Mountain Man’s „Made the Harbor“

Sie spielten als Vorgruppe von Feist und sind in Deutschland noch recht unbekannt, was sich hoffentlich noch ändern wird. Die Rede ist von Mountain Man, das sind die drei Sänger und Songwriterinnen Molly Erin Sarle, Alexandra Sauser-Monnig und Amelia Randall Meath, die aus dem Westen bzw. Mittleren Westen der USA kommen. Bereits im Jahr 2010 erschien ihr Debut Made the Harbor bei Partisan Records.

Die Musik von Mountain Man steht in der Tradition des amerikanischen Folk und ist aufs Wesentliche reduziert. So leben alle Songs von der akkustischen Gitarre und dem dreistimmigen, harmonischen Gesang. Molly Erin Sarle, Alexandra Sauser-Monnig und Amelia Randall Meath singen von ihre Liebe zu und unter den Menschen sowie ihrer Naturverbundenheit. Dadurch dass jeder Song von Gesang, dem leisen, gefühlvollen Gitarrenspiel und dem Knistern, dass an das Abspielen einer alten Schallplatte erinnert,  lebt, entsteht eine ungeheure Intimität von der das gesamte Album lebt und zu keiner Zeit langweilig wird. Teilweise erinnert der Gesang wegen der Harmonien und Mehrstimmigkeit an Kirchen- bzw. Chormusik. Mit Made the Harbor haben Mountain Man ein wundervolles Album für laue Frühlings- und Sommerabende veröffentlich, dass durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient als es bisher in Deutschland bekam.

http://www.partisanrecords.com/artists/mountain-man/bio/

Auf der Flucht – In der Hauptrolle Allan Karlsson

Mit Der Hunderjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand schrieb der Schwede Jonas Jonasson 2009 gleich mit seinem ersten Roman das beliebteste Buch des Jahres in seiner Heimat, so steht es wenigstens auf dem Klappentext. Gemessen am Zeitraum seit dem der Roman sich bei uns in Deutschland in den Bestsellerlisten befindet, genießt es auch bei uns große Beliebtheit. Woran liegt das?

Wohl vor allem an der irrwitzigen Geschichte, die sich Jonas Jonasson hat einfallen lassen. Schon die Widmung lässt ahnen, dass die Handlung des äußerst phantasievoll sein wird. Denn Jonas Jonasson widmet den Roman seinem Großvater mit dessen Worten:

Wenn ein’n man jümmers bloß die Wohrheit vertellt, denn is dat de Tid nich wert, dat je em tohört.

Als dann beginnt die Geschichte um Allan Karlsson, der am Tage seines 100. Geburtstages die Nase voll hat vom Leben im Altersheim und deswegen aus dem Zimmerfenster klettert, um zu verschwinden. Auf seiner Flucht durch Schweden erlebt Allan Karlsson allerlei kuriose Ereignisse, an denen er jedoch nicht ganz unschuldig ist. Gleich nach dem „Ausbruch“ aus dem Altenheim stiehlt er am Busbahnhof einem schwedischen Mafiamitglied einen Reisekoffer voller Drogengeld. Der Bestohlene macht sich natürlich auf die Jagd an deren Ende er der erste von zahlreichen Toten im Roman ist. Im Lauf der Handlung kommt Allan Karlsson mit zahlreichen Personen zusammen, so dass die Gruppe der Flüchtigen anwächst. Man ist also nicht nur auf der Flucht vor dem Altenheim, sondern auch vor der Mafia und der Polizei, die zum einen wegen der Flucht nach Allan sucht und zum anderen wegen der „Morde“.

Allein diese Handlung des Romans ist stets amüsant und unterhaltsam, jedoch gibt es noch eine zweite Handlungsebene und zwar wird in Rückblenden von Allans Vergangenheit erzählt. Und diese Rahmengeschichte ist fast noch kurioser als die Ereignisse in der Gegenwart. Dass das Leben eines Hundertjährigen allein des Alters wegen eine Menge hergibt, versteht sich von selbst. Aber was Jonas Jonasson seinem Romanhelden andichtet ist aberwitzig. Im Laufe seines Lebens hat er mit den unterschiedlichsten Staatsführern der größten Weltmächte Kontakt gehabt, beispielsweise Franco, Truman, Stalin oder Mao. Und das obwohl Allan Karlsson von seiner Grundeinstellung her unpolitisch ist. Was die beiden Erzählstränge gemeinsam haben, sind die unmöglichen Ereignisse und die Art und Weise wie Jonas Jonasson sie beschreibt und darstellt. Er macht dem Eingangszitat seines Großvaters alle Ehre und weiß den Leser durchweg gut zu unterhalten.

Alles in allem ist Jonas Jonasson mit Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand ein amüsantes Roadmovie gelungen, welches vor allem von eben jenen beschrieben Kuriositäten und seinem einzigartigen Humor lebt. All das sorgt dafür, dass man versucht ist, den Roman in einem Rutsch durchzulesen.

Album der Woche: The Mars Volta – Noctourniquet

Am Freitag den 26. März veröffentlicht die Prog-Rock-Band The Mars Volta um Cedric Bixler-Zavala und Omar Rodriguez-Lopez mit Noctourniquet ihr sechstes Studioalbum in elf Jahren. Wenige Wochen also nachdem sie die Reunion ihrer alten Band At the Drive-In bekannt gaben.

Nachdem vor allem die Alben De-Loused in the Comatorium, Frances The Mute und Amputechture hohe Anforderungen an die Hörgewohnheiten stellten und durch ihre Experimentierfreudigkeit hervorstachen, fiel das letzte Album Octrahedron bereits durch eingängigere Melodien und Songstrukturen im eigentlichen Sinne auf. War es doch zuvor keine Seltenheit, dass sich einzelne Titel ins Uferlose ausweiteten und fast schon jazzähnlichen Jamsessions glichen. Beginnend bei der Stücklänge über die Vielzahl der Instrumente, seien es Saxofone, Trompeten oder in der Rhythmusgruppierung, bis hin zu den unterschiedlichsten Tempi- und Rhythmuswechseln.

Mit Noctourniquet werfen The Mars Volta einiges davon über Bord, ohne auf das zu verzichten, was die vergangenen Alben und vor allem die Musik auszeichnete. Zum ersten Mal überschreitet nur ein einziger Song die 7-Minutengrenze, auch ist die Instrumentierung weniger ausladend. Dafür gewinnt man beim Hören des Albums den Eindruck, dass es elektronischer zugeht, so zum Beispiel bei den Titeln The Whip Hand oder Lapochka. Diese klingen am Anfang ein wenig nach Spielhalle und Flipper. Das Schlagzeugspiel erinnert vereinzelt wie der Drumcomputer bei Radiohead und ist dennoch geprägt vom „Nach-vorne-treiben“, von unbändiger Energie. Deantoni Park, der Nachfolger von Jon Theodore und Thomas Pridgen an den Drums, überzeugt durch sein frickeliges Spiel. Auch auf Nocturniquet sind noch Überbleibsel und Passagen von Experimentierfreudigkeit und Jazzanleihen zu finden, jedoch in wesentlich geringerem Umfang als zu Anfangszeiten von The Mars Volta. Selbst ausufernde Gitarrensoli sind eine Seltenheit geworden. Dies schadet der Musik in keinster Weise, denn nun kommt das musikalische Können noch besser zur Geltung. Beispielsweise das Gitarrenspiel von Omar Rodriguez-Lopez oder der Gesang Bixler-Zavalas.

Anspieltipps:

The Whipping Hand, zu Beginn der „elektronische“ Einstieg, sich langsam steigernd um dann nach etwa anderthalb Minuten durch den Bass, der in Richtung Magen geht, losbricht.

The Malkin Jewel, Cedric Bixler-Zavala bestimmt den Klang dieses Tracks ausnahmsweise mal mit düsterem und dunklem Gesang im Gegensatz zu seinem mitunter hohem Gesang. Noch dazu kommt der prägende Offbeat, also die Betonung zwischen den eigentlichen Schlägen, der das Stück auszeichnet.

http://www1.rollingstone.com/hearitnow/player/marsvolta1.html

Der kleine, feine Online-Plattenladen: OhFancy

Schallplatten lassen so manches Herz eines Musikliebhabers höher schlagen und im Gegensatz zur CD verzeichnete die Phonoindustrie in den letzten Jahren bei den Verkaufszahlen von Schallplatten einen Anstieg. Wenn man nicht gerade in einer Großstadt oder einem Ballungsraum wohnt, ist es oftmals dennoch nicht so leicht an die neuesten Platten zu gelangen. Dann bleibt doch wieder nur der Klick auf die bekannten Onlineshops, um an das begehrte Stück zu kommen.

Doch es gibt auch die kleinen Läden und Shops, die mit viel Liebe, Aufwand und Mühe Vinyl vertreiben. Und genau so ein Shop ist der Ende des Jahres 2011 ins Leben gerufene Shop OhFancy. Im Angebot finden sich Vinyl-Veröffentlichungen aus den Bereichen Indie Pop, Rock und Electronic. Auch wenn der Shop nicht den Umfang von anderen Shops oder Mailorder-Vertrieben aufweisen kann, ist es eine gute und tolle Ergänzug. Denn trotz der relativ geringen Auswahl, momentan sind es in etwa 100 Platten, überzeugen sowohl die Preise als auch der Versand. Vor allem vor dem Hintergrund betrachtet, dass Geschäftsführer Tobias Fuchs diesen Shop „nur“ nebenberuflich führt. Allein aus der Motivation heraus, die Liebe für Vinyl auch bei anderen Musikbegeisterten zu wecken. Genau das zeigt eben auch die handverlesene Auswahl der Platten! Es bleibt Tobias Fuchs zu wünschen, dass seine Idee und Leidenschaft Erfolg hat und seine Geschäftsidee sowie die Zahl der Schallplattenliebhaber wächst.

http://www.ohfancy.de/index.php

„Sand“ im Literaturgetriebe – Leipziger Buchpreis für Wolfgang Herrndorf

Der Leipziger Buchpreis in der Sparte Belletristik ging in diesem Jahr an Wolfgang Herrdorf für seinen Roman Sand. Dotiert ist der Preis mit der stattlichen Summe von 15.000 Euro. Bereits im letzten Jahr gehörte Wolfgang Herrndorf mit Tschick zu den nominierten Autoren. In Abwesenheit des Autors nahm mit Robert Koal ein enger Freund den Preis entgegen.

Die Jury begründete ihre Entscheidung mit den Worten, dass Sand „(e)in furioser Abenteuerroman , ein faszinierend verwirrender Antiagenten-Thriller, [sei,] der so waghalsig wie gekonnt mit verschiedenen Ebenen jongliert.“  Die Handlung von Herrndorfs Roman ist 1972 in Nordafrika angesiedelt. In einer Hippikommune werdenvier Menschen ermordet, ein Koffer voller Geld verschwindet und ein wenig intelligenter französisch-stämmiger Polizist übernimmt die Ermittlungen. Der vermeintliche Täter, Amadou Amadou, wird schnell festgenommen. Doch dies ist nicht die einzige Handlungsebene. Ein verwirrter Atomspion, eine auf ihre Art und Weise attraktive Amerikanerin und zahlreiche andere Personen tauchen auf und sorgen für Verwirrung. Doch die größte Verwirrung bei der Lektüre stiftet der Mann, der sein Gedächtnis verlor und fortan versucht seine Erinnerung wieder zu finden. Allerdings braucht es eine Zeit, um sich in die Handlung des Romans mit all seinen Protagonisten einzulesen. Immer wieder stellt sich die Frage nach Zusammenhängen und wie es wohl weiter- und ausgehen mag. Denn ein durchgehender Handlungsstang ist nicht so recht auszumachen, so dass man als Leser auf eine harte Probe gestellt wird. Gerade das, was die Jury des Leipziger Buchpreises als faszinierend verwirrend und das Jonglieren mit und auf verschiedenen Ebenen lobt, verlangt eine Menge vom Leser ab. Vielleicht für den ein oder anderen sogar zu viel. Die Sprache von Wolfgang Herrndorf jedoch ist es, die das Weiterlesen fördert, trotz all der Ahnungslosigkeit, die der Roman bewirkt und von der er auch handelt und lebt. Denn Herrndorf beschreibt Personen und Landschaften mit einem ungemeinem Wortschatz und einer ungeheuren Präzision und Vielfalt im Ausdruck. Der gesamte Roman lebt von seinen unzähligen komischen fast slapstickartigen Dialogen und zahlreichen Anspielungen und Verweisen. Verweise auf historische Texte und Ereignisse, Filme, Politik oder andere Literatur sind nicht offensichtlich in den Zitaten zu finden unter denen jedes Kapitel steht, sondern auch in die Handlung eingearbeitet. All diese Feinheiten machen die Vielschichtigkeit von Sand aus, auf die man sich zuerst einlassen muss, aber dann doch wie gefesselt weiterliest.

Eine Verortung in ein bestimmtes Genre dahingegen fällt schwer und ist fast unmöglich. Am besten lässt es sich mit einer Mischung aus Agentenparodie und Gesellschaftskritik gepaart mit absurder Komik umschreiben.

Wolfgang Herrndorf: Sand, erschienen beim Rowohlt Verlag, 480 Seiten; ISBN 978-3871347344

Platte des Monats März: Dry The River – Shallow Bed

Mit Shallow Bed veröffentlicht die Ostlondoner Band Dry The River ein wundervolles Debutalbum. Dabei vereinen sie Folk im Stile der Fleet Foxes mit dem Sturm und Drang von Post-Punk und Hardcore.

Von der Besetzung der Band, Akkustikgitarren und sogar einer Violine, betrachtet sieht es erstmal nach einer weiteren Folkgruppe aus. Noch dazu wenn man die Mannen um Sänger Peter Liddle rein von der Optik bewertet, ob Vollbart oder lange Haare, auch dieses vermeintliche Klischee wird erst einmal bedient.

Doch wenn man dann das Album hört, muss man dieses Klischeedenken und die Einordnung in die Folk-Ecke vielleicht nicht unbedingt vollständig revidieren, aber doch erweitern. Ruhig und besonnen wirkt der Einstieg ins Album, der Hörer wiegt sich in der Sicherheit etwas Bekanntes zu hören. Doch dann entlädt sich die ungestüme Kraft, ohne jedoch Melodie und Refrain in den Hintergrund zu stellen.

Diese Vielfältigkeit des Albums hat ihre Ursachen in den Hintergründen der Bandmitglieder. Sänger Peter Liddle wurde in Norwegen geboren und musste auf Grund des Berufes seines Vaters, der Ingenieur in der Ölindustrie war, oftmals die Schule wechseln. Liddle sieht darin die Ursache, dass er auf gesellschaftliche Aspekte und die Zugehörigkeit zu eben solcher fixiert ist, weil er diese durch die ständigen Wohnortwechsel nicht hatte. Sein Interesse für die Ikonographie und die Sprache der Kirche wurde durch die Eltern geweckt. Der Drummer Jon Warren hingegen spielte vor Dry The River in verschiedenen DIY-Punkbands Schlagzeug. Diese Faktoren finden sich nun musikalisch in der Mischung aus pastoralem und harmonischem Folk mit den treibenden Punkelementen wieder. Beim Inhalt der Texte wurde Peter Lidell vor allem von seinem Anthropologie- und Medizinstudium inspiriert.

Dry The River überzeugen vor allem durch den Einklang von harmonischem Folk und dem rockigen Bombast, der jedoch nie übers Ziel hinaus jagt. Stimmlich erinnert der Sänger in manchen Liedern an Justin Vernon, seines Zeichens Sänger von Bon Iver. Das teils brüchige und heisere Falsett kommt wundervoll im Song Weights & Measure zum Tragen. Um es mit den Worten aus diesem Titel zum Ausdruck zu bringen:

I was prepared to love you
And never expect anything of you.