Sophie Hénaffs „Das Revier der schrägen Vögel“

Egal ob Säufer, Raser, Spielerin oder schießwütig: In der Truppe um Kommissarin Anne Capestan kommen sämtliche gescheiterten Existenzen der Pariser Polizei unter. Im zweiten Fall „Das Revier der schrägen Vögel“ von Sophie Hénaff muss die Einheit den Mord an einem ehemaligen Polizisten klären und stößt dabei auf viel Gegenwind. Unkonventionell, skurril und durchaus spannend.

Persönliche Ermittlungen

Obwohl – oder gerade weil – Kommissarin Anne Capestan im ersten Fall einen Täter aus den eigenen (Polizei-)Reihen des Mordes überführte, wird sie wieder zu den Ermittlungen in einem neuen Mordfall hinzugezogen. Schnell wird ihr klar wieso: Denn der Tote war sowohl Polizist als auch Annes Ausbilder und noch dazu ihr ungeliebter Schwiegervater. Wieder einmal muss sich sich gegen die Widerstände anderer Brigaden erwehren. Sie bekommt wenn überhaupt verspätete und schon gar nicht vollständige Akteneinsicht. Immerhin ihr oberster Vorgesetzter Buro, Monsieur le Divisionnaire am Quai des Orfevres steht hinter ihr. Trotz der pikanten Enthüllungen, die die Polizei und Annes Privatleben betreffen.
Auch in Annes Team geht es hoch her: Es wird ergänzt um einen Polizisten, der sich selbst für D’Artagnan und einen Zeitreisenden hält. Dabei gelingt es ihr, oftmals nur mit Mühe, das bestehende Team zusammen zu halten. Gleichwohl versteht es, sich die Qualitäten jeder und jedes Einzelnen zunutze zu machen, zum Beispiel es die unkonventionelle Methoden mittels eines Online-Rollenspiel Phantombilder zu zeichnen.

Kurios aber unterhaltsam

Sophie Hénaff macht mit „Das Revier der schrägen Vögel“ dort weiter, wo sie mit „Kommando Abstellgleis“ begann: Unterhaltsam, kurios und abseits der gängigen französischen Krimis. Der Plot mag schnell erzählt sein und wenig Raum für Neues bieten. So ist das Setting und das Personeninventar durchaus gänzlich unüblich und genau das macht den gesamten Charme des Krimis aus. Es sind ausgesonderte Polizisten mit Marotten und Spleens, die aber dennoch alles geben, den Fall aufzulösen. Stets unkonventionell aber eben doch erfolgreich.
Gleichwohl bildet Anne Capestan die Hauptfigur der „schrägen Vögel“: Sie ist der Kit zwischen allen Teammitgliedern und über sie erfährt man am Meisten. Über ihre gescheiterte Ehe und das Scheitern ihrer Ermittlerinnenlaufbahn – insofern man es denn immer noch als Scheitern sehen will. Gab es im ersten Band zu alledem nur Andeutungen wird nun vieles klarer. Doch auch bei den anderen Polzisten gewährt Hénaff Einblicke in das Privatleben, beispielsweise bei Capitaine Orsini oder José Torrez.
Ein wenig kann man das Auftauchen und die Einstellung des seltsamen D’Artagnans als Leitmotiv betrachten: Einer für alle, alle für einen. Aus dem Kollektiv von gescheiterten Existenzen und Einzelgängern entwickelt sich ein gut harmonierendes und funktionierendes Team, das alle Schwierigkeiten gemeinsam meistert, für den jeweils anderen einsteht und sich letztlich Freundschaften bilden. Gemeinsam sind sie stark.

All das verpackt die Autorin in einem gelungenen Aufbau, dessen Plot nicht zu vorhersehbar ist. Ausgestattet mit amüsanten Dialogen und turbulenten, kurzen Kapiteln, die durchaus Spannung erzeugen – trotz aller Kuriositäten.


Buchcover zu Das Revier der schrägen Vögel von Sophie Henaff | Copyright: Randomhouse

Das Revier der schrägen Vögel von Sophie Henaff | Copyright: Randomhouse

Sophie Hénaff

Das Revier der schrägen Vögel

Aus dem Französischen von Katrin Segerer
Originaltitel: Rester Groupés
Originalverlag: Albin Michel, Paris 2016

Paperback, Klappenbroschur, 320 Seiten

ISBN: 978-3-570-58572-6

€ 15,00 [D] | € 15,50 [A] | CHF 21,50* (* empfohlener Verkaufspreis)

Erschienen:  16.10.2017

Das Rezensionsexemplar wurde mir von carl’s books/Randomhouse freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

 

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Daniel Suarez‘ „Bios“ – dystopischer Zukunftsthriller

Wir schreiben das Jahr 2045: Die Welt hat sich verändert. Algen, Hefen und Bakterien erzeugen Produkte, die einst industriell hergestellt wurden, VR und Augmented Reality sind längst die Normalität, Veränderungen am menschlichen Genmaterial sind möglich und teilweise erlaubt. Gegen die illegalten Auswüchse der Genmanipulations-Mafia kümmert sich unter anderem Kenneth Durand von Interpol. Weil diese zu viele illegale Genlabore zerschlagen, wird in Daniel Suarez dystopischem Thriller „Bios“ aus dem Jäger ein Gejagter. Aktionreich und zutiefst verstörend.

Auf der Jagd nach der Genmafia – Auf der Flucht vor der Genmafia

2045: Veränderungen am menschlichen Genmaterial sind erlaubt, solange sie den Anforderungen der UN entsprechen und bestimmte Erbkrankheiten verhindern. Alles andere ist verboten und von Interpol strengstens verfolgt. Und dennoch lassen die Reichen und Schönen das Erbgut ihres Nachwuchses so verändern, dass die Kinder schöner, intelligenter oder sportlicher sind. Genau gegen diese Genlabore geht Kenneth Durand mit seinem Partner bei Interpol vor. Immer wieder sorgen sie mit ihren Abteilung dafür, dass den Geschäften mit den Genveränderungen ein Ende gesetzt wird.

Doch dabei machen sie sich Feinde, mächtige Feinde. Als sie auf Marcus Demang Wyckes, einen Sklavenhändler und Chef einer Genmafia angesetzt werden, bekommt ausgerechnet Kenneth Durand dessen Macht zu spüren. Auf dem Heimweg zu Frau und seiner kleinen Tochter, die noch dazu Geburtstag hat, wird Kenneth auf offener Straße eine Spritze in den Arm gejagt. Als er im Krankenhaus aus dem Koma erwacht, hat er das Aussehen von Marcus Wyckes angenommen und wird von den eigenen Kollegen festgenommen. Doch nur sein Äußeres wurde verändert. Kenneth selber ist geistig klar und weiß, dass er Kenneth und nicht Wyckes ist.

Doch der perfide Plan von Wyckes sah anders aus: Kenneth sollte bei der Transformation sterben und so der Eindruck erweckt werden, dass Wyckes tot ist. Also muss eine Planänderung her – Kenneth soll zur Flucht verholfen werden, um ihn während des Versuches erschießen zu lassen. Doch Wyckes und seine Helfer haben nicht mit Kenneth Durands Überlebenswillen gerechnet. So wird aus dem Interpol-Agenten ein Jäger, der wiederum von Wyckes und seinen ehemaligen Interpol-Kollegen verfolgt wird.

Erschreckender Zukunftsentwurf

Wenn die Zukunft, die Autor Daniel Suarez in „Bios“ entwirft tatsächlich eintritt, sieht es für die Menschheit und die Erde düster aus. Das Erschreckende ist vor allem: Es ist durchaus vorstellbar und im Rahmen des Möglichen. Gerade die Beschreibungen der Technologien, angefangen von VR und AR über tierleidfreie Ernährung oder die Möglichkeiten der Genmanipulationen, sind so konzipiert, dass sie aus den bisherigen Entwicklungen hervorgehen könnten. Und wie immer liegt es am Menschen, der vermeintlich gute „Erfindungen“ für das Schlechte nutzt. Allein aus dem Grund, um noch mehr Profit aus seinen Geschäften herauszuschlagen.

Mit Kenneth Duran und Marcus Demang Wyckes stehen sich zwei gleichwertige Gegenspieler gegenüber. Auf der einen Seite der Interpol-Agent Durand als liebevoller Familienvater, der während der Flucht bzw. Jagd trotz aller Skrupel auch über Leichen geht und gehen muss und dennoch die gute Seite der Menschheit verkörpert. Auf der anderen Seite der Mafia-Clanchef Marcus Wyckes, dem jedes Mittel Recht ist, um sich dem Zugriff vor der Polizei und Interpol zu entziehen, ohne dabei nur einen Funken Menschlichkeit zu zeigen.

All das formuliert Suarez nahezu filmreif und szenisch: Abenteuerlich, action-lastig mit düsterer Grundstimmung und hohem Tempo. Zahlreiche grundsätzliche moralische Fragen werten den Thriller noch dazu auf. Wie weit darf der Mensch bei der Genmanipulation gehen? Was macht das Individuum aus? Ist man derselbe Mensch, wenn bereits 0,1 Prozent des Erbmaterials verändert wird? Fragen, die zum Teil beantwortet werden, die man sich aber auch einmal selber stellen sollte. So ist „Bios“ am Ende ein überzeugender und absolut empfehlenswerter Thriller!

 


Daniel Suarez

Bios

übersetzt von: Cornelia Holfelder-von der Tann

Verlag:  rororo
Erscheinungstermin:  17.11.2017
544 Seiten
ISBN:  978-3-499-29133-3

übersetzt von: Cornelia Holfelder-von der Tann

Robert Hültners „Lazare und der tote Mann am Strand“ – Ein Frankreichkrimi ohne Postkartenidylle

Nicht noch ein Frankreich-Krimi mag man denken, wenn einem „Lazare und der tote Mann am Strand“ von Autor Robert Hültner in die Hände fällt. Doch der bei Randomhouse erschiene Krimi hat rein gar nichts von einem belanglosem Urlaubskrimi, sondern greift neben aktuellen Themen wie dem Erstarken der Rechtspopulisten und wirtschaflichen Veränderungen auch die deutsch-französisch Vergangenheit auf.

Zwei Morde, viele Verstrickungen

Ein junger Mann liegt tot am Strand von Sète, einer kleinen französischen Hafenstadt am Mittelmeer, und obwohl die örtliche Polizei diesen Mord für einen Routinefall hält, wird Commissaire Lazare hinzugezogen. Da der junge Pablo Fernandez ein Gitan ist, wie man Sinti und Roma in Frankreich nennt, und diese in Sète höchstens toleriert aber alles andere als gut behandelt werden, vermutet der Commissaire einen rassistischen Hintergrund. Lazare, der sonst in Montpellier arbeitet, stammt aus der Region und kümmert sich immer wieder um seinen hochbetagten und mittlerweile renitenten Onkel Jules. Er begibt sich auf die Spurensuche und ist dabei wenig zimperlich, hat er doch einen größeren Auftrag – der jedoch erst im weiteren Verlauf des Krimis an Klarheit gewinnt. Auch im Fall eines geflohenen Polizistinnenmörders aus Bayern greift Lazare in die Ermittlungen ein und versucht, nebenbei diesen Fall ebenfalls zu klären.

Fast zeitgleich kommt es in einem kleinen Ort in den Cevennen zu einem weiteren Mord – und dann noch einem: Hier ist es jedoch ein Bauer, der tot auf einer Weide aufgefunden wird. Scheint hier lange Zeit kein Zusammenhang zwischen beiden Morden zu bestehen, kristallisiert das Gegenteil heraus. Und auch hier muss Lazare all sein Können unter Beweis stellen. Denn die Bergbewohner und auch der eigentlich ermittelnde Kommissar sind ein schwieriger Menschenschlag, wie auch Lazares Onkel Siset. Der mit seinen 90 Jahren zwar altersstar ist, aber keinen Deut von seinen linken Ansichten abweicht.

Viele Fälle und ein Bild von Frankreich

Bevor Robert Hültner nun mit „Lazare und der tote Mann am Strand“ auf die Literaturbildfläche zurückkehrte, erlangte über  Bekanntschaft mit seiner Reihe um Inspektor Katejan, der aber vor vier Jahren ein Ende fand. Nun also Frankreich: Anders als es bei vielen anderen Frankreich-Krimis der Fall ist, ist dies kein Urlaubskrimi, der Kulinarisches in den Vordergrund stellt. Das würde diesen Krimi tatsächlich auch nicht gut zu Gesicht stehen.

Narcisco Lazare ist in seiner Figur als Commandant de Police und in seinem Rang als Offizier dominant, Befehle zu erteilen, ist für ihn ganz natürlich. Dabei agiert er zwar autoritär, aber nicht unsympathisch. Gleichzeitig hinterfragt er sich und die Ermittlungen ständig, sucht die Widersprüche – von denen Hültner einige im Werk untergebracht. Zahlreich sind ebenfalls die Themen: Angefangen von der Alltagsdiskriminierung der Sinti und Roma, dem Erstarken des Front National mit all seinen Folgen und noch dazu der deutsch-französischen Geschichte mit ihren Auswirkungen auf die Gegenwart. Dabei beident sich Hültner einer unaufdringlichen, aber zugleich pointierten Sprache. Ruhig und gelassen wird man als Leser (und Leserin) durch den Krimi geführt. All das ist keine leichte Kost, aber wunderbar be- und geschrieben. An den richtigen Stellen mit der nötigen Portion Ironie versehen. Mit der nötigen Zeit, denn die benötigt man aufgrund der Vielzahl an Personen udn Handlungssträngen, kommt man den Zusammenhängen auf die Spur und erhält ganz nebenbei ein sehr genaues Bild vom heutigen Frankreich.

 


buchcover zu "Lazare und der tote Mann am Strand"

„Lazare und der tote Mann am Strand“ von Robert Hueltner | Copyright: btb/Randomhouse

Robert Hültner

Lazare und der tote Mann am Strand

€ 20,00 [D] inkl. MwSt.
€ 20,60 [A] | CHF 26,90*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 13.06.2017

ISBN: 978-3-442-75660-5

Das Rezensionsexemplar wurde mir von btb freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Daniel Kehlmanns „Tyll“ – Ein Schalk im 30-jährigen Krieg

Till Eulenspiegel war Protagonist einer mittelniederdeutschen Schwanksammlung, die um 1510 ohne Nennung des Verfassers veröffentlicht wurde. Angeblich lebte Eulenspiegel als umherstreifender Schalk im 14. Jahrhundert. Daniel Kehlmanns Roman „Tyll“ verlegt die Handlung allerdings an den Anfang des 17. Jahrhunderts und begleitet den Leser durch die Irrungen und Wirrungen des Dreißigjährigen Krieges.

In der ersten der acht Episoden des Buches lernen wir Tyll Ulenspiegels ganze Kunst kennen: von Gesang über Schauspiel bis hin zum Seiltanz. Hoch oben auf dem Seil präsentiert er den gebannt zuschauenden Dorfbewohnern auch seine List und Heimtücke. Er fordert die Zuschauer auf, ihren linken Schuh in die Höhe zu werfen, worauf am Ende eine Prügelei um das Wiederfinden des richtigen Schuhs entsteht und sich Tyll mit seiner Begleiterin Nele auf und davon macht. Kurz darauf wird das Dorf aufgrund des Dreißigjährigen Krieges dem Erdboden gleichgemacht.

Das Kapitel „Der Herr der Lüfte“ erzählt von Tylls Kindheit als Sohn eines Müllers, der verstehen will, wieso der Mond immer an einer anderen Stelle am Himmel steht und die Dorfbewohner mit Magie und Kräuterwissen heilt. Als sein Vater von den beiden Jesuiten Kircher und Tesimond wegen Hexerei angeklagt und anschließend gehängt wird und weil Tyll nicht als Tagelöhner enden will, haut er mit der Bäckerstochter Nele ab, um sich dem fahrenden Handwerk anzuschließen. Auch in den Episoden „Hunger“ und „Im Schacht“ steht Tyll Ulenspiegels Leben im Vordergrund des Geschehens. In den anderen vier Episoden taucht er zwar immer auf, doch dient er eher als roter Faden, der sich durch die Erzählungen über den Dreißigjährigen Krieg und die zu dieser Zeit lebenden, bedeutenden Persönlichkeiten zieht.

Tyll erlebt mit Martin von Wolkenstein die letzte Feldschlacht des Dreißigjährigen Krieges in Zusmarshausen, er ist Hofnarr bei Elisabeth Stuart & Friedrich V., dem Auslöser des Dreißigjährigen Krieges, und arbeitet auch als Hofnarr des Kaisers. Die Episoden springen in der Zeit und Tyll trifft die Persönlichkeiten zu verschiedenen Zeiten und unter anderen Umständen wieder. So entsteht ein Geflecht aus Zeit und Beziehungen, in denen Tyll die Konstante ist.

Die Mischung aus wahren historischen Begebenheiten und Phantasie machen das Buch abwechslungsreich. Die schöne, aber sehr schmucklose und dadurch einfach zu lesende Sprache tut ihr übriges dazu. Jede der Episoden ist für sich abgeschlossen. Es handelt sich also nicht um eine Geschichte, die vorne beginnt und hinten endet, weshalb es auch kein Problem ist, zwischen den Epsioden längere Lesepausen zu machen. Was das Buch besonders macht ist, dass zwischen all dem Verderben und Tod, die der Krieg mit sich bringt, Tyll das pure Leben verkörpert. Er will nicht sterben, denn: „Weißt du was besser ist, noch besser als friedlich sterben? Nicht sterben. Das ist viel besser!“ So bewegt sich Tyll beständig zwischen Leben und Tod, ohne eben die Grenze ins Jenseits zu überschreiten.

Für mich ist „Tyll“ Daniel Kehlmanns vielleicht stärkstes Werk – zu lange ist meine Lektüre von „Vermessung der Welt“ her, um es endgültig so sagen zu können. Ein wenig erinnern mich die Gräueltaten, die Tyll durchleben muss an die Gegenwart: Aller Orten tragen sich Gräueltaten zu, denen die Menschen zu entfliehen versuchen. Eben, weil wir nur dieses eine Leben haben und der Mensch am Leben hängt. Ein tolles Stück Fabulierkunst, was Fiktion und historische Begebenheiten wundersam verbindet.


Buchcover zu Daniel Kehlmanns Roman "Tyll"

Daniel Kehlmann „Tyll“ | Copyright: Rowohl Verlag

Daniel Kehlmann

Tyll

Rowohlt Verlag, Reinbek 2017
erschienen am 11. Oktober

ISBN 978-3-498-03567-9

480 Seiten
22,95 €, als E-Book 19,99 €

Das Rezensionsexemplar wurde mir von Rowohlt Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Theresa Baumgärtner „Backen in der Winterzeit“ – Außergewöhnlichere Rezepte in liebevoller Gestaltung

Weihnachtliche Rezepte zwischen Land, Küste, Bergen und Städten

Herbst und Winter sowie vor allem gerade Weihnachten ist für mich die Zeit für Plätzchen, warme Getränke und (klassische) Ofengerichte. Mit „Backen in der Winterzeit“ hat Kochbuchautorin, Kolumnistin und Foodbloggerin Theresa Baumgärtner im Brandstätter Verlag ein liebevoll gestaltetes Backbuch veröffentlicht. Für alle die Lust auf außergewöhnlichere, aber trotzdem einfache Rezepte mit natürlichen Zutaten haben, ist dieses Buch ein Muss.

Mit Beginn des Herbstes, häufigerem Regen, der einsetzenden Kälte und dem früheren Sonnenuntergang wird die Küche mit dem wärmenden (Back-)Ofen schnell zum gemütlichen Mittelpunkt der Wohnung. Gerüche von Gebackenem, Gewürzen wie Zimt, Vanille oder Schokolode, den Aromen der Zitrusfrüchten, Kastanien oder Wintergemüse wie Kürbis, roter Beete oder Rosenkohl erzeugen in mir ein Gefühl von Wohlsein und Geborgenheit – auch weil es an die Küche meiner Mutter und Gruoßmütter erinnert.

In „Backen in der Winterzeit“ hat Theresa Baumgärtner ein wunderbares Koch- und Backbuch zusammengestellt, das der „dunklen“ Jahreszeit mit köstlichen Rezepten entgegenwirkt. Außergewöhnlich ist an dieser Sammlung vieles: Beginnend bei der Sortierung „Spätherbst Land Deutschland“, „November Küste Normandie“, „Dezember Berge Tirol“, „janur | Februar Stadt, Stockholm“. Wenn auch die Sortierung nach „Monaten“ keine Besonderheit darstellt, ist es die nach Städten/Gegenden bzw Landstrichen durchaus. So entsteht eine Systematik, die zu überraschen weiß, weil so Rezepte zum Vorschein kommen, die eher außergewöhnlich sind. Als Beispiel seien die Rote-Beete-Torte aus dem (deutschen) Land-Kapitel, ein pikanter Cake mit Pflaumen und Walnüssen aus dem (französischen) Küsten-Kapitel, die Neujahrsbrezeln aus dem (Tiroler) Berge-Kapitel oder die Cinnamon Cardamom Buns aus dem (Stockholmer) Stadt-Kapitel.

Hochwertige Lebensmittel für eine hochwertige Küche

Neben der Vielfalt bei den Rezepten legt Theresa Baumgärtner großen Wert auf die Zutaten, wie sie selber schreibt: „Mit wertvollen, natürlichen Zutaten für die
Familie und Freunde zu backen, ist für mich ein besonderer Ausdruck von Liebe! Die Wahl der besten Produktqualität sorgt für den feinsten Geschmack der Rezepte.“ Und Recht hat sie: Nur mit hochwertigen Zutaten können hochwertige Gerichte entstehen. Dinkelmehl statt Weizen: hochwertigem Eiweiß, Ballaststoffen, ungesättigten Fettsäuren, Vitaminen und wichtigen Mineralstoffen wie Magnesium, Zink und Eisen. Dieses lässt sich noch dazu gut verbacken. Aber auch Hanfmehl oder Polenta finden Verwendung, eher selten, aber mittlerweile gut zu bekommen. Gesüßt wird dezent und dann mit Rohrohrzucker statt weißem, raffinierten Zucker, Kokosblütenzucker, Ahornsirup, Apfelmus, Medjool-Datteln – häufig nutzt sie also die natürlichen Süße von Lebensmitteln. Dennoch sind die Rezepte einfach gehalten und selbst für Anfänger leicht nachzubacken. Herrlich herbst- bzw. winterlich ist auch die Verwendung von Nüssen, Mandeln, Kerne und Samen. All das erläutert sie bereits in der Einleitung, ohne dabei belehrend zu sein.

Die hochwertige Gestaltung des Buches beginnt schon außen: beim roten Leineneinwand. Dabei bleibt es nicht, sondern wird konsequent forgeführt. Die Landschauftsaufnahmen sind stimmungsvoll und die zubereiteten Gerichte sehr schön angerichtet und fotografiert, so dass der Appetit angeregt wird. Hier gilt es, der Fotografin Marina Jerkovic ein großes Kompliment auszusprechen. Sehr ansprechend sind auch die kleinen Illustrationen, die zu jedem der vier Kapitel gehören: Eicheln, Möwen, Berge und eine Teetasse. Sehr praktisch sind die Hinweise für Allergiker, Unverträglichkeiten oder  Lebensweisen wie glutenfrei, laktosefrei, zuckerfrei, vegetarische oder vegane Ernährung sowie die Zuordnung zu Kategorien wie süßen oder salzigen Gerichten. Neben den Rezepten lockern kleinere Anmerkungen und Geschichten  zu Natur, Familie oder Freundschaft die einzelnen Kapitel auf.

Kulinarische Winterreise

Für mich ist „Backen in der Winterzeit“ das Highlight der Backbücher des Jahres 2017. Und das aus vielerlei Gründen: Es sind die eher unbekannten, aber nicht abgehobenen Rezepte, die Verwendung von hochwertigen Lebensmitteln und die liebevolle Gestaltung. Bereits beim Durchblättern entstand bei mir ein wohliges und gutes Gefühl, so wie es bei Essen und erst recht bei Süßspeisen oder Backwaren in der Weihnachtszeit sein sollte. Alle Rezepte und zubereiteten Gerichte wärmen Herz, Magen und Seele – Soul-Food pur! Daher kann ich nur eine Empfehlung geben: Ab zum Buchhändler des Vertrauens, das Buch bestellen und noch schnell vor Weihnachten loslegen. Denn vieles bietet sich sogar prima als Mitbringsel an.


Theresa Baumgärtner “Backen in der Winterzeit“ | Copyright: Brandstätter Verlag

Theresa Baumgärtner | Fotografie: Marina Jerkovic

Backen in der Winterzeit

ISBN 978-3-7106-0098-2
240 Seiten und 200 Abbildungen

Preis: € 29,90

Das Rezensionsexemplar wurde mir von Brandstätter Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Yrsa Sigurdardóttirs „Sog“ – Nichts für schwache Nerven

Nachdem Kommissar Huldar in „DNA“ als leitender Ermittler gescheitert ist, rückt er wieder zurück ins zweite Glied. Ausgerechnet jetzt, wo wieder ein spektakulärer Fall zu klären ist. Islands-Krimi-Exportschlager Yrsa Sigurdardóttir legt mit „Sog“ den zweiten Band um Kommissar Huldar und die Kinderpsychologin Freyja nach. Es wird spannend, dunkel und fordernd.

Eine Vergewaltigung, grausame Morde, viele Verdächtige

Kommissar Huldar bekommt es mit einem seltsamen „Fall“ zu tun: Auf seinem Schreibtisch landet ein Zeitkapsel, die zwölf Jahre zuvor von einer Schulklasse vergraben wurde. In dieser sind Zettel mit Zukuntsprognosen für das Jahr 2016. Einer dieser Aufsätze kündigt mehrere Morde an, jeweils versehen mit den Initialien der Opfer. Zeitgleich werden in einem Whirlpool ein Paar abgetrennte Hände gefunden, die jedoch keiner Person zugeordnet werden können.

Da der Aufsatz recht schnell einem Jungen zugeordnet werden kann, dessen Vater wegen Mordes und Vergewaltigung einer Schülerin verurteilt wurde, zieht Huldar die Kinderpsychologin Freyja zu Rate. Und das obwohl das Verhältnis der beiden aufgrund der Vorkommnisse der letzten Ermittlungen immer noch mehr als angespannt und kompliziert ist. Denn auch Freyja ist in ihren Aufgaben zurüchgesetzt worden. Nicht einfacher werden die Ermittlungen dadurch, dass Huldar immer noch versucht, Freyjas Herz zu gewinnen. Als nach nach dem Fund der abgetrennten Hände ein weiterer brutaler Mord geschieht und die Initialien zum Aufsatz aus dem Jahr 2004 passen, wird klar, dass der Aufsatz ernst zu nehmen ist.

Starker Plot, interessante Charaktere

Mit „Sog“ legt Yrsa Sigurdardóttir einen starken und komplexen zweiten Band um Kommissar Huldar und die Kinderpsychologin Freyja nach. Der Plot ist komplex gestrickt und äußerst spannend: Viele verschiedene Spuren lassen zu keiner Zeit den Täter oder die Täterin klar werden. Natürlich stellt man Vermutungen an, aber die verschiedenen Spuren verlaufen ins Leere oder ergeben irgendwann keinen Sinn mehr. So tappt man bis zur Auflösung am Ende mehr oder weniger im Dunklen.

Die bereits in „DNA“ komplex angelegten Hauptdarsteller faszninieren aufs Neue, da sich Huldar und Freyja einerseits „spinnefeind“ sind und sich andererseits gegenseitig anziehen. Beide Charaktere sind dabei auf ihre Art sympathisch, zumal man die Innenwelt bzw. Gefühle des jeweils anderen nur zu gut nachvollziehen kann. Insofern wird es für die kommenden Bände spannend wie sich das Verhältnis entwickelt.

Die düsteren Stimmung, die Thematik um missbrauchte Kinder und die brutalen Morde gestaltet die Autorin detailreich aus. Aber eher der Art, dass man sich mit den Ursachen und Hintergründen für die Taten beschäftigt. All das mit einer unaufgeregt Sprache, leicht lesbar und doch alles andere als seicht. Geschickt sind einige Wendungen eingebaut, so dass die Suche nach den Schuldigen öfter bei Null beginnt.

 

Insofern ist der Thriller-Titel „Sog“ durchaus Programm, denn in eben diesen wird man beim Lesen gezogen. Eine absolute Krimiempfehlung für die ruhige Zeit zwischen den Jahren, verbunden mit der Vorfreude auf weitere Fälle.


Yrsa Sigurdardóttir “Sog“ | Copyright: btb/Randomhouse Verlagsgruppe

Yrsa Sigurdardóttir

DNA

€ 20,00 [D] inkl. MwSt.
€ 20,60 [A] | CHF 26,90*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 18.09.2017

Taschenbuch, Klappenbroschur ISBN: 978-3-442-75664-3

 Das Rezensionsexemplar wurde mir von btb freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!

Yrsa Sigurdardóttirs „DNA“ – Mörderisches Island

Fall eins für Kommissar Huldar und Psychologin Freyja

Eine Mutter wird in Gegenwart ihrer Tochter auf brutale Art und Weise ermordet. Als leitender Ermittler wird Kommissar Huldar eingesetzt und muss sich beweisen, stand er doch bislang eher in der zweiten Reihe. An seiner Seite die Psychologin Freyja – ausgerechnet mit ihr hat Huldar eine Nacht verbracht, unter falschem Namen. So wird die Ermittlung noch komplizierter als sie es eh bereits ist. Spannend und fesselnd von Anfang bis zum Ende!

Brutale Morde – ungewohnte Tatwaffen

Als am frühen Morgen zwei Jungen in Schlafanzügen auf der Straße  entdeckt werden, ahnen die Nachbarn noch nichts Böses. Doch die herbeigerufene Polizei muss schnell feststellen, dass die Jungen sich nicht bloß ausgesperrt haben und die Eltern noch schlafen, sondern die junge Mutter ermordet im Bett liegt.  Gefesselt, ihr Gesicht mit Klebeband umwickelt und im Rachen das Rohr des Staubsaugers – grausam und widerwärtig. Doch am aller Schlimmsten: Unter dem Bett liegt die siebenjährige Tochter Margrét, die als einzige Zeugin den grausamen Mord an ihrer Mutter miterleben musste.

Mit dem Fall betreut wird Kommissar Huldar, der bei den Ermittlungen nur deswegen den erfahrenen Kollegen vorgezogen wird, weil diese wegen einiger Skandale aus der Öffentlichkeit genommen werden sollen. Um die kleine Margrét überhaupt vernehmen zu können, wird die Psychologin Freyja hinzugezogen. Eigentlich eine gute Idee, wäre da nicht der Zwischenfall zwischen ihr und Huldar. Denn zwischen den beiden ist es kurz zuvor zu einem One-Night-Stand gekommen. Klingt gar nicht so dramatisch, wenn Huldar nicht einen falschen Namen, einen anderen Beruf genannt hätte und am Morgen ohne Abschied verschwunden wäre. Auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen Rikhardur und Kollegin Erla gestaltet sich als schwierig. Denn beide haben Probleme ihren ehemaligen Kollegen als Vorgesetzten zu akzeptieren, zumal Huldar auch mit Rikhardurs Frau eine Nacht verbrachte. So beginnen die Ermittlungen unter ungünstigen Voraussetzungen.

Doch das Team muss funktionieren, denn es bleibt nicht bei einem Mord: Astros, eine pensionierte Lehrerin, wird in Wohnung umgebracht. Ebenso brutal – diesmal nicht mit einem Staubsauger, sondern mit einem Lockenstab. Trotz aller Anstrengungen will sich bei den Ermittlungen kein Fortschritt einstellen. Alle Verdächtigen entpuppen sich als falsche Spur und die Sorge vor dem nächsten Mord wächst von Tag zu Tag.

Und dann ist da noch Student Karl: Nur zwei Freunde Halli und Börkur, ein bislang erfolgloses Chemie-Studium, ein Bruder in Amerika, die Mutter tot, dafür aber begeisterter Hobby-Funker. Ausgerechnet er empfängt im Keller einen isländischen Zahlensender, der stündlich kryptische Nachrichten sendet. Als er eine der Zahlenreihen als seine Personen-ID identifiziert, wird er neugierig und entdeckt, dass eine weitere der Reihen zur ermordeten Mutter Margréts gehört. Aus Neugier unternimmt er den Versuch, auch die Inhalte der anderen Sendungen zu entschlüsseln. Dass er sich und seine Freunde in Gefahr bringt, ahnt er da noch nicht.

Grausamer und brillanter Auftakt der Thriller-Reihe

Mit „DNA“ startet die isländische Bestsellerautorin Yrsa Sigurdardóttir die neue Reihe um Kommissar Huldar und die Psychologin Freyja. Aus dem Norden ist man harte Krimi- und Thriller-Kost gewohnt, das trifft auch auf „DNA“ zu. Diese Härte betrifft sowohl die Beschreibung körperlicher als auch psychischer Gewalt, ohne jedoch die Taten an sich en Detail zu beschreiben. Einerseits schildert sie die Morde wort- und vor allem bildgewaltig, andererseits lassen die Beschreibungen so viel Phantasie, um im Kopf eigene Bilder entstehen zu lassen.

Mit Huldar und Freyja hat die Autorin zwei Charaktere angelegt, die von Beginn an faszinieren. Huldar als erfahrener Kommissar, der aber in seiner Chefermittlerrolle Neuland betritt und fast schon überfordert ist. Privat aber noch mehr Schwierigkeiten hat, die ihm dann auch noch in seiner Funktion als Polizist und bei den Ermittlungen hinderlich sind. Denn ausgerechnet mit Freyja musste er sich in einem One-Night-Stand hingeben  und dann auch noch belügen. Kein Wunder also, dass die Stimmung zwischen den beiden miserabel ist. Natürlich steht der Fall der ermordeten Frauen im Vordergrund, gleichzeitig ist es spannend zu sehen, wie sich das Verhältnis zwischen Huldar und Freyja entwickelt. Gerade vor dem Hintergrund, dass es eben eine Thriller-Reihe mit diesen beiden Akteuren sein wird und mit „Sog“ bereits ein zweiter Fall veröffentlicht ist.

Lange Zeit, quasi bis kurz vor dem Ende, tappt man sowohl über Motiv als auch den Täter (oder die Täterin) im Dunkeln: Spuren werden gelegt und wieder verworfen. Zu keinem Zeitpunkt lässt sich ahnen, wer dahinter steckt. Auch der Prolog und das Wissen darum, dass dieser für die Taten eine Rolle spielen, helfen nicht weiter. Dafür wird man als Leser/in immer wieder in die Irre geleitet und zusätzliche Spannung aufgebaut. So dass am Ende die Verblüffung über die Hintergründe und die Auflösung groß ist. „DNA“ ist nichts für schwache Nerven und kann für Schlafmangel sorgen.


Yrsa Sigurdardóttir “ DNA“ | Copyright: btb/Randomhouse Verlagsgruppe

Yrsa Sigurdardóttir

DNA

€ 10,00 [D] inkl. MwSt.
€ 10,30 [A] | CHF 13,90*
(* empf. VK-Preis)

Erschienen: 09.10.2017

Taschenbuch, Klappenbroschur ISBN: 978-3-442-71575-6

 Das Rezensionsexemplar wurde mir von btb freundlicherweise zur Verfügung gestellt: Vielen Dank dafür!