„Sand“ im Literaturgetriebe – Leipziger Buchpreis für Wolfgang Herrndorf

Der Leipziger Buchpreis in der Sparte Belletristik ging in diesem Jahr an Wolfgang Herrdorf für seinen Roman Sand. Dotiert ist der Preis mit der stattlichen Summe von 15.000 Euro. Bereits im letzten Jahr gehörte Wolfgang Herrndorf mit Tschick zu den nominierten Autoren. In Abwesenheit des Autors nahm mit Robert Koal ein enger Freund den Preis entgegen.

Die Jury begründete ihre Entscheidung mit den Worten, dass Sand „(e)in furioser Abenteuerroman , ein faszinierend verwirrender Antiagenten-Thriller, [sei,] der so waghalsig wie gekonnt mit verschiedenen Ebenen jongliert.“  Die Handlung von Herrndorfs Roman ist 1972 in Nordafrika angesiedelt. In einer Hippikommune werdenvier Menschen ermordet, ein Koffer voller Geld verschwindet und ein wenig intelligenter französisch-stämmiger Polizist übernimmt die Ermittlungen. Der vermeintliche Täter, Amadou Amadou, wird schnell festgenommen. Doch dies ist nicht die einzige Handlungsebene. Ein verwirrter Atomspion, eine auf ihre Art und Weise attraktive Amerikanerin und zahlreiche andere Personen tauchen auf und sorgen für Verwirrung. Doch die größte Verwirrung bei der Lektüre stiftet der Mann, der sein Gedächtnis verlor und fortan versucht seine Erinnerung wieder zu finden. Allerdings braucht es eine Zeit, um sich in die Handlung des Romans mit all seinen Protagonisten einzulesen. Immer wieder stellt sich die Frage nach Zusammenhängen und wie es wohl weiter- und ausgehen mag. Denn ein durchgehender Handlungsstang ist nicht so recht auszumachen, so dass man als Leser auf eine harte Probe gestellt wird. Gerade das, was die Jury des Leipziger Buchpreises als faszinierend verwirrend und das Jonglieren mit und auf verschiedenen Ebenen lobt, verlangt eine Menge vom Leser ab. Vielleicht für den ein oder anderen sogar zu viel. Die Sprache von Wolfgang Herrndorf jedoch ist es, die das Weiterlesen fördert, trotz all der Ahnungslosigkeit, die der Roman bewirkt und von der er auch handelt und lebt. Denn Herrndorf beschreibt Personen und Landschaften mit einem ungemeinem Wortschatz und einer ungeheuren Präzision und Vielfalt im Ausdruck. Der gesamte Roman lebt von seinen unzähligen komischen fast slapstickartigen Dialogen und zahlreichen Anspielungen und Verweisen. Verweise auf historische Texte und Ereignisse, Filme, Politik oder andere Literatur sind nicht offensichtlich in den Zitaten zu finden unter denen jedes Kapitel steht, sondern auch in die Handlung eingearbeitet. All diese Feinheiten machen die Vielschichtigkeit von Sand aus, auf die man sich zuerst einlassen muss, aber dann doch wie gefesselt weiterliest.

Eine Verortung in ein bestimmtes Genre dahingegen fällt schwer und ist fast unmöglich. Am besten lässt es sich mit einer Mischung aus Agentenparodie und Gesellschaftskritik gepaart mit absurder Komik umschreiben.

Wolfgang Herrndorf: Sand, erschienen beim Rowohlt Verlag, 480 Seiten; ISBN 978-3871347344

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in ZEICHEN.

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