

Petros Markaris‘ „Abrechnung“ für „Brot, Bildung, Freiheit“

Mit „Abrechnung“ legte Petros Markaris 2012 (in Deutschland 2013 bei Diogenes erschienen) den dritten Teil der „Trilogie der Krise“ vor. Nach „Faule Kredite“ und „Zahltag“ werden in Athen drei ehemalige Linke aus der „Generation Polytechnikum“ ermordet. Doch wer ist der Täter? Diese Frage lässt sich vor dem Bild, das Markaris im Jahr 2012 für das Griechenland von 2014 zeichnete, gar nicht so leicht beantworten. Dafür erwartet den Leser eben nicht nur ein Krimi, sondern auch ein politisches Buch.

Das Griechenland des Petros Markaris leidet unter der Krise: Die Drachme hat den Euro als Zahlungsmittel abgelöst, der Grexit wurde vollzogen, die Regierungen wechseln, das griechische Volk leidet unter der wachsenden Arbeitslosigkeit und der Inflation. Doch nicht nur der „normale“ Bürger leidet, auch das Gehalt von Kommissar Kostas Charitos wird gestrichen. Und ausgerechnet jetzt, wo die Athener Bürger ihrem Zorn Ausruck verleihen, geschehen drei Morde an prominenten Linken. Stammt der Täter aus der rechtsextremen Szene oder will sich jemand für Fehler in der Vergangenheit rächen. Dafür spricht die Parole der linken Studentenbewegung, die sich der Militärjunta widersetzte: „Brot, Bildung, Freiheit“. Der Aufstand der „Generation Polytechnikum“ und dessen gewaltsame Niederschlagung am 17. November 1973 führten das Ende der Militärdiktatur herbei.

Mit der altbekannten Beharrlichkeit sucht Charitos den Mörder und merkt immer mehr, dass es genug Personen gäbe, die einen Grund für die Morde hätten. Denn weder der erfolgreiche Bauunternehmer, der Strafrechtsprofessor noch der Geschäftsmann waren sonderlich beliebt. Alle profitierten sie später von ihren „Heldentaten“ des Widerstands und stiegen dank Korruption und Vetternwirtschaft auf. So ergeben sich zahlreiche verdächtige Gruppierungen und Einzelpersonen, denen die Morde zuzutrauen wären.

Staat, Familie und Gesellschaft: Bilder eines Krimis

Dieser Krimi ist so typisch für die gesamte Reihe um Kostas Charitos. Es geht nämlich Petros Markaris nicht nur darum, den Fall zu klären. Vielmehr zeichnet er ein komplexes (Sitten-)Bild der Umstände Griechenlands. Dabei versteht er es ausgezeichnet Vergangenheit, Gegenwart und eine mögliche Zukunft miteinander zu verknüpfen. So extrem die Verhältnisse mit wechselnden Regierungen, dem Währungstausch, der steigenden Arbeitslosigkeit und der Wut des griechischen Bürgers auf die Eurozone auch ist, die Familie und Freunde bilden den Kraft spendenden Pol. Was wäre Kommissar Charitos ohne Frau Adriani, Tochter Katerina oder Altkommunist Sissis und Opfer der Juntazeit.

Mit der Ermordung dreier ehemaliger Widerstandskämpfer zeigt sich aber auch, wieso Griechenland in die nach wie vor herrschende Krise taumelte: Kein Aufstieg, kein Geschäft, das nicht auf Korruption oder Vetternwirtschaft basierte. Es zeigt sich, wie aus ehemaligen Opfern selbst Täter und diese aufgrund ihrer Machenschaften wiederum zum Opfer wurden. So schließt sich ein am Ende tödlicher Kreislauf. Den erzählt Petros Markaris gemächlich , ohne dabei aber belanglos oder gar langweilig zu werden. Mit Wut, Melancholie und Augenzwinkern beschrieben, staunt der Leser über so manche Beschreibung der Lage und wundert sich letztlich doch nicht, wieso es mit Griechenland so weit kommen konnte.

Petros Markaris "Abrechnung"

Petros Markaris

Abrechnung

Ein Fall für Kostas Charitos

Roman, detebe 24303, 320 Seiten
Erschienen im Jan. 2015

ISBN978-3-257-24303-1
€(D) 10.90 / (A) 11.30

Cover von Petros Markaris Roman „Abrechnung“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Björks „Vulnicura“: Verletzt und doch so stark

Mit „Vulnicura“ kehrt Björk dem Experiment den Rücken zu und zurück zu der Stärke, die ihre Alben der 90er Jahre auszeichneten. Kein minimalistischer Sound wie auf „Medulla“ oder das experimentelle, naturwissenschaftliche, multimediale App-Album „Biophilia“ aus dem Jahr 2011. Intim und verletzlich so kommt sie daher. Ihr Trennungsschmerz ist das Glück der Hörer.

Ursprünglich sollte Björks neuntes Album erst im März in den Läden stehen, doch dann stand es auf einmal im Netz. So entschloss sich Björk kurzerhand, es direkt über die bekannten Online-Shops zu vertreiben. Und das ohne irgendein Rumgezicke!

Und dann legt Björk gleich so ein Album vor. Persönlich, intim und wesentlich eindeutiger und weniger metaphorisch als es die letzten Werke waren. Das hat einen Grund: Sie singt sich Trennung von ihrem Partner Matthew Barney von Herz und Seele. Liebeskummer und Trennungsschmerz, wie man ihn besser nicht verarbeiten kann. Schon der erste Titel „Stonemilker“ zeichnet sich durch traurig anmutende Streicherarrangements und Elektronikbeats voller Hall aus. In den elf Tracks, die zwischen drei und zehn Minuten lang sind, klingt alles an, was das Ende einer Liebe mit sich bringt: Verzweiflung –  Hoffnung auf Rückkehr – Resignation – Trauer – Wut und die Besinnung auf die eigene Stärke. Melancholisch und schwermütig im achtminütigen Song „Atom Dance“, welches sich zum Duett mit Antony Hegarty („Antony and the Johnsons“) entwickelt. Auch dieser mit seiner fragilen und unverkennbaren Stimme. So verweben die Duetpartner diesen Song und verleihen ihm eine ungeheure Dichte, dass die Einsamkeit der Trennung zurücktritt. Oder wie sie es singen „No one is a lover alone“.

Die Verletzung aber eben auch die Stärke zeigen sich auf dem Albumtitel und Cover. So ist „Vulnicura“ ein Kunstwort, das sich aus den lateinischen Begriffen für Wunde („vulnus“) und heilen („curare“) zusammensetzt. Ein Album also, das die Wunde der Trennung versucht zu verarbeiten und zu heilen. Eben die Verletzung, die sich auf dem mal wieder sehr extrovertierten Cover zeigt. Björk als heilige Madonna in Latex gekleidet und einer klaffenden Wunde auf der Brust, dass die Wunde noch dazu die Form einer Vulva hat und die Intimität des Ganzen bezeugt: fast schon zu viel des Guten. Aber was die Gestaltung ihrer Alben angeht, war Björk stets sehr experimentell und extrovertiert.

„Vulnicura“ als Tagebuch einer Trennung betrachtet ist keine einfache Kost, die man mal eben so hören kann. Da braucht es schon Zeit und Muße. Doch ab dem Moment, an dem man sich darauf einlässt, entfaltet es seine volle Stärke. So wird Björk von den Hörern und ihren Fans die Liebe erhalten, die sie in ihrer Beziehung nicht mehr bekam.

Das erste Video zum Album: „Lionsong“

Tom Hillenbrands „Drohnenland“

Drohne Drohnenland

Drohnen zeichnen alle Aktivitäten in Tom Hillenbrands „Drohnenland“ auf, doch kann man allen Daten wirklich trauen?

Facebook, WhatsApp, google: Du glaubst wir sind transparent und unsere Daten sind längst nicht mehr persönlich? Mitnichten. Tom Hillenbrand treibt es in „Drohnenland“ noch weiter – Herzlich Willkommen im Überwachsungsstaat. 

Mit „Drohnenland“ schrieb sich der durch seine kulinarischen Luxemburg-Krimis bekanntgewordene Tom Hillenbrand in eine neue Liga: Die der Zukunfts-Krimis! Das Europa, wie wir es im Jahr 2015 kennen, existiert nicht mehr, weder die EU in der aktuellen politischen Form noch die Länder in ihren Landesgrenzen. So fielen beispielsweise die Niederlande dem Klimawandel zu Opfer. Google-Glasses sind längst Gang und Gäbe, aber von anderen Herstellern, Drohnen dienen der Überwachung des öffentlichen Lebens. Geheimnisse? Gibt es nicht mehr, der Mensch ist mehr denn gläsern. Und dann geschieht ein Mord in der Nähe des Europarates, der den digitalen Überwachungsapparat und dessen Glaubhaftigkeit infrage stellt. Die Grenzen zwischen Gut und Böse sind klar zu ziehen.

In dieser Gemengelage ermittelt Kommissar Aart van der Westerhuizen gemeinsam mit der Forensikerin Ava Bittmann und einem allwissenden Fahndungscomputer von Europol. Der erste Verdächtige wird schnell ermittelt, doch Aart van der Westerhuizen überkommen schnell Zweifel am Ermittlungserfolg. Bei den weiteren Ermittlungen stößt er auf Hinweise, dass die digitalen Spuren manipuliert wurden und deckt peu a peu eine weitreichende Verschwörung auf. Aufgrund dieser Ermittlungen gerät der Kommissar selbst in Gefahr und droht vom System entsorgt zu werden.

Tom Hillenbrand schrieb diesen Roman laut Verlagsauskunft bereits vor Bekanntwerden der Snowden-Affaire und schuf einen Krimi, der auf den ersten Blick weithergeholt wirkt. Doch auch wenn einige technische Details noch nicht in der Realität auftauchen, wirken sie vor den Erkenntnissen der jüngeren Vergangenheit nicht undenkbar. Ganz gleich ob es den Zerfall politischer Bündnisse betrifft oder die Überwachung jedes Einzelnen durch Computerprogramme, Drohnen und die Geheimdienste.  Auf die Dinge, die jeder von uns ins Netz stellt haben wir noch Einfluss, aber was Hillenbrand in „Drohneland“ als Szenario entwickelt, versetzt den Leser in Angst und Schrecken. Wer also keine Scheu hat, einen ungeschminkten Blick auf die Auswirkungen der zunehmenden Digitalisierung zu werfen, der wird seine Freude an diesem Krimi haben!