Sophie Hénaff: Kommando Abstellgleis – Ein Fall für Kommissarin Capestan

Anne Capestan, Kommissarin, hat einen schweren Fehler begangen. Sie machte Gebrauch von ihrer Dienstwaffe, obwohl der Täter nur mit einem Kugelschreiber bewaffnet war. Deswegen findet sie sich jetzt in einer derangierten Pariser Wohnung wieder, die ihr neues Büro darstellen soll. Und sie ist nicht allein: 40 andere in Ungnade gefallene Polizisten – sei es aufgrund von dienstlichen Verfehlungen oder privaten Problemen – gehören zu einer neugegründeten Brigade, deren Chefin nun Anne Capestan ist.

Das Team der „Looser“ startet durch

Doch von den 40 ihr unterstellten Polizisten tauchen zu Anfang nur drei auf:  Unglücksbringer José Torrez, Commandant Lebreton von der Dienstaufsicht und Capitaine Eva Rosière, die als Schriftstellerin das große Geld gemacht hat. Um sich nicht soviel miteinander beschäftigen zu müssen, wühlen sich die Polizisten durch die Kartons voller alter Akten auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung. Schnell sind zwei unaufgeklärte Mordfälle entdeckt, die sich die Polizisten in Zweier-Teams vornehmen. Lebreton und Rosière untersuchen den Fall Yann Guénan, ein Brückenwachoffizier der 1993 erschossen aus der Seine gefischt wurde und Capestan ermittelt mit Torrez im Fall Marie Sauzelle, einer alten Dame, die einem Einbrecher zum Opfer fiel. Nach und nach trudeln noch fünf weitere Polizisten in der Brigade ein. Ein Alkoholiker, ein Pressefreund, eine Spielsüchtige, ein Autojunkie und ein ehemaliger Boxer komplettieren die bunte Mischung. Trotz all der Probleme, die die Polizisten mitbringen, sind bald erste Erfolge erkennbar und die Loser-Truppe kommt bei ihren Ermittlungen sogar der Führungsriege auf die Schliche.

Ein Krimi bunt wie das Leben

Sophie Hénaff hat mit „Kommando Abstellgleis“ einen gelungenen Krimi geschrieben, der durch die Vielzahl seiner Protagonisten begeistert. Trotz der charismatischen Kommissarin Capestan in der Hauptrolle bleiben auch die anderen Polizisten nicht nur Nebendarsteller. Kurze, eingefügte Kapitel in denen jeweils einer der Protagonisten alleine beleuchtet wird, bringen dem Leser alle Polizisten etwas näher. Und trotz all der Fehler, die die Polizisten haben oder begangen haben, sind sie alle auf ihre Art liebens- und damit lesenswert. Die bunte Mischung an Leuten und ihre Interaktion ist interessant zu beobachten und lädt zum einen oder anderen Schmunzeln ein.

Spannend ist auch die Klärung der Mordfälle, vor allem weil die Brigade von den Obrigkeiten keinerlei Unterstützung erhält und somit darauf angewiesen ist, auf unkonventionelle Mittel zurückzugreifen. Nicht nur die Tatsache, dass der Roman in Paris spielt, hebt ihn von den unzähligen französischen Krimis ab, die auf dem Büchermarkt mittlerweile zu finden sind. Auch die Wortwahl von Sophie Hénaff ist teilweise außergewöhnlich und zeigt ihre langjährige Erfahrung als Schreiberin verschiedenster Genres. Somit ist Kommando Abstellgleis ein rundum gelungenes Krimidebüt der Schriftstellerin und uneingeschränkt zu empfehlen.


Kommando Abstellgleis von Sophie Henaff | Copyright: Randomhouse

Sophie Hénaff

Kommando Abstellgleis – Ein Fall für Kommissarin Capestan

€ 14,99 [D] inkl. MwSt.
€ 15,50 [A] | CHF 20,50*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 20.03.2017
352 Seiten
ISBN: 978-3-570-58561-0

Das Rezensionsexemplar wurde mir von carl’s books/Randomhouse freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

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Sophie Bonnet „Provenzalisches Feuer“ – Auf den Spuren Okzitaniens

Der vierte Fall mit Kommissar Durand

Ein Krimi gemacht wie für den Sommer: „Provenzalisches Feuer“ aus dem Blanvalet Verlag spielt wie immer im südfranzösischen Sainte-Valérie. Autorin Sophie Bonnet lässt ihren Kommissar Durand dieses Mal einen pikanten Mordfall lösen. Die Ermittlungen im Fall eines Journalisten lassen Unruhe im sonst so idyllischen Örtchen aufkommen. Denn alte Geschichte kochen hoch…

Ein Dorf im Rausch

Sainte-Valérie in der Provence: Es ist Juni, der Sommer hält Einzug und das Dorf bereitet sich auf ein großes traditionelles Fest vor. Eigentlich ganz der Geschmack der Dorfbewohner und auch von Kommissar Durand, würde nicht der Bürgermeister ein riesiges touristisches Event aufziehen. Reisebusse voller Touristen werden angekarrt und Fackeln mit Aufdruck des Reiseunternehmens verteilt. Von Idylle und Tradition ist das weit entfernt. Und das ruft bei den Dorfbewohnern Argwohn hervor.

Als dann mitten während des Stadtfestes ein Journalist erstochen wird, findet das rauschende Fest ein jähes Ende. Ausgerechnet während des Auftrittes der gefeierten Band Viva Occitània. Trotz so vieler potentieller Zeugen kann Durand und sein Polizeiteam vor Ort keinen Täter dingfest machen. Zu trubelig ging es auf dem Dorfplatz zu. Am Tag darauf stellt sich jedoch heraus, dass der Journalist nicht nur in einer Kneipe mit Dorfbewohnern in Streit geriet, sondern auch ein Gespräch mit Durands Vorgänger führte.

Erste Recherchen und Ermittlungen lenken die Spur in die Vergangenheit und zum kuriosen Tod eines Schriftstellers, der einen Roman über Sainte-Valérie verfassen wollte. Doch genau das kam seinerzeit nicht gut bei den Bewohnerinnen und Bewohnern an. Denn in den Darstellungen der Figuren erkannten sie sich teils wieder, vor allem in den schlechten Eigenschaften und Charakterzügen. Doch ist dies nicht die einzige Fährte, der Kommissar Durand nachgeht: Auch die Hüter der traditionellen und aussterbenden Sprache „Okzitanisch“ geraten in den Verdacht mit dem Mord am Journalisten in Verbindung zu stehen – Durands Assistent Luc. Je tiefer Durand sich in den Fall begibt, um so größer wird auch die Gefahr für ihn. Denn irgendjemand versucht die Ermittlungen zu behindern und schreckt auch nicht vor Angriffen auf den Kommissar zurück.

Lokalkolorit und Spannung

Gewohnt launisch kommt der vierte Fall um den sympathischen Kommissar Durand daher. Ein wenig Liebesgeschichte und Fortspinnen der Beziehung mit Freundin Charlotte, die nun ihren Weg in die Selbstständigkeit wagt, darf nicht fehlen. Für alle Leserinnen und Leser der Krimis von Martin Walker, Cay Rademacher oder Jean-Luc Bannalec ist das zwar ein Bekanntes, aber auch liebgewonnenes Schema. Dies trifft auch auf die Verknüpfung der landesgeschichtlichen Geschichte, bzw. Geschichte der Regionen und dem „Savoir Vivre“ mit der Krimihandlung zu.

Das mag vielleicht auf den ersten Eindruck seicht klingen, aber der Fall ist spannend und als Leser rätselte ich bis zum Ende, wer der Täter (oder die Täterin) sein könnte. Gleichzeitig erfuhr ich mehr über die Befindlichkeiten in Südfrankreich und erstmals über die Existenz der okzitanischen Kultur sowie die Probleme zwischen gelebter Tradition und den Vorgaben aus Paris. So erinnert der Konflikt – in abgeschwächter Form –  an die Zustände in Katalonien.

Interessant und erschreckend zugleich ist die Beschreibung, wie der Dorf-Bürgermeister den Tourismus beflügeln will. Dabei aber einzig die Stadtkasse im Kopf hat, die Befindlichkeiten seines Dorfes jedoch mehr oder weniger außen vorlässt. Führt man sich noch dazu Bonnets Ausführungen über die Auswirkungen des im Krimi geschilderten, fiktiven Romans auf den Ort vor Augen, stellt sich die folgenden Frage: Wie sieht es denn in der Realität aus? Was machen beispielsweise die Frankreich-Krimis mit den kleinen Orten: Erleben diese auch eine Tourismus-Schwemme und werden quasi zu „Museumsdörfern“ oder erhalten große Hotelanlagen? Und was geschieht, wenn das Interesse an diesen Romanen und folglich den Regionen und Orten nachlässt? Insofern regt die Lektüre sogar zu kritischen Gedanken án.

Und dennoch ist „Provenzalisches Feuer“ vor allem ein spannender Krimi mit einigen Wendungen und sympathischen Charakteren. Bestens geeignet, um ihn auf dem Balkon, im Garten oder gleich im Urlaub zu lesen.


Buchcover zu Sophie Bonneta "Provenzalisches Feuer"

Sophie Bonnet „Provenzalisches Feuer“ | Copyright: Randomhouse/blanvalet

Sophie Bonnet

Provenzalisches Feuer

€ 14,99 [D] inkl. MwSt.
€ 15,50 [A] | CHF 20,50*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 22.05.2017
320 Seiten

ISBN: 978-3-7645-0613-1

Das Rezensionsexemplar wurde mir von blanvalet freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

Luis Sellano „Portugiesische Rache“ – Historische Verstrickungen in Lissabon

Ein „Ausflug“ in Portugals unrühmliche Vergangenheit

Auch im zweiten Kriminal-Roman um Neu-Antiquariatsbesitzer und Ex-Polizist Henrik Falkner bindet Autor Luis Sellano Portugals jüngere Vergangenheit ein. Vor der Kulisse Lissabons muss sich Falkner mit alten und neuen Widersachern messen.

Henrik Falkner – Jäger und Gejagter

Als der durch Messerstiche schwer verletzte IT-Spezialist Ruben Mendes in den Armen von Henrik Falkner zu sterben droht – und dies auch später im Krankenhaus tut -, ist klar, dass es für den Ex-Polizisten wieder losgeht. Denn natürlich kommt er nicht umhin, die Hintergründe für den Mord herauszufinden. Zumal der Verstorbene noch kurz zuvor in Falkners geerbtem Antiquariat ein Buch kaufte. So liegt es nahe, einen Zusammenhang zwischen Buchkauf und dem gewaltsamen Tot zu wittern.

Und wie schon bei den Geschehnissen in „Portugiesisches Erbe“ bekommt es Henrik Falkner mit alten Feinden und glücklicherweise auch alten Freunden zu tun. So sind die junge Polizistin Helena, die Ärztin Filipa und Mönch Bruno an und auf der Seite des Antiquariatsbesitzers.

Als die Polizei im Mann der Geliebten den Mörder von Ruben Mendes verkündet, scheint der Fall aufgeklärt. Doch schnell merkt der geschulte Ex-Polizist, dass hier politischer Druck herrscht und die wahren Schuldigen nicht gefunden werden sollen. Damit gibt sich Henrik Falkner nicht zufrieden, zu groß ist sein Gerechtigkeitssinn. Dadurch bringt er nicht nur sich und seinen Vater in Gefahr, sondern auch Helena mit ihrer kleinen Tochter sowie seine Mitarbeiterin Catia. Denn die Feinde und Täter stammen aus der Zeit Portugals unter Ministerpräsident und Diktator António de Oliveira Salazar. Und deren Skrupel Gewalt anzuwenden sind nicht geringer geworden, schließlich gibt es einiges vor der Öffentlichkeit zu vertuschen…

Krimi, Politik- und Landesgeschichte

Auf knapp 350 Seiten führt Autor Luis Sellano seine Leserinnen und Leser auf eine spannende Jagd nach dem Mörder von Rubin Mendes. Dabei hat er in Henrik Falkner eine geeignete und sympathische Hauptfigur entwickelt, die bereits in „Portugiesische Erbe“ in Lissabon ermitteln durfte. Anders als es im ersten Band noch der Fall war, wirkt die Handlung und vor allem das Ende nicht so konstruiert bzw. zufällig.

Neben der Kenntnis von Lissabon, die sich in detaillierten und liebevollen Beschreibungen der Orte zeigt, beweist Sellano auch sein Wissen der Geschichte Portugals unter der Herrschaft Salazars. Als geschichtlich- und politischinteressierter Leser war ich erstaunt, wie wenig ich doch über diese Hintergründe und Geschehnisse aus einer Zeit und einem Staat weiß, die noch nicht so lange zurückliegt. Mit den verknüpften Hintergründen und Geschehnissen um die Verfolgung von Regimekritikern, in diesem Fall fiktionale Personen, entsteht nicht nur Spannung, sondern noch dazu Interesse an dieser Epoche.

Sympathische Akteure: Henrik, Helena, Filipa, …

Was wäre die atemloseste Handlung ohne das passende „Personal“: Die bereits im ersten Band liebgewonnenen Akteure um Henrik Falkner wirken allesamt auch in „Portugiesische Rache“ mit. Und Sellano erweitert es sogar, zumindest für diesen Fall, um Henriks Vater, der kaum aus dem heimischen Ehegefängnis ausgebrochen, ein Techtelmechtel mit der Mutter eines der Mieter von Henrik beginnt. Neben der Hatz nach den Tätern kommen weder Humor noch die Liebe zu kurz.

Denn so sehr Henrik Falkner noch an seiner verstorbenen Frau hängt, seine Zuneigung zu Polizistin Helena wächst und eine erste Annäherung findet auch statt. Überhaupt hat Sellano seinen Protagonisten, anders als es in so vielen nordischen Krimis der Fall ist, nicht als zutiefst depressive, alkohol- oder drogenkranke Person eingeführt. Aber das würde auch nicht in das umtriebige Lissabon passen.

Freuen darf man sich auf den dritten Band, denn längst nicht alle offenen Fragen werden am Ende beantwortet. Schon gar nicht, wer João, den Lebensgefährten von Henriks Onkel Martin, und vielleicht sogar Martin ermordete. Ganz zu schweigen vom Cliffhanger um Catia, Henriks Antiquariatsmitarbeiterin.


Buchcover zu Luis Sellanos Krimi "Portugiesische Rache"

Luis Sellano „Portugiesische Rache“ | Copyright: Heyne Verlag

Luis Sellano

Portugiesische Rache

€ 14,99 [D] |€ 15,50 [A] | CHF 20,50*

(* empf. VK-Preis)
Erschienen: 09.05.2017
512 Seiten

ISBN: 978-3-453-41945-2

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Heyne Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

Fred Vargas – Das barmherzige Fallbeil

Selbstmorde, die keine sind und ein scheinbar unentwirrbares Algenknäuel sind das große Problem für Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg in Fred Vargas‘ neuestem Roman „Das barmherzige Fallbeil“.

Mit letzter Kraft versucht die pensionierte Mathematiklehrerin Alice Gauthier einen Brief zum Briefkasten zu bringen. Doch auf dem Weg bricht sie – gezeichnet von ihrer schweren Krankheit – zusammen. Eine Passantin nimmt den Brief an sich und wirft ihn am nächsten Tag ein. Damit beginnt eine Serie von Morden mit deren Aufklärung Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg betraut wird.

Denn am nächsten Tag findet man Alice Gauthier tot in ihrer Badewanne und an der Wand ein merkwürdiges Zeichen. Auch bei einem zweiten vermeintlichen Selbstmord eines Schlossherrn taucht das Zeichen auf und damit auch die Spekulationen, was es zu bdeuten hat. Auf jeden Fall einen gewaltsamen Tod, denn wie sich herausstellt, brachten sich beide Opfer nicht selber um. Das Zeichen führt Adamsberg und seinen belesenen Stellvertreter Adrien Danglard auf die Spur der französischen Revolution und führt sie gleichzeitig ins eisige Island. Weitere Morde, Robespierre und Robenfett machen den Fall zu einem einzigen verworrenen Algenknäuel, das Adamsberg am Ende nur entwirren kann, weil er einer Sache bis zum Ende nachgeht, obwohl sie sinnlos zu sein scheint.

Anspruchsvoll, aber lohnenswert

Nachdem mein erster Versuch einen Roman von Fred Vargas zu lesen („Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord“) vor einigen Jahren nun schon scheiterte – ich legte das Buch nach 10 Seiten beiseite – wollte ich es noch mal probieren. Vielleicht liegt es an meinem fortgeschrittenen Alter oder aber der Lust auf eine Herausfoderung, aber diesmal habe ich es zu Ende gelesen und bin positiv überrascht.

Obwohl die Sätze weiterhin ziemlich lang sind und manche Dialoge und Aussagen wenig Sinn erkennen lassen, haben mir sowohl die Geschichte als auch die Charaktere gut gefallen. Vielleicht ist es sogar dieses „Ungewöhnliche“, was so erfrischend war. Im Gegensatz zu den meisten anderen französischen Krimis, die sich mittlerweile auf dem Literaturmarkt tummeln. Es ist eben nicht dieser „typische“ Urlaubskrimi, in dem Land und Leute mehr Platz erhalten als die eigentlichen Ermittlung. Dennoch erhält man als LEser einen interessanten Einblick in die französische Geschichte. Doch das Wichtisgte ist: Der Fall  ist spannend und bietet zahlreiche Überraschungen, um zu keiner Zeit langweilig zu werden. Bei dem nächsten Roman von Fred Vargas werde ich wieder zuschlagen und vielleicht versuche ich es auch noch einmal mit den älteren Romanen.


Buchcover zuFred Vargas' "Das barmherzige Fallbeil"

Fred Vargas „Das barmherzige Fallbeil“ | Copyright: Limes Verlag

Fred Vargs

Das barmherzige Fallbeil

€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90*
(* empf. VK-Preis)
Erschienen: 26.10.2015
512 Seiten

ISBN: 978-3-442-71464-3

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Limes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

„4 Blocks“ auf TNT Serie: Willkommen im Clan-Dschungel von Neukölln

Zwischen Freundschaft und Familie, Verrat und Loyalität

Der libanesische Familienclan Hamady im Berliner-Kiez Neukölln kämpft um die Macht – nicht nur gegen die Bedrohung durch eine Rockergang und die Ermittlungen der Polizei, sondern auch innerhalb der Familie . In dieser Woche lief das Staffelfinale von „4 Blocks“ des Pay-TV-Senders TNT Serie. Zeit also, die von der Kritik gefeierte Serie* Revue passieren zu lassen.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Ali Hamady (Kida Khodr Ramadan), von allen nur „Toni“ genannt, lebt seit seiner Flucht aus dem Libanon vor 26 Jahren im Berliner Viertel Neukölln als geduldeter Flüchtling. Für ihn und seine Frau Kalila (Maryam Zaree) bedeutet das aber auch, dass sie keine Arbeit annehmen und sich auch nicht selbstständig machen dürfen. Und dennoch haben sie Geld, Geld aus kriminellen Machenschaften. Denn Toni Hamadi führte lange Zeit das operative Geschäft des Familienclans, welches in den vier Blöcken in und um Neukölln Drogen verkauft, Schutzgelder erpresst und Einnahmen aus Prostitution erzielt. Dabei ist es genau das, was Toni nicht mehr will: Verbrecher sein. Sein Wunsch nach der deutschen Staatsangehörigkeit ist zum Greifen nahe und damit auch der Kauf eines großen Gebäudekomplexes mit dem er fortan sein Geld erwirtschaften will.

Doch alles kommt anders als sein Schwager Lattif, der mittlerweile die Clan-Angelegenheiten leitet, während einer Razzia verhaftet wird. Eine wichtige Kokainlieferung wird beschlagnahmt und bedroht die Stellung der Familie im Viertel, auch innerhalb der Clanhierachien droht das Machtgefüge zu zerbrechen. Ganz zu schweigen von Tonis Wunsch, endlich ein Leben fernab von kriminellen Machenschaften aufbauen und führen zu können. Denn er sieht sich in der Pflicht, die Geschäfte vorübergehend zu führen. Genau das erweist sich als schwierig: Tonis Bruder Abbas (Veysel Gelin) sieht sich in der Position des neuen Oberhauptes und schreckt dabei nicht zurück, auch über Leichen zu gehen und Tonis eher diplomatische Methoden zu über- und hintergehen. Und Diplomatie ist gefragt: Einerseits bedrohen die polizeilichen Ermittlungsarbeiten die Hamadys und andererseits die Rockergang Cthuhlus, um deren Präsidenten Rainer „Ruffi“ Ruff (Ronald Zehrfeld), die sich die Drogenumschlagplätze Hasenheide und Görlitzer Park aneignen wollen.

Neid und Missgunst entsteht im Clan zusätzlich durch das Auftauchen von Vince (Frederick Lau), einem lange verschwundenen Freund von Toni. Sehr zum Missfallen von Abbas entwickelt sich Vince mehr und mehr zum Vertrauten von Toni. Immer wieder zieht Toni bei Problemen den alten Kumpel Vince heran, um die Ordnung im Clangebiet aufrecht zu halten. Doch nicht nur Abbas spielt ein dreckiges Spiel, auch Vince. Denn was Toni nicht ahnt: Vince arbeitet als verdeckter Ermittler und will seinen Beitrag leisten, Ruhe und Ordnung im Kiez herzustellen….

Die Sopranos von Neukölln: Loyalität und Misstrauen

Mit der Eigenproduktion „4 Blocks“ ist dem zum Sky-Konzern gehörende Pay-TV-Sender TNT Serie ein deutsches „Pendant“ zur amerikanischen Serie „The Sopranos“ gelungen. Wie beim amerikanischen Original steht mit Ali „Toni“ Hamady der Clan-Chef im Fokus. So kann es kaum purer Zufall sein, dass die Hauptfigur Ali Hamady genau den gleichen Vor- bzw. Spitznamen trägt wie Tony Soprano – sieht man mal von der deutschen Schreibweise ab. Und ähnlich wichtig für die Handlung ist eben die Figur des Toni Hamady. Eindrucksvoll spielt Kida Khodr Ramadan die Rolle des harten, aber auf Diplomatie und Worte setzenden Familienoberhauptes. Und das in zweierlei Hinsicht: Da ist der Toni Hamady, der unbedingt deutsch sein will, dazugehören und auf legale Art und Weise sein Geld verdienen. Geld mit dem er Frau und Tochter ein Leben abseits von Kriminalität und Gefahr bieten will. Doch das wäre nur möglich, wenn er nicht mehr nur in Deutschland geduldet, sondern die deutsche Staatsangehörigkeit bekäme. Und dann der andere Hamady, der die kriminelle Clan-Familie retten will. Dem Ehre und Ansehen auf dem Kiez wichtig ist und immer wieder die „privaten“ Familieninteressen hintenanstellt. Kida Khodr Ramadan mimt Toni Hamady mal innerlich hin und hergerissen voller Wut und Liebe, als verspielter Vater und dann als Verbrecher, der auch vor Gewalt nicht Halt macht. Doch auch er kennt Grenzen: Morde kommen für ihn nicht infrage, denn diese rufen nur die Polizei auf den Plan. All das verkörpert der libanesischstämmige Schauspieler wort- und gestenreich, schick angezogen und zugleich doch im zu großen Anzug, mit gepflegtem und dennoch etwas zu langem Bart sowie eloquent, aber dennoch mit einem Anflug von Straßenjargon.

Innerhalb des Clans nimmt Abbas, verkörpert von Rapper Veysel Gelin, den brutalen Part ein: Anders als Toni Hamady schreckt er auch vor Mord nicht zurück. Dafür ist die Diplomatie für ihn ein Fremdwort. Hormon- und adrenalingesteuert sucht er stets den Konflikt. Diese Rolle des „Bösewichts“ scheint Gelin nicht nur zu spielen, sondern zu verkörpern. Muskulös, mit stets finsterem Blick und der passenden Sprache meint man, dass er nicht schauspielert, sondern auch außerhalb des Filmsets so auftritt. Mit dem Wissen über seine dreijährige Haftstrafe aufgrund von Körperverletzung mit Todesfolge ist diese Vorstellung nicht einmal abwegig. Alles in allem eine Idealbesetzung für den skrupellosen, machtgeilen Abbas, der nicht einmal davor zurückschreckt, seine Freundin oder die Frau des inhaftierten Bruders brutal ins Gesicht zu schlagen oder sich illoyal gegenüber Toni zu verhalten.

Überhaupt ist Loyalität und Vertrauen ein großes Thema in „4 Blocks“: Wem kann wer eigentlich vertrauen? Und welcher Protagonist hat welche Interessen? Toni Hamady ist da der Vielschichtigste. Das macht ihn aber auch so zerrissen wie bereits beschrieben. Er will es sowohl seiner Klein- als auch seiner Clanfamilie recht machen. Abbas handelt nur aus Machtgier und um zu zeigen, dass er das Können und den Biss hat die Organisation zu führen. Dann ist da noch Vince, dargestellt von Frederick Lau. Er ist ebenso gespalten wie Toni Hamady, bekämpft er doch als verdeckter Ermittler die Hamadys und muss sich zugleich das Vertrauen erschleichen. Das Gute im Sinn, muss er sich irgendwann eingestehen, dass es besser wäre, wenn Toni die Clangeschicke leitet. Denn besser ein Toni als ein Abbas Hamady, dessen unbedingter Machtwille keinerlei Grenzen kennt.

Ein vierter Akteur darf und soll nicht vergessen werden: Ronald Zehrfeld als Rainer „Ruffi“ Ruff, Präsident der Rockergang Cthuhlu. Eine echte Überraschung bei der Besetzung, kennt man ihn doch sonst eher aus Rollen wie die des Pfarrers der Serie „Weissensee“. Rau und hart wie nie – so der Eindruck. Einen besseren Gegenspieler kann man sich nicht vorstellen – es sei denn Claude Oliver Rudolph wäre zahlreiche Jahre jünger…

Vielschichtige Ebenen

Obgleich bereits bei den Charakteren einige der Handlungsebenen angesprochen werden, lohnt es sich, diese noch einmal aufzugreifen. Da wäre beispielsweise Toni Hamadys Sehnsucht anzukommen, ein Leben jenseits des Verbrechens zu führen. Dieser Wunsch, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erhalten, lässt sich als ein Stück Einwanderungsgeschichte und Kultur schauen. Rechnet man die 26-jährige Aufenthaltsdauer zurück, landet man in den frühen 80er Jahren. Das entspricht genau der Zeit als Menschen vor den Folgen des Bürgerkriegs (ausgebrochen 1975) aus dem Libanon nach Deutschland flohen. Eben diese Menschen, die über Jahre nur gedultet in Deutschland lebten. Dadurch aber kaum oder keinerlei Rechte hatten, weder zu arbeiten noch durften damals Kinder zur Schule gehen. So wird und wurde natürlich Leben auf legale Art und Weise erschwert. Der Gang in die Kriminalität als Ausweg aus der Armut ist zwar kein Zwang, aber doch zumindest wirkt es wie ein Ausweg. Dass die Flüchtlinge  noch dazu aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten des Libanons stammten drückt die Szene aus, als Toni Hamady von einem anderen libanesischen Clan mit der Aussage „Unsere Familie hat damals den Bürgermeister von Beirut gestellt, ihr habt Ziegen gehütet.“abgewiesen wird.

Wenn man will und dafür muss man nicht einmal genau hinsehen, behandelt „4 Blocks“ auch die Rolle der Frau, wenn nicht im Islam generell – das wäre doch um einiges zu pauschal – dann aber doch in solch einer hierarchischen Clan-Struktur. Da wäre zum einen Kalila, Tonis Frau, der das Wohlergehen von Mann und vor allem der Tochter am Herzen liegt. Sie lehnt die Gewalt und das Verbrechen ab und steht dennoch stets loyal an der Seite ihres Mannes. Als sie merkt, dass Toni nicht loskommt vom Clan mit all seinen negativen Eigenschaften, wendet sie sich verstärkt dem Islam und dem Gebet zu – quasi eine Flucht hin zum Glauben und der Hoffnung auf Erhörung. Dann wäre da noch Amara (Almila Bagriacik), die Frau von Lattif und Mutter des gemeinsamen Sohnes. Obwohl sie um die Machenschaften ihres Mannes weiß, ist sie schockiert als Drogen in der gemeinsamen Wohnung entdeckt werden. Im Laufe der sechs Episoden distanziert sie sich von ihrem Mann und der Familie, auch weil sie von Abbas geschlagen wird und mit Vince eine „alte“ Liebe erneut in ihr Leben tritt. Die Ehe zwischen Amara und Lattif droht an all dem zu zerbrechen, da sich Amara emanzipiert und beginnt, das Verhalten ihrer Familie zu hinterfragen.

Der weitere Reiz der Serie

Neben dem Schauspielerensemble darf ein Protagonist nicht vergessen werden: Und zwar der Ort des Geschehens – Neukölln. Regisseur und Autor Marvin Kren hätte keinen besseren Ort finden können als dieses (ehemalige) Problemviertel Berlins. Wunderbar, wie die Straßenzüge mitsamt ihrem Charme die Handlung zum Tragen bringen. Unterstützend dabei die Kamerafahrten, die schnellen und wenn es darauf ankommt auch langsamen Schnitte und Perspektivwechsel. Neukölln als ein Stadtteil voller unterschiedlicher Kulturen vor dem die Gentrifizierung genauso wenig Halt macht wie einst vor dem Prenzlauer Berg. Sehr gut in Erinnerung geblieben ist die Szene als sich Abbas über die bärtigen Hipster auslässt, die kein deutsch können. Dem gegenüber stehen die Momente, wenn die Afrikaner, als unterste Befehlsempfänger innerhalb der Clan-Strukturen, Drogen im Park verkaufen oder die Platte noch immer ihren verbrauchten und verruchten Ost-Flair verbreitet. Hier zeigt sich dann doch noch die „dreckige“ Seite Neuköllns. Unterstützend wirkt ebenfalls der Soundtrack, der maßgeblich von Veysel Gelin und Massiv, in der Serie als Lattif auftretend, geprägt wird. Gangsterrap für eine Gangsterserie, wie könnte es anders sein.

Dreckig ist ebenfalls eine zutreffende Umschreibung für den Umgang mit Problemen. Obwohl Toni Hamady sich als Diplomat versucht, ist körperliche Gewalt das vorwiegende Mittel, um Probleme zu lösen. Hier schreckt „4 Blocks“ nicht vor Details zurück und muss sich nicht vor amerikanischen Drehs verstecken. Es wird ge- und verprügelt, mit Baseballschlägern und Fäusten aufeinander eingedroschen, mit Bügeleisen gequält und mit Pistolen wild um sich geschossen. Je größer die Angst wird, die Macht zu verlieren, um so größer wird die Bereitschaft Gewalt einzusetzen. Selbst Toni Hamady muss sich bei fortschreitender Seriendauer eingestehen, dass der Clan und dessen Position im Viertel ohne Gewalt allem Anschein nach nicht funktioniert. Und wenn dann doch einmal die Kamera die Gewalt nicht mehr einfängt, übernehmen die Geräusche und der Ton brechender Knochen oder das Leiden der Gequälten ihre Rollen.

Resümee 

Wenn gleich der Soprano-Vergleich hinken mag, „4 Blocks“ ist für eine deutsche Produktion erstaunlich progressiv und könnte für längere Zeit als DIE deutsche Mafiaserie gelten. Hier wird deutlich, welches Potential auch in Deutschland vorhanden ist, wenn sich Sender, Drehbuchautoren, Regisseure und Produzenten nur häufiger trauen würden. Auch Schauspielerinnen und Schauspieler mit den nötigen Fähigkeiten existieren, nur allein die Rollen fehlten oft genug.

Dank der Akteure, des Drehbuchs und aller anderen genannten Faktoren ist es gelungen, dass die Geschichte um die Hamadys spannend bis zur letzten Minute ist und eben keine bloße Aneinanderreihung von Gangster-Klischees darstellt. Wer nicht vor expliziten Gewaltdarstellungen zurückschreckt, sollte entweder noch schnell seine Sky-Mediathek bemühen oder die Serie in den gängigen (Online-)Stores kaufen. 

Voraussichtlich im Frühjahr 2018 geht es dann los mit Staffel 2 – ich kann es in jedem Fall kaum erwarten. Obwohl ich mich mangels, Cliffhanger am Ende der ersten Staffel, frage, was es noch zu erzählen gibt.
*Kritiken und Meinungen auf tagesspiegel.de, faz.net, taz.de oder rap.de

 



Seriendaten

Darsteller:

  • Kida Khodr Ramadan: Ali „Toni“ Hamady
  • Frederick Lau: Vince Kerner
  • Veysel Gelin: Abbas Hamady
  • Almila Bagriacik: Amara Hamady
  • Maryam Zaree: Kalila Hamady
  • Karolina Lodyga: Ewa Hamady
  • Oliver Masucci: Hagen Kutscha
  • Ronald Zehrfeld: Ruffi
  • Ludwig Trepte: Nico
  • Massiv / Wasiem Taha: Latif Hamady
  • Sami Nasser: Kemal Hamady

Produktionsland: Deutschland
Originalsprache: Deutsch, Arabisch, Englisch
Jahr: 2017
Produktionsunternehmen: Wiedemann & Berg Television
Länge: 50 Minuten
Episoden: 6
Genre: Drama
Regie: Marvin Kren
Drehbuch: Richard Kropf, Bob Konrad, Hanno Hackfort, Marvin Kren
Musik: Stefan Will, Marco Dreckkötter
Kamera: Moritz Schultheiß

Mats Olsson „Demut“ – Wortgewaltig und gewalttätig

„Fifty Shades Of Grey“ trifft Thriller

Aus Schweden ist man mittlerweile harte Thriller-Kost gewohnt, Mats Olsson legt mit „Demut“ gleich ein schlagkräftiges und seitenstarkes Debut im btb Verlag vor. Im Mittelpunkt steht Harry Svensson, ein ehemaliger Journalist, der durch seinen SM-Fetisch in eine Mordserie verwickelt wird. Auch aus eigenem Interesse steigt er in die Recherche und die Ermittlungen ein. Zwischen starkem Anfang und Ende könnte es straffer zugehen.

Auf der Jagd nach dem „Spanking“-Mörder

Eigentlich plante Harry Svensson den Ausstieg aus dem Journalismus und den Einstieg in ein ruhigeres Leben als Kneipenwirt. Doch als er nach einem misslungenen SM-Date mit einer Weinhändlerin in einem Malmöer Hotel den abgehalfterten Blues-Sänger Tommy Sandell neben einer toten Frau auffindet, nimmt er  sich des Falls an. Doch das geschieht nicht nur aus beruflicher Neugier und der Vermutung heraus, dass der Musiker eben nicht der Täter sein könne. Harry Svensson hat nämlich ebenfalls ein privates Interesse: Die Frau wurde vor ihrem Tod geschlagen.

Als dann in Göteborg eine weitere Frau misshandelt und ermordet aufgefunden wird, spitzt sich die Situation zu, denn es handelt sich bei der Toten ausgerechnet um das aus dem Ufer gelaufene Date von Harry Svensson. Nun weiß nämlich der Mörder von den sexuellen Vorlieben des Journalisten und setzt genau dieses Wissen ein, um Druck auf Svensson auszuüben. Doch dadurch fühlt sich der Ex-Reporter noch stärker angespornt, den Täter zu überführen und die Mordserie zu beenden…

Turbulent, eingängig, aber auch etwas zäh

Eines muss man Mats Olsson lassen mit „Demut“ und dem Spanking-Fetisch wagt er sich an ein Thema heran, was immer noch eher als Tabu gilt. Da hat auch der Erfolg der „50 Shades Of Grey“-Reihe wenig dran geändert. So ist es kein Wunder, wenn vieles rund um die Morde und diese sexuelle Vorlieben mitunter absurd anmutet. Dieser Fetisch und die Hintergründe für das Ausleben dieser Lust ins Extreme bishin zum Mord füllen unglaubliche 736 Seiten. Trotzdessen der Schreibstil Olssons locker und leicht lesbar ist, zieht sich die Handlung gerade im Mittelpunkt in die Länge. Zu viele Details, die die Handlung zwar tragen, aber nicht nötig wären, drücken immer wieder auf den Spannungsbogen.

Gerade bei einem solchen seitenstarken Buch müssen die Charaktere überzeugen, da sie die Handlung tragen. In Person von Harry Svensson schuf Mats Olsson einen starken Protagnisten. Diesem fliegen jedoch nicht nur Sympathien zu: Denn er ist sicher kein typischer Sympathieträger. Die Recherchen dienen zwar auch der Wahrheitsfindung, aber zu gleichen Teilen dem Selbsterhalt. So ambivalent der ehemalige Journalist charakterisiert wird, nachvollziehbar ist sein Wesen und Verhalten. Allerdings rauben auch diese Schwächen und Defizite viel Platz. Insgesamt ist „Demut“ ein solider Thriller mit einem soliden Beginn und Ende, der etwas zu lang ausfällt und dadurch Luft nach oben hat.


"DEMUT" von Mats Olsson

„DEMUT“ von Mats Olsson | Copyright: btb Verlag

Mats Olsson

Demut

€ 14,99 [D]  | € 15,50 [A] | CHF 20,50*
(* empf. VK-Preis)
Erschienen: 27.02.2017
736 Seiten

ISBN: 978-3-442-71464-3

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom btb Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!


 

 

Anthony McCartens „Licht“ – Ein Erfinder, ein Banker und der Fortschritt

Fortschritt bedeutet Licht und Schatten

Mit dem Erfinder Thomas Alva Edison und dem Banker J.P. Morgan rückt der neuseeländische Autor Anthony McCarten zwei bedeutende Zeitgenossen des ausklingenden 19. Jahrhunderts ins Rampenlicht. Unterschiedlicher könnten beide nicht sein: Edison, der mit dem elektrischen Licht die Elektrifizierung der industrialisierten Welt einläutete, aber dennoch zerbricht und dem gegenüber Morgan als finanzstarker und skrupelloser Investmentbanker, der dank Edison sein Vermögen vermehrt.

Gegensätze ziehen sich an

Der eine hat Geld und der andere hat die Ideen: Unter dieser Voraussetzung treffen J.P. Morgan und Thomas Alva Edison aufeinander. Thomas Alva Edison, der den Durchbruch als Erfinder in der Telegraphenbranche schaffte, erhält Besuch vom Privatbanker J.P. Morgan. Denn dieser möchte Edison finanziell dabei unterstützen, die elektrische Glühlampe zur Marktreife zu entwickeln. Dies natürlich nicht uneingennützig, sondern um New York zu erleuchten und selber den eigenen Reichtum zu vermehren.

Gegensätzlicher könnten die beiden Geschäftspartner nicht sein. Edison als zerstreuter Erfinder und voller Ideen, in seiner Ehe sehr zurückhaltend und nahe am Scheitern. Dahingegen der selbstbewusste, finanz- und durchsetzungsstarke Morgan, der moralisch doch einige Schwächen hat. Nicht nur im geschäftlichen Bereich, sondern im zwischenmenschlichen. Und so ist auch die „Beziehung“ zwischen Erfinder und Banker nicht frei von Problemen. Denn Thomas Alva Edison droht an der eigenen Erwartungshaltung, dem Druck Morgans und der Gesellschaft zu zerbrechen.

Eine Art Kammerspiel

Genau dieses (drohende) Scheitern steht im Mittelpunkt von Anthony McCartens Roman „Licht“. Zwar geht das Licht auf, aber zu einem immensen Preis – und das eben nicht nur aus der monetären Sichtweise. Einerseits natürlich ein Preis, den Edison zu zahlen hat. Seine erste Ehe scheitert und auch die zweite entwickelt sich alles andere als glücklich. Auch der seelische Druck für Edison wird als immens dargestellt: Die Angst des Erfinders zu versagen und es der Gesellschaft beweisen zu müssen, bringt Edison ans Ende der Kräfte.

Gleichzeitig ist es nicht nur ein Roman über das Scheitern, sondern zeigt auch, wie die Welt (heute) funktioniert: Ein machthungriger, profilierungssüchtiger Banker in Gestalt von J.P. Morgan, der auch privat alles andere als integer und sympathisch etabliert wird, verfügt über den unsicheren Edison. Es zählt der Erfolg – Raubtierkapitalismus mag man es auch nennen. Gleichzeitig – und dabei wird es fast schon herrlich absurd – geht es um die Erfindung des elektrischen Stuhls als humanere Möglichkeit, die Todesstrafe zu vollziehen. Doch stellte sich das als Irrtum heraus – zumindest im Betrieb mit Gleichstrom.

Neben der Elektrifizierung spannt McCarten einen ungeheuren Bogen und schafft Zusammenhänge zur Entwicklung des elektrischen Stuhls, des Wechselstroms, und  bindet darüberhinaus – und das historisch begründet – weitere bedeutende Erfinder des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein (Tesla, Vanderbilt, etc.). Dies alles mit der vom Neuseeländer gewohnten und vor allem geschätzten Sprache: pointierte und gleichzeitig absurde Dialoge entstehen, wenn der schwerhörige Edison auf Morgan oder einen Jungen (am Ende seines Lebensweges) trifft. Seine Theatererfahrung kann er definitiv nicht verleugnen – und das ist auch gut so. Da seine Formulierungen und textliche Ausgestaltungen noch dazu szenisch gehalten sind, so dass es nur eine Frage der Zeit zu sein scheint, bis „Licht“ verfilmt wird. Kein Wunder, dass McCartens Werk ein reines Lesevergnügen mit ungeheurem Tiefgang darstelllt, ohne dabei schwierig zu lesen ist.


Buchcover zu Anthony McCartens "Licht"

Anthony McCarten „Licht“ | Copyright: Diogenes Verlag AG

Anthony McCarten

Licht

€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70
(* empf. VK-Preis)
Erschienen am 22. Februar 2017
368 Seiten
ISBN: 978-3-257-06994-5

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diogenes Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!